Nr. 297
Mittwoch den 19. December
iclzener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
ivureaur Schulstraße 7.
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4QOO-. m L r. , „ Nr. 42 des Reichs.Gesetzblatts, aurgegeben den 14. d. M., enthält:
ure. lödAj Verordnung, betreffend die Kautionen der Beamten der Retchseisenbahnverwaltung. Vom 5. December 1888
Gießen, am 17. December 1888. Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Volittfcbe Rundschau.
Gießen, 18. December.
Der Kaiser empfing am Sonntag Nachmittag 1 Uhr den neuernannten Botschafter Spaniens am Berliner Hofe, Grafen Rascon, in besonderer Audienz behufs Entgegennahme von dessen Beglaubigungsschreiben. Unmittelbar darauf hatte der neue Botschafter die Ehre, auch von der Kaiserin empfangen zu werden. Graf Rascon ist somit officiell am Berliner Hofe eingeführt und können die kleinen, lediglich aus Etikettenfragen entstammenden Differenzen, welche sich zwischen der Reichsregierung und der spanischen Regierung aus der Ersetzung des Grafen de Benomar durch den Grafen Rascon als diplomatischen Vertreter Spaniens in Berlin ergaben, nunmehr als bet- gelegt betrachtet werden.
Die parlamentarischen Wethnachtsferien üben naturgemäß ihre Rückwirkungen auf die gejammte innere Politik aus und macht sich denn auch in letzterer Beziehung die festtägliche Ruhepause mehr und mehr bemerklich. Dagegen beansprucht die ostafrikanische Frage das volle Tagesinteresse, sowohl, weil ihr die letzte so bedeutsame Verhandlung des Reichstages vor seiner Vertagung galt, als auch wegen der gerade zur Zeit der erwähnten Reichstagsdebatte etngegangenen Unglücksbotschaft über die angebliche Gefangennahme Emin Pascha's und Stanley's durch die Mahdisten. Eine unzweifelhaft bestätigende Nachricht hierüber liegt zwar noch immer nicht vor und wäre schon wegen des von Verbindungen mit Europa so entfernt gelegenen Schauplatzes der Kämpfe zwischen Emin Pascha und den Mahdisten nicht gleich ;u erwarten, aber leider klingt diese neueste afrikanische Hiobspost nicht unwahrscheinlich. Sollte nun Emin Pascha wirklich in die Hände der Mahdisten gefallen sein, so würden natürlich die von deutscher wie englischer Seite vorbereiteten Unternehmungen zum Entsätze des heldenmüthigen Mannes keinen Zweck mehr haben, während zugleich der Araberaufstand in Ostafrika aus einem derartigen neuen Erfolge des „Ehalifen von Ehartum" frische Kraft schöpfen könnte. Denn die von Emin Pascha bislang so tapfer behauptete egyptische Aequcrtorialprcwinz trennte allein noch die Araber des Sudan von denjenigen Araberstämmen, die im Süden und Westen der Aequatorialprooinz Hausen. Der Fall der letzteren würde die Vereinigung all' der arabischen und europäerfeindlichen Elemente bewerkstelligen, die nördlich und südlich der Aeosuatorialprovinz ihr Wesen treiben und es hätte somit der Aufstand-an der ostafrikanischen Küste an dieser Vereinigung einen bedenklichen Rückhalt gewonnen. Die Maßnahmen der europäischen Mächte gegen den Sclaoenhandel in Ostasrika würden alsdann selbstverständlich in eine ganz neue Phase treten, deren Weiterentwickelung sich noch gar nicht absehen läßt.
Im Oveonssaale zu München fand am Sonntag eine Antisclaverei- Versammlung statt, die aus allen Schichten der Münchener Bürgerschaft zahlreich besucht war. Außerdem wohnten der Versammlung die Prinzen Ludwig, Leopold und Arnulf mit Gemahlinnen, Prinz Alfons, die Prinzessin Elvira, das diplomatische Corps und die Spitzen der Behörden bei. Kammerpräsident v. Ow eröffnete die Versammlung, dann folgte Landtagsabgeordneler v. Schauß mit der Etnleitungsrede und an diese reihte sich ein Vortrag des Afrikareisenden Gerhard Rohlfs über den Sclaven- handel. Nach den Mittheilungen Rohlfs werden allein in Tripolis jährlich 30,000 Sclaven verkauft, zwei Millionen Neger würden bei den Sclaoenjagden in jedem Jahr gerödtet (?), 60 arabische Händler hielten ganz Ostafrika in Schrecken. Das Verbot gegen den Sclaoenhandel an der Küste von Sansibar, sowie die Verhinderung der Sclavenausfuhr durch Mithilfe der Kriegsschiffe und etwa 500 Soldaten würden die Hauptgräuel beseitigen. Rohlfs sprach den Arabern jedwede Eioiltsatton ab. Nachdem Missionar Geyer in eingehendster Weise die Zustände in der Sclaverei geschildert hatte, schloß Bürgermeister Dr. v. Widemayr die Versammlung mit einem Hoch auf den Prinz-Regenten, in welches die Anwesenden begeistert einstimmteu.
