Zweites Blatt. Sonntag den 18. November
Ar. 271 Zweites Blatt. (Lonnmg ven 10. vcovcmoer 1388»
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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fortfällt, wird in den betheiligten Kreisen nicht hoch angeschlagen. Im Gegentheil hofft man durch dte Anordnung von zwei Dtvtsions^Artillerie-Regimentern nicht allein die Mobilmachung und die Befehlssührung zu erleichtern, sondern. man meint- mit vollem Recht durch dte Ausscheidung einer bestimmten Reserve zur ausschließlichen Verwendung des commandirenden Generals, wie bet der Infanterie, im gegebenen Falle auch große Arttlleriemassen auf einem bestimmten Punkte vereinigen zu können. Daß bet on Gelegenheit dann die zweiten Staffeln aus dem Rahmen der Batterien fortsallen, und in je eine Diotsionsartillerie-Munitions-Colonne vereinigt werden muffen, ist eine noty- wendiae Folge der geplanten Neuordnung. , r x .
Ebenso wird wohl auch die Forderung im Allgemeinen als berechtigt anerkannt, daß dte Officiere der Feldartillerie keine Sonderausbtldung mehr zu erhalten brauchen, rote dies bisher durch den Beiuch der vereinigten Artillerie- und Ingenieurschule, sowk durch die Ablegung einer Haupimannsprüsung gefordert wurde. Jedenfalls wird -s von artiUertstischer Seile als erforderlich bezeichnet, daß der Feldarttllerleosftcter die Seleeta der Artilleriefchule besucht. Die Ausbildung des Ossteters der Feldarttllerie bet der Truppe dürste übrigens ebenso ausreichend sein wie bei der Jni-nterte, die Tbeorie des Schießens bet letzterer hat auch seine Schwierigkeit und wird von ledem Oificier durch die Praxis erlernt Das Feldgeschütz ist nicht verwiekelter als etn Magazingewehr mit seinen großen Schußweiten, und die tbeorettschen Kenntnisse für einen ergiebigen Gebrauch desselben werden sich ebenfalls durch die Praxis lernen lassen.
Deutschland.
Berlin, 17. November. Dte Ziffern, roekbc der Rappel" über die Zahl bet Elsaß-Lothringer brachte, die in der französischen Fremdenlegion dienen, sind uattir ch erlogen. Die beiden Regimenter zusammen, die gegenwärtig die Fremdenlegion ausmachen weisen etatsmätzig noch nicht einmal bte Kopfstarken auf - welche der Rappel allelli für die Elsaß-LothrNiger in Anspruch nimmt Wahr ist es, daß eine^große An. zahl militärpflichtiger Reichsländer in der französischen Fremdenlegion^dient. Letztere siebt — abgesehen von dem Osfizierkorps, das nur seiner Pflicht genügt — in der Schätzung aller anständigen Leute aus einer Stufe, die vom Bagno nicht allzuweit ^tfernt m unb für eine Ehre wirb es kein Mensch hallen, dieser Truppe anzugehoren, welche für ein paar Franken ein Dasein erträgt, das kaum noch menschenwürdig ge- na rn werden kann Die Elsaß-Lothringer, die sich der Ehre entziehen, in dem deui- toen Vi7ereb in bienen um dafür die Unehre einzuiauschen, der srauzosifchen Fremden- I^gio/anjugehören, sind deshalb Subjekte ohne besonderes Ehrgefühl derer> kärger- licken Tod wir weiter nicht zu betrauern brauchen. Die Framosen freilich stellen die Sache so dar als ob diese Unglücklichen ihrem unbezwinglichen Drange, dem verlorenen Vaterland Frankreich" zu dienen, durch dm Eintritt in die Fremden egion genügten, La ne als Ausländer in das eigentliche französische Heer nicht eingestellt werden konnen. Wer ober als Mensch so heruntergekommen ist, um als Angehöriger des Deu chen Reiches und als