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92 t Freitag den 20. April 1888.

Gießener Anzeiger

Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Bureaur Schulftraße 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. bi^of^ b^

Amtlicher HHeit.

Betreffend: Den Wafenmeisterdienst in Wieseck.

Bekanntmachung.

Heinrich Metz aus Wieseck ist zum Wasenmeister sür die Gemeinde Wieseck bestellt und verpflichtet worden.

Gießen, dm 18. April 1888. Grobherzogliches Kreisamt Gießen.

Dr. Boekmann. _______ _

In Madrid tritt am 1. Mai die marokkanische Conferenz zusammen, bestehend aus den Vertretern Spaniens, Italiens, Frankreichs und Englands, um eine Ver­ständigung dieser Mächte über alle Marokko betreffenben Fragen zu erzielen. Der bisherige deutsche Gesandte am Madrtber Hofe, Stumm, ist zum Botschafter ernannt worben.

Deutschland.

Darmstadt, 16. April. Das heute ausgegebene Großherzogl. Regierungsblatt (Beilage Nr. 8) enthält:

1. Oeffentliche Anerkennung einer edlen That.

Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben dem Schutzmanne Wilhelm Karle in Offenbach, welcher am 9. Oktober o. I. auf der damals sehr belebten Kaiserstraße daselbst das scheu gewordene Pferd eines Wagens zum Stehen gebracht und dadurch einem sonst unvermeidlichen Unglück vorgebeugt hat, in Anerkennung dieser muth- vollen und mit eigener Lebensgefahr verbundenen That eine Geldprämie zu ver­leihen ^B^Nntmachung Großherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz, die Bestätigung von Stiftungen und Vermächtnissen betreffend.

3. Bekanntmachung Großh. Kreisamts Lauterbach, die Umlagen zur Bestreitung der Bedürfnisse für die israelitische Religionsgemeinde Crainfeld im Kreise Lauterbach sür 188889 betreffend.

4. Übersicht der für das Etatsjahr 188889 von Großh. Ministerium des Innern und der Justiz genehmigten Umlagen zur Bestreitung der Communalbedürf- ' nlssc in den Landgemeinden des Kreises Gießen.

5. Ermächtigung zur Annahme und zum Tragen eines fremden Ordens.

Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht: Am 28 März dem Eisenbahn - Werkstätten - Vorsteher Heinrich Seibert zu Gießen die Er- laübniß zur Annahme und zum Tragen des ihm von Seiner Majestät dem Deutschen Kaiser und König von Preußen verliehenen Kronenordens vierter Klasse zu ertheilen.

6. Namensveränderungen.

7. Concurrenzeröffnungen. n

Erledigt sind: Eine mit einem evangelischen Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Eschollbrücken mit einem Gehalte von 900 JL. Mit der Stelle ist die Hälfte des Organistendienstes verbunden. Eine mit einem evangelischen Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Steinbach mit einem Gehalte von 900 Mit der Stelle ist Organistendienst verbunden. Die mit einem evangelischen Lehrer zu besetzende 4. Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu König mit einem Gehalte von 900 JL. Eine mit einem evangdischen Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Groß-Bieberau mit dnem nach dem Dienftalter sich bemessenden Gehalte von 1000-1400 **. Zwei mit katholischen Lehrern zu besetzende Lehrerftcllen an der Gemeindeschule zu Lorsch mit nach dem Dienftalter sich bemessenden Gehalten von 1000-1400 v*.

Berlin, 18. April, 12.40 N. Von absolut zuverlässiger, kompetenter Seite erfahre ich nach der heutigen Eonsultation sämmtlicher Aerzte: Das Fieber stieg gestern Abend etwas über 39 Grad. Der Kaiser hatte aber eine ziemlich gute Nacht, er schlief mit Unterbrechungen. Im Lause der Nacht führte Dr. Hovell eine neue Canüle ein, ohne daß Professor Bergmann's Hilfe nothwendig war; dieselbe sitzt gut. Der Kaiser befindet sich heute eine Kleinigkeit weniger gut als gestern Vormittag. Die Temperatur ist etwa 38,8 Gr. Die Lungen sind frei. Die Situation ist zwar noch ernst, gibt jedoch Hoffnung auf Beseitigung der augenblicklichen Krisis. Da sich die erhöhte Temperatur durch den Zustand der Lungen nicht erklären läßt, so dauert die Annahme von einem Abscesse in der Luftröhre fort. Die Mittheilungen von einer Ausfahrt des Kaisers, welche Extrablätter verbreiteten, sind erfunden.