Der Zusammenbruch der Panama-Gesellschaft droht in Frankreich zu einer politischen Crisis zu führen. Mit 262 gegen 188 Stimmen ist von der französischen Deputtttenkammer die Regierungsvorlage, welche die finanzielle Unterstützung des Panama Unternehmens von Staatswegen bezweckte, abgelehnt worden, obwohl der Finanzmimster Peytral wiederholt und eifrig für die Vorlage eintrat und diese Niederlage der Regierung kann möglicherweise zum Rücktritte des Ministeriums Floquet führen. Die Pariser Blätter bezeichnen zwar die Ablehnung der Panama-Vorlage als einen schweren Fehler, den die Deputirtenkammer begangen habe, aber an der That- sache der Ablehnung selbst ändert natürlich der Rüffel, den die Pariser Presse mit seltener Einmüthigkeit den Vertretern der Nation ertheilt, nicht das Geringste. Inwiefern bei dem ablehnenden Votum der Deputirtenkammer politische Beweggründe mit hinein spielen, läßt sich noch nicht beurtheilen, vermuthltch wird aber die Mehrheit der französischen Volksvertretung bei der Ablehnung der Panama-Vorlage zunächst von der Anschauung ausgegangen sein, daß der französische Staat nicht für ein Unternehmen einzutreten habe, welches schon Hunderte von Millionen verschlungen, wenngleich dessen Gründer Franzosen sind.
In den höheren ungarischen Bearntenkreiseir scheint auch Manches faul zu fein. In Pest wurde Johann Kokan, Director im Handelsministerium, verhaftet, weil er dringend verdächtig erscheint, 42,000 Gulden unterschlagen zu haben, die er an die Eentralkasse des Zollamtes abliefern sollte. Kokan behauptete, diese Summe, die er in Tausender-Noten'in einem Couvert bei sich trug, auf dem Wege nach dem Zollamte verloren zu haben, aber die gegen Kokan sofort eingcleitete polizeiliche Untersuchung ergab so belastende Momente für ihn, daß seine Verhaftung erfolgen mußte.
Feulschtand.
Darmstadt, 17. December. Die Leiche Sr. Großh. Hoheit des Prinzen Alexander war gestern in den Vormittagsstunden von 10 bis 1 und in ben Nachmtttagsstunden von 2—5 Uhr im prinzlichen Palais öffentlich ausgestellt. Das betr. Zimmer war in ein Trauergemach umgewandelt; die Wände warm mit Palmen ?c. bedeckt, der Kronleuchter mit schwarzem Flor verhüllt. Auf schwarz behangenem Katafalk stand der die Leiche des Prinzen bergende Sarg; dieselbe war in reiche Galauniform gekleidet und mit sämmtlichen Orden des hohen Verblichenen bedeckt. Um den Sarg herum lagen eine überaus große Anzahl Lorbeerkränze, Palmzweige, bedruckte Schleifen u. s. w. Sechs brennende Kandelaber erhöhten den ungemein feierlichen Eindruck. Die Ehrenwache bildeten die Herren Staatsrath v. Biegeleben, Oberstlieulenant a. D. Freiherr d. Ricou, Prooinzialdtrector v. Marquard, Kammerherr Regierungsrath v. Grolman und eine größere Anzahl Stabsoffiziere. An der Leiche, die ein Kruzifix von schwarzem Ebenholz in den Händen hielt, zogen im Laufe des Tages Tausende von Menschen vorüber, noch einen letzten Blick auf die Züge des Tobten werfend, die im Leben so mild geblickt. Die Leiche des höchstseligm Prinzen wird am Dienstag den 18., Abends 7 Uhr, in die Stadtkirche übergesührt werden. Die Beisetzung auf der Rosenhöhe findet am Mittwoch den 19., Mittags 2 Uhr statt.
Berlin, 16. December. § 10 des Unfalloersicherungsgesetzes vom 6. Juli 1884 bestimmt, daß Jble Berufsgenossenschaften außer zur Deckung der zu leistmden Ent- schädigungsbetrage und der Verwaltungskosten, sowie zur Ansammlung des Reservefonds auch zur Gewährung von Prämt.n für die Rettung Verunglückter und für Abwendung von Unglücksfällen Verwendungen aus ihrem Vermögen vornehmen können. Während für den letzteren Zweck im Jahre 1886 von den 62 Berufsgenossenschaften, welche durch das oben cittrte, sowie das Ergänzungsgesetz vom 18. Mai 1885 in*5 Leben gerufen sind, nur 190 je. angegeben waren, weisen die an den Reichstag gelangten Rechnungsergebnisse derselben Berufsgenossenschaften auf das Jahr 1887 für densU-en Zweck bereits die Summe von 7902,49 „ä auf. Die Müllerei-Berufsgenossenschaft allein ist bei dieser Summe mit 6509,30 JL beteiligt.
