Ausgabe 
18.3.1888 Erstes Blatt
 
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Nr. 67 Erstes Blatt. Sonntag den 18. März 1888.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Drrrearrr Schulftraße 7.

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Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringer lohn«

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Hßeik.

Betreffend: Ableben Seiner Majestät des Kaisers Wilhelm. Gießen, de» 15. März 1888.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die »rotzherz-glich-« 86rgermeifltt«i<n de» Kreise».

Wir benachrichtigen Sie, daß die öffentlichen Lustbarkeiten rc. bi« zum Freitag den 18. d. M- einschließlich etnzustellen sind. ________________________Dr. Boekmann.__ ©efunben: 1 Kindertuchmütze, 1 Hosenträger, 1 Billet-Zange, 1 Armband, 1 Brieftasche mit Gewerbeschein, 1 Halstuch, 1 eiserne Kette.

1 schwarze Schürze, 1 Taschentuch, 1 Spazierstock, 1 Portemonnaie ohne Inhalt, 1 Uhrkette, 20 J4, mehrere Schlüssel und Hundeblechmarken.

Gießen, am 17. März 1888. Grobherzoglicher Polizeiamt Gießen.

Fresenius.

Die Beisetzungsfeier in Berlin.

Berlin, 16. März. Seit den ersten Morgenstunden ist heute Berlinsvia triumphalis ein Schmerzensweg von Tausenden und Äbertausenden von Menschen, deren Zahl sich jeder Schätzung entzieht. Kopf an Kopf in dichten Rethen ist der Weg besetzt; bis in die Neben- und Parallelstraßen staut sich der Strom. In langen Zügen rücken die Innungen, Vereine, die Schulen, die Studentenschaft mit trauer­umflorten Bannern an und nehmen ihre Plätze im Spalier ein. Vom Palais bis zum Dom ist der Raum abgesperrt, Regimenter der Garde zu Pferde und zu Fuß ziehen lautlos dorthin, die Leiche ihres Kaisers erwartend.

Was ist aus dieser Prachtstraße, aus diesem Triumphweg, der so oft im bun­testen Schmuck den Kaiser und die siegreichen Truppen an Fest- und Freudentagen jubelnd begrüßt hat, durch Arbeit Tausender, wie sie nur eine Weltstadt aufbieten kann, über Nacht geworden? Der Eindruck ist überwältigend, düsterster Pomp, feier­lichster Ernst, w»hin das Auge blickt, nur unterbrochen vom Dunkelgrün der Tannen- reiser. Die Fronten der historischen Gebäude, alle Privathäuser sind von schwarzen Flordekorationen in den Hauptlinien ihrer Architektur umgeben; Trauerfahnen wehen von jedem Dach, Trauerpavillons von Haushöhe erheben sich an den Straßenüber- gängen und Kreuzungen. Alles ist schwarz mit Flor und Reisig dekorirt. Die ganzen Linden entlang stehen schwarze Postamente von der Höhe einer Etage, mit schwarzem Sammet dekorirt, durch breite Florgehän§e mit einander verbunden. Flammenbecken lodern auf ihnen, Gluth und Rauch in die Winterluft entsendend. Am Kreuzungs­punkte der Friedrichstraße und den Linden erhebt sich ein tempelarttger Bau von pomphaftem Gepränge. Einm überwältigenden Eindruck macht das Brandenburger Thor. Die majestätischen Säulen sind mit schwarzem Flor umhüllt, ebenso das Vier­gespann der Siegesgöttin. Alle Laternen brennen, vo» schwarzem Flor umgeben, ein Gesammtbild von mächtigster Wirkung.

Das ist die Straße, durch welche die Leiche des Kaisers ziehen wird. Aber was mächtiger wirkt als die Pracht der Trauer, sind die Hunderttausende, die stundenlang in der Winterkälte, Kopf an Kopf, Körper an Körper gedrängt, die Leiche des Kaisers erwarten. Ein schwarzes Meer von schweigenden Menschen; nur ein dumpfes Brausen ist vernehmbar. Alle Dächer sind besetzt, aus allen Fenstern drängen sich die Köpfe, die Balkone sind überfüllt, jeder Stützpunkt wird benutzt von wartenden Menschen. Die Schaufenster in den großen Läden sind ausgeräumt, in ihnen sind amphitheatralische Tribünen errichtet. Die mächtigen Tribünen am Opernhaus und am Pariser Platz sind von Tausenden angefüllt.

Von 11 Uhr ab sammelten sich die zur Trauerfeier Geladenen im Dom. Die Lausbrücke quer durch denselben halte man in der Nacht entfernt. Das ganze Längsschisf bildete jetzt eine ununterbrochene, nach hinten stärker, vorn nach dem Altar sanfter aufsteigende Ebene, an deren tiefstem Punkte der Katafalk, so wie in den vor- hergangenen Tagen, sich erhob, bewacht von Offizieren, Unteroffizieren und den Hof­chargen.

