M. 2L7 Erstes Blatt. Sonntag den 21. October M88.
Amts- und Anzeigcblatt für ben Kreis ■ Gießen.
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Schulstraß- 7.________________________Erscheint täglich mit Ausnahm- des M-ntagS. M
Amtlicher Ißeit.
Gefunden: 1 Paar Handschuhe, 1 einzelner Handschuh, 1 Stück Band, 1 Mester, 1 Paar Manschetten, 1 Buchzeichen, 1 Chaisenkapsel, 1 Maß- "stab, 1 Halstuch, 5 Strickstöcke, 3 Servietten.
Gießen, am 20. October 1888. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Fresenius.
Deutschland.
Berlin, 19. October. Durch eine Depesche aus Rom hatte Kaiser Wilhelm in Potsdam die Anfertigung eines prächtigen Lorbeerkranzes von 2 Meter Durchmesser mit weißer Atlasschleife, auf deren einem Zipfel in Golddruck „Wilhelm" sieht, für das Grab seines bochseltgen Vaters befohlen. Der Kranz wurde gestern durch den Flügeladjutantendes Kaisers, Major von Pfuel, auf den Sarg Friedrtch's III. mtcdergelegt. (F. I.)
Telegraphische Aepeschen.
»Olff'» itUar. Torrespondenr - Bureau.
Berlin, 19. October. Wie die „Nordd. Allgem. Ztg." meldet, sind nach telegraphischen Nachrichten aus Zanzibar jetzt auch in Mombasa, dem Haupthafen der Gebiete der britisch oslafrckanischen Gesellschaft, Unruhen ausgebrochcn, welche auf Umtriebe und Aufregungen seitens der Sklavenhändler und ihrer arabischen Verbündeten zurückgesührt würben. Die Gesellschaft habe bet einem Zusammenstöße mit den Auf- liändtschen 2 lobte und 8 Verwundete verloren. Man sei in London sehr besorgt für bte Sicherheit der dort befindlichen englischen Missionäre und befürchtet eine Ausdehnung des Aufstandes auf wettere Häfen und Landschaften in der englischen Interessensphäre. Das englische Geschwader ist nach Mombasa adgegangen, begleitet von einem Dampfer und von Truppen des Sultans von Zanzibar.
Berlin, 19. October. Der „Reichsanzeiger" bringt eine Mittheilung über die gestern und vorgestern wegen Errichtung eines Nationaldenkmals für Kaiser Wilhelm hier ftattgehabte Vertrauensmännerversammlung. Das erzielte allseitig befriedigende Ergebniß entziehe sich zunächst noch der Veröffentlichung. Zweifellos werde dem Reichstag bereits in der nächsten Session eine bezügliche Vorlage zugehen. Durch die von warmen Empfindungen getragenen, in allen Hauptfragen von Meinungsverschiedenheiten freigebliebenen Berathungen der Versammlung sei die ganze Angelegenheit wirksam gefördert worden.
