Reilage zu Jfr, 140 Öes „Eichener Anzeiger".
Körperliche und geistige Arbeit im Gleichgewicht.
Von Geheimrath von Nußbaum in München.
U.
Das ist die Ueberbürdung. Wenn vom Abend bis zum Morgen Aufgaben gelöst werden müssen, welche vielleicht nur von dem talentvollsten Zehntel der Schüler ohne Beeinträchtigung des absolut nothwendigen Schlafes bezwungen werden können. Das heißt das Gehirn ruiniren, nervös machen. Man frage die Väter und Mütter, ob dies nicht Wahrheit ist, ob die armen Kinder nicht bis 9 und 10 Uhr am Schreibtische sitzen, früh 5 Uhr schon wieder aufstehen, weil sie Abends absolut nichts mehr auf- fatzten. Leider aber wird es dann Morgens oft zu schnell 8 Uhr, die Aufgabe ist nur halb fertig, die Strafe folgt auf dem Fuß und bringt für heute noch mehr Arbeit.
Schon in den letzten Klassen der deutschen Schule, aber vorzüglich in Latein-, Gewerbeschulen und Gymnasien, in höheren Töchterschulen und Instituten kann man die erzählten Mißstände überall finden. Kinder gehören nach 9 Uhr in das Bett und vor 5 Uhr lasse man sie ja nicht aufstehen, sonst ruht ihr Gehirn nicht genügend aus.
Ein Bauer, ein Taglöhner reicht bekanntlich leicht mit 5 Stunden Schlaf, aber wer Kopfarbeit leistet, soll mindestens 7—8 Stunden schlafen; Kinder noch mehr.
Ich halte das gegenwärtige Princip, ein Kind den ganzen Tag zu beschäftigen, für ein recht gutes; allein ein großer Thetl der Zeit sei der körperlichen Ausbildung gewidmet, wenn möglich in frischer Luft. Es war ein guter Anfang, das Turnen obligatorisch zu machen; allein ich möchte die gegenwärtige Dosis dieser herrlichen Arznei eine nahezu homöopathische nennen, die nur weniges nützen dürfte.
Ich bin fest überzeugt, daß die Zukunft lehren wird, daß man täglich stundenlang körperliche Hebungen mit geistiger Arbeit wechseln muß, wenn ein Kind gesund bleiben soll. Ich bin ebenso überzeugt, daß das Lernen viel leichter geht, wenn der Körper mehr gekräftigt wird, wenn die geistige Spannung nicht so viele Stunden beträgt, wie jetzt fast in allen Lehranstalten.
Mil Ausnahme einzelner hervorragend talentirter Kinder tritt bei den meisten jetzt oft schon Nachmittags, aber fast immer Abends, eine stumpfe, müde Htrnfunction ein, womit sie nu^ wenig mehr sassen, höchstens nach langer Marter mechanisch etn- lernen, ohne den Sinn zu überdenken.
Diese meine Ueberzeugung wurde ganz besonders auch durch Erfahrungen in mehreren hohen Familien bestätigt, wo man schwächliche Kinder auf meinen Rath bis zum achten oder neunten Jahre ganz frei aufwachsen ließ, sich nur mühte, ihren Körper durch langen Aufenthalt und Arbeiten in gesunder Luft zu stärken und höchstens spielend vom Hofmeister den älteren Knaben hier und da eine von ihnen selbst erbetene kurze Lection geben ließ.
Als diese Kinder im zehnten Jahre das Lernen mit Lust und Freude anfingen, ging es so schnell vorwärts, daß sie im sechszehnten Jahre so ausgebildet waren, wie ihre älteren Brüder im sechszehnten Jahre gewesen waren, nur daß ihnen das Lernen Freude machte und ihr Körper nebenbei kräftig war, während bet den älteren Brüdern das Zanken und Strafen vom sechsten Jahre nicht mehr aufgehört hatte und ihr Körper ein schwächlicher geblieben war. c
Das Resumö meiner Erfahrung geht also dahin, daß die Zukunft den Körper der Kinder durch Spiele und Arbeiten im Freien zum Lernen vorbereitcn und während des Lernens die Ausbildung des Körpers energisch befördern wird, damit die Belastung des Gehirns, welche bei Tausenden zur Ursache ihres unbehaglichen Befindens wird, verhindert werden kann. Trotz dieser Zeitopfer darf man aber keine geringeren Lern- ergebnifie befürchten.