Bald nach 11 Uhr begann die Orgel zu präludiren. Die Räume des Domes füllten sich. In den Logen erschienen die Deputationen der Parlamente und die Damen des Hofes. Das Schiff der Kirche bildete bald eine wogende Menge der mannigfachsten Uniformen. Da sah man die Gesichter der bekannten Generale, der früheren Minister, wie Falk und Camphausen, bekannte Parlamentarier in ihren ver­schiedenen Hofunisormen, die Vertreter der Stände und Universitäten, Offiziere aller Truppengattungen. Um den Sarg grupptrten sich die Minister und obersten Hofchargen. Der General von Pape entfaltete am Kopfende des Sarges das Reichs­panier. Die Generaladjutanten zogen die Degen. Leise und wehmüthig präludirte die Orgel weiter.

Um 12 Uhr schwieg die Orgel. Die Domgeistlichkeit trat an das Kopfende des geschlossenen Sarges. Ein Rauschen ging durch die Stenge, die sich erhob; dann tiefe Stille und die Stimme des Geistlichen ertönte, der den Psalm sprach:Herr, nun lässest Du Deinen Diener in Frieden fahren." Die Stimme kannte ich, nur habe ich sie nie so mild und klagend gehört: Hofprediger Stöcker war's, der zuerst an der Leiche des tobten Kaisers amtirte. Die hellen, klaren Stimmen des Domchors sangen k capella:Ich weiß, daß mein Erlöser lebt." Hofprediger Schrader verlas den Psalm 91 und schloß:Selig sind die Todten, die in dem Herrn sterben". Der Domchor setzte ein:Ja, der Geist spricht, daß sie ruhen von ihrer Arbeit." Hof­prediger Bayer sprach ein brünstiges freies Eingangsgebet. Die gesammte Gemeinde sang und mächtig klang es durch den Raum:Was Gott thut, das ist wohlgethan!" Dann kam der Seelsorger des Verstorbenen, Oberhofprcdiger Kögel. Nur 5 Minuten dauerte die Leichenrede. Knapp und klar, in mächtig zu Herzen dringenden Sätzen sprach er über den Text:Herr, nun lässest Du Deinen Diener in Frieden fahren." In kräftigen Zügen entrollte er ein Bild des großen Todten. Nur ganz leise spielte die Politik hinein, als er erwähnte, wie sehr den Kaiser jedes Rütteln an der Ein­heit des Reichs geschmerzt. Mächtig ertönte die Stimme, als er aufforderte, an dieser Bahre Treue zu schwören dem geeinten Reich, Treue dem Erben der Kaiserkrone. Ein tief ergreifendes Gebet für die Hinterbliebenen und das Vaterunser bildete den Schluß. Die Gemeinde sang unter Schluchzen:Wenn ich einmal soll scheiden". Ein ge­mischter Chor sang ä oapella einen Vers aus einem Lieblingschoral des Verstorbenen. Kogel trat an den Sarg und segnete die Leiche. Ein ergreifender Moment.Heilig, heilig, heilig ist der Herr!" tönte der Chor in die Worte des Geistlichen, und draußen vom Lustgarten her rollten und krachten die Gewehrsalven, der letzte Gruß der Garden über den Sarg ihres Kaisers.

Der Dom entleerte sich. Draußen harrten im weiten Umkreise Zehntausende dicht gedrängt des beginnenden Zuges. Zwölf Oberste» hoben den Sarg. Die Hof­staaten und die die Reichsinsignten tragenden Minister schritten voraus. Hinter dem Sarge schritt General von Pape mit dem Reichspanier. So wurde er durch das Hauptportal getragen, von dessen Säulen und Giebeln mächtige Pechflammen loderten. Die Garden präsentirten. Dumpf dröhnten die Trommeln. Die langgezogenen Töne der Trauermarsche erklangen. Der Sarg, bedeckt mit Ritterhelm, Sporen und Schwert, wurde auf den schwarzen Leichenwagen gehoben. Ritter des schwarzen Adlerordens ergriffen das Leichentuch, Generale die schwarz-weißen Tragstangen des golddurchwirkten Baldachins. Die Truppen rückten voraus. Die Dienerschaft, die Marschälle, die Pagen folgten. Es schlossen sich an die Minister mit den Reichsinsignien, die obersten Hofchargen. Dann folgte der Leichenwagen. Hinter dem Sarge schritt ganz allein Kronprinz Wilhelm. Ihm folgten die Könige von Sachsen, Belgien und Rumänien, die Prinzen und Fürsten, die Gesandtschaften, die Generäle, be£ lange Zug aller Be­hörden, der Parlamente. Zwei Bataillone bildeten Schluß. So ging es langsamen Schrittes über den Lustgarten, wo Tausende von Officieren Spalier bildeten, die Linden entlang, die pomphaft prächtige Trauerstraße. Die Häupter entblößten sich, sobald der Leichenwa. -2 nahte. Die Pechflammen lohten den ganzen Weg entlang. Der eisige Wind spielte mit den Trauerfahnen. So verließ die Leiche des großen Kaisers seine Hauptstadt.

