Ausgabe 
17.3.1888 Zweites Blatt
 
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Nr, 66 Zweites Blatt, Samstag den 17. März 1888.

Gießener Anzeiger

-Amts- und Anzeigeblatt für dm Kreis Gießen.

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Durch die Post bezogen »ierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

iVureaur Schulstraße 7.

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Gießener Anzeiger

amts= unö ÄnzeigMatl für öen Kreis gießen.

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und Feiertagen, iacL Pfg.; für auswärtige erfolgt, den Anzeiger

Der .Giessener Anzeiger" erscheint, wie gewohnt, täglich, mit Ausnahme der Tage nach Son», der BeilageÖitßenet FmMenMttkr", welche dreimal wöchentlich d-m Anzeiger beigelegt werden.

Der AbonnemevtSpreiS für den Anzeiger, frei t« 6 HnaS geliefert, beträgt 2 Mark 20

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Den seitherigen Abonnenten in der Stadt Gieße» werden rott, wenn vorher keine aosdrückltche Abbestellung auch im II. Quartal 1888 zusenden und den Abonnementsbctrag durch Quittung erheben lassen. . .

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Verwaltungsblätter" zum ermäßigten Die Expedition.

Amtlicher Hheil.

Strack, Dekan.

Auf Allerhöchsten Befehl soll die Trauerseier zum Gedächtniß an den Kaiser Wilhelm in allen evangelischen Gemeßen Sonntag den 18. März stattfinden. Es werden als Texte für die Gedächtnißpredigt empfohlen: 1. Chron. 18, 8; Jesaras 40, 30, 31, Jeremras 9, 23, Sprüche 2 , , Pf- , #-

Lucas 10, 20.

Lang-Göns, den 12. März 1888.

M Darmstadt, 14. März. ^Zweite Kammer der Stände.^ Nach Ver­kündigung einiger neuer Einläufe tritt das Haus in die Berathung deS Entwurfs des Fmanzgesetzes für die Etatsjahre 188891.

Gelegentlich der General-DiSkussion ergreift Abg. Möllinger das Wort. Er führt aus, daß auch diesesmal eine allzu hohe Belastung des Grundbesitzes mittelst der Grundsteuer stattgefundrn habe und stützt hierauf das Verlangen, den ganzen zur Verfügung stehenden, je nach dem Abschlüsse des Budgets eventuell noch zu erhöhenden Betrag zur Herabminderung womöglich nur der Grundsteuer vom landwirthschattlich benutzten Grund und Boden, falls aber dieses unthunlich sei, auch auf Verminderung der Gebäudesteuer zu verwenden. a ,

Finanzminister Weber erklärt, daß er keineswegs die Ansicht des Abgeordneten Möllinger theile und daß die Grundsteuer in keiner Weise erhöht worden sei, wie man der Regierung vorgeworfen habe; im Gegentheil war die Großh. Regierung in der Lage, da sie die Steuerbeträge in der Weise nicht mehr bedurfte, die Steuern herab- rusetzen. Es sei der Regierung sehr wohl bekannt und könne nicht bestritten werden, daß die Landwirthschafi in einer schlimmen Lage sich befinde. Aber auch andere Zweige der Industrie unseres Landes seien in derselben Lage. Die Regierung habe immer offene Augen für die Linderung bestehender Härten- Die Festsetzung der Steuer- coesficienten von 15 H der Grund- und Einkommensteuer und 17 H für Gewerbe- und Kapitalrentensteuer sei nach reiflicher Prüfung erfolgt. Wenn der Antrag Möllinger die Grundsteuer auf 11 H und für Gewerbe-, Einkommen- und Kapital­rentensteuer auf 17 H festzusetzen, Annahme finde, so trete der Fall ein, daß der Re­gierung eine Mehreinnahme an Steuern zufließe, für welche sie keine Verwendung habe Das sei wohl dann noch nicht dagewesen, daß man einer Staatsregierung mehr Steuern in einem Landtage bewillige als sie verlange. Er bittet um Annahme der Regierungsprovosition.

Abg. Schade begründet seinen mit dem Abg. Schröder gestellteu Antrag auf Beibehaltung des seitherigen Steuercoefficienten (15 H für Grundsteuer und 17 A für die anderen Steuern) und Ueberweisung der sich ergebenden Ueberschüsie an die ^retefaffen. plaidirt für eine gleichmäßige Herabsetzung aller Steuern und

Einführung eines einzigen Steuercoefficienten.

Aba. Wolfskehl begründet den Antrag der Mehrheit des Ausschusses, welcher dabin geht, an Grundsteuer den Betrag von 14 an Gewerbe- und Einkommen­steuer den Betrag von 16 H und Kapitalrentenstcucr den Betrag von 17 H auf die Mark Stenerkapital festzusetzen.

Abg Schröder erläutert nochmals, welche Grunde ihn bestimmt, mit dem »bg. Schade einen Sonder-Antrag einzubringen; um jedoch sein Entgegenkommen zu zeigen, sei er bereit, den Antrag Möllinger zu dem seinigen zu machen, wenn an Grund­steuer der Betrag von 12 festgesetzt werde.

