Ausgabe 
19.8.1888 Erstes Blatt
 
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Nr. 1®® Erstes Blatt. Sonntag den 19. August 1888«

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. r

Bureau r Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montag-.

-reis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

>urch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf,

Amtlicher Hy eil.

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Jugefloge»: 1 Kanarienvogel.

ließen, am 18. August 1888. Grobherzogliche» Polizeiamt Gießen.

____ I. V.: Kraemer.______________

Politische Ueberficht.

Gießen, 18. August.

Die meisten Londoner Morgenblätter vom 17. d. M. besprechen die Frank- fnrtrr Nede Kaiser Wilhelm- und erblicken darin ein der Aufrechterhaltung des Friedens günstiges Zeichen.

Der König Dom Lui- von Portngal und seine Gemahlin trafen am Samstag, von Prag kommend, in dem thüringischen Schlosse Reinhardsbrunn, dem Herzog von Coburg gehörig, ein, um mehrere Tage daselbst zu verweilen.

Der ofjtciöse Zeitungskrteg zwischen Berlin und Peter-vnrg hebt, obwohl kaum erst ein paar Wochen seit der Petersburger Katserbegegnung verflossen sind schon wieder an. DieNordd. Allg. Ztg." ist bereits dieser Tage dem vom russischen Auswärtigen Amte aus tnspirtrten BrüsselerNord", welcher Italien wegen der Massauah-Frage angriff, in dieser Frage mit einer fast überraschenden Schärfe ent­gegengetreten, um aber alsbald dem russisch offictösen Blatte gegenüber nur noch deutlicher zu werden. VomNord" war die schleswig-holsteinische Frage wieder auf­geworfen worden und zwar in einer Weise, die nur den Jubel der dänischen Protest- parter in Nordschleswtg Hervorrufen konnte. Hierauf hat nun dieN. A. Z." in einem außerordentlich gereizten Artikel erwidert, an dessen Schluffe es hieß, daß die dem Nord" nahestehenden russischen Politiker noch immer darauf ausgingen, dem deutschen Reiche durch einen im Bündntß mit Frankreich zu führenden Krieg einen möglichst großen Theil von Schleswig wieder abzunehmen. Auch dieMosk. Ztg.", welche sich wieder in allerlei hämischen Aeußerungen gegen Deutschland erging, wird von der £jc- 2l- Z." tüchtig abgeferttgt, wobei das Berliner Regierungsblatt zugleich mttthetlt, daß das von derMosk. Ztg." bekämpfte Project eines deutsch - russischen Handels­vertrages auf einer reinen Erfindung beruht.

Im französischen Norddepartement haben noch kurz vor der Ersatzwahl zur Deputirtenkammer nicht unbedenkliche Tumulte stattgefunden, zu denen die Agi­tationsreise Boulanger's den Anlaß gab. Sowohl in Amiens, wie in Abbeville kam es anläßlich der Anwesenheit Boulanger's zu höchst stürmischen ©eenen zwischen Bou- langiften und Antiboulangisten, die in Amtens sogar ^u blutigen Schlägereien führten. Das provocatortsche Auftreten des Ex-Generals trägt hieran die meiste Schuld; in Abbeville z. B., wo Boulanger am Grabe des Admirals Courbet einen Kranz nieder­legte, hielt der Agitator beim Heraustreten aus dem Friedhöfe eine Rede an die ver­sammelte Menge, welche zu einem heftigen Tumulte Anlaß gab. Die Polizei mußte schließlich einschreiten und eine Anzahl Verhaftungen vornehmen. Wahrscheinlich dürfte daher die Ersatzwahl im Norddepartement am Sonntag nicht ohne verschiedene blutige Köpfe vorübergehen.

Gegen den Croateu-Bischof Dr. Stroßmayr scheint wegen seiner bekannten panslavistifchen Kundgebung zur Kiewer Jubelfeier doch nicht weiter eingeschritten werden zu sollen. Es ist weder von einer Berufung des ruffenfreundltchen Kirchen- fürsten zum Kaiser Franz Josef noch von Schritten des Papstes gegen 0r. Stroßmayr mehr die Rede. Allerdings sollen beim Wiener Nuntius Galimberti Versuche unter­nommen worden fein, denselben zu einem Vorgehen gegen den Bischof zu bewegen dessen Auftreten auch im Vatican scharf getadelt wird, aber der Nuntius lehnte ein solches Einschreiten trotzdem ab. Monsignore Galimberti soll hierbei erklärt haben, die Gesinnungen des Bischofs Stroßmayr seien der katholischen Welt hinlänglich bekannt und habe die Nuntiatur keinen Anlaß, in dieser Sache an den Papst zu berichten. - vr. Stroßmayr wird also seine panslaoistische Propaganda ungestraft weiter treiben dürfen!