Deutscher von Nationalität das Sklavenleben in der französischen Fremdenlegtonbegehrenswerth zu finden, der geht nichtnach AfriaalgveickapP-r französischer Patriot, sondern als Bummler und Reislauser. Es mag joHein, daß bte und da auch ein Elsaß-Lothringer, verführt durch franzofische Hetzereien, sich für einen Helden ansieht, wenn er in die Falle geht, die unter der französischen Flagge Menschenfleisch für Algier und Tongktng einfangt, aber jedenfalls wird dieses Heldenthum den Betreffenden sehr bald in der wahren Gestalt einer verlorenen Existenz klar. Man konnte sogar so wett gehen , diese
Unglücklichen, welche freiwillig Vaterland und Heimath verlassen, nicht leids für werth zu halten, weil eben ihre- Handlungsweise eine ßerabeiu und jedenfalls thut unsere Regierung vollkommen recht, daß sie all den vielen Rekla- matiönm deutscher Fremdenlegtonäre gegenüber, die n°» Erlo ung aus d-m moralifchen und physischen Jammer der Fremdenlegion begehren, sich gleichmäßig abwehrend ver- bält In Elfatz-Lothringen ist dieser Jammer aus den Schicksalen vieler Landsleitte hinreichend bekannt und wenn trotzdem.zur Freude der Welschen die tsto. F urcht flufbören in ihr Garn zu laufen, so mögen diese Ueberläufer auch sehen, wie sie sich mit den Wohlthaten der grande nation, die sie in der Fremdmlegion spendet, abfinden. Man kann nur mit Verachtung von diesem „Drange", den Franzosen zu Liebe in die Sklaverei zu laufen, reden. __
Neber die Neuordnung der Ieldartillerie
schreibt die „Kölnische Zeitung":
Nachdem durch die Trennung der Feld- und Festungsartillerie die erstere ihrer eigentlichen Grundform als kämpfende Truppe zurü-kgegeben worden war ist gegen- wärtig eine Strömung vorbanden, welche den damals begonnenen Schritt vollenden und die Feldarttllerie als Sonderwaffe unter besonderen Vorgesetzten ausgeben und dieselbe in den großen Heeresrahmen noch enger als bisher einfugen will. Man geht dabei von der Erwägung aus, daß nach der heutigen Kamvfwetse die Feldartillerie eine ebenso selbstständige Waffe ist wie dte Infanterie und Cavallerie und wenn der höhere Truppensührer °tn der richtigen Verwendung der beiden letztgenannten Waffen erfahren sein muß, so ist dies nicht minder bezüglich der Feldartillerie erforderlich.
Aus die'en Erwägungen entsprangen die Forderungen, daß die Feldartillerie den technischen Behörden entzogen, d. h. aus dem Verbände der General-Inspektion der Fttdartillerie und der Feldartillerie - Inspektionen herausgenommen und unter Bei. behaltung der Feld-Artillertebrigaden den Armeekorps unterstellt werden mufeU. $ie Schlachten der Zukunft werden hauptsächlich öonJ)er 3nfanterte und der Feldartillerie durchmkämpfen sein, und bei der Infanterie besteht zu diesem Behüte als höhere Truvvmeinbett die Division. Die Schlachtenthätigkeit der Cavallerie äußert sich aber in der Regel nicht im Verbände der Infanteriedivision, sondern höchstens in dem des Arm/ekorvs Die Feldartillerie hat mithin ihren Schwerpunkt bei der Infanterie- Ln unb nkcht beim Armeekorps; es ist daher durchaus richtig, wenn das M lilar- b?r Hutbeiluna der Feldartillerie zu den Divisionen und nicht zu dem Armeekorps das Wort redet. Als unbedingt erforderlich wird es in den betheiligten Kreffen angesehen, daß die Feldartillerie bereits im Frieden mit der Infanterie im enaften Verbände stehen muß, und dies kann wohl nur die Division fein.
