Ausgabe 
19.2.1888 Erstes Blatt
 
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Nr 13 Erstes Blatt. Sonntag den 19. Februar 1888.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Durearrr Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogm vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Betreffend: Maßregeln gegen das Vagantenthum.

Bekaantmachung.

m m hi, ß^rirhtima von Naturalverpflegungsstationen in Gießen, Hungen und Grünberg genehmigt hat, ist diese Einrichtung de«

20 NovkmZ 7 7 in Lb n qetke n^ Jn b7ier7eXe8ung7ftationen erhält jeder unbemittelte Durchreisende freie Verpflegung und freies Nachtlager.

ift %ie Unterstützung von armen Reisenden hinlänglich Sorge getragen. Dre Unterstützungen werben gegen cme entsprechende Dmch diese ^urrcymng ist jur DX ' J V b{ grriAtuna dieser Stationen soll dem Haus- und Straßenbettel Durchreisender entgegengewirkt werde«.

«n m«hr zu gewähren, sondern dieselben an di. Naturalverpfl.gungSstationen zu verweisen.

Die Naturalverpflegungsstationen befinden sich: , .

1) m der Herberge zur Heimath zu Gießen,

2) bei Herrn Konrad Groß in Grünberg,

3) bei Herrn Wilhelm Hehler in Hungen.

Die Vorstände der Naturalverpflegungsstationen sind in Gießen das Großherzoglich- Polizeramt und in Gmnberg und rn Hungen die betreffenden Großherz^lichen Bürgermeistereien. Arbeitsnachweisestelle verbunden worden. Wir richten daher an alle Industrielle, Gewerbtreibende

und Landwirthe^ welche^ GehAsen7nd Arbeiter dürfen, das Ersuchen, die Vorstände der Naturalverpflegungsstationen hiervon in Kenntniß zu setzen, bannt ihnen vorkommenden Faller die die Stationshülse in Anspruchi nehmenden Arbetts»^^" zugewiesen werden können-

Gießen, im November 1887. Großherzoglicher Kre.samt Gießen.

i M Dr. Boekmann. _________________________

Gefunden: 1 Fingerring, 1 Taschentuch, 1 Gieße«, am 18. Februar 1388.

Säbel, 1 Handschuh, 1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 Uhrgehänge, 1 Hörrohr, 1 Eissporn.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fresenius. ______________

Politische Ueberskcht

Gießen, 18. Februar.

Noch immer find die Blicke des deutschen Volker mit banger Sorge nach Süden, nach San Remo, gerichtet, von wo vom Krankenlager des deutschen Thronsolgers in den letzten Tagen wieder etwas ernstere Nachrichten ge­kommen find. Nachdem der erlauchte Kranke die der Operation nächstfolgenden Tage verbracht hatte, ohne daß fich bet ihm Fieber- oder andere bedenkliche Erscheinungen eingestellt hätten, ist er in den letzten Nächten von Kopf^hmerzen belästigt worden, in Folge heften sein Schlaf weniger gut war; auch wurde derselbe mehrfach durch Husten und Schleimauswurs unterbrochen. Der Set» lungsproceß der Operationswunde selbst verläuft jedoch andauernd günstig, die Wunde vernarbt gut und ist weder erhebliche Eiterung noch Blutung vorhan­den ; auch wird von privater Seite das Gerücht, es habe aus der Wunde eine bedenkliche Blutung fiattgefunben, als durchaus unbegründet erklärt.

Auch hinsichtlich bei Königs von Württemberg, welcher aus Gesundheitsrücksichten auch den diesmaligen Winter in Italien verbringt, lauten die Nachrichten einigermaßen besorgnißerregend.

Bon dem beim Reichskanzler stattgefundenen parlamentarischen Fastnachts-Diner" sind größere politische Aeußerungen der Fürsten Bis- marck nicht zu verzeichnen uvd soll er nur gelegentlich der Hoffnung aus Er­haltung des Friedens Ausdruck verliehen haben.

Im Reichstage machen fich allmälig die ersten Spuren von Arbeils- Müdigkeit bemerklich und es heißt denn auch, daß er noch vor Ostern geschloffen werden solle. Da das Haus die ihm vorliegenden hochpolitischen Ausgaben sämmtlich erledigt hat, so dürften die ca. 5 Wochen, die noch zwischen heule und dem Sessionsschluffe liegen, zur Erledigung der noch vorhandenen Arbeitrmale- rialr wohl genügen, vorausgesetzt, daß dem Reichstage keinerlei neue Entwürfe mehr zugehen. Gerade in der letzten Z-it haben die langen Debatten über die Verlängerung der Legislatur Perioden und des Socialistengefetzes ziemliche An­forderungen an die körperliche und geistige Ausdauer der Reichsboten gestellt, so daß die hieraus folgenden Verhandlungen eine gewtffe Abspannung erkennen ließen. Dies war namentlich in der Miltwochrsitzung der Fall, welche dem An- trage der CentrumSpartei auf Gewährung größerer Sonntagsruhe für gewerb­liche Arbeiter gewidmet war. Die Dtscussion erwies sich als wenig belangreich, zumal es fich um ein im Reichstage schon ost dagewesenes Thema handelte, über welches die Meinungen, wie auch die erwähnte Sitzung wieder bewies, noch immer auseinandergehen; her bezügliche Antrag ging schließlich an eine Commission.

Zu dem mit dem 11. Februar in Kraft getretenen Wehrgesetze find nunmehr die Ausführung-- und militärischen Ergänzungs-Bestimmungen erlassen worden. Die letzteren beziehen fich hauptsächlich aus die geschäftliche Behandlung und Erledigung der Controls der Listensührung und der sonstigen Angelegen­heiten der Wehrpflichtigen seitens der Ersatz- und Control-Behörden.