Abg. Möllinger erklärt sich damit einverstanden

Ministerialrath Baur begründet nochmals eingehend die Regierungsvorlage

Nach erfolgter Abstimmung wird der Antrag Möllinger, Schade, Schröder, bei Art. 1 für die Grundsteuer 12 4, für die Gewerbe-, Einkommen- und Kapitalrenten­steuer 17 4 festzusetzen, mit 22 gegen 21 Stimmen angenommen.

Die Art. 2 und 4 des übrigen Theiles des Gesetzes werden sodann ohne De­batte genehmigt.

Das ganze Finanzgesetz wird hierauf mit 24 gegen 19 Stimmen angenommen. Das Haus vertagt sich sodann bis zum 22. März.

Berlin, 14. März. Kronprinz Wilhelm beobachtete heute in Be- gleitung seiner persönlichen Adjutanten längere Zeit die Vorgänge vor dem Dom. Vorher hatte der Kronprinz mit seinem Adjutanten eine Rundfahrt durch Berlin unternommen und mit sichtlicher Rührung von den zahlreichen äußeren Zeichen der tiefgehenden Trauer im Publikum durch eigenen Augm- schein sich überzeugt. Unter den Linden hat man heute schon in früher Morgenstunde mit den Arbeite» zur Ausschmückung begonnen. Die Akadem e

hat dem Archittktenverein den groß n Saal t« Erdgeschosse des Akademie- gebäudes an der Ecke der Charlottenstraße ausgeräumt, wo heute unau-gesetzt Wagen mit schweren Stoffen Vorfahren. Zahlreiche fleißige Hände sind un- ausgesetzt mit Messen. Zuschneiden oder Anfertigung von Schleifen u. dgl. beschäftigt. In fünf Colonnen rückten heute früh 150 Arbeiter der städtischen Straßenreinigung an, um da« schwere Werk der Säuberung de« Mittelweges der Linden vom Schnee und Eis zu beginnen. Die städtische Straßenreinigung hat gleichzeitig auch die Reinigung der Charlottenburger Chaussee übernommen und zu diesem Behufs auch vier Schneesegemaschinen in Dienst gestellt, welche mit je 30 federnden Schaufeln den Schnee gleich abkratzen. An verschiedenen Stellen der Linden sind hohe Cokeshausen aufgerichtet zur Füllung von Coke»- öfen, welcke zum Austauen bet Erdbodens behufs Ermöglichung der nöthigen Erdarbeiten dienen sollen. Das Ausbrechen des hart gefrorenen Bodens ver­ursacht überhaupt große Arbeit. Noch schwieriger gestalten sich die Verhält- niffe aus dem Pariser Platz, wo die mit Theer zusammengefügten Steine des Wiener Pflaster« ausgestemmt werden müssen. Der auszuschmückende Theil der Trauerstraße geht vom Dom bis zum Kreuzungspunkt der Siege«allee mit der Charlottenburger Chaussee. Jnsgesammt haben 12 der bedeutendsten Architekten firmen die Riesenarbeit übernommen. Besonders würdig wird sich das Brandenburger Thor ausnehmen. Auf dem Pariser Platz werden acht Tribünen erbaut, die je 18,80 m breit und 15,4 m tief sind. Besondere Vorbereitungen werden am Kreuzungspunkt der Friedrichstraße getroffen. Hier wird sich baldachinartig ein 17 m hoher viereckiger nach oben sich verjüngender Ausbau erheben, der mit einer Kaiserbüste gekrönt werden soll. Gegenüber dem Palais wird da« Denkmal Friedrichs des Großen den Stützpunkt für eine großartige Trauerdccoration bilden. Die Akademie der Künste ist heute Abend um 6 Uhr im Sitzungssaals de» Senats zu einer Gesammtfitzung des Senat» und der Mitglieder versammelt. Den ersten Theil der Sitzung, die nicht öffentlich ist, bildet ein Traueract für Kaiser Wilhelm. Professor Bekker hält al» Präsident der Akademie eine kurze Ansprache. E« soll sodann Beschluß gefaßt werden über eine Adresse, welche Kaiser Friedrich III. überreicht werden soll, sowie über die Veranstaltung einer Gedächtnißfeier für Kaiser Wilhelm. Am Sarge de« Kaiser« hat die Akademie bereits einen Lorbeerkranz von l^/zm Durch­messer nieoerlegen lassen, Jber die Widmung trägt:Die königliche Akademie der Künste zu Berlin." Kaiser Wilhelm war Protector und seit dem Anfang der 50er Jahre auch Ehrenmitglied der Akademie. Der Verein Berliner Presse hat gestern auf dem Hofmarschallamt einen Kranz zur Niederlegung am Sarge Kaiser Wilhelm', durch ein Milglicd de» Varstande, überreichen lassen mit der Ausschrift: »Dem Begründer de, Reiche- der Verein Berliner Presse."

Lokales.

Gießen, 16. März. In seiner gestrigen Sitzung hat der engere Senat unserer LandeSunioersität beschlossen, am 22. März d. I. um 12 Uhr in der großen Aula auS Anlaß des Ablebens Seiner Majestät des hochseligen Kaisers eine Trauerfeier zu ver^ anftalten.