Die Eröffnung des birecten Bahnverkehre- Constantinopel-Belgrad ist von den amtlichen türkischen Kreisen mit auffallender Lauheit betrachtet worden. Während die türkische Bevölkerung dem Eröffnungszuge von seinem Eintritt in tür- ilubeS Gebiet an auf allen Stationen lebhaftes Interesse entgegen brachte, verhielten sich dre Vertreter der Regierung und der Behörden vollkommen passiv. Selbst bei der Ankunft des Orientexpreßzuges auf dem Bahnhofe zu Stambul ließ sich nicht eine emsige ofsicrelle Persönlichkeit sehen und es scheint fast, als ob die Pforte ihr Miß­vergnügen über die Beschlagnahme der Strecke Bellova-Vakarel durch die bulgarische Regierung mit dieser vollständigen Passivität der officiellen Organe bei der Ein­weihungsfahrt habe ausdrücken wollen.

In Kairo gehen Gerüchte um, nach denen die Mahdisten einen neuen und höchst bemerkenswerthen Erfolg errungen haben sollen. Es heißt nämlich daß die Anhänger desfalschen Propheten" auf ihrem gegen Abyssinien unternommenen Er­oberungszuge Gondar, die Hauptstadt des abyssinischen Reiches Amhara und Residenz der alten abyssinischen Kaiser, eingenommen und zerstört hätten. Sollte sich diese Kunde bewahrheiten, so stünden demnach die wilden Krieger des Mahdi Abdallah schon im Herzen Abyssiniens und der Regus Johannes würde zu einem Verzweiflunaskampfe um sejn Reich genöthigt sein.

Deutschland.

mthält , 16. August. Das Großherzogliche Regierungsblatt Nr. 25

, . Verordnung, die allgemeine Staatsprüfung in dem Finanzfach und

den technischen Fachern betreffend, vom 4. August 1888.

m 6. August. Das Programm für die großen Hebungen unserer Marine

ist endgilttg festgestellt. Das Panzergeschwader hält am 20. und 21. August große

Hebungen in der Danziger Bucht ab. Am 22. und 23. August findet schiffsweise Jn- spicirung durch den Admiral Grafen v. MontS im Artillerieschießen, TorpedoschtetzA unb k25, AuZuft Jnspicirung des Geschwaders vor Zoppot ftatt Am 26. ift Ruhetag und am 27. tritt das Geschwader die Reise nach Kiel an. Vor Kiel finden am 29. und 30. August Haupt-Festungs-Kriegsübungen statt.

Telegraphische Aepesche».

»olff's telegr. TOerefponden, Bureau.

Berlin, 17. August. Der Kaiser wohnte Dormitttags den Truppenübungen auf dem Tempelhofer Felde bei, beaab sich Mittags 12 Uhr nach dem königlichen Schloß, empfing den Admiral Monts, den Viceadmiral Goltz, den Capitän zur See Secken^ n7»tunb 0°^« £Wctcre des Heeres und der Marine, konferirte mit dem Unter - staatSsecretär Berchem und dem Minister LuctuS und kehrte Nachmittags 3 Uhr nach Potsdam zuruck. ö w

Der Kaiser beehrte den Feldmarschall Moltke, welcher gekommen war, um für die fungstm Gnadenbeweise zu danken und sich als Chef der LandesvertheidigunaS- Commission vorzustellen, mit einem Besuche. B

Dem Vernehmen nach ift der Hauptmann v. Moltke k la suite des General­stabs der Armee zum persönlichen Adjutanten des General - Feldmarschalls v lllloltke ernannt worden.

..,773U Ehren des Geburtstags des Kaisers von Oesterreich wird morgen im Stadtschloffe zu Potsdam etn Diner stattfinden, zu dem der österreichische Botschafter mit dem Personal der österreichischen Botschaft und Würdenträger des Hofes Ein­ladungen erhalten haben.

