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Nr. 191 Freitag den 17. August 1888.

Hieß euer Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Bureau - S ch u l st r ° ß - 7. ' Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. A°rch

Amtkicher JHeik.

Bekanntmachung.

Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Großh. Ministerium des Innern und der Justiz unter dem 6. dieses Monats dem Vorstande -er Kolonie für EpileptischeBethel" bei Bielefeld (Pastor von Bodelschwingh) die Erlaubniß ertheilt hat, während der Monate September, October und November d. I. eine Hauskollecte zum Besten der genannten Anstalt innerhalb des GroßherzogthumS zu veranstalten.

Gießen, den 14. August 1888. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

________________________________________________________________I. V.: Jost.__

Bekanntmachung.

Betreffend: Viehtransport.

Der Unterzeichnete bringt hiermit auf Grund Ersuchens der Kgl. Eisenbahn-Direction Hannover zur öffentlichen Kenntniß, daß für Viehtransporte au» der Richtung Bremen, resp. Hamburg nach Italien über Kassel, Darmstadt, Basel besondere Züge eingestellt und Erleichterungen vereinbart worden sind, wonach Viehzüchter und Händler sich bemessen können.

Friedelhausen, den 7. August 1888. Der Präsident des landwirthschaftlichen Vereins für die Provinz Oberheffen:

Adalbert Freiherr Nordeck zur Rabenau.

Politische Rundschau.

Gießen, 16. August.

Nicht gerade überraschend kommt die Nachricht, daß Generalfeldmarschall Graf Moltke auf sein Ansuchen von dem Posten des Generalstabschefs der Armee gnädtgst enthoben und daß zu seinem Nachfolger der Generalqualltermeister Graf Wal der fee ernannt worden ist und dennoch wird man sie in den weitesten Kreisen der Nation nicht ohne Bewegung vernommen haben. Der berühmte Feldherr vollendet im kommenden October sein 88. Lebensjahr und wenngleich er sich noch bewunderns- werther geistiger Elasticität und Frische erfreut, so berechtigt ihn sein hohes Alter doch zu dem nun erfüllten Wunsche, sich von seinem bisherigen verantwortungsreichen Posten zurückziehen zu dürfen, auf dem der geniale Stratege so Unvergängliches geleistet. Und doch das deutsche Volk kann es noch nicht recht fassen, daß der große Schlachten­denker, dessen Name schon längst zu einer europäischen Berühmtheit geworden, nun nicht mehr der Leitung des vaterländischen Heereswesens vorstchen soll, daß auch er, der große Feldherr des großen, unvergeßlichen Kaisers, nunmehr aus den Reihen der vaterländischen Armee geschieden ist! Indessen, wenn der greise Feldmarschall nun auch aus einem Wirkungskreise geschieden ist, den er durch fast drei Jahrzehnte hin­durch durch unermüdliche Arbeit und gewaltige Erfolge ausßefüllt, so geht er doch keineswegs in den Hasen vollständiger Ruhe ein, obwohl er dieselbe wohlverdient hätte. Als Präsident der Landes-Vertheidigungs-Commission bleibt er Jenen zugesellt, von denen Deutschland in erster Linie die Aufrechterhaltung seiner im blutigen Kampfe erworbenen Größe erwartet und zugleich wird Graf Moltke hierdurch auch fernerhin in Berührung mit der Armee bleiben. Daß aber das Werk eines Moltke durchaus würdigen Händen zur Fortführung anvertraut worden ist, das bekundet schon die Thatsache, daß Graf Moltke selbst den Grafen Waldersee als die zu seinem Nachfolger geeignetste Persönlichkeit bezeichnet hat, und Graf Waldersee hat ja auch bereits seit Jahren die Leitung des Generalstabes factisch in Händen, in welcher verantwortungs- reichen Stellung er sich in jeder Richtung vollkommen bewährte. Was den Lebens­gang des nunmehrigen deutschen Generalstabschefs anbelangt, so sei bemerkt, daß Graf Waldersee, geboren 1832, 1850 als Secondelieutenant in das Garde-Feldartillerie-Re- giment eintrat. Als Major nahm er am böhmischen Feldzuge Theil, wurde 1867 in den Generalstab etngereiht und fungirte im deutsch-französischen Kriege als Chef des Stabes des Großherzogs von Mecklenburg während dessen Feldzuges an der Loire. 1871 zum Oberst, 1875 zum Brigadecommandeur befördert, erhielt Graf Waldersee 1876 das Patent als Generalmajor und 1881 wurde er zum General ä la suite ernannt; noch im Laufe des letztgenannten Jahres erfolgte seine Ernennung zum General-Quar- tiermeister, unter Entbindung von der bisherigen Stellung als Chef des General- stabes des 10. Armeecorps. Seitdem hat er den Feldmarschall Moltke in der Leitung des Generalstabes in sich immer erweiternder Weise vertreten, bis er nunmehr definitiv zu dessen Nachfolger ernannt worden ist.

