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Erstes Blatt
Nr. 141
Mittwoch den 20. Juni
1888
iehener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
Bureaur Sch ulst raße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Wilhelm
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prächtigen Schmuck der landschaftlichen Umgebung. Den Glanzpunkt bildete das Brandenburger Thor, das nach Sanssouci führt. Seine edlen Linien waren mit schwarzen Drapirungen umzogen, die Säulen mit Gaze umkleidet, das Mtttelportal schwarz ausgeschlagen, die Seitenportale durch herabwavende Drapirung nischenartig umgestaltet. Der nach Sanssouci gelegene Theit der Stadt wies eine nach vielen Tausenden zählende, dunkel gekleidete, dicht gedrängte, in Schweigen verharrende trauernde Menschenmenge auf. Nur kurz war der Weg, auf dem das nicht mit Einlaßkarten zum Park von Sanssouci versehene Publikum, vom großen ganz in Schwarz gehüllten Obelisken an bis zur Friedenskirche den Leichenzug sehen konnte. Der weitaus größere Theil des Trauerweges zog sich innerhalb des Parkes und der Gärten hin. Er war auf beiden Seiten dicht umsäumt von den in Parade Spalier bildenden Abtheilungen aller Garde- regimenter und der Regimenter, die zudem Verstorbenen in besonderen Beziehungen standen. In einzelnen Zwischenräumen und dahinter fandenzahlreichePersonenPlatz,diemttEinlaßkarten versehen waren. Vom Obelisken bis zur Friedenskirche bildeten Innungen, Schulen, verschiedene Deputationen und Korporationen Spalier. Ein seltsames, mit der ernsten Feier nicht ganz harmonirendes Bild entwickelte sich, als die in drei Extrazügen in halbstündigen Zwischenpausen aus Berlin anlangenden Trauergäste van Station Wildpark nach Frtedrtchskron in Gefährten der verschiedensten Art befördert wurden. Die Hofequipagen reichten natürlich für die nach mehreren Hundert zählenden, in allen nur denkbaren Uniformen gekleideten Trauergäfte nicht aus. Droschken und die in Berlin Kremier genannten großen Gescllfchaftswagen wurden zu Hülfe genommen, und nicht ohne Erstaunen sah man in einem solchen sonst nur bet Landpartien benutzten Fuhrwerk eine Gruppe von Ministern in ihren goldgestickten Staatsröcken oder die katholische Geistlichkeit in ihrer Amtstracht. Der deutsche Kaiser ist eben gewissermaßen auf dem Lande begraben. Die Jaspisgallerte im Schlöffe Friedrichskron hatte sich seit gestern nur wenig umgestaltet. Die Kerzen brannten auf den vielarmigen Leuchtern, und den Katafalk, inmitten des inzwischen von Künstlerhand geordneten, entzückenden Blumenschmuckes umgaben die Würdenträger des Reichs in der aus dem Programm und der feststehenden Ordnung genugsam bekannten Reihenfolge und Stellung. Die glänzende Trauerversammlung, in der Uniformen aller Farben vorherrschten, füllte, während von draußen aus Dorf und Stadt die Glocken heretntönten, schon lange vor zehn Uhr den großen Raum der sonst so strahlenden jetzt düster wirkenden mächtigen Gallerie. Einen rührenden Eindruck machte es, als kurz vor Beginn der Feier die drei ältesten Söhne des jetzigen Kaisers, schöne blonde Knaben in schwarzen Anzügen, kindlich mit an die Stirn gelegter Hand grüßend zusammen mit der kleinen Tochter des Erbprinzen von Meiningen noch einmal an den Sarg ihres Großvaters geführt wurden, um Abschied zu nehmen, und bann hinter einer Glasthür der Feier beiwohnten. Kurz vor 10 Uhr erschienen die fürstlichen Leidtragenden, an ihrer Spitze der Kaiser, ernst mit bleichem Antlitz, rechts von ihm der König von Sachsen, links der Prinz von Wales, dann Prinz Heinrich, der Erbprinz von Meiningen, die Großherzoge von Baden und Hessen, der russische Großfürst Wladimir, der Herzog von Koburg, Prinz Friedrich Leopold, die Prinzen Albrecht, Georg und Alexander v. Preußen, der Großherzog oon Weimar. Von fürstlichen Damen die jetzige Kaiserin, die Prinzessin von Wales, die Erbprinzessin Charlotte von Meiningen, die Großherzogin von Baden, die Kronprinzessin von
Die Bestattung Kaiser Friedrichs.
Potsdam, 18. Juni.