Im preußischen Abgeordnetenhaus- ist eine neue Eisenbahn- Vorlage eingebracht worden. Dieselbe sordert 111 Mill. M. sür 19 neue Eisenbahn-Linien, Vermehrung des Fuhrparks, Umbauten, Erweiterungen u. t.w. Die vorgeschlagenen neuen Linien sollen zum Theil aus strategisch-militärischen Gründen gebaut werden. Dar Abgeordnetenhaus setzte am Dienstag und

Mttwoch die Specialberalhung der Etats fort, doch boten die Verhandlungen kein weitergehender Jnt-r-ff- dar.

In der bayerischen Abgeordnetenkammer begann am Mittwoch die Berathung der Vorlage, betr- die Einführung der Unfallversicherung sür die land- und sorstwirthschastlichen Arbeiter in Bayern. Der Minister der Innern [egte hierbei die Grundsätze der Entwurfes dar und bemerkt- dazu, daß die bayerische Regierung die Socialpolikik der Reicher stetr sreudig unterstützt habe.

Vor dem Zuchtpolizeigericht von Pari» begann am Donnerstag der Proceß gegen den Abg. Wilson und Genoffen wegen Ordenrhanvelr. Den an diesem "Tage gemachten Aussagen der Mitangeklagten Wilson's zufolge soll derselbe für seine Bemühungen, bestimmten Persönlichkeiten durch seinen Einfluß Ordenrüecoiationen zu verschaffen, allerdings kein Geld erhalten haben-

Deutscher Reichstag:

40. Sitzung vom 17. Februar 1888.

Auf der Tagesordnung: 3. Berathung des Soeiältst en gesetzeS.

Kriegsminister Bro ns art v. Schellendorff: Abg. Bebel habe in der 2. Le- jung unrichtige Thatjachen bezüglich militärischer Verhältnisse.vorgebracht. Es sei nicht richtig, daß ein Soldat Haupt flüchtig geworden ser, nachdem er seinen Unter­offizier geohrfetgt habe. Derselbe habe sich vielmehr darüber beklagt, geschellt worden zu jein. Derjelbe fei in contumaciam zu 150 JL Geldstrafe verurtheilt worden, wo­durch die Dejertion nicht gejühnt werde. Dies sei ihm auch s. Z. jchriftlich auf jeme Nachfrage mitgetheilt worden. Daß ein jo schweres Vergehen, wie das von Bebel, angegebene, nicht durch eine solche Geldstrafe gesühnt werden könne, liege auf der Hand. Es sei nichts seitens der Militärverwaltung geschehen, was nicht durchaus den be­stehenden Gesetzen, die doch Herr Bebel kennen müsse, entspreche. Daß jettens des betr. Truppenthetls dem Haupt eine zu einem Jrcthum Anlaß gebende Ntttthetlung zugegangen jein jollte, könne er nicht glauben. Er fordere Bebel auf, die Schrerben, auf di^er^sich ^^^'^0c.^ettlärt, daß er sich allerdings in dieser Beziehung imJrr- thum befunden habe. Er habe heute beabsichtigt, aus eigener Initiative drese Er­klärung abzugeben. Redner wendet sich nun gegen das Socialrstengesetz. Dasselbe jet anläßlich der Attentate erlassen worden, die nicht socialdemokratischen, sondern anar- chistsichcn Ursprungs seien. Davon könne keine Rede sein, daß die Socialdemokratm in Bezug auf die Entscheidung der Berechtigung oder Nichtberechtigung socralpolitischer Forderungen ihren Standpunkt ausgeben und den der Rechten cinn-hmen ; st- wurden, damit aushören, ein- selbstständige Partei ,u sein. Die soei-ldemokratisch- P-rt-t arbeite aus eine völlige Umgestaltun, der bestehenden Gesellschaftsordnung hin. DaS- selbe habe das Christenthum auch gcthan und die Socialdemvkratie hab«das deutsche- Kaiserreich bereits gezwungen, die svcialisttsch- Maske vorzun-hm-n (Vtc^r-stdmt vr. Buhl ruft den Redner wegen dieses Ausdruckes zur Ordnung.) ^-voluttonen. könnten nur stattfinden, wenn ein Bedürsnitz dazu vorltege, wenn große Volksmasterr von gewissen Ideen durchdrungen seien. Agitatoren konnten keine Revolution sur stch allein machen und eine Revolution fei unmöglich, wenn blc herrschenden Kfi vorhandenen dringenden Bedürfniffen rechtzeitig nachgeben. Es ser dies mcht->> Rmes» die Liberalen hätten dtefelben Ideen und doch hatten die Nat onalliberalen alle Aus­nahmegesetze gefchafien, gegen die Polen, die Elsässer, die Socialdemokraten. Deutsch land glaube allein, ohne Ausnahmegesetze nicht auskommen L" komm. FraÄtttttz habe durch die Begnadigung der Communarden einen Act der HochherziAkett begangen» wie stehe Deutschland dagegen da! Was anderwärts als ganz ^bstverstandlichbetrach- tet werde, was als zum Staatsleben nothwendrg gelte, das werde-hier als Umsturz-- bestrebuna verfolgt. Das Socialistengesetz werde nichts weniger als loyal ausgefuhrt. Ein ganzes Heer von Parteispiheln werde gehalten. Der Züricher Polizeihauptmann Fischer habe ihm und Singer nichts weiter mitgetheilt, als eine Bestätigung der ihm vorgelegten Angaben. So unerhört, wie Hr. v. Puttkamer es hmstellte, fit bas Ver­fahren Fischers nicht; in Deutschland seien ganz andere Jndiscretiomn über gericht­liche Untersuchungen vorgekommen. Die Anarchisteret hatte langst aufgehort, wenn sie.