Telegraphisch« §ep«schea.
Msllst'A HUet. TarrrspONdenr - Burear».
Berlin, 17. December. Der Antrag des Reichskanzlers auf Vermehrung der Nickelmünzen geht auf weitere Ausprägung von etwa vier Millionen Mark in Zehnpfennigstücke, von etwa 2 Millionen Mark in Fünfpfennigstücke, wovon die Münzstätten Berlin, München, Dresden, Stuttgart, Karlsruhe und Hamburg resp. rund 54, 14, 8, 10, 6 und 8 pCt. ausprägen sollen.
— Die „Nordd. Allgem. Ztg." veröffenllicht den Wortlaut des Dekrets des Königs von Portugal vom 6. December über die Theilnahme Portugals an den Maßregeln zur Unterdrückung des Sklavenhandels in Ostafrika, worin in Erwägung der Solidarität der Interessen unter den europäischen Nationen, welche sich bemühen, die Sklavenhändler zu bekämpfen und zu verfolgen, die Einfuhr, Ausfuhr, Wiederausfuhr, sowie der Verkauf von Waffen und sonstigem Kriegsbedarf provisorisch in den District Cabo, Delgado, Mozambique, Angoche, Ouiüimane, Sofala und Jnhambane verboten wird. Ferner werden hinsichtlich der Einfuhr von Waffen und Kriegsbedarf und der Ausfuhr von Sklaven in Blokadezustand erklärt alle Häfen, Buchten und Ankerplätze an der Ostküste Afrikas und den anliegenden Inseln von der Mündung des Roouma ab bis zur äußersten Südspitze der Pemba-Bucht.
Berlin, 17. November. Dem Vernehmen nach trifft in der ersten Hälfte des Januar eine außerordentliche Gesandtschaft des Sultans von Marokko hier ein, um dem Kaiser die Glückwünsche des Sultans zur Thronbesteigung zu überbringen.
— Die „Nordd. Allgem. Ztg." wendet sich in einem längeren Artikel gegen in der Presse unaufhörlich wiederkehrende Nachrichten über bevorstehende Veränderungen in der Organisation des Heeres und in der Besetzung der höheren Commandostellen. In Betreff der organisatorischen Veränderungen solle man sich doch mit dem begnügen, was dem Reichstag oorgelegt werde; weitere bezügliche Vorschläge seien in nächster Zett nicht zu erwarten. Das Verlangen der Unterstellung des MUitärcabinets unter das Kriegsministerium zeuge von einer großen Unkenntniß der Bedeutung dieser Einrichtung. Das Militärcabtnet sei ein besonderes Cabinet des Königs, worin königliche Befehle in militärischen Angelegenheiten ausgefertigt würden, es stehe als solches wie das Ctvilcabinet des Königs zu keinem Ministerium in verantwortlicher Unterordnung, habe auch niemals unter dem Kriegsministerium gestanden. Unter letzterem unmittelbar habe sich früher eine Adtheilung für persönliche Angelegenheiten befunden, welche, wie die Rangliste zeige, noch heute bei demselben geführt werde. Die unaufhörlich erfolgenden Nachrichten über bevorstehende Personaländerungen in der Armee nützten nichts, da sie weder die Urtheile der Vorgesetzten, noch die Entschließungen des Königs beeinflussen könnten, während sie auf die Disciplin des Heeres und auf das Ansehen höherer Officiere schädlich wirken müßten.
Wien, 17. December. Der Corpscommandant Feldzeugmeister v. Schoenfeld hat sich im Austrage des Kaisers nach Darmstadt begeben, um der Leichenfeier des Prinzen Alexander von Hessen beizuwohnen.
Bern, 17. December. Der Nationalrath verwarf nach zweitägiger Debatte mit 85 gegen 38 Stimmen die Trennung der öffentlichen Volksschulen nach Confessionen als unvereinbar mit der Bundesverfassung. — Im weiteren Verlaufe wurde mit 99 gegen 12 Stimmen der Antrag des socialdemokratischen Mitgliedes Locher, den Bundesrath zur Zurücknahme seines Kreisschreibens vom 11. Mai betreffend dre Handhabung der politischen Polizei zu veranlassen, abgelehnt.
Paris, 17. December. In parlamentarischen Kreisen hält man die Annahme der Vorlage zur Wiederherstellung des Einzelskrutiniums für wahrscheinlich.
— In Folge wichtiger Aufschlüsse über die jüngsten Bombenexplosionen haben die Untersuchungsrichter bei mehreren Anarchisten die Vornahme von Haussuchungen angeordnet.