Berlin, 19. October. Die officiosen „Polit. Nackr." enthalten ein Schreiben des Professor Tobold, welches angiebt, daß Mackenzie die Section des Kaisers Friedrich nicht gewünscht habe. Der Brief erklärt ferner, die Behauptung Mackenzte's, daß Tobold am 20. Mat 1887 sich geweigert habe, eine tntralarygeale Operation behufs Entfernung eines zur mikroskopischen Prüfung von ihm gewünschten Probestückchens vorzunehmen, mit der Entschuldigung, er könne es nicht, fei eine offenbare Lüge und durch das Protokoll Wegner's widerlegt. Er (Tobold) lehnte die Vornahme der Operation ab, weil er der Ansicht war, es sei ^-ache Mackenzte's, sich das gewünschte Probestückchen selbst zu verschaffen. Mackenzte's Versuch hierzu sei durch manuelle Ungeschicklichkeit unglücklich ausgefallen, wie denn in seiner Gegenwart protokollarisch festgestellt wurde, daß die rechte, gesunde Seite des Kehlkopfes verletzt worden sei. Wäre die von den deutschen Aerzten dringlich vorgeschlogene Laryngofissur nicht von Mackenzie Hintertrieben worden, so würde Kaiser Friedrich höchst wahrscheinlich noch eine Reihe von \ Jahren haben leben können. Denn wenn selbst ein Recidio eingetreten wäre, so blieb immer noch die Resection des linken Kehlkopfes als Auskunftsmtttel. Im November sei die Wahrnehmung der beiden günstigsten Zeitpunkte durch Mackenzie's Schuld vereitelt worden. Zur Totalexsttrpatton konnte Niemand rathen. Mackenzie hätte auch auf seinem negativen Wege das Leben des Kranken noch verlängern können, wenn er mit feiner unheilvollen Zange und vielen lokalen Manipulationen ferngeblieben wäre und den unvermeidlichen Zeitpunkt zur Tracheotomie abgewartet hätte, anstatt durch monatelanges Jnsultiren des Kehlkopfraumes den schnelleren Ausgang herbeizuführen. e
Paris, 19. October. Ministerpräsident Floquet sprach sich in der heutigen Commissionssitzung formell dagegen aus, daß die mit der Verfassungsrevision zu beauftragende Persammlung die Beiugniß einer constituirenden erhalte; er betonte die Nothwendigkeit, vor dem Zusammmtretcn des Eongresses ein vorläufiges Einverständniß zwischen beiden Kammern über beide Revisionspunkle herzustellen, und hielt seinen Entwurf in allen Theilen aufrecht. — Der Expräsident von Haiti, General Salomon, ist heute hier gestorben. #
Paris, 19. October. In einer heute stattgehabten Versammlung der äußersten Linken sprach sich ElSmenceau, welcher den Vorsitz führte, zu der Revisionspolitik Floquet's zustimmend aus. Clsmenceau erklärte, er werde diese Politik unterstützen und hoffe, daß dieselbe die Gefahren der Dictatur beseitigen und die durch die Boulangisten Irregeleiteten Republikaner auf den rechten Weg zurückführen werde.
Rom, 19. October. In Folge einer Ueberschwemmung der Adriaküste bei Eastellamare Adrtato stürzten 60 Häuser ein. Tausende Familien des überschwemmten Küstenstriches sind obdachlos.
Rom, 19. October. Kaiser Wilhelm und König Humbert trafen mit den Prinzen, den Ministern und dem Gefolge gestern Abend 6 Uhr auf dem prächtig mit bengalischen Fsammen erleuchteten Bahnhofe ein, woselbst die in Rom gebliebenen Minister und die Spitzen der Behörden die Majestäten empfingen. Die Monarchen fuhren in einem offenen Wagen in den Quirinal und wurden auf dem ganzen Wege mit endlosem Jubel begrüßt. Auf allen Stationen von Neapel bis Rom wurden die beiden Herrscher überall jubelnd begrüßt.
Nom, 19. Oclober. Zur Beleuchtung^ des Forum Romanum waren gestern Abend alle Zugänge mit einer dichtgedrängten Menschenmenge besetzt. Kaiser Wilhelm, das Königspaar, die Prinzen und Prinzessinnen nebst Gefolge trafen um 9 Ubr 45 Minuten ein, von der Menge mit begeisterten Zurufen begrüßt. Die Musik spielte die preußische Nationalhymne, alsbald begann das prächtige Schauspiel. 16 Musik- | chöre führten gegenüber der Königsloge eine Concertmusik auf, an welche sich die große • Cantate zu Ehren des kaiserlichen Gastes anschloß. Die bengalische Beleuchtung des t Forum Romanum und das Feuerwerk gewährten ein feenhaftes Schauspiel. Um J 10 Uhr 45 Mm. zogen sich die Souveräne mit ihrer Begleitung zurück.