Die Leiche Kaiser Friedrichs ist zu der Stätte eingegangen, wo sie die letzte Ruhe finden soll. Noch einmal widmen an diesem Tage die Tagesblätter der Hauptstadt, in diesem Falle so berechtigte Organe der öffentlichen Meinung wie selten, dem verewigten Dulder nachrufende Worte so tiefer Liebe und Verehrung, so echten wahren Schmerzes, daß man von Dauern sich bewußt wird, wie dieser herrliche Mann als ein vielgeliebter und vielbeweinter in den Herzen des gesammten Volkes lebt. In Schnee- sturm und Wmtergraus ist sein greiser Vater zur letzten Ruhe bestattet worden, im wnnigen Lichte eines strahlenden Frühlingstages hat man den Sohn in das stille Gotteshaus getragen, der selbst noch bis vor gar nicht so langer Zeit in heldenhafter Schönheit, wie im Frühling des Lebens, vor unseren Augen stand. Heute noch einmal haben wir Alle es empfunden, wirklich Alle, wie man es heute sehen und lesen kann, ohne Ausnahme der Partei und des Standes, des Alters und des Geschlechtes, was dem Vaterlande mit diesem Leben entrissen worden ist. Bescheiden und prunklos, wie er selbst gewirkt und gelebt, wollte er nach seinen letzten Verfügungen auch begraben jein. Man ist seinem Willen nachgekommen, soweit es möglich war. Aber das hat doch nicht gehindert, daß sich die letzten Acte, die sich an dieser Leiche vollzogen, zu einer rief ergreifenden innig rührenden Kundgebung gestalteten, doppelt rührend in ihrer Etn- achheit, und daß der Zug des Todes vom strahlenden Schlosse Friedrichskron durch Die herrlichen Laubhallen des Parkes, den sein großer Ahnherr geschaffen, so glanzvoll und herzbewegend, so eigenartig war, wie wohl noch nie das Leichenbegängniß eines Großen dieser Erde. Die Worte eines Dichters oder der Griffel eines Malers allein ..ermöchten dies Bild anschaulich zu schildern, das der königliche Leichenzug unter dem grünen Buchendach eines der schönsten Gärten der Welt, in dem Rahmen einer Früh- liugslandschaft bot, wie sie nicht leicht wieder gefunden wird. Was die Blätter bis jetzt darüber schildern, klingt kalt und schablonenhaft und enthält viele Jrrthümer im Einzelnen; auch unsere noch während des Verlaufs der Feier abgesandten telegraphischen Berichte sind davon nicht frei. Die Vorgänge, die sich an mehreren Orten auf einem längeren Wege abspielten, sind in ihren einzelnen Phasen schwer festzuhalten, zumal wenn der Zutritt wie in diesem Falle überaus erschwert wird. Der Umstand, daß sonst recht bekannte Persönlichkeiten bei solchem Anlaß in ungewöhnlicher Uniform erscheinen, namentlich aber auch, daß die theilnehmenden Damen von Kopf bis zu Fuß in dichte chwarze Schleier gehüllt sind, hat mancherlei Jrrthümer und Verwechselungen heroor- gerufeu. — Es muß zunächst constattrt werden, daß Fürst Bismarck, den Viele gesehen zu haben glaubten, aber wahrscheinlich mit einem bekannten hiesigen General verwechselt haben, an der Trauer feier überhaupt nicht theilgenommen hat, daß ferner unter den scbwarz verhüllten fürstlichen Damen die Wittwe des Todten und ihre Töchter sich nicht oefanben. Kaiierin Victoria, deren Schmerz ein namenloser ist, hat die Friedenskirche ci ft betreten, als die Feier schon zu Ende war, und mit ihren Töchtern stillen Abschied am Sarge genommen. Die Trauerstadt Potsdam hatte im Kleinen ähnlichen Schmuck angelegt, wie Berlin an den Tagen, wo Kaiser Wilhelm bestattet wurde. Die einfachen, würdevoll ernsten Decorationen wurden wirksam unterstützt und gehoben durch den
Kaiser - Proklamation.
An mein Volk!
Gottes Rathschluß hat über uns aufs neue die schmerzlichste Trauer verhängt. Nachdem die Grilft über der sterblichen Hülle Meines unvergeßlichen Herrn Großvaters sich kaum geschlossen hat, ist auch Meines heißgeliebten Herrn. Vaters Majestät aus dieser Zeitlichkeit zuln einigen Frieden abberufen worden. Die heldenmüthige, aus christlicher Ergebung erwachsende Thatkraft, mit der er seinen königlichen Pflichten ungeachtet seines Leidens gerecht zu werden wußte, schien der Hoffnung Raum zu geben, daß er dem Vaterlande noch länger erhalten bleiben werde. Gott hat es anders beschlossen. Dem königlichen Dulder, dessen Herz für alles Große und Schöne schlug, sind nur wenige Monate beschieden gewesen, um auch auf dem Throne die edlen Eigenschaften des Geistes und Herzens zu bethätigen, welche ihm die Liebe seines Volkes gewonnen haben. Der Tugenden, die ihn schmückten, der Siege, die er auf den Schlachtfeldern einst errungen hat, wird dankbar gedacht werden, so lange deutsche Herzen schlagen, und unvergänglicher Ruhm wird seine ritterliche Gestalt in der Geschichte des Vaterlandes verklären. .
Auf den Thron Meiner Väter berufen, habe Ich die Regierung im Aufblick zu dem König aller Könige übernommen und Gott gelobt, nach dem Beispiel Meiner Väter ein gerechter und milder Fürst zu sein, Frömmigkeit und Gottesfurcht zu pflegen, den Frieden zu schirmen, die Wohlfahrt des Landes zu fördern, den Armen und Bedrängten ein Helfer, dem Rechte ein treuer Wächter zu sein.
Wenn Ich Gott um Kraft bitte, diese königlichen Pflichten zu erfüllen, die sein Wille Mir auferlegt, so bin Ich dabei von dem Vertrauen zum preußischen Volke getragen, welches der Rückblick aus unsere Geschichte Mir gewährt.
In guten und in bösen Tagen hat Preußens Volk stets treu zu seinem Könige gestanden; auf diese Treue, deren Band sich Meinen Bäten: gegenüber in jeder schweren Zeit und Gefahr als unzerreißbar bewährt hat, 'zähle auch Ich in dem Bewußtsein, daß Ich sie aus vollem Herzen erwidere, als treuer Fürst eines treuen Volkes, beide gleich stark in der Hingebung für das gemeinsame Vaterland.
Diesem Bewußtsein der Gegenseitigkeit der Liebe, welche Mich mit Meinem Volke verbindet, entnehme Ich die Zuversicht, daß Gott Mir Kraft und Weisheit verleihen werde, Meines königlichen Amtes zum Heile des Vaterlandes zu walten.
Potsdam, den 18. Juni 1888.
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