Nr. 211 Zweites Blatt, Donnerstag den 18. October 1888.
Gießener Anzeiger
Amts--und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Schulstr-ß- 7/ ' Erscheint »glich mit Ausnahme Les M.nlagS. . '
Devlschtavd.
nn. Darmstadt, 16. October. ^Hessische dritte ordentliche evangelische Landes- fonobe.J Unter dem Vorsitz des Stabsaudtteur i. P. Eigenbrodl wurde heute Morgen VelO Uhr die dritte evangelische Landessynode mit Gebet eröffnet.
Nach Mittheilung einiger geschäftlicher Mittheilungen trat die Synode sofort in die Berathung der Vorlage Großh. Oberconsistortums betreffend Bildung einer Land- pfarret Mainz.
Der Ausschuß, welcher von der Nothwendigkeit der Bildung einer eigenen Landpfarrei Mainz überzeugt ist und in der durch die Vorlage deS Großh. Oberconsistoriums bestimmten Weise sowohl ein kräftiges und rasches Aufblühen der so wichtigen Mainzer Diaspora selbst erblickt, als es auck andererseits im wohlverstandenen Interesse der gesammten evangelischen Landeskirche des Großherzogthums liege, beantragt die Zustimmung zur Vorlage zu erthetlen und beschließt die Synode nach einigen befürwortenden Worten Seitens des Vertreters des Kirchenregiments, Präsident Gold mann einstimmig in diesem Sinne.
ES folgt nun Berathung über die Vorstellung der Pfarroicar Seeger Wtttwe betr. Einreihung in die geistliche Wtttwenkasse.
Pfarroicar Seeger ist in Ausübung seiner Dienste vor etwa 16 Jahren gestorben, ohne daß die Wtttwe desselben bis heute eine Berücksichtigung bezüglich der Einreihung in die geistliche Wittwenkasse erfahren hat. Auch heute empfiehlt der Ausschuß Ablehnung deS Gesuches. Abg. Brandt stellt jedoch den Antrag, die Angelegenheit zur Prüfung an den Finanzausschuß zurückzuverweisen, damit, wenn möglich, die Wtttwe, welcher ein Recht auf die Einreihung in die geistliche Wtttwenkasse nicht abzusprechen sei, falls Mittel hierzu augenblicklich nicht vorhanden seien, auf andere Weise entschädigt werde. Auch noch andere Synodale sprechen für den Antrag Brandt, welcher hiernach einstimmig Annahme findet.
Hierauf tritt die Synode in die Berathung des Antrags der Synodalen Dr. Walther, Dr. Stade und Stock betr. Bildung eines Darlehensfonds zur Unterstützung der hessischen Diasporagemeinden.
Der Antrag bezweckt für die unter der Freizügigkeit in industriellen Bezirken mit katholischer Bevölkerung sich ansammelnden Evangelischen, welche vorzugsweise dem Arbeiterslande angehören und welche nicht in der Lage sind, eigene gottesdienstliche Gebäude zu errichten und Pfarrbesoldungen aufzubrtngen, eine Unterstützung von 50 000 JC. zu bewilligen.
Das Großh. Oberconsistorium hat sich gegen diesen Antrag ausgesprochen. Obwohl von der Wichtigkeit des Antrags überzeugt, könne der verlangte Fond nur durch eine Erhöhung aufgebracht werden, wogegen sich das Oberconsistorium aus verschiedenen Gründen aussprechen müsse. Auch könne mit einem Fond von 50 000 JL nur wenig erreicht werden. Der Ausschuß schließt sich diesem Antrag an. Er führt auS, es seien in der evangelischen Kirche für heute für eine nicht absehbare Zeit dringendere Bedürfnisse zu befriedigen. Zahlreiche Pfarreien sind noch zu besetzen, ein allgemeines Pensionsgesetz müsse erstrebt werden; auch sei die Neubildung selbstständiger Gemeinden nicht zu begünstigen. Nach eingehender Debatte und nachdem Präsident Goldmann zusicherte, daß bet dem Entwurf des nächsten Budgets dieser Antrag nochmals in Erwägung gezogen werde. Aus diesen Gründen und auf Bitte des Abg. Brandt, welcher Hervorhebt, daß durch eine Ablehnung dieses Antrages die Synode dem Lande gegenüber in eine etgenthümliche Lage gebracht werde, zieht der Antragsteller, Decan Walther, feinen Antrag zurück.