Berlin, 18. April, 1.12 N. Der Zustand des Kaisers war im Laufe des Vor­mittags ziemlich unverändert gegen gestern; das Fieber ist zwar noch vorhanden, aber der Kräftezustand befriedigend. Die ärztliche Eonsultation war gegen 11 Uhr beendet. Die Aerzte sollen nicht unzufrieden sein.

Berlin, 18. April, 2.40 N. Der Kaiser erschien um 123/4 Uhr am Fenster, jubelnd von der Volksmenge begrüßt. Der Reichskanzler verweilte eine Stunde beim Kaiser. Vielfach verlautete, der Kaiser werde Nachmittags ausfahren. Die Ausfahrt fand nicht statt. ($ 3«) t

Berlin, 18. April, 4.55 N. DieNordd. Allg. Zig." fügt dem Bulletin des Reichsanzeigers" Folgendes hinzu: In vergangener Nacht ist die bisherige Canüle entfernt und durch Hovell eine Canüle von größerem Durchmeffer eingesetzt worden. Dabei ergab sich keine Schwierigkeit für die Einführung derselben, ein Blutverlust fand nicht statt. Die Untersuchung der Lungen durch Profeffor Leyden ergab ein negatives Resultat. An der heutigen Berathung nahmen außer den behandelnden Aerzten dte Professoren Leyden und Bergmann Theil.

Berlin, 18. April, 5.5 N. DerReichsanzeiger" mefoet: Der Kaiser arbeit^ heute mit dem Reichskanzler und wollte Nachmittags einen Vortrag des Elvilkabrnets entgegennehmen. ,,, ..

Berlin, 18. April, 8.35 N. Der Kaiser erschien um IV, Uhr zum zweiten Male am Fenster. Nachdem derselbe den Großherzog und die Großherzogin von Baden empfangen batte, legte er sich zum Nachmittagsschlofe nieder. Um 4 Uhr traf das Kronprinzenpaar tm Charlottenburger Schloß ein. Gegen 5 Uhr erhob sich der Kaiser vom Nachmittagsschlaf und zeigte sich gegen 6 Uhr mit der Kaiserin am Fenster des Arbeitszimmers. Wie gestern durchbrach das Publikum die Schutzmannskette eilte bis an's Gitter des Schlosses und brachte stürmische Ovationen dar. Das Allgemein­befinden ist relativ befriedigend. , ... ar. . , , .

Berlin, 19. April, 12.52 V. In den spateren Nachmtttagsstunden nahmen bei dem Kaiser das Fieber und die Athmungsstörungen zu. Obwohl sich dies im Laufe

Politische Rundschau.

Gießen, 19. April.

Die tiefschmerzliche Besorgniß, in welche das deutsche Volk und seine Freunde durch die fast unvermittelt eingetretene abermalige schlimme Wendung im Gesundheits­zustände Kaiser Friedrich'- versetzt worden ist, hatte seit zwei Tagen wieder etwas hoffnungsfreudigeren Gefühlen Platz gemacht. Seit Dienstag machte sich eine ent­schiedene Besserung im Befinden des erlauchten Kranken bemerklich, so daß der Kaiser bereits am Vormittag desselben Tages einen dreiviertelstündigen Vortrag des Generals v. Albedyll entgegennehmen und sich Mittags am Fenster seines Arbeitszimmers dem zahlreich vor dem Schlosse versammelten und ihn lebhaft begrüßenden Publikum zeigen fonnte. Wie dieNat.-Ztg." zu berichten weiß, steht die jüngste Krankheitskrisis mit dem Vorfall in voriger Woche, der schließlich zum Canülenwechsel führte, in ursächlichem Zusammenhänge und handelt es sich hierbei um eine Ausdehnung des Kehlkopfleidens auf die Bronchien, die Verzweigungen der Luftröhre und hiermit auf die Lungen selbst. Allerdings hat eine von sämmtlichen Aerzten des Kaisers vorgenommene.Untersuchung der Lungen ergeben, daß dieselben keinerlei Anzeichen einer beginnenden Entzündung aufweisen, aber immerhin schien die Lage ernst genug, sodaß bei dem tückischen Charakter des Grundleidens des Kaisers jeden Tag neue Wechselfälle befürchtet werden mußten. Diese Befürchtungen haben sich, wie die neuesten Nachrichten lauten, leider bestätigt; das Befinden des Kaisers hat sich erheblich verschlimmert und die Hoffnungen, die man seither noch hegte, sind im Laufe des gestrigen Tages und der darauf folgen­den Nacht sehr vermindert worden. Die weiteren im Laufe des heutigen Tages ein- .gdaufenen Nachrichten aus Charlottenburg, die das Schlimmste befürchten lassen, befinden sich tm Depeschentheil dieses Blattes.