Hingegen wird das Lernen, das jetzt Vielen eine Marter ist, den Meisten Freude machen; und eS wird nicht schon in der Kindheit der Grundstein zu dieser jetzt sosehr überhand nehmenden und unglücklich machenden Nervenerregung gelegt werden. Man haut bekanntlich keinen Baum mit einem Streiche um. Die Einführung des Turnens war der erste glückliche Griff zum Bessern. Man wird nun alsbald die staubigen Turnhallen mit der freien Luft vertauschen und wird eine eingreifende Aenderung der Schulordnung anstreben müssen; aber ich bin der festen Ueberzeugung, daß man es nie bereuen wird. (£• T.)
Vermischtes.
Mainz, 17. Juni. Heute Mittag fand die Beeidigung der Truppen der hiesigen Garnison statt. Zuerst, kurz nach 12 Uhr leisteten die Offiziere der Rangordnung nach Kaiser Wilhelm II. den Eid und hierauf wurde sämmtlichen übrigen Truppen regimentsweise der Eid abgenommen. — Noch selten hat ein Ereigniß in allen Schichten der hiesigen Bevölkeiung eine nachhaltigere Wirkung und tieferen Eindruck hervorgerufen als das Ableben Kaiser Friedrichs. Die sonst so heitere und leichtlebende Bevölkerung ist vollständig von dem Gefühl der tiefften Trauer beherrscht und in allen Kreisen, ob Hoch ob Niedrig, ob Reich ob Arm, ob Alt ob Jung, kommt fortwährend der Schmerz über den herben Verlust, welchen Deutschland erlitten, zum Ausdruck. Noch ehe irgendwelche Trauerverfügung erlassen, hat sich Jedes selbst Trauer auferlegt und stillschweigend wurden alle und jegliche Veranstaltungen, die nicht einzig mit rechten geschäftlichen Dingen Zusammenhängen, abgesagt, gleichviel ob für Einzelne nennenswerthe pecuniäre Verluste damit verknüpft sind. Neben der Beflaggung und sonstigen Trauerabzeichen an Gebäuden macht sich die Trauer auch äußerlich auf den Straßen bemerkbar: es herrscht eine Ruhe in den Straßen, wie man sie hier gar nicht gewöhnt ist, zumal an Sonntagen, wo in den Zugangsstraßen zu den Bahnhöfen und Schiffen unbeschadet jeder Witterung immer ein großes Leben pulsirt. Um die Stimmung zu vervollständigen hat der Himmel am heutigen Sonntag am frühesten Morgen seine Schleußen geöffnet und sich ununterbrochen bis zum Abend ein heftiger Regen ergossen. — In feierlicher Stadtverordnetensitzung, in welcher Beigeordneter Gaßner eine tiefgefühlte Ansprache hielt, wurde Igeftern beschlossen, den Kaiserinnen Augusta und Victoria, sowie Kaiser Wilhelm II. Belleidsadreffen zu übermitteln. — Das Trauergeläute in den Kirchen hat heute begonnen; die Trauerfeierlichkeiten daselbst finden nächsten Sonntag statt. In sämmtlichen Schulen werden morgen Trauerfeierlichkeiten abgehalten.
