Peitage zu Rr. 167 bcs „Meßmer Anzeiger".
Die Krankheit Kaiser Iriedrichs.
(Fortsetzung.)
Acht Tage nach der Rückkehr des Kaisers wurde v. Bergmann durch ein schreiben des Leibarztes Dr. Wegener zur Untersuchung und Betheiltgung an der Behandlung Seiner Majestät eingeladen, nachdem durch eine kaiserliche Verfügung ausschlietzlich vr. Mackenzie die verantwortliche Leitung der letzteren übertragen worden war. Meine ersten Besuche fielen auf den 18. und 25. März. Bei gutem Sonnenlicht untersuchte ich den Kehlkopf. Die Epiglottis war noch immer frei. Nur die Wulst in der Gegend der linken aryepiglottischen Falte war gröher und höher geworden, auch eine Ulceratisn lag an seiner medianen Sette. Ein Einblick in den Binnenraum der Larynx war nicht möglich. Die fühlbare Verbreiterung des Kehlkopfes hatte unverkennbar zugenommen. Dazu hatte sich eine harte Infiltration längs der Trachea, vom Ringknorbel bis an den oberen Rand des Wundkanals, in welchem die Canüle steckte, hinabgezogen, und auch seitlich die letztere umfaßt. Nur die untere Strecke zwischen Eanüle und Sternum war noch frei. Der Auswurf und die Hustenanfälle waren genau dieselben wie in San Remo. Namentlich am 25. März waren viele schmierige, dunkle Blutoerinsel in den Lappen. Am 29. wurde ein größeres Knorpelftück und einige Tage darauf mehrere nekrotische Gewebsfetzen ausgeworfen. Es gab das den unmittelbar -im Charlottenburger Schloß mit Nachrichten versehenen Reportern Veranlassung, von <tner wohlthätigen Krisis im Verlaufe der Krankheit zu schreiben. Das nekrotifche Knorpelstück wurde als Beweis für das Vorhandensein einer Perichondritis angesehen "unt) wieder der Versuch einer Rückkehr zu der so ost aufgegebenen Diagnose derselben gemacht. Immer häufiger berichten tn dieser und den folgenden Wochen die Aufzeichnungen v. Wegener's über Kopfschmerzen, gegen die, wie in San Remo, Crotonchloral und Morphium angewandt wurden. „
Acht Tage später, am Ostersonntage, fühlte ich auch unter der Canule einen deutlichen Knollen und eine Zunahme der seitlich von ihr unter der Haut gelegenen Verhärtungen. Links zogen sich diese bis in die obere Clavikulargrube, während etwa unter der Mitte des Kopfnickers harte, geschwollene Lymphdrüsen zu fühlen waren. So ckam es, daß die ganze Gegend eine Vorragvng bildete, auf deren Höhe das Schild der Canüle saß. Die Granulationen, welche nach Entfernung der Eanüle die Wandungen Les Wundkanals bildeten, sahen, namentlich im oberen Theile der Wunde, sehr unregelmäßig aus, schmutziggrau, durchsetzt von grubenförmigen Vertiefungen, in denen hanfkorngroße und noch größere Koagula steckten. Ueberall gelbe Punkte und Fetzen, deren einen tch mit der Kornzange herausziehen konnte. Ein Huftenanfall, den ich mttmachte, verhielt sich genau so, rote in San Remv, zum Schlüsse desselben wurde mit einem Male etwa 5 ccm bräunlicher Jauche ausgeworfen. Ich nahm dieselben mit und untersuchte sie gemeinsam mit Professor Waldeyer. Sie verhielten sich genau wie die gleichen Massen in San Remo, indem jedes mikroskopische Präparat eine Menge von Kanaeroid- nerleu zeigte. Der Proceß des Zerfalles war offenbar im Zunehmen.