Don der ftattfletttifli wird es allgemach wieder still, obwohl sich hie und da in der Tagespresse noch Nachklänge an diese kaum überwundene hochkrittsche Periode Dorfinden, und das Tagesinteresse beginnt sich wieder mehr den sonstigen innerpolitischen Angelegenhdten zuzuwenden, soweit dies eben die allgemeine Theilnahme an dem Befinden des Kaisers gestattet. Indessen liegt wenig genug von bemerkenswerthen Dingen vor und bieten da eigentlich nur die Verhandlungen des preußische« Abgeordneten- Hause- einigermaßen Stoff zu Erörterungen dar. Dasselbe beschäftigt sich gegen­wärtig mit den wichtigen Gesetzesvorlagen über die Staatshilfe für die überschwemmten Gegenden, über die Regulirung der Weichsd und Nogat und über die Erleichterung der VolkSschullasten. ... . . o

Die leidige Sprachenfrage in Oesterreich, von der es seit einiger Zeit Derhältnißmäßig still gewesen, zieht jetzt wieder ihre Kreise. DerLandsmann-Minister" der Czechen, Justizminister Prazak, hat vor Kurzem dem obersten Gerichtshöfe in Wien eine Verfügung zugehen lassen, wonach derselbe gehalten ist, in Strafsachen, die in <rfter Justiz jn polnischer, oder czechifcher Sprache verhandelt worden find, die Ent­scheidungen der Cassationsverhandlungen ebenfalls in polnischer, resp. czechischer Sprache ausrufertiaen Dieser ministerielle Ukas bedeutet nichts mehr und nichts weniger als den ersten energischen Vorsturm gegen die Einheit im obersten Gerichtshöfe Cislei- tbaniens als welche bislang nur die deutsche Sprache galt, und in den deutschen Kreisen des Donaureiches hat der Schritt Prazak's begreiflicherweise große Beunruhigung berooraerufen, zumal möglicherweise sich hieraus die vollkommene Zertrümmerung der Einbeit des Rechtswesens in Oesterreich entwickeln kann. Wenigstens konnte man es den Slowaken, Slovenen, Ruthenen, Italienern u. s. w. des Kaiserstaates nicht ver­denken wenn sie sich nun ebenfalls regten, um Berücksichtigung ihrer refp. Mutter- fachen beim obersten Gerichtshöfe zu erstreben, und ein Gerichtshof, an welchem deutsch czechisch, polnisch, ruthenisch, italienisch, slovenisch u. s. w. parlirt und ent­schieden wird, das müßte eigentlich nur das Spiegelbild der heutigen Zustande im lieben Aste^erch fetal österreichische« Abgeordnetenhauses nahm die

ne« Wehrvorlage, betr. die außergewöhnliche Einziehung der Reservisten und Ersatz­reifen iu Übungszwecken, unverändert an. Der Landesoertheidlgungsminister Ertt in der Debatte, daß die Anwendung des Gesetzes nur ausnahmsweise erfolgen fSe und daß in der Bewilligung des Budgets eine Garantie gegen einen Mißbrauch beö Petzes liege. be§ Wahlsieges Boulanger's im Norddepartement

der Boulanaismus üppiger als je ins Kraut geschossen. Allenthalben treten letzt die Parteigänger des Ex-Generals mit ebenso großem Sdbstbewußtsein wie colossaler Unverftorenheit auf, die in verschiedenen Orten schon zu Tumulten geführt hat wie z. B. in Bordeaux, wo die Boulangisten eine Versammlung der Opportunisten sprengten. Boulanger selbst hat seinen jüngsten Wahlsieg zum Erlaß eines festes in Gestalt des üblichen Dankschreibens an seine Wähler im Morden des Landes benützt und die Kundgebung des Erwählten des 9^bbet^ gepfefferte Kriegserklärung gegen die heutigen republikanischen Machthaber in Paris, welcher Boulanger bei dem Wt-derzu!amm-ntritt der D-putirt-nkamm-r am Donners ag vermutblich eine gewaltige Programmrede hat folgen lassen. Dte Erfolge der Boulangisten I-sfen"'augenfcheinlfch auch die Patrioienbündler nicht ruhen; st- haben Meister D«rouldde° welcher aus der P-triotenliga ausgefchieden war. weil ihm 'n d-rf-lb-n auskommende gemäßigtere Richtung nicht mehr zufagte von> N-u-m zr.ihrem Ehren- Präsidenten gewählt und man kann sich also auf neue kräftige Leistungen dieser Herren gefaßt machen.