Nr. 139« Drittes Blatt. Sonntag den 17. Juni 1888.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bureaur Schulstraße 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS. Durch bi^of^l^
Amtlicher Hheit.
Bekanntmachung.
Wir bringen hiermit zur Kenntniß der Interessenten des Kreises, daß der Ankauf von Heu und Rogqenstroh seitens des Königl. Proviantamtes Bocken heim alsbalo nach der Erndte beginnen wird. — Nähere Auskunft über Preis- und Qualitätsverhältnisse ertheilt auf Ersuchen das genannte Proviantamt schriftlich oder mündlich.
Gießen, am 14. Juni 1888. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Boekmann.___
Gefunden^ 1 silbernes Armband, 1 Bierzipfel, 2 Taschentücher, 1 Herrenrock, 1 Tabakspfeife, 2 Bettelmünzen, verschiedene auf einer Bleiche zurückgebliebene Wäschegegenstände, 1 Kinderschuh, 1 Loupe, 1 Brille.
Gießen, 16. Mai 1888. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Fresenius.
Politische Ueberficht.
Gießen, 16. Juni.
Die tieferschütternde Katastrophe im deutschen Kaiserhause, auf welche die traurigen Nachrichten der letzten Tage mehr und mehr vorbereiteten, ist ein- getr eten. Am Freitag in der zwölften Vormittagstunde hat Kaiser Friedrich, der so schwergeprüfte fürstliche Dulder, sein theures Leven ausgehaucht. Die letzten Stunden vor seinem Hinscheiben lag der Kaiser in leichtem Schlummer, welcher von Zeit zu Zeit unter deutlichen Zeichen des Bewußtseins ohne irgend eine Schmerzensäußerung unterbrochen wurde. Die gejammte kaiserliche Familie, Fürst Bismarck, die meisten Minister und sonstige disttnguirte Persönlichkeiten waren um das Sterbelager des Kaisers versammelt.
Inmitten seines schweren Leidens hatte Kaiser Friedrich noch fortgesetzt seine Theilnahme an den Staatsangelegenheiten bethätigt. Auf directe Veranlassung des Monarchen ist der Reichskanzler mit dem Oberpräsidenten von Posen, Grafen von Zedtlitz, in Verhandlungen wegen Uebernahme des durch Putlkamer's Rücktritt erledigten Ministeriums des Innern eingetreten. Inwieweit diese Verhandlungen bereits zum Ziele geführt haben, ist noch nicht bekannt.
Die polnische Landtagsfraction hatte bekanntlich eine Adresse an den Kaiser gerichtet, deren Wortlaut bis jetzt nur zum Theil, und zwar aus deutschen Zeitungen, bekannt geworden ist; den polnischen Blättern soll überhaupt noch keine Mittheilung über den Inhalt der Adresse zugegangen sein. Wie nun der „Goniec- Wietk" vernimmt, hat der Monarch die Adi esse nicht selber beantwortet, sondern sie durch das Staatsministerium beantworten lassen und zwar soll diese Antwort, wie das genannte Blatt berichtet, für ein polnisches Ohr nicht angenehm klingen. Die parlamentarischen Vertreter der Polen scheinen in ihrer Adresse die Hoffnungen des polnischen Volkes in einer Weise betont zu haben, die an allerhöchster Stelle peinlich berührt hat.
Der Leiter der auswärtigen Angelegenheiten Oesterreich-UngarnS, Graf Kal- noky, hat sich in der Donnerstagssitzung des äußeren Ausschusses der ungarischen Delegationen über die allgemeine Lage verbreitet. Der officiöse telegraphische Bericht meldet zwar über den Inhalt der Kalnoky'schen Ausführungen nichts Näheres und besagt nur, daß der Minister den ausgesprochenen ftiedlichen Character der österreichischen Politik betont habe, aber zweifellos werden sich die Erklärungen Kalnoky's im Geiste der kaiserlichen Eröffnungsrede bewegt haben. Jedenfalls ist der Ausschuß durch dieselben vollständig befriedigt worden, denn er stimmte dem Budget des Aeußeren in allen Punkten bei. . t
Graf Andrassy hat aus Gesundheitsrücksichten sein Mandat zur ungarlschen Delegation niedergelegt. Ob hiermit nur die Einleitung zum vollständigen Rücktritte des berühmten Politikers aus dem öffentlichen Leben zu erblicken ist, steht noch dahin, indessen ist Graf Andrassy schon seit längerer Zeit sehr leidend und dürfte daher mindestens eine längere Pause in seiner öffentlichen Thätigkeit zu erwarten fein.