Am 8. April fand ich die Haut oben und seitlich von der Canüle ersetzt von etwa 5 Mm. hohen, gelbröthlichen, Fleischroarzen ähnlichen Gebilden. Ein Theil derselben war dunkelbraun, offenbar gangränös, ein anderer blutig sugillirt. Die Harte derselben und die tiefen Risse zwischen ihnen charakterisirten sie als wuchernde Krebsmassen, eine Annahme, die indessen Mackenzie mit den Worten: „Das ist bestimmt kein Krebs, das find blos Wandgranulationen" zurückwies. Ich erklärte, meiner Sache sicher zu sein, zumal das harte Infiltrat noch tiefer gegen das Jugulum herabgedruckt und die Eanüle noch weiter aus dem Niveau der jetzt bräunlich verfärbten und mit der Tiefe oerlötheten Haut, durch Zunahme der unter ihr liegenden Geschwulstmassen, herausgelreten war. Die Canüle, deren sich damals Mackenzie bediente, bestand aus einer geraden, etwa 4 Cm. langen glatten silbernen Hülse, in welche mittelst eines starken Mandrins die innere Röhre eingesührt wurde; diese war beträchtlich, etwa 6 Cm, länger als die äußere. Ihr aus der letzteren hervorragender Theil war biegsam, aus Gelenkstücken nach dem bekannten Princip des Hummerschwanzes conftruirt. Die äußere, gerade und kurze Canüle sollte bis in's Lumen der Luftröhre reichen und dann in diese hinab der bewegliche Theil des inneren Rohres hängen. Offenbar beabsichtigte man dadurch eine Berührung mit den Wandungen Der Trachea zu verhüten. Ich nahm mir die Freiheit, Mackemie darauf aufmerksam zu machen, daß wegen der Kürze und geraden Richtung des äußeren Rohres leicht dieses in Folge der jetzt so raschen Zunahme der Geschwulst aus der Wunde gedrängt werden könne. Hiergegen sichert allein der Gebrauch einer gebogenen Doppel-Canüle, die tief in das Lumen der Trachea reicht. Mein Rath war von dem leitenden und verantwortlichen Arzte nicht berück- sichtigt 2^rg^),r0en 12. April suchte mich der Krankenwärter, den ich noch in San
Remo zur Pflege des Hohen Patienten installirt hatte, auf, und meldete mir, daß die eben vergangene Nacht eine sehr schlechte gewesen sei. Die Einführung der inneren Canüle glücke nicht und das Atbmen des Kaisers sei außerordentlich erschwert. Ich theilte das meinem Assistenten Lr. Bramann mit und ersuchte ihn, Alles für Die Eventualität größerer Schwierigke' en im Einführen der Canüle, wie ich sie Sonntag vorausgeiehen, bereitzuhalten.
In der That schon gegen 3 Uhr Nachmittags erhielt ich durch einen Königlichen Depeschenreiter, der mich nicht zu Hause, sondern bei einer Consultation in einem Hotel der Stadt traf, nachstehenden Bries Mackenzie's:
„Wir haben Schwierigkeiten mit der Canule, ich bitte Sie daher, mit mir den Kaiser zu sehen und zwar so schnell als möglich."
Die vier letzen Worte waren unterstrichen.
Ich brach sofort mit Dr. Bramann auf, zu Hause nur anfahrend, um einige Instrumente einzustecken. Hier war vom königlichen Schlosse mein Diener durch das Telephon befragt worden, ob ich vom Depeschenreiter gefunden sei, ich solle eilen? Kaum war ich fortgefahren, so erfolgte noch einmal die telephonische Anfrage, ob ich unterwegs sei. Ich wurde vom Generalarzt Wegner empfangen und erfuhr von ihm, was er in sein Journal geschrieben hatte: „Die Nacht war unruhig, Morgens Brustbeklemmung. Beim Herausnehmen der Canüle wurde die Athmung leichter, auch^iachDem eine andere kürzere Canüle eingeführt worden ist. Von 1 Uhr Nachts an und im Laufe des Tages Athemnoth. Die einliegende Canüle ragte zum Theil hervor, was der Wärter Beerrnann schon in der Nacht bemerkt hatte. Das Athmen war stark behindert." Es ist gewiß von Vielen noch nicht vergessen, daß Mackenzie in seinen Entgegnungen an die Adresse der „Kölnischen Zeitung" hinsichtlich ihrer Darstellung der Vorgänge des 12. April behauptete, die am Morgen dieses Tages zur Consultation gegenwärtigen deutschen Aerzte hätten ebenso wenig wie er eine Athmungsstörung bemerkt und seien bereit, ihm solches zu bezeugen. Nun, hier liegt ein bereits eine Stunde darauf schriftlich abgegebenes Zeugniß vor, aber es lautet nicht zu Gunsten Mackenzie's. Sofort zu Mackenzie hinaufgeeilt, fand ich ihn im Vorzimmer des Kaisers mit einem Arbeiter des Instrumentenmachers Windler beschäftigt, ein Bleirohr so zu krümmen, daß es tief in die Trachea eingeführt werden konnte. So meinte er, schnell eine passende Canüle sich schaffen zu können.
