Beilage zu 3t1 .164 des „Achmer Anzeiger".
Die Krankheit Kaiser Friedrichs.
(Fortsetzung.)
Professor Schrot ter äußerte in seinem Berichte sein Erstaunen über die Berufung Krauie's, er habe einen Arzt mit bewährterer Erfahrung erwartet. In dem Berichte, welchen Mackenzie dem Prof. Schrötter am 9. November vor der Consultatton abstattete, thetlte er auch mit, daß er dem Kronprinzen, als er ihn in L>an Remo zum ersten Male wieder sah und ihm über die Veränderungen der Geschwulst berichtete, sagte: „Now it looks like a cancer“, „jetzt sieht es wie ein Krebs aus." Die gemeinsame Untersuchung fand sodann statt.
Professor Schrötter erklärte, daß es sich
„um ein Gebern infolge einer Knorpelhautentzündung, ihrerseits wieder hervorgerufen durch das Weitergreifen einer bösartigen Neubildung (Earcinom), handle."
Dr. Kraufe bestritt dies, und Schrötter erklärte hierauf, ein Separatootum zu Papier bringen zu müssen, welches er Herrn Krause in die Feder dicttrte.
In therapeutischer Beziehung erkläre Schrötter nur zwei Wege für möglich, einfach abzuwarten, bis sich mit dem weiteren Wachsthum der Neubildung bei cin- tretender Erstickungsgefahr die Nothwendigkeit der Vornahme des möglichst tiefen Luftröhrenschnitts einstellen würde, einer Operation, die nicht den Zweck hätte, das Uebel zu heilen, sondern nur unbeirrt von dem weiteren Fortschreiten des Grundübels das Leben zu verlängern und sodann behufs einer gründlichen Heilung den Kehlkopf zu exstirpiren. Letztere Operation konnte wieder in der halbseitigen und in der totalen Exstirpation bestehen.
Hierauf schrieb auch Dr. Krause seine Meinung nieder, welche nun sich derjenigen Schrötter's anschloß. Nachmittags wurden die Herren von der Kronprinzessin empfangen, offenbar, um ihr die volle Wahrheit mitzuthetlen. Professor Schrötter verlas das Protokoll, „worauf sich sofort zeigte, daß von dieser Seite Bedenken gegen jede eingreifende Operation vorhanden waren." Hierin wurde die Hohe Frau auch von dem um seine Meinung befragten Dr. Howell in einer so entschiedenen Weise bestärkt, daß ich hierüber nicht genug erstaunt sein konnte. Ich erlaubte mir schon hier zu bemerken, daß das Verfügungsrecht doch nur dem Patienten zustehe und daß ich es nicht einmal für gerechtfertigt halten würde, auf den Entschluß desselben eine zu tiefe Jngerenz zu nehmen, man sich vielmehr vom ärztlichen Standpunkt darauf beschränken müsse, dem Patienten die volle Sachlage und die Chancen der verschiedenen Operationsverfahren klarzulegen. Da Ihre Kaiserliche Hoheit meinte, daß es vielleicht möglich wäre, wenn das akut ausgetretene Oedem in den nächsten Tagen wieder schwinden würde, Genaueres zu sehen, und ich dann meine Meinung über die Natur des Leidens modtficiren könnte, sagte ich auf den befonderen Wunsch Ihrer Kaiserlichen Hoheit mein Verbleiben bis zum 11. November zu, entschieden aber verwahrte ich mich gegen die Vornahme weiterer Exstirpationen auf laryngoskopischem Wege, wie sie auch zum Zwecke weiterer histologischer Untersuchungen von Mackenzie vorgeschlagen wurden, da solche operativen Eingriffe gewiß nur zum rascheren Wachsthum ober Zerfalle bet Neubilbung bienen würben unb es auch sehr zweifelhaft wäre, ob selbst ber geübteste Untersucher im Stanbe sein könnte, aus einem Fragmente ber Geschwulst im bamaligen Stabtum etwas Bestimmtes auszuiagen. An bemselben Abenb kam Seine Königliche Hoheit Prinz Wilhelm unb mit biesem im Auftrag Seiner Majestät bes beutschen Kaisers Dr. Schmtbt aus Frankfurt a. M. an. Wir alle würben von Seiner Königlichen Hoheit empfangen, wobei ich wieder im obigen Sinne meine Meinung in bestimmter Weise abgab. Als wir Aerzte später nach längerer Zett bei Mackenzie zusammensatzen, wurden neuerdings alle Möglichkeiten ausgesprochen, wobei sich immer noch Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Diagnose herausftellten.
