Nr. 117 Erstes Blatt. Sonntag den 20. Mai 1388.
Giehener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bureau r S ch u l st r a ß e 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS. ; §urch die^Post^bez^gen^iMchädrlich 2 Mark Pf'
Amtlicher Hheit.
Gefunden: 1 Sonnenschirm, 1 Stock, 1 Buch, 1 seidenes Band, 1 Brache, 20 Pfennige, 1 Clarinette, 2 Paar Handschuhe, 1 Messer, 1 Portemonnaie , 1 Kinderwagen, 1 Windel, 3 Taschentücher, 1 Kinderschürze, 1 Cigarrenspitze, 1 goldener Ring, 3 Stückchen Kleidermuster, 1 Hundemaulkorb, mehrere Schlüssel und Hundeblechmarken.
Gießen, am 19. Mai 1888. Grobherzogliches Polizeiamt Gießen.
Fresenius.
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Pfingsten.
Pfingsten, das liebliche Lenzfest, ist wieder gekommen. Trotz der langen, rauhen Winterstürme hat die Natur doch noch rechtzeitig ihren bräutlichen Schmuck angethan imb Hain und Fluren prangen in herrlicher Blätter- und Blüthenpracht. Wie ein Wunder Gottes erscheint uns abermals die nun wieder neu mit frischem Grün und Myriaden von Blumen bedeckte Erde, welche vor wenigen Monden uns noch so kalt und tobt anstarrte. Aber nicht nur ein Wunder ist in der Natur geschehen, sondern es offenbart sich auch in uns zur Pfingstzeit ein solches und zwar ein viel herrlicheres und edleres in unserem Herzen. Wie jetzt millionenfach in der Natur die Pflanzen schöne Hoffnungen verheißend und neues Der trauen erweckend, grünen und blühen, so weckt auch im Angesichte dieser Frühlingspracht Gott im Herzen der Menschen neues Hoffen, neuen Trost für die Kämpfe und Mühseligkeiten des Lebens und neue Be- geifitrung für alles wahrhaft Gute und Schöne.
Dem christlichen Herzen ist Pfingsten ja auch ein Doppelheft in des Wortes bester Bedeutung. Es ist nicht nur das liebliche Lenzfest, sondern auch das hehre Erinnerungsfeft an das erste christliche Pfingstfest, an welchem das scheinbar verlassene Häuflein der Jünger des Heilandes von jener heiligen Begeisterung ergriffen wurde, die den Jüngern alle Hindernisse, alle Drangsale und alle Todesgefahren bei der Ausübung ihrer göttlichen Mission gering erscheinen ließ.
Wie traurig und armselig würde es doch auch um die Menschheit aussehen, wenn nicht, ausgerüstet mit göttlicher Begeisterung, jene armen, unbekannten, ja auch meistens wenig gelehrten Apostel die Religion der Liebe in eine Welt der Barbarei .und sittlicher Entartung getragen hätten!
Und nicht das Schwert, nicht der Scheiterhaufen, nicht Kerker und Folterqualen Haden die Begeisterung der ersten Christen für ihre Religion gemindert! Besiegt und gebeugt senkten zuletzt Roms mächtige Imperatoren ihr Schwert vor den Anhängern der christlichen Religion, die Begeisterung, die Hoffnung und der Glaube der Christen standen unerschütterlich.
Im rechten Lichte betrachtet ist daher Pfingsten ein Hoffnungs- und Freudenfest sowohl für den einzelnen Menschen, als auch für ganze Völker. Die Pfingftfreude der deutschen Nation wird freilich getrübt durch die Trauer um den verewigten großen Kaiser Wilhelm und durch die Sorge um den edlen, schwerkranken Kaiser Friedrich. Aber das deutsche Volk hält in dieser Zeit der Bekümmerniß dennoch seine gute Hoffnung und sein festes Vertrauen in die zukünftige Entwickelung des Reiches aufrecht und das herrliche Pfingstfest verleiht dieser Hoffnung neue Impulse im Herzen der Nation.
Politische Ueberficht.
Gießen, 19. Mai.