Nach einer stattgehabten Pause findet die Wahl eines Schriftführers an Stelle des zum Mtnisterialrath ernannten Oberfinanzrath Emmerling statt und wurde mit 34 Stimmen Dr. Rieger gewählt. 15 Stimmen fielen auf Dr. Brandt-Mainz.
Den Schluß der heutigen Berathung bildet der Gesetz-Entwurf, betr. Gebalts- bezug der Geistlichen. Stach einer kurzen General-Debatte, in welcher der Gesetz- Entwurf wie er oorliegt gutgeheißen wurde, tritt die Synode in die Berathung der einzelnen Paragraphen. Diese regeln in eingehender Weise die Bezüge und Acctdenzien der Geistlichen und werden nach einigen Modificationen einstimmig nach dem Gesetz- Entwurf angenommen. Hierauf wird der heutige Verhandlungstag mit Gebet geschlossen.
Berlin, 15. October. In der Sitzung des Reichstags vom 20. März d. I. wurde bekanntlich einstimmig der Antrag angenommen, den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, dem Reichstag in dessen nächster Session eine Vorlage behufs Errichtung eines Denkmals des hochseligen Kaiser Wilhelm, des Gründers des Deutschen Reichs, zu machen. Wie wir hören, haben auf Grund dieses Beschlusses, welchem der Bundesrath beigetreten ist, Vorbesprechungen zwischen den Einzelregierungen bereits stattgefunden und sind die diesbezüglichen Verhandlungen soweit gediehen, daß morgen im Reichsamt des Innern unter Vorsitz deS Vicepräsidenten des Staatsministeriums, Staatsministers v. Bötticher, eine Conferenz zusammentreten wird, zu welcher die einzelnen Bundesregierungen Delegirte entsandt haben. Es sind dies die Herren Professor Begas, General-Major Müller, Professor Thiersch, Professor Riemann, Ober- Baurath Stübel, Geh. Rath Rümelin, Ober-Baurath v. Leins, Domherr Schneider, Geh. Rath v. Trettschke, Architect Halle, Baurath Heyden, Baurath Professor Ende, Bildhauer Dondorf, Ober-Kammerherr v. Alten, Geh. Ober-Regierungs-Ralh Jordan, Professor Kaulbach, Professor Lipsius, Professor Götz, Geh. Baurath Wagner, Senator Römer, Professor Becker und Dr. Dohm. Die nächste Aufgabe der Conferenz dürfte es sein, die Anträge betreffend die Ausschreibung der Concurrenzen vorbereiten zu helfen, welche dem Bundesrathe und Reichstage zur Beschlußfassung vorgelegt werden sollen.
— Die Romfahrt Kaiser Wilhelms nimmt, je länger desto mehr alles Interesse der Politiker und Laien gefangen. Sehr treffend bemerkt die „Nordd. Allg. Ztg.", daß ein Gefühl lebhaftester Befriedigung und Dankbarkeit im Herzen des deutschen Volkes, । eine innigere Knüpfung der freundschaftlichen Bande zwischen beiden Völkern als das hochbedeutsame Ergebniß des Kaiserlichen Besuches in Rom bezeichnet werden darf.
Und nach allgemeiner Ueberzeugung ist der Sache des europäischen Friedens in der verstärkten Annäherung der Fürsten und Völker zu beiden Seiten der Alpen eine neue und dauerhafte Bürgschaft erstanden.