Berlin, 17. August. Die hier anwesende Beduinen - Karawane gab heute Mengen vor dem Kaiser eine Sondervorstellung, wobei ein Karawanenzug mit Pferden Dromedaren und Zeltgepäck, Reiter - Evolutionen zweier Häuptlinge und eine große Reiterphantasie der sämmtlichen Reiter zur Darstellung gebracht wurden. Der Kaiser die Vorstellung mit lebhaftem Interesse und sprach den Wüftensöhnen seine vollste Befriedigung aus. Die Beduinen wohnten demnächst einem Truppenmanöver bet, welches in einem großen Gefechtsbilde seinen Abschluß fand.

Wiesbaden, 17. August. Der Kronprinz von Griechenland ist heute Mittag hier eingetroffen. Es heißt, derselbe werde als Gast des Königs von Dänemark einen 14tagigen Aufenthalt hier nehmen.

. Stuttgart, 17. August. Nach einer Meldung aus Friedrichshafen begibt sich der König in der zweiten Hälfte des October zum Winteraufenthalt nach Nizza.

Brüssel, 17. August. Der Minister des Ackerbaues und der öffentlichen Arbettem ^Chevalier de Moreau, hat aus Gesundheitsrücksichten sein Entlassungsgesuch

London, 17. August. DerTimes" wird aus Zanzibar unter heutigem Datum gemeldet, daß die deutsche Gesellschaft, welcher gestern officiell vom Sultan die Ver- waltung der Küste verlieben worden sei, in 14 Häfen die Flagge zusammen mit der des Sultans unter dem Donner der Geschütze gehisst habe.

m -^iter wird derTimes" aus Zanzibar gemeldet, daß der italienische Geschäftsträger, welcher fett 4 Wochen hier wellt, es noch immer ablehnt, freundschaft­liche Beziehungen zu dem Sultan wieder anzuknüpfen.

London, 17. August. Nach einer Reutermeldung aus Kairo sind in Suakim Pilger aus L>okoto (Westafrika) angekommen, welche aussagen, daß sie auf ihrem Wege durch das Congogebiet am Gazellenfluß auf eine größere Anzahl Weißer gestoßen seien und mit denselben vier Tage zusammen fampirt hätten. Die Weißen seien mit Nerningtongewehren bewaffnet. Die Pilger verließen den Congo im Februar.

Kopenhagen, 17. August. Der gesunkene DampferGeiser" ist voll bei einer Privat-VersicherungS-Gesellschaft mit 800,000 Kronen versichert, welche Summe zum größten Theile durch Rückversicherung bei dänischen und ausländischen Gesellschaften 0 der DampferThingoalla" ift zu neun Zehntel seines Werthes, nämlich

mit 630,000 Kronen, bei Privat-Gesellschaften versichert.

Rom, 17. August. Eine weitere Depesche Baldisseras an den Kriegsminister Details über den Kampf gegen Saganeiti enthält, spricht die Gewißheit aus' daß alle italienischen Officiere, deren heldenmüthige Haltung gelobt wird, gelobtet sind.

Alexandria, 17. August. (Meldung desReuter'schen Bureaus".^ In­struktionen der Pforte gemäß richtete die Regierung Egyptens einen Protest an den italienischen Generalconsul gegen das Protektorat Italiens über Zula.

New-Uork, 17. August. Der PostdampferWieland", welcher gestern hier eintraf, berichtete, daß am 14. August um 4 Uhr Nachmittags bei der Sandinsel ein Zusammenstoß zwischen den DampfernThingvalla" undGeiser" stattgefunden habe. DerGeiser" ist nach 5 Minuten gesunken; 14 Passagiere und 17 Mann der Schiffsbesatzung, darunter der Capitän, wurden gerettet, 72 Passagiere und 33 Matrosen ertranken. Die Ueberlebenden wurden an Bord desWieland" genommen, welcher auch alle Passagiere derThingvalla" (455 Personen) aufnahm. Das letztere Schiff, welches stark beschädigt ist, versuchte die Reise nach Halifax fortzusetzen. (Wiederholt.)

New-York, 17. August. Nach weiteren Stachrichten sind beim Zusammenstoß des DampfersThingvalla" mit dem DampferGeiser" 78 Passagiere und 35 Mann der Schiffsbesahung desGeiser" ertrunken.

Lokales.

Gießen, 18. August. (Theater ) Des Hofschauspielers Herrn Junkermann aus Stuttgart gedenkt dieKöln. Ztg." mit den ehrendsten Worten. Herr Junker­mann hat schon eine Zeitlang in Köln gaftht und bet seinem Scheiden, oder vtelmehr nach seinem letzten diesmaligen Auftreten^schreibt die genannte Zeitung:Der geftrige Ehrenabend des Herrn Junkermann im Sommer-Theater war eine warme, volle An-