Ausgabe 
16.12.1888 Zweites Blatt
 
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Mr. 295 Zweites Blatt. Sonntag den 16. December

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigebtatt für den Kreis Gießen.

©ttrcottt Schulstraße 7.

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Gießener Anzeiger,

ämts= un6 flnjeigcöfatt für öen .Kreis Hießen.

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Die Ergebnisse der Unfallversicherung', im Jahre 1887.

Dem Reichstag ist soeben eine Ueberstcht über die Rechnungsrrgebnisse der Berufsgenossenschaftcn mitgetheilt worden. Die Unfallversicherung ist bekanntlich mit dem letzten Quartal des Jahres 1885 in Kraft getreten. Der gegenwärtige Bericht stellt somit den zweiten vollständigen Jahresbericht dar. Die landwirthschaftltchen Arbeiter waren im Jahre 1887 noch nicht versichert. Den nachstehenden Mtt- theilungen sind die betreffenden Zahlen des Jahres 1886 zur Vergleichung tn Klammern beigefügt.

Die Zahl der versicherten Personen betrug 3,861,560 (3,473,453). Dieselben verlbeilen sich auf 62 Berufsgenossenschaften. Die für die Umlagen anrechnungssähtgen Löhne betrugen 2,389,349,536 X (2,228,338,865 X). Die Lohnbeträge über 4X sind, wte wir bemerken, für den Mehrbetrag nur mit einem Drittel anrechnungsfähig. Für -le Löhne der jugendlichen und nicht ausgebildeten Arbeiter ist nach dem Gesetz der ortsübliche Tagelohn Erwachsener berechnet.

Einschließlich der Unfälle bei 48 Ausführungsbehörden von Reichs- und Staats­betrieben für die Unfallversicherung betrug die Zavl der neuen Unfälle, für welche im Aabre 1887 Entschädigungen bei Todesfall oder Krankheit über 13 Wochen festgestellt mürben 17 102 (10,540). Die Anzahl sämmtlicher im Jahre 1887 überhaupt zur An­meldung gelangten Unfälle betrug 115,475 (100,159). Für Unfälle mit der Folge einer dauernden völligen Erwerbsunfähigkeit waren tm Jahre 1887 in 3166 (1778) Fällen, für Unfälle mit tödtlichem Ausgange in 3270 (2716) Fällen Entschädigungen fcst- inkfaen Die Kahl der von den im Jahre 1887 getödteten Personen hinterlassenen !n chädigungsberechtigten P-rsonen bcträgt 2143 (1802) Wittwen, 4723 (3949) Kinder unb 217 (184) Agcendenten), tm Ganzen 7083 (5995), Auffallend rst die Steigerung der Unfälle mit der Folge einer dauernden völligen Erwerbsunfähigkeit.

Die Entschädigungsbeträge des Jahres 1887 umfassen natürlich auch diejenigen Personen deren Rentenbezüge aus den Jahren 1885 und 1886 stammen und im ^abre 1887 wcitergelaufen sind. Hiernach stellten sich in den Berufsgenosfenschaften die Entschädigungsbeträge auf 5,373,496.46 X (1,711,699.98 *<) unb den laufenden «erwallungskosten 2,897,165.87 X (2,324,294.32 J4). Die weiteren Ausgaben an L de? Unfalluntersuchungen und der FM-llung der Entschädigungen, an Schieds- -lertchts- und Unfallverhütungskosten betragen 725,619 66 X (277.247.60 X\

Bcmerkenswerth ist die weitere Erhöhung der Verwaltungskosten. Bekanntlich .bärt die Kostspieligkeit der Verwaltung der Einrichtung nicht zu den letzten Klagen, die aeam die Berufsgenosfenschaften erhoben worden sind. Auch der oorliegcnde Be- riAt9ieiat daß die näher ausgesprochene und sehr berechtigte Mahnung des Herrn ^?aatssecr'etärS v^ Bötticher doch nur eine geringe Wirkung erzielt hat. Noch immer ÄS ü r beobachtete Ungleichheit tn der ^he der Verwaltungskosten der linirtn/n Berufsaenosfenschaften und zwar o t in der schroffsten Form zu Tage. £ Nenstchind-r einen auf kaum mehr als 20 4 für den Kopf Der V-r- werten belaufen beziffern sie sich in anderen auf 2, ja auf mehr als 4 X. Das ist Tbat eine Erscheinung, die zu denken gibt, und in einer Anmerkung zu der i^rsickt der Verwaltungskosten wird ausdrücklich hervorgehoben, daß die angeführten Z ffern^sichnur zur Beurtheilung der th-tsächlichen Hohe der laufenden Derwaltungs- fo ten nW auch zur Beurtheilung der Angemessenhert dieser Aufwendungen verwenden z in ter den Berufsgenosfenschaften mit eurem kostspieligen Verwaltungsapvarat U ! immer die Schornsteinfeger - Berufsgenosserrschaft den ersten Rang ein. «ilNMt noch I^^opf der Versicherten Verwaltungskoften in der Höhe von 4,60 X ikn 6 t 11 in dieser Beziehung schon einen gewissen Ruf erlangt. Die i rKnikit ihren Einrichtungen ist oft besprochen, und sie wird begreiflich, wenn wie bi^r ordentlich eine Ehre darein gesetzt wird, tm Vollen zu wtrth- wi hgch ist vom Abgeordneten Oechelhäuser hervorgehoben

n in dieser Genossenschaft auf die Erledigung eines EntschädigungssalleS «°rden, daß in dleser^^mon me^r 2 X belaufen sich die Ver-

