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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Nr. 270

Samstag den 17. November

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Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf*

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Darmstadt, 15. November. Durch Verfügung Großh. Ministeriums des Innern xnb der Justiz oom 12. l. M. wurde für die noch übrige Zett des laufenden Geschäfts­jahres und für die Dauer des Geschäftsjahres 1889 der Großh. Landgerichtsrath Jost irt Darmstadt zum Vorsitzenden der Kammer für Handelssachen an dem Großh. Land­gericht der Provinz Starkenburg mit dem Sitze in Darmstadt, sowie der Großh. Land- gerichtSrath Dr. Gilm er daselbst zum Stellvertreter dieses Vorsitzenden bestellt.

. Berlin, 14. November. Nach den derKreuzzeitung" zugehenden Mitthellungen wird der Besuch des Czaren in Berlin wahrscheinlich nicht im Januar, etwa zu Kaisers Geburtstag, sondern erst! im späteren Frühjahre erfolgen, da die russischen Majestäten namentlich nach den neuesten trüben Erfahrungen den Seeweg vorziehen.

Dem vreußischen Landtage wird voraussichtlich auch eine Petition seitens der Vereine der Lehrer an den preußischen höheren Lehranstalten zugehen, in welcher dieselben um die Gleichstellung der akademisch gebildeten Lehrer an den höheren Unter- richtsanstalten mit den Richtern, zunächst in dem Pensions- und Reliktenverhältnisse nachsuchen werden.

Telegraphisch« Peprschen.

»slst's tekegr. swrrespondeirr - Bure«tt.

Berlin, 15. November. Der Kaiser ist um 12 Uhr 20 Min. von Potsdam auf dem hiesigen Centralbahnhofe eingetroffen und nach kurzem Aufenthalt, während dessen das Gefolge und die übrigen Geladenen den Extrazug bestiegen, nach Breslau wettergereist.

Berlin, 15. November. Der Bundesrath genehmigte in seiner heutigen Plenarsitzung den Gesetzentwurf wegen der Alters- und Invaliden - Versicherung der Arbeiter in zweiter Lesung.

Berlin, 15. November. Unter Bezugnahme auf ihren Artikel vom 15. October schreibt dieNordd. Allg. Zig.": Die fortschrittlich-demokratische Presse werde nicht müde, den Jmmediatbericht btö Reichskanzlers über die Geffken'fche Publikation falsch zu deuten. Nun wolle sie auf die innere Politik und auf die bekannten im Jahre 1863 in Danzig vor die Ocffentlichkeit getretenen Gegensätze zwischen Kaiser Wilhelm I. und seinem Sohne nicht näher eingehen, aber in der auswärtigen Politik, um welche es sich im Jahre 1870 gehandelt, habe Kaiser Friedrich von seinem durch verwandtschaftliche Beziehungen getragenen Wohlwollen für England', dessen Dynastie und Politik niemals ein Hehl gemacht, auch gegenüber seinem Vater nicht, dessen Rußland und seiner Dynastie zugewandte Gesinnung seiner Politik die Wege anwies, deren offener Besprechung zwischen Vater und Sohn sowohl gemüthliche als auch geschäftliche Bedenken entgegenstanden. Wenn aber der regierende Herr vor dem Thronfolger Geheimnisse habe, so würden auch seine Diener, über solche Dinge auch dem Sohne gegenüber zu schweigen, sich durch Amt und Ehre verbunden fühlen, wenn sie nicht etwa der Gattmrg Hosintrtguanten angehörten, welche im vergangenen Frühjahr ihre Erntezeit für gekommen hielten. Lediglich die geschichtlich feststehenden Thatsachen der Nichtübereinstimmung zwischen Kaiser Wilhelm und seinem Sohne in inneren und auswärtigen Fragen seien in dem Jmmediatbericht constatirt worden. Eine Anklage werde in demselben nirgends erhoben. Möge der Fortschritt sich ferner die Aufgabe stellen, die kümmerlichen Coulissen-Jn- triguen und die plumpen Versuche höfischer Geschmeidigkeit, die er seit Jahr und Tag geleistet, als Loyalitätsbeweise auszumünzen. Im Staatsinleresse liege es, die öffent­liche Meinung darüber aufzuklären, daß sie mit den fortschrittlichen Legenden betrogen werde.