Rom, 19. October. Kaiser Wilhelm wohnte auf der Macao-Esplanade dem ! Manövltren eines Bataillons der Bersagliert bet. Er wurde von dem Krtegsminifter,
dem Corps- und Divisions-Commandeur, sowie dem Eommandeur des Bersaglteri- Regiments begleitet. AufzWunsch wurden dem Kaiser mehrere Märsche der italienischen Truppen überreicht.
Rom, 19. October. Des Nachmittags um halb 3 Uhr nahmen der Kaiser und Prinz Heinrich von der Königin, welcher sie die Hand küßten, und von den Prinzessinnen Abschied. Eine Viertelstunde später verließen die Fürstlichkeiten den Quirinal durch die Via Nazionale, wo die Truppen Spalier bildeten, und begaben sich nach dem Bahnhof. Alle Fenster und Balkons der Straßen waren von einer zahlreichen Menschenmenge besetzt, die beim Erscheinen der Herrschaften in begeisterte Kundgebungen auS- brach. Die Musikcorps spielten abwechselnd die italienische und die preußische Hymne. Der Kaiser trug seine Husarenuniform. Man traf kurz vor 3 Uhr auf dem Bahnhofe ein. Um 3 Uhr verabschiedete sich der Kaiser von den Prinzen und Prinz Heinrich von dem König. Darauf schüttelten sich die Monarchen die Hände, umarmten und küßten sich wiederholt mit großer Innigkeit und riefen sich mehrmals „auf Wieder- sehm!" zu. Der Kaiser und Prinz Heinrich blieben noch mehrere Minuten auf der Plattform des Waggons, als sich der Zug schon in Bewegung setzte. Graf Solms, der deutsche Botschafter, begleitet den Kaiser bis zur Grenze. — Bet der Rückkehr vom Bahnhofe wurden dem Könige stürmische Ovationen dargebracht. — Um 8 Uhr Abends wird der Kaiser auf dem Bahnhofe zu Arezzo biniren. In Florenz bleibt bann Prinz Heinrich zurück, um im Waggon zu übernachten und morgen früh seine Weiterreise nach Wien fortzusetzen. — Kaiser Wilhelm sagte bei der Verabschiedung zum Bürgermeister von Rom, er werde ein bleibendes Andenken an ben ihm in Rom bereiteten Empfang bewahren. Gegenüber bem Präfekten sprach er sich in gleichem Sinne aus und fügte die Hoffnung hinzu, die ewige Stadt wtederzusehen. Er grüßte die Kammer- unb Senatspräsidenten und wendete sich noch einmal besonders an Crispi, demselben seine lebhafte Zuneigung beweisend, indem er ihm mehrmals die Hand gab. König Humbert druckte dem Grafen Herbert Bismarck wärmstens die Hand und ließ ihm einen großen Silberpokal mit Basreliefs in Gold überreichen. Die Königin übergab dem Kaiser ihr Bildnitz zum Gastgeschenk und ein zweites mit einer Widmung für die Kaiserin; sie zeichnete außerdem auch den Grafen Herbert Bismarck durch die Ueber- reichung ihres Bildnisses aus. Kaiser Wilhelm bestimmte 15,000 Franken für das Hofpersonal. Der Papst ließ dem Kaiser sein mit^Brillanten geziertes Bildniß und ein anderes bem Prinzen Heinrich überreichen.
Arezzo, 19. October. Der Kaiserzug ist hier um 8 Uhr Abends eingetroffen. Auf dem festlich geschmückten Bahnhose waren die Spitzen der Behörden anwesend. Der Kaiser speiste mit Prinz Heinrich im Waggon, das Gefolge am Buffet. Um 8 Uhr 38 Min. wurde die Reise fortgesetzt.