Nach der jetzigen Ordnung gehört zu jedem Armeekorps ^ne Feld-Artillerie- Lrlaade welche sich aus zwei Regimentern zusammensetzt; davon hat das altere Regi. nipnt ps's darunter drei reitende, das jüngere Regiment neun Batterien. Die Gepflogen- ^b-id-ngrößeren Truppenübungen läßt jebrr ber beiden Divisionen ein solches Regiment zuthetlen, so daß hier also eine thatsächliche Unterstellung unter die Jnsanterie- division stattfindet. Aber nur während dieser Hebungen ist dies der Fall; im ganzen öSn militärischen U-bungsjahre bat der Eommandeur der Infanteriedivision mit der F^dmtillerie n"cht das geringste in dienstlicher Beziehung zu thun Bei der erwünsckten Neuordnung, wo es weder einen General-Jnspecteur der Feldartillerie noch einen^Artillerie-Jnspetteur geben soll, tritt an deren Stelle als höherer Vorgesetzter der wahrend der bisherige Eommandeur der Feldartilleriebrigade ta Mnrr8@Sg Berbieibt unb eine ähnliche Stellung unb bienstliche Thätigkelt haben würde wie der Eommandeur der Eaoalleriebrigade. Ihm würde also die obere Ausfich
Ln Lin nrHUpHftifAen des Dienstes der Feldartillerie zu übertragen sein,
-ls° alles was^s ch auf^bas Geschützwesen unb bte Millertstische Schießausbilbung b lebt ^Wenn auch bt“fe befonbere artilleristische Behorbe betbehalten wirb, so kann
*U9C ®a6,CbetmbUen in Siebe stehenden Neuordnungen d°sD°rha^ «rtillerie, d. h. einer besonderen Artillerie-Reserve zum Auftteten^ mit Geschützmasten
Verwischtes.
Darmstadt, 15. November. Die constituirende Versammlung des Landesausschusses der landwirthschaftlichen Vereine des Großherzogthums Hessen fand am. 12. November im Lokale der Großh. Oberen landwirthschaftlichen Behörde statt. Der Vorsitzende der genannten Behörde, Herr Geheimerath viJanp,/Ernte d e Versammlung und erklärte, daß er sich erlaubt Hütte, die Mitglieder^des ^an^esausschusfes einzuberufen, nachdem vor Kurzem die letzten Wahlen hierzu vollzogen worden waren. Eine Tagesordnung läge nicht vor, da es sich zunächst nur um die Constttuirung des Ausschusses handle. ES wird hierauf zur Wahl eines Präsidenten geschritten und^als solcher Herr Geheimerath Dr. Goldmann Exc. mit allen 8^ eineSttmme gewählt. Letzterer übernimmt sodann den Vorsitz und leitet nun die Wahl des Biceprasidentm ein. Dieselbe fällt auf Herrn August Dettweiler (Laubenheim). Von der Wahl eines Secretärs wird mit Rücksicht auf die Wichtigkeit des Amtes und da man nicht genü-' 'd vorbereitet sei, heute abgesehen und eine Eommission, bestehend aus den Herren Kreisrath Haas (Offenbach), Kammerrath Weber/Laubach) und Gu^ E. Wernher (Nierstein) ernannt, in nächster Sitzung hierüber, sowie bezüglich der Verhältnisse der landwirthschaftlichen Zeitschrift und die Regelung des Rechnungswesens des Ausschusses Vorlage zu machen hat. Als Geschäftsordnung wird! dieienige der früheren erweiterten Eentralstelle, soweit sie passend, angenommen, bis das Bedurfniß der Einführung einer neuen sich geltend mache. Der Präsident halt es für nothig, ständige Commissionen oder Referenten im Ausschuß -u bestellen, die nicht nur die ihnen zugewiesenen Arbeiten zu vollziehen, sondern auch das Recht und die Pflicht hätten, Anträge zu stellen und sagt zu, in nächster Sitzung Vorschläge machen zu wollen. Herr Dettweiler (Laubenheim) beantragt die Niederfetzung einer ^ominffsion, welche sich mit der Prüfung des Entwurfs des neuen bürgerlichen Gesetzbuchs in seinen Beziehungen zur Landwirthschaft befassen soll. Es wird ledoch» zur Zeit^hiervon abgesehen, nachdem der Präsident sich erboten hatte, zunächst mit den Referenten der Commission, welche Seitens der Regierung mit der Behandlung des Entwurfs