Breslau, 15. November. Zum Empfang Sr. Majestät des Kaisers ist die Stadt aufs Glänzendste geschmückt. Vor Allem gewährt die Feststraße oom Bahnhof bis zum Schlosse durch Triumphbogen, guirlandenumwundene Masten, allegorische Figuren und reichen Flaggenschmuck einen sehr glänzenden Anblick. DaS Ganze ist elektrisch beleuchtet. Die überaus glänzende Illumination erstreckt sich auf die ganze Stadt, alle Häuser sind mit Fahnen und Grün geschmückt. In den Straßen wogt eine gewaltige, festlich bewegte Menschenmenge. Zu dem kaiserlichen Diner im Schlosse sind die Spitzen sämmtticher Behörden geladen.

Se. Majestät der Kaiser traf soeben hier ein und wurde auf dem festlich geschmückten Bahnhof von den Spitzen der Civtl- und Militärbehörden empfangen, die zahlreich anwesende Volksmenge begrüßte Se. Majestät mit stürmischem Enthusiasmus.

Kopenhagen, 15. November. Das Königspaar fuhr heute Morgen, von einer langen Wagenreihe mit den fürstlichen Gästen begleitet, in einer vergoldeten Gala- Equipage nach der Frauenkirche. Es wurde von der zahlreichen Volksmenge enthusiastisch begrüßt. Die Stadl prangt überall in reichem Festschmuck. Der Kronprinz besah früh Morgens die Ausschmückung.

Kopenhagen, 15. November. Anläßlich des RegierungsjubilSums des Königs Christian brachten heute Morgen 500 Sänger vor dem kgl. Paläste ein Ständchen dar Der Festzug der Vereine, woran gegen 25,000 Personen theilnahmen, brauchte andert­halb Stunden, um am Schlosse vorüberzuziehen. Während des Vorbeizuges befanden sich der König und die Königin, sowie die Mitglieder des Königshauses auf dem Balkon. Eine großartige Illumination ist in Vorbereitung für den Abend. Zahlreiche Menschen­mengen bewegen sich in den Straßen. Das Wetter ist schön. Nachmittags em­pfing der König die Mitglieder beider Kammern und antwortete auf die Ansprache des Landsthing-Vorsitzenden:Indem auch ich das Vertrauen hege, daß der Wahrheit gegeben werde, was ihr gehört, hoffe ich auf fruchtbares Zusammenwirken des Reichs­tages mit mir und meiner Regierung zum Heile des Landes und Volkes, dessen Wohl uns Allen in gleichem Grade am Herzen liegt."

Petersburg, 15. November. Eine Meldung, die über Tiflis aus Teheran kommt, besagt daß Str Drummond Wolff, der dortige Vertreter Englands, nicht unbedenklich ertrankt sei.

Paris, 15. November. Vergangene Nacht ist die Waffenfabrik in Chatelleraul theilweise abgebrannt. Verluste an Menschenleben sind nicht zu beklagen, der materielle Schaden ist beträchtlich. Die Herstellung des neuen Gewehres ist unterbrochen, da die Werkzeugs-Gebäude vollständig zerstört sind. Die Verluste werden auf 2 Millionen «. Die Fabrik wurde geschlossen: 400 Arbeiter sind beschäftigungslos, lieber stehung des Brandes ist noch nichts festgestellt.

Der Cabinetsrath beschäftigte sich heute Vormittag mit der Zanzibarfrage und dem Einvernehmen Deutschlands und Englands wegen der Blokade der oft: afrikanischen Küste, das den Mächten mitgetheilt werden soll. In Erwartung dieser I Mittheilung wird die französische Regierung einstweilen die erforderlichen Maßregeln j für eine wirksamere Ueberwachung des Sklavenhandels treffen.