Am nächsten Morgen wurde eine neue Untersuchung angestellt, an welcher sich Dr. Schmidt betheiligte, der sich vollinhaltlich der Ansicht Schrötter's anschloß. Die Kronprinzessin erklärte sich Schrötter gegenüber mit allergrößter Entschiedenheit gegen die Exstirpation und nur für den seinerzeitigen Luftröhrenschnitt, da sie unter allen Umständen das Leben ihres geliebten Gatten verlängert sehen wollte und solches nur auf diese Weise für erreichbar hielt. Schrötter wies darauf hin, daß man für diese Operation schleunigst einen geübten deutschen Arzt berufen solle und schlug Bergmann vor. Die Frau Kronprinzessin gab darauf keinen Bescheid, da sie in Dr. Howell eine ausreichende Hilfskraft zu besitzen glaubte. Abends wurden die Herren nochmals vom Prinzen Wilhelm empfangen und setzten später ein ausführliches Memorandum über die Chancen der Kehlkopfexstirpation auf, welches dem Kronprinzen übergeben werden sollte. Die Kronprinzessin bat hierauf Prof. Schrötter, dem Kronprinzen mit möglichster Schonung die nöthige schwere Mittheilung zu machen.
Hierüber berichtet nun wörtlich Prof. Schrötter:
„Nachdem der Hohe Patient feit gestern Eisumschläge gebraucht unb Eispillen verschluckt hatte, war bas Gebern roieber etwas geringer, boch hatte sich in bem eigentlichen Krankheitsbilbe nichts wesentliches geänbert, meine Meinung mußte somit biefelbe bleiben.
Unb nun mußte ich bas schmerzliche Amt, für welches bas Vertrauen meiner Collegen mich ausersehen hatte, Seiner Kaiserlichen Hoheit Bericht über unsere Untersuchungen uub Anschauungen zu erstatten, erfüllen. Es geschah bieses in Gegenwart Ihrer Kaiserlichen Hoheit der Frau Kronprinzessin, unb muß ich wohl erklären, daß diese Scene zu den ergreifendsten meines Lebens gehörte.
Der Hohe Patient, dem auch nicht eine Spur von Erregung anzusehen war, schlug meine Bitte, sich niederzusetzen, lächelnd ab, nahm den Bericht stehend mit philosophischer Ruhe, mit wahrem Heldenmuthe entgegen.
Als ich von den Chancen der beiden Gperationsversahren sprach, veränderte sich in keiner Weise sein bisheriger, so liebenswürdiger Gesichtsausdruck.
Aufs Tiefste gerührt, war ich glücklicherweise in ber Lage, darauf hinzuweisen, daß ich in ber jüngsten Zeit Gelegenheit hatte, bei einem alten Herrn bie vollftänbige spontane Rückbildung einer solchen Neubildung am Kehlkopfe zu sehen, unb war der Hohe Patient sichtlich erfreut, als ich sagte, daß es sich im angezogenen Falle um einen Mann in den siebziger Jahren handelte, worauf er ausrief: „G, ich bin ja erst ein Fünfziger!"