beauftragt wurde, in Verbindung zu treten und spater hierüber zu referiren^. ES 1wird in der Verhandlung besonders betont, welch umfangreiches Material in dieser Fra^e zu bewältigen ist, das ein sehr eingehendes Studium erfordere. — Herr Dettweiler (Darmstadt) fragt, ob zur Zulassung der Vertretung anderer Vereine im Landesausschuß, wie sie in den Satzungen vorgesehen ist, nur auf Antrag eines solchen Vereins geschehen oder ob auch aus der Mitte des Ausschusses Anregung auf Zu- ziehung gegeben werden könne. Es wird jedoch davon Abstand genommen, die^Frage jetzt schon zu entscheiden, diese vielmehr vorläufig als eine^offene betrachtet ® r Großh. Staatsregterung stehen zur Forderung besonderer Zwecke der Landwirthschaft, abgesehen von den Zuschüssen an die landwirthschaftlichen Vereine, "der welche letztere zu beschließen haben, Mittel zur Verfügung, und wirft Herr Wernher (Nierstein) die Frage auf, ob diese Gelder nicht dem Landesausschutz zur Verwendung zuzuweisen feien. Herr Geheimerath Jaup äußert hierzu, datz dies nicht der F^ ^ein koune da der Landesausschuß keine Executive besitze, sondern nur als eine ber^enbe: unb;be0uh achtende Vertretung der landwirthschaftlichen Vereine anzusprechen wäre. Ausge chlos n fet damit nicht, daß die Regierung dem Landesausschuß in Fallen, in Denen oteö erwünscht sei, über die Verwendung der Mittel hören werde. In gleichem totnne spricht Herr Kreisrath Haas und weist der Präsident noch darauf hin, baß nach den aemeinsamen Satzungen der Vereine dem Landesausschuß etne Verwendung von ©ermitteln nur für seine eigenen Bedürfnisse, wie Bureaukosten rc. rc- zustehe, für roel^e die Vereine in der Höhe des Aufwandes aufzukommen hatten. Herr Haas regt^sodann noch die Abhaltung der in den Statuten vorgesehenen^^^eraloersammlung der drn landwirthschaftlichen Provinzialvereine an und wird beschlossen, daß dieselbe im nächsten Jahre in Rheinhessen stattfinden solle.
- Von einem bekannten Mediclner, ber sich vornehmlich mtt der Schulhygiene beschäftigt, wird der „Berl. Börfen-Zeitung" geschrieben: Wie fickinnere Kinder in der Schule schwere Erkältungen holen — das konnte man an den Vormittagen der letzten Tage wohl bet den meisten Schulhausern mit eigenen^Augen sehen» Wohl noch nie ist von der Gesundheitspflege unserer Jugend in der Schule so viel gesprochen und geschrieben worden wie gerade in der Gegenwart — trotzdem schemt die allereinfachste und allbekannteste Grundregel der Gesundheitspflege für viele Lehrer und Schulleiter doch ein unbekanntes Ding zu sein. Daß ein taher Temperaturwechsel der Gesundheit nachtheilig ist, weiß Jedermann, ebenso, daß man sich bald e nen Schnupfen holt, wenn man ohne Kopfbedeckung, ohne schützende^Oberkieider^^unmittelbar vom sehr warmen Zimmer in die kalte Luft hinaustritt. Noch weit empfindlicher als der Erwachsene ist das Kind, das sich im Allgemeinen sehr empfänglich für Erkältungskrankheiten zeigt. Nun können wir es aber an Vormittagen,/tets nach Verlauf ie Liner Schulstunde, sehen, wie trotz Regen unb grimmigster Kälte die Kinder ohne Kovfbedeckung, ohne Ueberkleider heerdenweise aus den warmen, oft sehr warmen Schulstuben getrieben werden, um volle zehn Minuten in leichter Zimmerkleidung in freier Luft zu verbleiben — während die Lehrer wohlgeschutzt von Hut und Paletot fick nach gesunden hygienischen Grundsätzen bewegen. Es ist vom twgtenifiben Stand- I ^unktt durchaus nichts dagegen einzuwenden, daß die Kinder nach leb er Schulstunde I in's Freie geführt werden; aber dies müßte doch mit derjenigen Bvrsicht geschehen, die I bk Xempentur, bie das Klima erfordert. Die Schule soll auch zur Abhärtung der