Ich zeigte ihm, daß ich eine der Hahn'schen Schwammcanülen, welche genau die jetzt auch von ihm für passend erkannte Krümmung besäßen, zur Stelle hätte und nahm sofort den Schwamm von dei selben. Mit dem Versuche, diese einzuführen, war Mackenzie einverstanden und eilte mit mir zum Kaiser. Ich war erschreckt, als ich den hohen Patienten auf einem Stuhle sitzend, im Ersticken fand. Die Wangen und Lippen blau, ein Stridor bei der Inspiration, den man im Nebenzimmer hörte, im höchsten Grade mühsames Jnspirium mit Anspannung aller Muskeln und bei dem geöffneten Rocke deutlich sichtbarer Einziehung des Skrobikulus. Mir schien es, als ob in wenigen Minuten der Erstickungstod eintreten würde. Ich glaubte keine Zeit verlieren zu dürfen, trug einem Diener auf, nachdem ich Mackenzie um seine Zustimmung gebeten und diese sofort erhalten hatte, meinen Assistenten Dr. Bramann hereinzurufen und machte mich an die Untersuchung der Wunde. Rings um die Canüle waren die mittlerweile viel höher und breiter gewordenen Wucherungen, theils in größeren, theils in kleineren Stücken grangränös und überall hatte in der Tiefe die Härte sich ausgedehnt, so daß die Gegend des Halses, in welcher die Canüle lag, rote ein abgestumpfter kurzer Kegel hervorragte. In dem Wundcanale steckte blos die äußere Canüle. Aus meine Frage, seit wann das innere gegliederte Rohr nicht mehr eingeführt worden sei, antwortete einer der Diener, seit dem frühen Morgen nicht mehr, Mackenzie fügte hinzu, daß mehrfache Versuche gemacht worden seien, sie wieder einzuführen, aber vergeblich. Während noch am Sonntag, also nur vor 4 Tagen, ich in der Tiefe der Wunde die hintere Wand der Trachea erblicken konnte, sah ich dieses Mal von derselben nichts. Gewisse kugelige rothe Excreszenzen drängten sich aus der Tiefe und von den Seilen tn das Lumen des Wundcanals und verlegten vollkommen den Weg zur Trachealösfnung. Das äußere Rohr war nur bis an, nicht bis in die Luftröhre geführt worden. Ich setzte Mackenzie auseinander, wie schnelle Hülfe noth thue. Wenn es nicht gelänge, die hierzu von uns eben bestimmte Eanüle einzuführen, so müsse mit großen Wundhaken die Wunde auseinander gehalten werden, um die Oeffnung in der Trachealwand zu erreichen und falls auch das nicht ginge, blutig, mit dem Kopfmesser nach unten bilatirt werden. Mackenzie war mit Allem einverstanden und lobte noch besonders die von mir mitgebrachten langen, stumpfen Wundhaken. Er stellte sich sogleich hinter den hohen Patienten, den Kopf Allerhöchstdesselben haltend, eine Position, die in der That mich gar nicht an seine Absicht, selbst die Canüle etnzusühren, hat denken lassen können. Ich versuchte die Einführung der Canüle, aber sie gelang mir nicht. Die Erfüllung des ganzen Canals mit den erwähnten weit und stark sich vordrängenden Granulationen hinderte mich. Ich legte die Canüle zunächst fort und nahm die Wundhaken in die Hand. Mittlerweile war Bramann eingetreten und übernahm das Halten der Haken. Auch jetzt kam ich mit der Canüle nicht vorwärts, während die Athemnoth des hohen Patienten immer größer und bedenklicher wurde. Deswegen suchte ich mit dem Finger, nachdem ich selbstverständlich meine Hände in der mit Carbolwasser gefüllten, neben mir stehenden Schale gleich Anfangs desinficirt hatte, die im Wege stehenden Fungositäten fortzuräumen und die Trachealöffnung zu erreichen, um hier einen Wundhaken einzusetzen. Nachdem ich das gethan und den Haken in der Hand behalten hatte, führte Bramann eine etwas weniger gekrümmte Canüle und zwar genau dieselbe, welche er bei seiner Operation am 9. Februar benutzt hatte, in das Lumen der Luftröhre ein. Sofort athmete der Kaiser leicht und frei, das auch uns mit freudiger Handbewegung und dankendem Händedrucke anzeigend. Allerdings hat es bei meinen Manipulationen geblutet, aber nur mäßig. Gewiß ist auch von diesem Blute, sowie den zertrümmerten Geweben, wie beständig von der aus dem Kehlkopfe herabrinnenden Jauche etwas tn die Trachea hinabgeflossen, aber es wurde sofort wieder ausgehustet. Mit dem Einführen der Canüle hörte das Heraussickern des Blutes auf und als ich mit Wegener und Bramann nach einer halben Stunde das Krankenzimmer verließ, zeigten die Sputa bereits wieder ihre frühere braunrothe Farbe. Die ganze Procedur der Dilatation und Einführung der gekrümmten Canüle hatte nur wenige Minuten gedauert.