An der Siegesallee löste sich der Zug auf. Der Leichenwagen wurde nur noch von einer Schwadron Garde du Corps und den Hofchargen durch Spalier von Caoallerie und Infanterie, welche sich durch den ganzen Thiergarten bis Charlotten- burg erstreckte und durch viele Taufende, in dichten Reihen stehende Zuschauer eskortirt. An der Grenze Charlottenburgs, am Zollhaus, wurde der Sarg von der Charlotten­burger Stadtbehörde empfangen.

Still und mit einem kurzen Segen Kogel's wurde die Leiche Kaiser Wilhelm's im Mausoleum beigesetzt.

Berlin, 16. März. Die Feier, die sich im Dorn vollzog, haben wir bereits nach ihren einzelnen Akten skizzirt. Eine Liste der Anwesenden zu entwerfen, dürste schwer sein; sie waren, da das ganze Schiff des Domes einen durch keine Schranken getrennten freien Raum bildete, nicht derartig nach Klassen und Ständen getrennt, wie das Programm es glauben machen konnte. Nicht anwesend waren Gras Moltke und Fürst Bismarck und von den fürstlichen Damen die Kaiscrin-Wittwe, sonst aber fehlte, soweit wir es beobachten konnten, keiner von den Königen, Fürsten, Prinzen und ihren Vertretern, deren Samen in den letzten Tagen oft genug genannt worden sind; feiner auch von den Vertretern der Behörden, Korporationen und Stände. Die fürstlichen Damen, an ihrer Spitze die Kaiserin Victoria, saßen in den Logen links vom Altar, kaum erkennbar unter den dichten Trauerschleiern; die übrigen Logen füllten Damen des Hofes, die Diplomatie und Deputationen aller Art. Im Schiff der Kirche saßen zunächst auf Sesseln um den Katafalk herum die trauernden Prinzen des königlichen Hauses und die fremden Fürsten und Prinzen; ihnen reihten sich nach hinten die Ver­treter der Staaten und dann zwanglos in bunter Menge die übrige Trauerversamm­lung an. Das Ceremoniell, das den in der Nacht vorher geschlossenen, mit dem Nitter- helm, Sporen, Handschuhen, Schwert und Kommandostab bedeckten purpurroten e>arg umgab, wirkte in seiner starren Ruhe großartig feierlich. Kirchliche Predigten gehören eigentlich nicht in die Tagesblatter, die Rede aber mag eine Ausnahme machen, die angesichts der Welt der Seelsorger des ersten deutschen Kaisers an dessen Sarge gehalten hat. Der Oberhofprediger Dr. Kögel sprach:

Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi, der die Auferstehung ist und das Leben, und die Liebe Gottes, der ein Gott ist nicht der Todten, sondern der Lebenden, und die Gemeinschaft des heiligen Geistes, der die Leidtragenden tröstet, sei mit Euch Allen; Amen! Luc. 2, 2930: Herr nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren, beim meine Augen haben beinen Heilanb gesehen. Wehklagend haben in diesen Tagen die Glocken von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf es angesagt, und jedes Deutschen Auge steht voll Thränen. Der Vater des Vaterlandes, der Stolz und die Wonne unseres Volkes, der Schirmherr des Friedens, Deutschlands ritterlicher Kriegsherr, unser gesegnet segnender Königs des neu erstandenen Reiches erster Kaiser ist von uns geschieden. SMt der vereinsamten Kaiserin, die noch mit ihren schwachen Händen die Hände des Sterbenden hielt und stützte, mit dem kaiserlichen Sohn, der trotz eigenen Leidens aus der Ferne in unsere Mitte zurückgeeilt ist, mit der Tochter, die soeben von der Tobten bahre ihres Sohnes sich erhob um hier mit zu tragen, mit zu trösten, mit dem kaiser­lichen Hause trauert, mitverwaist, ein ganzes Volk in Lieb und Leid eine einzige Familie. Der 22. März, sonst ein heller Freudentag für unser Vaterland, liegt nun umflort vor uns. Doch der hier ruht wehrt unfern Klagen, das Antlitz richtet er verklärt nach oben, Simeons Schwanengesang ist auch der feine: Herr nun lässest du deinen Dimer in Frieden fahren, denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen. Durch wie viel Unruhe der Zeit, durch welche Gegensätze ist der Vollendete hindurch- gegangen! Großgewiegt in der eisernen Wiege der Noth und der Gefahr und dann zu einem zwiefachen Diadem berufen; Einst schmerzlich verkannt und zuletzt Deutsch­lands volksthümlichste Gestalt, für welche allenthalben eine freiwillige via triumphalis, ein königlicher Weg der Liebe und Verehrung offen stand. Was wir gewahrten, war es nicht eine täglich wachsende Huldigung voll Dankes, war es nicht täglich ein besorgtes Abschiednehmm? Um mehr denn ein Jahrzehnt die Altersgrenze überschreitend. die vorhin der Psalm als höchste zog, und sich doch nicht überlebend, sondern einem Moses gleich, dessen Auge nicht dunkel geworden, dessen Kraft nicht verfallen, war er rastlos thatig bis in die letzten Tage, bis zur letzten Unterschrift, ein Vorbild der Zucht, der.