Das bayerische Kriegsministerium hat die Verlegung der bayrischen, dem preußischen Generalslabe beigeordnetenLiniencommission" von Würzburg nach Lud­wigshafen in der Pfalz angeordnet; die Uebersiedelung wird im October stattfinden. Die Ursache dieser auffallenden Maßregel ist in dem Landesverrathsprocesse Dietz zu suchen, der u. A. auch ergeben hat, daß die deutschen Eisenbahnpläne für den Mobili- sirungsfall theilweise an Frankreich verrathen worden sind. Hiervon sind auch die Truppentransportpläne zwischen Bayern und dem Elsaß betroffen worden, welche sämmtlich neu umgearbettet werden müssen.

In München tagte in dieser Woche der deutsche Handwerkertag und in Duis­burg die Generalversammlung des evangelischen Bundes. Die letztere nahm mehrere Resolutionen über die Aufführung des Trümpelmann'schen Lutherfestspieles in Berlin, über die Betheiligung evangelischer Behörden an der Aachener Heiligthumsfahrt und über die bekannten Solinger Vorgänge an.

Am Dienstag Vormittag traf in Constantinopel zum ersten Male der Orientexpreßzug PariS-Wien ein und mit diesem Ereignisse ist die Eröffnung der neuen Lmie Belgrad-Sofia-Constantinopel zur vollendeten Thatsache geworden. Dem Festzuge wurde auf den serbischen wie bulgarischen und türkischen größeren Stationen überall ein feierlicher Empfang bereitet und auch in Constantinopel selbst war seine Begrüßung eine sehr sympathische. In etwa 48 Stunden wird man nunmehr von Wien aus mittelst der neuen Eisenbahnverbindung nach der türkischen Hauptstadt ge­langen können und schon hieraus erhellt die internationale Bedeutung des neuen Eisen­wegs, während die Eröffnung der Route Belgrad-Stambul jedenfalls auch in commer- j

cieller, wirthschaftlicher'und politischer Beziehung ihre tiefeinschneidenden Wirkungen auf die Verhältnisse der Balkanhalbinsel früher oder später äußern wird.

Die Niederlage, welche die Italiener in Massauah auf einer Expedition gegen den hinterlistigen Abyssinier-Häuptling Debeb erlitten haben, kommt ziemlich unerwartet, da auf dem ostafrikanischenKriegsschauplätze" völlige Ruhe zu herrschen schien. Die Italiener scheinen indessen auch bei Saganetti, welches Debeb mit seiner Schaar besetzt hielt, in eine Falle gelockt worden zu sein, wie seinerzeit schon bei Dogali und die Depeschen aus Massauah sprechen denn auch offen von dem Verrathe,den die ein­heimischen Bundesgenossen der Italiener, die Assaorlins bei dieser Affaire ausgeübt. Es ist noch nicht bekannt, in welcher Weise der italienische Oberbefehlshaber die Scharte von Saganeiti, die den Italienern namentlich eine Anzahl tapferer Officiere gekostet hat, wieder auszuwetzen gedenkt, jedenfalls wird aber General Baldissera sich zu einem baldigen und energischen Vorstoße gegen die abyssintschen Guerrillabanden entschließen müssen', soll das militärische Prestige Italiens in Ostasrika nicht abermals gefährdet werden.