London, 15. November. Lord Fergusson erklärte heute im Unterhause, er habe | nichts davon erfahren, daß die Befehlshaber der deutschen und englischen Kriegs- i

stifte vor Zanzibar die Details für die gemeinsame Blokade der Küste bereits fest- gestellt bähen. Die französische Regierung nehme nicht an der Blokade Theil, sandte aber ein Kriegsschiff ab, um speciell jedweden Mißbrauch der französischen Flagge zu beobachten und zu verhüten. Das Durchsuchungsrecht sei von Frankreich als ein noth- wendiger Begleitakt der Blokade anerkannt worden; über Wortlaut und Grenzen der fraglichen Anerkennung würde noch zwischen der englischen, französischen und deutschen Regierung weiter verhandelt. Seitens der Blokadeschiffe an Bord irgendwelcher Fahr­zeuge des Blokadegebiets Vorgefundene Sklaven roinben, gleichviel welche Flagge diese Fahrzeuge führten, in Freiheit gesetzt werden. Eine Vorlegung des betreffenden Schrift­wechsels sei bei hem gegenwärtigen Stande der Verhandlungen unerwünscht. Smith theille mit, die Regierung sei in Folge des langsamen FortschreitenS der Budget- berathung genöthigt, die Zehntenbill, die irische Drainirungsbill und die Bill, betreffend die Bildung eines Ackerbauministeriums, zurückzuziehen. Er werde Montag eine Vor­lage einbringen, bett, die Bewilligung von weiteren Lft. 5 Millionen zur Ausdehnung des irischen Pächtereienankaufsgesetzes, und er hoffe, das Haus werde die Bill inner­halb der nächsten Woche durch alle Stadien erledigen. Die Regierung glaube, daß während der nächsten Session die Zehntenbill den ersten Berathungsgegenstand bilden und alsdann die Bill, betreffend die schottische Localoerwaltung, zur Berathung gelangen werde. Gladstone erklärt, er werde die Bill, betreffend die Ausdehnung des irischen Pachtgutankaufsgesetzes, durch eine die Rückstände der irischen Pachtzinsen betreffende Vorlage bekämpfen.

Limerick, 15. November. Wie verlautet, ist aus dem Vatikan ein neues Schreiben ergangen, welches den irischen Bischöfen formell anbefiehlt, das frühere Reskript gegen das Boycotten und den sogenannten Feldzugsplan als der Moral und den Lehren der katholischen Kirche zuwiderlaufend, mit Eifer zur Ausführung zu bringen; die Bischöfe werden ersucht, ihren Klerus anzuweisen, daß er gegen die genannten Handlungen predige, daran in keiner Weise theilnehme und sich denselben mit allen Mitteln widersetze.

Lokales,

Gießen, 16. November. Herr Oberschulrath Sol dan aus Darmstadt, welcher sich dem Vernehmen nach mehrere Tage hier aufhalten wird, beehrte heute Morgen das hiesige Realgymnasium mit seinem Besuch und wohnte in verschiedenen Klassen dem Unterrichte bei.

Gießen, 16. November. DasCentralblatt für Bibliothekwesen", November- beft 1888, bringt folgende Angaben über die Benutzung und Vermehrung der Uni­versitätsbibliothek Gießen im Geschäftsjahre (1. April bis 31. März) 1887/88. I. Benutzung: Ausgeliehen wurden 11605 Bände gegen 10735 im Geschäftsjahre 1886 bis 1887. Die Anzahl der im Lesezimmer benutzten Werke läßt sich, da viele Benutzer Zutritt zu den Büchersälen haben, nicht feststellen. Nach auswärts wurden 519 Bände in 115 Packeten versandt. II. Vermehrung: Es wurden im Ganzen 8938 Schriften catalogifirt, von welchen 1316 gekauft, 2406 als Geschenke und Pflichtexemplare geliefert wurden, 398 von der Oberhessischen Gesellschaft für Natur- und Heilkunde, deren Bibliothek mit derjenigen der Universität vereinigt ist, eingingen; der Rest von 4818 Schriften bestand in Dissertationen und Programmen. *

Gießen, 16. November. Eine Dienstmagd aus Rüddingshausen, welche sich längere Zeil ohne Dienst in hiesiger Stadt Herumtrieb und bei einer Reihe hiesiger Geschäftsleute auf Namen fingirter Dienstherrschaften Waaren borgte, wurde gestern Abend verhaftet.

Vermischtes.