21 in ber Müllerei-, ber Fuhrwerks- und Westdeutschen Slnncm<5d)tfc

und 2 X Kosten für den Kopf der V-r- ^ahrts-Bcrufs-G ^.^fsaenofsenschatten. Bei 41 Genossenschaften betragen dagegen die nn^bniAt 1 T ®te WC Verwaltung haben die sächsische, die schlesische N,i-nfsaenossenschaft und die Seiden-Berufsgenossenschaft; die 93er mal tung3: hier 0 21 beim. 0,25 und 0,27 X. Die Verwaltungskosten der Zucker- kosten betragen h , , 0 38 für den Kopf der Versicherten. Die noch nicht

Berufsgenossenschaf . 9 . ^oftCn der ersten Einrichtung belaufen sich, einschließlich ?öMg zum Abschluß (S 100 des Unfall-

der Ausgaben auf Grund Uvernommen Berufsgenossenschaften für das Jahr 1887 auf dm Reservefonds sind für das Jahr 1887 bis 225,673,92\ X (5 0, . . _ 4^g (5 401,878.06 X) eingelegt worden, so daß im

jum 15. August , , l j effektiven Ausgaben für die 62 Berufs-

1S./S7,3S4,SS^t (w,600 ^' 22,266,483,78 Jl (12,381,958,46 an

SKÄÄ-5 bteflehteren umfassen tat von den inetsten Berufsgenossen- B-trLsWs^ d°s Jahr 1888 - g-g°nül>-rst-hen. Der

am Schlüsse des Rechnungsjahres verbliebene Bestand beläuft sich für sämmlliche Berufsgenossenschaften auf 3,109,088,93 X, der Gesarnmtbetrag des Reservefonds auf 15,720,841,66 X.

Bei den 48 Ausführungsbehörden von Reichs- und Staatsbetrieben beliefen sich im Jahre 1887 die Gesamrntkosten auf 575,213 X (212,130 X). Hier entfallen die Kosten fast ausschließlich auf Entschädigungsbeträge. Die Zahl der versicherten Per­sonen betrug hier 259,977 (251,878). (I. Z.)

Vermischtes.

(Zwischen Livp' und Kelchesrand.j Aus Berlin wird geschrieben: Das Hochzeitsmahl des 28jährigen Kaufmannes B., welcher dieser Tage mit der einzigen Tochter d.'s Fabrikanten W. standesamtlich und kirchlich verbunden wurde, fand in dem Festsaale eines Hotels statt; als sich während desselben der Bräutigam mit gefülltem Glafe erhob, um für die ihm und feiner jungen Frau dargebrachten Beweise oo« Freundschaft zu danken, unterbrach er sich plötzlich unb schleuderte mit schrillem Gelächter sein Glas an die Wand. Man konnte den bedauernswerthen Mann, welcher in einen Zustand ber Raserei verfiel, nicht mehr zur Besinnung bringen. Ein herbeigeholter Arzt stellte Geistesgestörtheit fest und es mußte die Ueberführung des unglücklichen jungen Ehemannes, welcher schon früher eine Kaltwasserheilanstalt hat auffuchen müsse», nach einer Privatheilanstalt erfolgen. Die junge Frau befindet sich schwer erkrankt bei ihren Eltern^ ^ren Armen das Kind war tobt.] Eine Scene, die in ihrer Tragik an den Göthe'schen Vorwurf zumErlkönig" erinnert, ereignete sich am Dienstag in der Poliklinik des Professors Gerhardt zu Berlin. Daselbst erschien eine Mutter mit ihrem drei Monate alten Kinde im Arme. Dasselbe hatte ein eiterndes Geschwür am linken Ohr und ber Arzt, an ben sich bie Frau mit bem kleinen Patienten zuerst aewanbt, schickte die Mutter, da höchste Gefahr vorhanden war, zu Herrn Profefior Gerhardt zu sofortiger Operation. Mit Bedauern mußte der Professor ber armen Frau als biete ihm bas Kinb präsentirte, erklären, baß es hier nichts mehr zu operiren nabe 'ba bas Kind bereits seit einer halben Stunde tobt sei. Der Eiter war inzwtfchen in b'aS Gehirn bes Kinbes gebrungen unb hatte so bas plötzliche Ende herbeigeführt. Der Schmerz der Mutter war ein unbeschreiblicher.

(Originelle Sprachlehrmethode] In welcher Weise am Berliner orientalischen Seminar bie chinesische Sprache gelehrt wirb, ist eine Frage, die gewiß von allgemeinem Interesse ist. Die Meisten wird dabei die Mittheilung überraschen daß die Sprache des himmlischen Reiches den Studirenden unter Mitwirkung des Professors Armdt von einem Chinesen gelehrt wird, ber selbst so gut wie gar nicht d-utfck spricht. Der Herr Docent heißt Knei-Lin unb unterrichtet in der Weise, daß er eine Anzahl Worte an bie Tafel schreibt, habet ben ©tubirenben bie Bebeutung der angemalten Zeichen - chinesifch - vorspricki unb die Worte nachfprechen läßt. So lernen die Herren zunächst nur die Zeichen sich einjupragen und den Slang bei chinesischen Idioms, ohne die deutsche Bedeutung des ihnen Vorgeiragenen zu wissen. Diese wird ihnen in ber nächsten Stunbe burch ben Herrn Professor Arenbi erklärt, welcher bie von Herrn Knei-Lin oorgetragenen Worte unb Sentenzen übersetzt.

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