Nachdem Seine Kaiserliche Hoheit noch die anderen Aerzte gefragt hatte, ob sie wünschten, zu meinen Mittheilungen irgend etwas hinzuzusetzen, was aber nicht der
U l'rug er mich direct, ohne die Ruhe in irgend einer Weise zu verlieren, ob ßeben^muTteC ' roorauf td) allerdings eine etwas umschreibende Antwort . Den tiefsten Eindruck mußte auf jeden von uns die liebenswürdige herz- Art machen, in ber wir entlassen würben. Kein unbefangener Zuschauer n?rrthfrhi,hnt', so tragische Scene vorausgegangen war. Mit einem Händedruck
©oüwiU^ m $ bCr waWaft ^hre Mann unb sprach: „Auf Wiedersehen, so
Auch bie Frau Kronprinzessin verabschiebete uns in ber hulboollsten Weise nachdem sie sich nochmals mit bem festgestellten Plane vollkommen zufrieben erklärte A f Serr JJberfiab§arjt Schrader überbrachte bann bem Hohen Patienten bas gestern aufgesetzte schriftliche Referat über bie Chancen ber verschiebenen Cperationen unb schon nad) wenigen Minuten kam bie schriftliche Willensäußerung Seiner Königlichen Hoheit rö6renn)^ütfau3"ü6ren6iu8U°en.ra‘iOn unb nur feinerjeit d-n Luft-
2ßir v^immelten uns noch bei General v. Winterfelbt unb es würbe in Gegen- s Konigl. Hoheit bes Prinzen Wilhelm bas erste Bulletin für ben „Reichsauzeiger rebigirt unb bie Reihenfolge ber weiteren bestimmt, bie erst allmählich ernster allten, um auch bie große Geffentlichkeit nach unb nach auf bie Schwere ber Situation vorzubereiten. Selbstverständlich wäre es auch möglich gewesen, nur bei ber Diagnose Pertchondritls dem großen Publikum gegenüber zu verbleiben. Warum man oon bem hier gefaxten Plane abgewichen, wie es möglich geworben ist, baß nur im intimsten Kreise ber Aerzte gefallene Aeußerungen schon auf meiner Rückreise, bie ich °;?er e$ en Unterredung antrat, unb zwar in ber allerschonungslosesten Weise in ben Zeitungen zu lesen waren, ist mir unbegreiflich. Die späteren fort- wahrend erneuten Schwankungen in ben Ansichten über bie Natur bes Leibens,'sowie bie wiederholten Änderungen in ber Therapie, von welchen letzteren ich allerdings nur
ZAungen J®8' ^lniges auch zu meinem Erstaunen von Persönlichkeiten bestätigt erhielt, bie für gut unterrichtet zu halten ick allen Grunb hatte, mußten mich bei bem ganz normalen Krankheitsverlaufe in liefe Bekümmerniß versetzen
. Noch muß ich erwähnen, baß mir Ihre Kaiserliche Hoheit bie Frau Kronprinzessin auftrug, nur Sr. Majestät meinem Kaiser unb bem österreichischen Kronprinzen ben wahren Sachverhalt mitzutheilen, ber Geffentlichkeit gegenüber aber Stillschweigen zu beobachten, welcher Befehl erst einige Tage nach meiner Rückkunft aufgehoben würbe. Daun ließ ich allerbings, nachdem ja bas Geheimniß längst gelüftet war. einzelne Aeußerungen im Prioaikreise fallen, und es ist nicht meine Schuld wenn diese in der unbescheidensten Weise ausgebauscht wurden "
Bericht des Sanitätsraths Dr. M. Schmidt bestätigt das Gutachten Schrötter s er bemerkt insbesondere, daß er eine solche Knötchenbildung, wie die am rechten Stimmbanbe, nur bei wenigen gesehen habe.
Die Deklaration , welche die in San 3iemo vom 9. bis 11. November oer- sammelten Aerzte verfaßten, hat folaenben Wortlaut:
„Nach wieberholten eingehenoen Untersuchungen sind die versammelten Aerzte vollkommen klar, daß es sich bei Seiner Kaiserl. Hoheit um Krebs des Kehlkopfes hanbelt. In Bezug auf bte Behanblung mürben ebenfalls bie verschiebenen Möglichkeiten gründlich durchgesprochen, Seine Kaiserliche Hoheit auch in biefelbe eingeweiht unb würbe ber s. Z. nothwenbig werbenbe tiefe Luftröhrenschnitt empfohlen.
(gez.) Morell Mackenzie. Schrötter.
Schraber. Krause. Moritz Schmibt.
Mark Hovell.
(Fortsetzung folgt.)
Wermischtes.
= Frankfurt a. M., 14. Juli. Heute Mittag 12 Uhr würbe ein Shell ber zur Hebung eingezogenen Lanbwehrleute entlassen. Die Leute finb alle bes Lobes voll über die ihnen zu Theil geworbene Behanblung. In ben Tagesblättern erschienen bereits heute Dankfagungen für bie humane Behanblung.