Der französische Ministerpräsident Floquet hat kürzlich eine Rede gehalten, welche recht wohlthuend gegenüber den verschiedenen chauvinistischen Kundgebungen abfticht, die man nur zu häufig von jenseits der Vogesen vernehmen kann. Der Ministerpräsident sprach in einer Versammlung des Pariser Comits's für öffentliche Hilfeleistung, dessen Vorsitzender er ist, über die Organisation dieser Thätigkeit. Floquet erklärte hierbei, das ComitS sei gebildet worden, um alle hochherzigen Bestrebungen in dieser Richtung zu vereinigen und sprach er die Hoffnung aus, baj^ neben „gewissen kriegerischen und ehrgeizigen Bestrebungen" auch noch Platz für eine edle Bethätigung her Brüderlichkeit bleiben werde. Nach dieser feinen Anspielung auf den Boulangismus aedackte der Cabinetschef der herannahenden Pariser Ausstellung und versicherte er, Frankreich werde, nur von dem Bestreben erfüllt, den Gesetzen der Humanität nachzu- kommen bei dieser Gelegenheit und ohne sich überheben zu wollen, der Welt seme Reichtbümer auf den Gebieten der Kunst und der Industrie, des Ackerbaues und des Handels zeigen. Es klingt aus dieser Kundgebung des französischen Staatsmannes ein recht friedlicher Ton hervor, der hoffentlich auch in der gefammten Politik des Ministeriums Floquet ein mehr und mehr vorherrschender werden wird-
Die Liste des neuen spanischen Ministeriums liegt bereits vor, wenngleich einzelne Veränderungen nicht ausgeschlossen erscheinen. Einstweilen lautet sie folgendermaßen Sagasta Präsidium, Alonzo Martinez Justiz, Arrnffo Aeußeres, Itquena Colonien, Rodriguez Arias Marine, Moret Inneres, Puigeeoer Finanzen, Canalezes Arbeiten, Samhez Bregua Krieg. Die Liste weist demnach zum Theil die Namen der Mitglieder des alten Eabinets auf, so daß man es nur mit einer Umbildung des Ministeriums Sagasta zu thun hat. Q. .
Die bulgarisch • türkischen Verhandlungen über bte Eröffnung ber Linie Sosia-Eonstantinopel wollen noch immer kein befrtebigenbes Resultat ergeben. Di, Morte scheint roicber allerhanb Schwierigkeiten zu machen, wie sich ja burch ihre Bedenken und Einwände der türkisch - serbische Eisenbahnanschluß so sehr verzögerte. Die türkischen Delegirten für den bulgarisch-türkischen Eisenbahnanschluß haben ihren
den Vertretern Bulgariens vorgelegten Entwurf der Eisenbahnconvention plötzlich wieder zurückgezogen und ist dafür Bulgarien seitens der Pforte ersucht worden, seinerseits einen Entwurf vorzulegen; es ist noch nicht bekannt, in wie weit man in Sofia dieser Aufforderung entsprochen hat. Dagegen haben die Türken Oestereich gegenüber in ber Frage ber Beförberung ber österreichischen Postbeutel auf ber Linie Wranja-Salonichi nachgegeben, ba bie Hemmnisse, welche bie türkischen Behörben ber Beförberung ber Postbeutel auf bieser Route in ben Weg legten, in Folge btrecten Befehles aus Eonstantinopel behoben würben. Freilich wirb versichert, baß biese Wirkung erst burch energische Vorstellungen des österreichischen Botschafters bei der Pforte hervorgerufen worden sei.
Universität- - Ehrvnik.
— An Stelle des zum Herbst von Greifswald nach Halle übersiedelnden Professors Dr. E. Haupt ist, wie der „Fr. Ztg." geschrieben wirb, Professor Schlatter aus Bern in bie Professur für neutestamentliche Theologie nach bort berufen worben.
Vermischte-.
△ Mainz, 15. Juni. Die Nachricht von bem Ableben des Kaisers Friebrich hat hier bie schmerzlichste Bewegung hervorgerufen unb sinb alle Stänbe unb Kreise gleich tief von berfelben erfaßt worben. Die erste Mittheilung von dem Tobe traf gegen 3/412 Uhr hier ein unb zwar als Privatbepesche; wenige Minuten später erfolgte bei bem Gouvernement, Kreisamt unb ber Post von Darmstabt unb Berlin bie amtliche Bestätigung. Zur öffentlichen Verkündigung bes tieftraurigen Ereignisses haben alsbalb die amtlichen Gebäude, eine größere Anzahl Prioathäuser, sowie bie hier vor Anker liegenben Schiffe auf Halbmast geflaggt. Die Concerte ber ftäbtischen Capelle würben sogleich abbestellt unb ber sich eben hier befinbliche Eircus Herzog reist heute Abenb noch mit seiner Künstlertruppe von hier weg, um bie burch bie devorftehenbe Trauer ausfallenben Vorstellungen in Zürich fortzusetzen. Die hiesige Börse ist für ben Abenbverkehr geschlossen worben. Die Stabtverorbneten treten morgen Vormittag in einer Extrasitzung zu einer öffentlichen Trauerkunbgebung zusammen.