Es ist von Hooell sowohl als von Mackenzie diesem Vorgänge eine ganz andere Darstellung gegeben worden. Mackenzie hätte mich nur aus Höflichkeit gerufen, ich hätte mich zur Einführung der Canüle gedrängt, diese sei nicht mir, sondern meinem Assistenten gelungen u. s. w.
Einzelne englische Zeitungen und ihnen nach Berliner Blätter häuften eine Fülle von Verleumdungen auf mich, Alles das gegenüber der Thatsache, daß der Kaiser vor meiner Ankunft im Ersticken war, wenige Minuten nach derselben aber wieder frei athmen konnte.
Ich und mein Assistent sind es nicht allein gewesen, welche den Kaiser im Ersticken sanden^ an demselben Tage machte Allerhöchstoerselbe dem Kriegsmintster General Bronsart o. Schellendorf, der ihn zwischen 12 und 1 Uhr sah, den Eindruck eines nach Luft Ringenden und nur mühsam noch Athmenden. Zwei Stunden später glaubte General v. Albedyll, der zum Vortrage bei Sr. Majestät bestellt war, daß während eines Hustenanfalls der Kaiser ersticken würde und rief nach ärztlicher Hilfe. Dieselbe Furcht vor einem nahen Erstickungstode theilte auch der Generaladjutant v. Winterfeld, der um 3 Uhr in den Leibarzt Dr. o. Wegener drang, er möchte doch die Herbeirufung des Professors v. Bergmann beschleunigen. Sämmtliche Kammerdiener des Kaisers erklärten, sie hätten von Stunde zu Stunde seit dem Morgen in beängstigender Weise die Athemnoth ihres Hohen Herrn wachsen sehen. Ja, als der Kaiser erfahren, ich sei herbeigerufen worden, hat er auf den Hof geschickt, um nachsehen zu lassen, ob ich nicht endlich käme! (Schluß folgt.)
Vermischtes.
Elbing, 16.Juli. Vorgenommene Peilungen haben ergeben, daß in den überschwemmten Ortschaften Wengeln, Wengelwalde, Reichshort und Roseuort das Wasser noch 5 bis 6 Fuß im Polder steht. In Baalau, Hohenwalde und Schwansdorf sind noch 3—4 Fuß Wasser. Ebenso stecken Ober- und Unterkerbswalde, Thiensdorf, Kukuk, Thiergart, Thiergartsfelde noch tief im Ueberschwemmungsroasser. In Kukuk dürfte der Schulunterricht ein ganzes Jahr ausgesetzt werden müssen, weil in der Stube noch über ein Fuß Wasser steht und ein Umbau während des Winters nicht wird vorgenommen werden können. Leider arbeiten bis jetzt nur an der Trockenlegung von 200 Hufen sechs Maschinen, welche wenig schaffen, wenn noch kräftige Regenschauer, wie wir sie in den letzten Wochen jeden Tag gehabt haben, dazukommen. — In dem Ueberschwemmungsgebiet des Elbinger und Marienburger Kreises sind nunmehr 80 Kinder ausgesucht, von denen 40 Elbinger nach Kahlberg und die 40 Marienburger nach Zoppot an den Strand in eine Fenen-Colonie gesandt werden sollen.
— sDie Muttersprache.) Lehrer (zum Schüler): „Du hast gestern die Schule versäumt. Wo hast Du das Entschuldigungsschreiben Deines Vaters?" — Schüler: „Herr Lehrer, ich hab's em xagt (gesagt), mein'm Vater, er sollt' nur e Zeugniß schrciwe, aber er Hot xagt, er könnt' nit schreiwe, Hot er xagt." — Lehrer: „Ich hab' g'sagt — Hot er g'sagt! Ist das deutsch? Ist das Deine Muttersprache?" — Schüler: „Nee, so säggt mei Vadder. Mei Mutter, die fäggt: Ich hurn's em gesacht — die isch dohinne auS'srn Wetschterich dahäm, wo sie Widder annersch sage."
1593
Allgemeiner Anzeiger.
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