Der Berliner Magistrat hat eine großartige Huldigung der Hauptstadt des Deutschen Reiches für ihren aus der Fremde hetmkehrenden Kaiser angeregt und einen dahin zielenden Antrag bei der Stadtverordnetenversammlung eingebracht, welcher lautet:
„Im Laufe dieses Monats wird Se. Majestät der Kaiser und König von den Besuchen, welche Allerhöchstderselbe den befreundeten Souveränen gemacht hat, hetrn- kehren. Fester sind durch diese Besuche die Bande geschlungen, welche die den Frieden schützenden Mächte verbinden. Verständnißvoll haben die Völker die Bedeutung dieser Reise erkannt. Jubelnd haben sie diesseits und jenseits der Alpen unseren Kaiser begrüßt. Dem heimkehrenden Herrscher unsere Freude über diese Erfolge auszudrucken, '
wird den Stadtverordneten wie uns ein HerzenSbedürfniß sein. Mit solcher Begrüßung beabsichtigen wir die Darbringung ein eß HuldigungSgeschenkeS zu verhindern Bei der Wahl war für uns ein Wunsch Sr. Majestät des Kaisers maßgebend, der dahin geht, den monumentalen Brunnen, für welchen der Professor Reinhold Begas im Auftrage deö Staates das Modell gefertigt hat, zur Ausführung gebracht zu sehen. Mit Rücksicht auf diesen Allerhöchsten Wunsch und da der Staat bereit ist, jenes Modell der Stadt zur Ausführung zu überlassen, beantragen wir, zu beschließen:
Die Stadtoerordneten-Versammlung ist damit einverstanden, Se. Majestät den Kaiser und König nach der Rückkehr durch eine Devutation zu begrüßen und in der zu überreichenden Adresse die Bereitwilligkeit der Stadt auszusprechen, einen monumentalen Brunnen nach dem vorn dem Prof. Reinhold Begas entworfenen Modell zu errichten und zu unterhalten.
Jubelnder Zustimmung der Bevölkerung Berlins kann dieser ebenso von wärmstem Patriotismus als verständnißooller Kunftliebe zeugende Beschluß der Vertreter unserer Gemeinwesens, das sich mit Stolz das Herz Deutschlands nennt, sicher sein — bemerkt zu obigem Vorgehen der städtischen Behörden die „Nordd. Allg. Ztg."
Krankreich.
Pari-, 16. October. Die Majorität, welche dem Ministerium das Vertrauen votirte, bestand aus 299 Republikanern, die Minorität aus 152 Mitgliedern der Rechten, 7 Boulangisten und 8 Republikanern. Die Minister und Unter ftaatSfecretäre, 67 Republikaner, meist Anhänger Ferry's, enthielten sich der Abstimmung. Die radikalen Blätter erblicken in dem Votum die Befestigung des Ministeriums. Dasselbe werde wahrscheinlich bis zu den Wahlen am Ruder bleiben; die monarchistischen Zeitungen sind im Allgemeinen der nämlichen Anschauung; die gemäßigt-republikanischen beklagen die Schwäche des Centrums und die Blindheit des Cabinets, welches in die Republik eine Bresche lege.
Universität- - Cbronik.
Marburg, 16. October. Der Privatdocent an der Universität Berlin und Prediger an der Waisenhauskirche zu Rummelsburg bei Berlin, Lio. theoL et Dr. phil. Gustav Adolf Iülicher, wurde vom 1. October d. I. ab zum außerordentlichen Professor in der theologischen Fakultät der hiesigen Universität ernannt. Dem Vernehmen nach ist derselbe mit der Verwaltung der durch das Ableben des Consistorialraths Professors Dr. Ranke frei gewordenen ordentlichen Professur beauftragt worden.
Vermischte-.
— sFeuerversicherungs-Verband.j Der Vorstand des Vereins Deutscher Eisen- und Stahl-Industriellen hatte in seiner neulichen Sitzung auch über den Antrag des Grünbungscornits's eines Feueroersichcrungs - Verbandes deutscher Fabriken, ein Mitglied in dieses ComitS zu delegtren, Beschluß zu fassen. Auf den von dem Geschäftsführer, Herrn Dr. Rentzsch, erstatteten Bericht wurde von dem Vorstände ausgesprochen, daß er ein Bedürfnis zur Gründung eines Feueroersicherungs - DerbandeS für Fabriken für nicht vorhanden halte und daß er demzufolge die Bestrebungen zur Begründung eines solchen Verbandes nicht zu unterstützen vermöge.