Berlin, 11. Juni. Ein großartiges Geschenk ist soeben ber Stabt Berlin zugefallen. Der am 17. October Hierselbst verstorbene brasilianische General-Consul Joseph Behrend hat sein gesammtes, nach Abzug mehrerer Legate noch etwa 780 000 JL betragendes Vermögen der Stadt Berlin zur Errichtung einer Stiftung vermacht, und der Zuwendung ist nunmehr durch Ordre vom 29. April b. I., gezeichnet Wilhelm, Kronprinz, die landesherrliche Genehmigung ertheilt. Zweck der zu errichtenden Stiftung ist: unversorgten und unbescholtenen Töchtern gebildeten Standes, deren Einkommen zu einem anständigen Unterhalt nicht ausreicht, eine jährliche Rente zu gewähren. Beider Verleihung der Rente macht die Confession keinen Unterschieb, bie Empfängerin muß aber vaterlos, unverheirathet und in Berlin wohnhaft sein unb bas fünfundzwanzigste Lebensjahr erreicht haben. Das Stiftungs- Kapital wirb beim Magistrat in Berlin beponirt unb von bemselben nach ben für Stiftungen geltenden Grundsätzen angelegt und in der Weise wie der Legatenfonds der Armen-Direction verwaltet. Das Stiftungs-Curatorium besteht aus fünf Personen, die der Magistrat auf 'wölf Jahre ernennt. Mindestens zwei Mitglieder sollen dem Magistrat angehören, zwei sollen aus außerhalb des Magistrats stehenden Personen, die in Berlin wohnen, gewühlt werden. Den Vorsitz führt ein durch Stimmenmehrheit des Euratoriums aus seiner Mitte zu wählendes Magistratsmitglied. Jede Rente beträgt zunächst 900 JL jährlich, die vierteljährlich pränumerando mit 225 bezahlt werden.
— Man muß sich zu helfen wissen! — auch wenn ein nasser Sommer droht nebst Toiletten Deficit und anderen Fährlichkeiten. — Wasserdicht! — Reifet vor allen Dingen die Losung und ein richtiger Regenmantel von gummiartigem Stoff, wie ihn jetzt vielfach auch die Damen tragen, ist zu diesem Zwecke durchaus nicht zu verachten; außerdem aber kann man selbst ein wenig nachhelfen, indem man Alpacca-Schirme und Strohhüte gegen die schlimmen Einflüsse des Regens feit. 1 Theil Karassin Mit 10 la Theilen Benzol in einem Glase Wasser aufgelöst, ergiebt das ganz einfache Mittel durch welches bie Zauber-Procedur ausgeführt wird, nur darf man als vorsichtiger Mensch dieselbe nicht etwa bei Nacht und Nebel, das heißt also nicht bei Licht vollziehen, sondern muß dieselbe hübsch bei Tage vornehmen, wegen der Feuergefährlichkeit des Material., beziehungsweise der Benzoldämpfe. Und nun fluggs den aufgeipannhn Schirm herbeigeholt und — eins, zwei, drei! — geschickt mit der Flüssigkeit ihn übergossen, und zwar von der Spitze angefangen, rasch in Spiral-Linien. Auf diese Art wird das schwere Trocknen Dermie-- den, und ohne daß Farbe, Weichheit und Haltbarkeit des Stoffes leiden, wird der Schirm durch die Paraffin-Lösung so abgehärtet, so raffinirt wasse^lcht,^daß> die Regentropfen wie Perlen darüber hinrollen, und man den Schirm sogleich nach erfolgtem Regengüße ruhig wieder zusammenklappen kann. — Aehnlich so verführt man mit den Strohhuten, die man wasserdicht machen will, — und befindet man sich zum Ueberfluffe noch im glücklichen Besitze eines rechten Waterproof ergo Gummi-Mantels — dann kann man stolz wie ein Spanier als waschechter Mensch wasserfest und sicher seinen sommerlichen Lebendspfad
dahin wandeln!