Mainz, 17. Juni. Die heute hier begonnene 18. Generalversammlung des deutschen Müllerverbandes, bei welcher in Folge des Ablebens des Kaisers Friedrich auf Beschluß des Ortscomitös von allen Festlichkeiten abgesehen wird, ist mit Rücksicht auf die eingetretenen Ereignisse bis jetzt noch nicht so zahlreich besucht, als man nach den Anmeldungen erhofft hatte. Die heutige Ausschußsitzung zeigte in Folge dessen noch ziemlich Lücken, doch erwartet man zu der morgigen Hauptversammlung noch das Eintreffen von Jntereffenten. — Nach Beschluß des Ortscomitös findet der Müllertag im Jahre 1890 wieder in Mainz statt, bei welcher Gelegenheit, wie die Mainzer Mitglieder der Genossenschaft versprachen, die Theilnehmer für den diesmaligen Ausfall der Festlichkeiten entschädigt werden sollen.
Mainz, 17. Juni. Die ununterbrochenen Regengüsse der letzten Tage haben ein ziemliches Wachsen des Rheins verursacht. Der Stand ist bereits über mittel und laffen die Nachrichten vom Oberrhein ein weiteres Steigen erwarten.
Aus Rheinhessen, 17. Juni. Ein heftiges Gewitter, welches am Samstag über einen Theil von Rheinhessen niederging, hat viefach Schaden angerichtet. In Hechtsheim schlug der Blitz in die Helmspitze des Kirchthurms ein und zündete. Zufälliger Weise waren mehrere Mainzer Dachdecker in der Gemeinde anwesend, die mit Hülfe der Feuerwehr durch rasches Eingreifen den Thurm größtentheils noch vor einer Zerstörung durch die Flammen retteten. — In Essenheim schlug der Blitz auch in die Kirche und zündete gleichfalls. Auch hier hat rasche Hülfe größeren Schaden verhütet. — In Mainz fuhr ein kalter Blitzschlag in den Schulhof von St. Stephan.
Vom Main, 17. Juni. Gelegentlich des Brückenbaues zu Kostheim ist man auf Brückenreste gestoßen, welche zu der Annahme führen, daß die große Römerstraße von Mainz über Ladenburg ihren Anschluß auf der rechten Rheinseite über den Main genommen.
Literarisches.
„Die Thierbörse", welche Dr. Langmann in Berlin herausgiebt, hat eine überaus rasche Verbreitung gefunden. Man sollte nicht glauben, wie interessant für alle Kreise sich so ein Blatt gestalten kann. Jeder findet in jeder Nummer etwas, was ihn interessut. Als Ergänzung zu den politischen Zeitungen sollte daher die „Thier-Börse" in keiner Familie fehlen, zumal das Abonnement in Anbetracht des bedeutenden Umfanges und des reichhalttgen Inhalts enorm billig ist: nur 65 Pfg. das ganze Vierteljahr bei jeder Post- anstalt, frei vom Briefträger in die Wohnung gebracht. Wir können aus bester Ueberzeugung unseren geehrten Lesern nur empfehlen, es einmal mit einem Probeabonnement auf die „Thier-Börse" zu versuchen.
Allgemeiner
Feuerversicherungsbank für Deutschland zu Gotha.
Bekanntmachung.
Nachdem der bisherige Vertreter obiger Anstalt, Herr Ferd. Bapst (in Firma: J. 6 D. Bapst) in Giessen, gestorben, ist an besten Stelle Herr L. Schultheis daselbst
zum Agenten für Gießen und Umgegend ernannt worden, was wir hierdurch zur öffentlichen Kenniniß bringen.
Frankfurt a. M., im Juni 1888.
Generalagentur der Keuerverficherungsbank für Deutschland.
Gebrüder Wolff.
Bezug nehmend auf vorstehende Bekanntmachung halte ich mich den im hiestgen Agenturbezirk wohnenden Theilhabern der FeuerverficherungSbank für Deutschland zu Gotha zur Vermittelung ihrer Versicherungsangelegenheiten hierdurch empfohlen, lade zu weiterer Betheiliguno an dieser auf G-genseitlgkett beruhenden Anstalt ein, indem ich mich zugleich zu jeder wünschenswerten Auskunft über dieselbe bereit erlläre-
Gießen, im Juni 1888.
L. Schultbers,
4978 Agent der Feuerversicherungsbank für Deutschland.
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