— Dieser Tage wurde in einer tieferen Lache unweit der früheren Kapenrnühle im anhaitischen Revier Vockerode zwei verendete Zwölfender gefunden, von denen der eine im Kampfe getödtet, der andere aber ertrunken war. Der stärkere Hirsch hatte dem schwächeren, jedenfalls nach längerem Kampfe, eine Geweihsprosse gerade in die Schläfegegend gestoßen, so daß derselbe schwer verletzt in die Lache sank und in das Wasser hinabglitt. Da die Geweihe der Hirsche fest ineinander gerannt waren, so wurde jedoch auch der Sieger mit in's Wasser gezogen und von seinem Opfer auf diese Weise ertränkt. Aus diesem Hergänge ersieht man wieder, in welcher Gereiztheit sich die Hirsche in der Brunstzeit befinden.
— sObst als Nähr- und Heilmittels Wenn man die riesigen Frachten Obst betrachtet, die jetzt täglich von den Bahnhöfen auf unsere Märkte gebracht werden, so fragt man sich erstaunt, wie ein derartiger Verbrauch von Früchten überhaupt möglich ist. Und doch kommt man, wenn man den auf jeden einzelnen entfallenden An- theil an diesem Consum berechnet, zu dem Ergebniß, daß doppelt und dreifach so viel Aepfel, Birnen, Pflaumen :c. verkauft werden könnten, wenn Obst nur in dem Maße als Speise benutzt würde, wie etwa die Kartoffel in einer bessergestellten Familie. ES wird viel zu wenig Obst gegessen. Jede Hausfrau weiß freilich sehr gut, daß eine saftige Frucht zum Nachtisch und ein Näpfchen Compott im Winter ein köstlicher Genuß ist. Aber nur wenige Hausfrauen sind so belehrt worden, daß wir im Obst auch ein hervorragendes Nähr- und Heilmittel besitzen; denn wenn sie sich dessen bewußt wären, würden sie wenigstens während der Obstzeit beständig einen Korb Aepfel, Birnen oder Pflaumen zur allgemeinen Benutzung seitens der Familie im Hause haben und die Conferven nicht nur Sonntags als Delikatesse dem Braten zutheilen. Sie würden das Obst, namentlich tn Jahren, wo es billig ist, zu einem nie ausgehenden Küchenartikel machen. Wie manche Mutter klagt nicht darüber, daß ihre Kinder „keine Farbe" bekommen wollen, daß sie immer und ewig an Blutmangel leiden! Zehn Aerzte hat sie schon befragt und zehn Aerzte haben ihr zwanzig verschiedene Mixturen für die Kleinen verschrieben, aber genützt hat's nicht. Und dabei liegt das Mittel, das dem Blutmangel bei dauernder Anwendung gewiß abhilft, in ihrem eigenen Keller: das Obst! Der alte erfahrene Dr: med. Dock, Besitzer der Kuranstalt „auf der Waid" bei St. Gallen, verbraucht für feine Kurgäste jährlich für einige Tausend Franken Obst und feine immerwährende Mahnung an die Mütter ist: Gebt Euren Kindern Obst, damit sie Blut bekommen! Dr. Dock furirt vegetarisch und gibt das Obst vorzüglich zusammen mit Milch; seine großen Erfolge widerlegen ben alten Aberglauben, daß Milch und Obst sich nicht vertragen im Magen. Also, Ihr Hausfrauen und Mütter, spart nicht mit dem Obst auf Eurer Speisekarte! Womöglich jeden Tag fetzt irgend eine Frucht auf die Tafel, und Eure Kleinen laßt nur Obst essen, so viel sie Luft haben. Vornehmlich Pflaumen sind gute Blutbildner, während Aepfel in Folge ihres Phosphorgehaltes mehr auf das Gehirn einwirken. Gekocht kann das Obst in größeren Mengen genossen werden als roh,^ da es in letzterem Zustande leicht Blähungen verursacht. Auf alle Fälle aber gehört irgend eine Frucht in irgend welchem Zustande stets auf ben Tisch, unb bas verursacht ja nicht allzuviel Mehrkosten. Leicht kann da- für eine anbere vielleicht nicht so nöthige Ausgabe unterlassen werben.
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