Der Kaiser weilte am Donnerstag Vormittags wie Nachmittags im Charlottenburger Schloßparke und wirkte dieser längere Aufenthalt in der herrlichen Frühlings- lust äußerst anregend auf Appetit und Stimmung des Monarchen ein. Was die nunmehr ernstlich in Erwägung gezogene Frage der Uebersiedelung des Kaisers und seiner Familie nach Schloß Friedrichskron anbelangt, so ist hierüber noch immer nichts Be- sttmmes bekannt, vermuthlich wird sie aber alsbald nach der Hochzeit des Prinzen Heinrich erfolgen. ,
Das preußische Abgeordnetenhaus tritt am Freitag nach Pfingsten zur endgültigen Beschlußfassung über das Schullastengesetz nochmals zusammen. Von der Gentrumspartei ist vorauszusetzen, daß sie, nach den von Herrn Dr. Windthorst kürzlich abgegebenen Erklärungen, unverändert an den Beschlüssen des Abgeordnetenhauses sefthalten wird, dagegen haben sich die Conseroattven bekanntlich ihre definitive Entscheidung noch vorbehalten und von ihnen wird es also abhängen, ob das Abgeordnetenhaus den Anschauungen der ersten Kammer nachgiebt oder aber auf seinen Beschlüssen verharrt. Sollte letzteres der Fall sein, so wäre natürlich das Volksschullastengesetz definitiv gescheitert und die Landtagssession könnte sofort geschlossen werden; der Schluß- accord der parlamentarischen Verhandlungen wäre dann allerdings ein ziemlich greller.
Die Vorberathungen in den Bundesrathsausschüffen über die Alters- und Invalidenversicherung der Arbeiter sollen recht erfreulich vorwärts schreiten, trotzdem läßt sich aber noch nicht mit Bestimmtheit sagen, wann die Ausschüsse mit Liesen Berathungen fertig fein werden. Jedenfalls dürfte aber der Bundesrath nicht vor Erledigung dieser wichtigen Materie in seine Sommerferien gehen und erst zu diesem Zeitpunkt wird der abgeänderte Entwurf des Jnvaliditäts- und Altersversicherungsgesetzes der öffentlichen Meinung zur Begutachtung übergeben werden.
Der Erbgrotzherzog und die Erbgrotzherzogin von Baden sind am Samstag -wieder in Karlsruhe eingetroffen, nachdem die hohen Herrschaften Cannes schon vor zwei Wochen verlassen hatten.
Die Bouapartisteu geriren sich in ihrem gegen das republikanische Frankreich von heute begonnenen Feldzüge, in welchem der Boulanger-Rummel offenbar nur Mittel zum Zwecke ist, gerade nicht sonderlich. Die bonaparttstischen Gruppen der Deputirtenkammer haben eine Resolution angenommen, in welcher ganz ungescheut er- ilärt wird, es soll nicht durch parlamentarische, sondern auch durch außerparlamenta
rische Mittel die Auflösung der Kammer erzielt und zu diesem Zwecke eine Verständigung mit den andern Gruppen der Rechten vereinbart werden. Was die Partisane des Bonapartismus unter diesen „außerparlamentarischen Mitteln" verstehen, deutet schon die boulangisttsche Bewegung mit ihren wüsten Scandalscenen hinlänglich an und wahrscheinlich wird man in nächster Zeit von diesem Herrn noch bessere Dinge erfahren. Der Bonapartist Du Baratt, weicher gleich Boulanger ein wegen seiner politischen Umtriebe gemaßregelter General ist, hat ja neulich in einer bonaparttstischen Versammlung ungescheut erklärt, es sei allgemach Zeit, daß in Frankreich eine kräftige Hand die Zügel der Herrschaft ergreife und die französische Regierung kann sich da immerhin auf einen bonaparttstischen Putsch „nach berühmtem Muster" gefaßt machen.
Alle Berichte über den Empfang der Känigin-Regeutitt von Spanien in Barcelona sind einig in Constatirung der Thatsache, daß der Regentin eine unbeschreiblich enthusiastische Begrüßung zu Theil geworden ist, was bei der republikanisch gesinnten und stark mit soclaliftischen Elementen durchsetzten Bevölkerung Barcelonas etwas sagen will. Ebenso sind der hohen Frau auf der ganzen Reise von Madrid nach Barcelona überaus sympathische Kundgebungen in allen Orten, welche sie berührte, bereitet worden und man kann darum wohl behaupten, daß diese Reise mit das ihrige zur Befestigung des alfonsistischen Königthums in Spanien beigetragen hat.
Die Vereinigung von Kriegsschiffen fast aller seefahrenden Nationen Europas im Hafen von Barcelona anläßlich der dortigen Weltausstellung hat zu der nicht unbegründeten Befürchtung Anlaß gegeben, es könnte zwischen den Mannschaften der verschiedenen Flotten zu Zusammenstößen kommen. Die Befehlshaber der in Barcelona versammelten Geschwader sind deshalb zu einer Berathung zufammengetreten, um Maßregeln zur Verhütung solcher Eonslicte im Falle der gleichzeitigen Ausschiffung von Mannschaften der verschiedenen Nationalitäten zu vereinbaren. Es ist dann weiter beschl worden, daß für jedes Geschwader, resp. jede Nation ein bestimmter Tag feftge l . rden an welchem die Mannschaften an's Land gehen dürfen, lieber die Reihenfolge wird durch das Loos entschieden werden; diese Beschränkungen beziehen sich jedoch nicht auch auf die Officiere. Die spanische Marine wird den Officieren des internationalen Geschwaders ein großes Diner — wies es heißt, von nicht weniger als tausend Gedecken — im Stadthause zu Barcelona geben.