Petersburg, 19. October. Der Botschafter Graf Schuwaloff ist gestern nach Berlin zurückgereist. General Radetzki, der Oberbefehlshaber der Truppen im Char- kower Militärbezirk, ist an Stelle des verstorbenen Drenteln zum fommanbirenben General bes Kiewer Militärbezirks ernannt worden.
Sofia, 19. October. Gestern Abend war der Dampfer, auf welchem die Königin von Griechenland heimreist, wegen heftigen Sturmes genöthigt, in Kovarna Schutz zu suchen.
Belgrad, 19. October. Der König und der Kronprinz trafen heute hier ein und wurden am Bahnhof von ben Ministern, Würdenträgern und dem Osfiziercorps empfangen. Der König begrüßte die Minister, daickle dem Ministerpräsidenten Chrtsttc für seine bisherige Thätigkeit und versicherte ihn seines ferneren Wohlwollens. Da8 anwesende Publikum bewillkommnete den König lebhaft.
Athen, 19. October. Heftige Regengüsse verursachten ernstlichen Schaden und machten zwanzig Kilometer dec Eisenbahn zwischen Athen und Patras unfahrbar. Dampfer vermitteln inzwischen den Verkehr zwischen der Landenge von Corinth und bem Piräus.
Athen, 19. October. Nach amtlichen Berichten übersteigt ber Schaden, den die Eisenbahnen durch bte Regengüsse erlitten haben, nicht 10000 Frs. Die beschädigten Strecken sollen in drei Tagen schon wieder hergestellt sein. Der Verkehr zwischen Patras und Korinth ist nicht unterbrochen.
UniverfktätS - Ehronik.
— Professor vr. Sachs in Wurzburg wurde, wie das „Franks. Journ." meldet, an Stelle Nägeli's nach München berufen.
— Der frühere Missions-Jnspector der rheinischen Missionsgesellschaft in Barmen, Dr. Fabri, der vor einigen Jahren diese Stellung niedergelegt und sich nach Godesberg zurückgezogen hat, ist der „Magd. Zig." zufolge zum Honorar-Professor in der evangelisch-theologischen Facultät der Universität Bonn, deren Ehrendoctor er schon seit längerer Zeit ist, ernannt worden.
Lokale».
Gießen, 20. Oktober. (Theater.) Die gestrige Aufführung brachte uns: „Die Töchter des Commerzienraths." Dreierlei zeichnete den Abend vor der Vorstellung am Mittwoch aus: Das bessere Stück, das bessere Spiel und das bester besetzte Haus. Zwar fehlten, was den ersteren Punkt betrifft, die bekannten Ausrufe: „O diese Männer" auf
der einen und „O diese Weiber" auf der anderen Seite nicht, die nun einmal nicht fehlen
dürfen, so wenig wie das Salz beim Mittagessen. Das Salz ist aber schon lange dumm
geworden, jedoch das Stück enthält mehr Witze, weniger Späße und steht auch in der An
lage bedeutend über „Desdemonas Taschentuch", denn während dort Verwickelung auf Verwickelung sich häuft, nur begründet durch die Laune des Zufalls und nur die typischen Figuren der männlichen und weiblichen Don Juane einander ablösen, treten hier Charaktere einander gegenüber, die nicht mit der gewöhnlichen Schablone zu messen find, die auch nicht aus den gewöhnlichen abgedroschenen Beweggründen handeln, deren Rede und That vielmehr begründet ist durch entsprechende Seiten ihres Gemüthes; jene verstehen wir am besten, wenn wir schon viel derartige Stücke gesehen haben, diese müssen wir aus sich selbst verstehen, darum sind sie auch lebenswahr, wahrend dort blutlose Figuren handeln und wandeln. Freilich, der obligate Baron kommt auch in unserem Stücke vor mit seinem obligaten Schlagwort „Großartig!" aber die vortreffliche Darstellung gab der Rolle mcPe Züge, welche sie über den Durchschnitt erheben und ihr Leben verleihen. Einen Ueberblick