Ä r Tagen roirb im russischen Hof Hierselbst ein interessantes
Kolossal gemalbe „Kaiser Wilhelm I. auf bem Parabebett" zur Ausstellung gelangen. Auf bem Btlbe erblickt man die trauernde Germania, welche dem Heimgegangenen ben Lorbeerkranz reicht unb bas beutsche Banner vor ihm neigt, lieber bem Haupte bes Tobten schweben Enaelgestalten, zu seinen Füßen liegen Blumen unb Kränze Im Hintergrunbe steigen bie Umrisse des Reichstaasgebäubes unb ber Siegessäule empor. Das Gemälbe macht einen großartigen Eindruck.
— Gestern Mittag 1 Uhr 8 Min. passirte der Kronprinz von Serbien unsere Stadt. Der Salonwagen wurde auf den Main-Neckar-Bahnhof übergeführt und um halb 2 Uhr ging's mit dem planmäßigen Zuge weiter nach Passau. In Begleitung des Kronprinzen befanden sich, außer einer Tante, ber Kriegsminister General Pro titsch ber Gouverneur Dr. Dokitsch, zwei Abjutanten unb ein Kammerbiener. Währenb von Wiesbaben berichtet würbe, ber Kronprinz sei sehr niebergeschlagen gewesen unb habe geweint, laßt sich von hier nur melben, baß sich irgenbwelche Erregung an bemselben nicht wahrnehmen ließ, baß er vielmehr mit seiner Begleitung lachte unb scherzte In Wien soll ein Ertrazug bes Kronprinzen harren. — Die Königin von Serbien traf gestern Abenb 8 Uhr 40 Min. auf ber Reise nach Wien hier ein. Um 9 Uhr 5 Mrn. würbe bie Reise fortgesetzt. Die Königin würbe im Taunus-Bahnhof vom hiesigen russischen General-Consul Staatsrath v. Ozeroff unb Gemahlin begrüßt.
77Frankfurt wirb bemnächst ein Ursulinerinnen-Kloster erhalten, womit die Zahl der katholischen Kloster auf 4 steigt.
— Das gegenwärtige schlechte Wetter hat manches lieble im Gefolge, daß es aber auch Anlaß zu einem Selbstmordversuch werden könnte, haben unsere Leser wohl kaum gedacht. Und doch ist dieser Fall gestern hier vorgekommen. Der Inhaber einer Gartenwirthschaft nämlich, dessen Geschäft bei der jetzigen Temperatur nicht wohl blühen kann, machte gestern, veranlaßt durch den schlechten Geschäftsgang, den Versuch sich zu erhängen. Er wurde noch rechtzeitig bemerkt und abgeschnitten. Hoffentlich kommt der Mann nicht wieder auf solche Gedanken, das Wetter ändert sich deshalb keinesfalls.
Allgemeiner Anzeiger.
Zahressest
des überliess. Vereins für innere Mission
in Bad-Nauheim
am 18. Juli 1888, Vormittag- 10 Uhr.
Festpredigt: Pfarrer Waas aus Lampertheim. Vortrag von
P. Veit aus Braunschweig über: „die Fürsorge für unsere weibliche Jugend." Nachversammlung auf dem Teichhause.
5679 Der geschäft-führende Ausschuß.
3269] Schönes Kneiplocal abzugeben, i Ein braves Dienstmädchen auf 1. Aug. Sonnenstraße 14. I gesucht- Kirchenplatz 21, parterre, 5603
BAD W I L D U I G E fV.
Gegen Stein, GrieS, Nieren- und Blasenleiden, Bleichsucht, Blut- armuth, Hysterie rc. sind seit Jahrhunderten als specifiscke Mittel bekannt: Georg- Bictor-Quelle unb Helenen-Ouelle. Wasser berfelben wirb in stets irischer Füllung versenbet. — Anfragen über bas Bad, Bestellungen oon Wohnungen im Bade- logirhause unb Europäischen Hofe rc. erlebigt 4095
Die Inspektion der Wildunger Mineralqu.-Actiengesellschaft«, (-V A A A Lacke, Farben und
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I Näheres in ber Exped. d. Bl. 5781 Aliceftraße.