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Darmstadt, 15. August. Das Amtsblatt des Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz, Sektion für Justizverwaltung, Nr. 23 enthält Ausschreiben vom 6. August, betreffend die Dienstaufsicht über die Amtsgerichte, insbesondere den amts- gerichtltchen Termins- und Sitzungsdienst.

Darmstadt, 14. August. Dem Amtsbezirk des mexikanischen Consuls, Herrn wenn ein in Frankfurt a. M., ist die Provinz Oberhessen zugetheilt worden, während die Provinzen Starkenburg und Rheinhessen auch fernerhin zu dem Amts­bezirk des Mexikanischen Consuls in Mainz, Herrn Friedrich Feldheim, gehören werden.

Berlin, 15. August. Die Bundesraths-Ausschüsse für Zoll- und Steuerwesea haben für den Tabakprobenverkehr folgende Bestimmungen gesetzt, welche vom 1. October ds. I. ab für das ganze Zollgebiet in Kraft treten soll:

Kaufleuten, welche nur mit ausländischem Tabak Handel treiben, denselben unmittelbar aus den Ursprungsländern beziehen und nur an Kaufleute weiter verkaufen, kann von der obersten Landes-Finanzbehörde widerruflich gestattet werden, aus der öffentlichen Niederlage oder den ihnen bewilligten, unter amtlichem Mitoerschluß stehenden Privatlagern entnommenen Proben von Tabak für eine in jedem Falle zu bestimmende Frist unverzollt in der Art in den freien Verkehr zu nehmen, daß sie die­selben inzwischen nur in einem ein- für allemal anzumeldenden Raume aufbewahren dürfen. Vor der Ablassung der Proben aus dem Verschlußleger ist das Gewicht der­selben von der Zollbehörde festzustellen; auch sind sie von der letzteren mit Jdentitäts- zeichen zu versehen, falls sie nicht bereits Jdentitätszeichen an sich tragen, welche nach näherer Bestimmung der obersten Landes-Finanzbehörbe als Ersatz für die zollamlliche Jdentificirung angenommen werden können. Für diejenigen Tabakproben, welche nicht innerhalb der vorgeschriebenen Frist in das Verschlutzlager zurückgeführt werden, sowie für das bei der Zurückführung etwa vorgefundene Mindergewicht ist der Zoll zu ent­richten. Die Ablassung der Proben vom Verschlußlager und die Controlirung des Wiedereinganges zu demselben kann dem mit der Bewachung des Lagers betrauten Beamten überlassen werden. Nach näherer Bestimmung der obersten Landes-Finanz­behörde kann gestattet werden, daß Tabakproben aus einem unter amtlichem Mit­verschluß stehenden Prioatlager von dem mit der Bewachung desselben betrauten Be­amten unter Erhebung oder Anschreibung des Zolles in den freien Verkehr gesetzt werden. Soll eine Versendung von Proben aus dem Lager nach dem Auslande erfolgen, so finden hierauf die allgemeinen Bestimmungen Anwendung.

Telegraphische Depeschen.

Wolss'S telegr. «orrespondenz. Bnrea«.

Berlin, 15. August. Se. Majestät der Kaiser, welcher gestern auch den Staats-- secrctär Dtaffe, den Landesdirector Klein und den Professor Gerhardt empfangen und die Vorträge des Admirals Monts, sowie des Generals Hahnke entgegengenommen hatte, gewährte heute früh dem Maler Angell (Wien) eine mehrstündige Sitzung, nahm mehrere Vorträge entgegen, arbeitete mit dem Chef des Cioilcabinets und kehrte Nach­mittags um 1 Uhr nach Potsdam zurück.

Berlin, 15. August. Der König von Portugal ist heute Morgen 8 Uhr über Dresden nach Prag abgereift. Der Kaiser gab dem König das Geleite bis zum Bahn- Hofe, wo er sich von demselben aufs Herzlichste verabschiedete.

DieNordd. Allg. Ztg.", mehrere für die Haltung Frankreichs in der Massauahfrage eintretende Auslassungen des BrüsselerNord" wiedergebend, bemerkt: Die Darstellung desNord" mache die Frage, die ohne die französischen Einwendungen einfach wäre, zu einer ziemlich verwickelten. Von französischen erworbenen Rechten auf