In Australien macht sich eine immer entschiedener auftretende Bewegung gegen die Ehinesen-Einwanderung geltend. Im Parlament von Neusüdwales erklärte dieser Tage der Premierminister der australischen Colonien, Sir H. Parkes, daß die Regierung entschlossen sei, allen Chinesen, welche nicht mit Naturalisationspapieren versehen seien, die Landung zu untersagen. Außerdem ist eine Vorlage angekündigt, welche das die Beschränkung der chinesischen Einwanderung in Süd-Australien aussprechende Gesetz aufhebt und an dessen Stelle ein Gesetz setzt, welches die Einwanderung von Chinesen überhaupt verbietet. Die Erregung der australischen Bevölkerung und namentlich deren arbeitenden Elassen gegen die Chinesen ist allerdings sehr erklärlich, denn die chinesischen Arbeiter arbeiten bei ihrer Bedürfnißlosigkeit weit billiger als weiße und dieser Umstand hat auch schon im Westen von Nordamerika gegen die chinesischen Arbeiter eine bedenkliche Erbitterung der einheimischen Bevölkerung erzeugt.
Darmstadt, 18. Mai. Ihre Großh. Hoheit die Prinzessin Irene empfingen heute Mittag 12 Uhr die Damen Frau Otto Wolfskehl rc., welche im Namen der Damen von Darmstadt ein Geschenk überreichten.
— Ihre Kaiserlichen Hoheiten der Großfürst und die Großfürstin Sergius von Rußland werden dem Vernehmen nach von Charlottenburg, wo bekanntlich am 24. d. M. die Hochzeit Ihrer Großherzoglichen Hoheit der Prinzessin Irene ftattfinbet, mit der Großherzoglichen Familie hierher kommen und in Seeheim einen längeren Aufenthalt nehmen. rr
Darmstadt, 18. Mai. Oberamtsrichter Römheld zu Lorsch ist an das Amtsgericht 1. bah,er, Staatsanwalt Dr. Best zu Mainz an die Staatsanwaltschaft dahier versetzt und Amtsrichter Bücking zu Mainz zum Staatsanwalt daselbst ernannt worden.
Telegraphische Depeschen.
Wolff's telegr. Correspondenz - Bureau»
Berlin, 18. Mai. Der Kaiser hat die letzte Nacht gut verbracht. Der Husten ist geringer. Seit 10 Uhr Vormittags befindet sich der Kaiser im Park.
— Der Kronprinz pürschte gestern früh bei Potsdam; nach der Rückkehr nach Berlin empfing er den General Sasse, den Vorsteher der Kaiser-Wilhelm-Stiftung und nahm darauf den Vortrag des Rcgierungsraths v. Brandenstein entgegen. Am Nachmittag empfing der Kronprinz den Gesandten von Brasilien, welcher ihm das Grovkreuz des brasilianischen Süokreuzordens überreichte, und ließ sich sodann vom Staatsminister Grasen Bismarck Vortrag halten. , ... < .
— Se. Maj. der Kaiser verweilte bis 12Va Uhr tm Schloßparke, arbeitete dort mit dem General v. Winterfeld und empfing die Besuche der Herzogin Wilhelm von Mecklenburg und des Fürsten Reuß.
— Am Mittwoch trifft die Großherzogin von Baben hier ein, um der Vermählung bes Prinzen Heinrich beizuwohnen. . _ ... .
— Der Kaiser nahm von 2*/» bis 31/* Uhr den Dortrag des Mlnrsters Dr. Freiherr» v. Lucius entgegen, empfing den Fürsten von Puttbus, welcher über eine halbe Stunde bei ihm verweilte, und besuchte dann die sogen, goldene Gallerte, wo Vorbereitungen zur Hochzeit des Prinzen Heinrich getroffen werden.
Berlin, 18. Mai. Der Bundesrath eriheilie in der am 1*. b. M. unter dem Vorsitz des Siaaisrninisters, Siaaissekreiär des Innern von Boetticher abgehaltenen Plenarsitzung den Gesetzentwürfen für Elsaß - Lothringen über Enregistrements- und