Der im Laufe dieses Monats erschienene 9. Jahresbericht der Di- rection der Kaiser-Wilhelms-Spende besagt u. 21.:

Im Lause des 9. Geschäftsjahres unserer Stiftung hat der Hohe Protector und Stifter noch die Freude gehabt, den ersten Beschluß des Aufsichtsraths über Ver­wendung von 10 000 JL von den nicht zu Verwaltungskosten verwendeten Zinsen des Garantiefonds zur Unterstützung der Arbeitercolonie zu Düring und des Vereins Arbeirerheim" zu Bielefeld während feines Aufenthalts in San Remo genehmigen zu können. Se. Kaiserliche und Königliche Hoheit hatte für diese Aenderung des Statuts, welche es möglich macht, dem ursprünglichen Plane gemäß durch die Stiftung auch den Bedürftigsten Hülfe zu bringen, ein lebhaftes Interesse. Vor Ablauf des Geschäfts­jahres trat zum allgemeinen Leid Deutschlands der Heimgang unseres großen Kaisers Wilhelm ein, welchem das Volk durch die Sammlung derKaiser Wilhelms-Spende" einst seine Liebe und Verehrung erweisen wollte, und drei Monate später verschied nach schwerem Leiden der Kaiser Friedrich, welcher in treuer Fürsorge für die bedürftigen Klassen des Volks die Stiftung errichtete. Beide abgeschiedene Kaiser werden nicht blos in der Geschichte des Reichs, sondern auch besonders bei den Mitgliedern der 2lnstalt als die Väter des Volks allzeit verehrt werden. Der letzte Jahresbericht hat schon erwähnt, daß in Folge der durch den zweiten Nachtrag zum Statut herbei- geführten Verminderung der Geschäfte eine Beschränkung der Zahl der Beamten und des Geschäftslokals möglich wurde. Dadurch haben sich die Verwaltungskosten von 63 941.55 «X für das Jahr 1886/87 auf 49 789.38 JL ermäßigt.

Die Activen der Stiftung betragen insgesammt 6 778 690.36 JL, darunter 568 332.65 «X an Werthpapieren, 146 274.50 <X Darlehen an Communen, 5 248025 JL Hypotheken, 120 020 JL Sparkassengutbaben bet der Preußischen Rentenoersicherungs­anftalt, 490 225.36 .X Kassenbestand. Unter den Passiven sind aufzuführen 1 966 000 JL Garantiefonds, 4 522 698.96 «x Deckungskapital, 20 300 JL Kautionen, der Ueberschuß der Activen über die Passiven (Sicherheitsfonds) beziffert sich auf 233 797.18 JL\ 25 000 jtL sind zur Unterstützung von Unternehmungen gemäß $ 2 Abs. 3 des Statuts bestimmt. Der Jahres-Abschluß zeigt eine Einnahme von 4 848 186.49 <X, darunter 270 285.26 JL Zinsen, 440 575 JL neue Einlagen i 5 JL und 12 721.98 <X extra­ordinäre Einnahmen. Unter Ausgabe figuriren als Hauptposten: Rückgewähr auf 9563 Einlagen 47 815 JL, Renten und Kapitalspitzen 106 397.15 «X, versicherte Kapitalien 21110.68 X, gekündigte Einlagen und Zinsen 29 977.15 JL, das eben erwähnte Deckungskapital mit 4 522 698.96 «X, Verwaltungskosten 49 789.38 *X Der Jahres­gewinn beziffert sich auf 49 204.44 JL einschließlich 41362.76 nicht verbrauchte Zinsen des Garantiefonds.

Frankfurt, 15. November. Die Plahfrage für das Kaiser- Wilhelm-Denkmal will immer noch nicht zur Ruhe kommen. Vor Kurzem hieß es, vor dem Frankfurter Hof werde das Monument Aufstellung finden, eine Ent­scheidung, mit der sich wohl Jedermann einverstanden erklärt haben würde; heute nun durchläuft die Meldung die hiesigen Blätter, Herr v. Erlanger, der Stifter des z. Z. vor dem Frankfurter Hof aufgestellten Brunnens, habe der Verlegung beffclben nach dem Roßmarkt nicht zugestimmt, womit die Platzfrage für das Kaiscrdenkmal abermals auftaucht. Ob die letztere Nachricht richtig ist, muß abgewartet werden; es scheint aber