Vellage zu Ar. 216 des „gießener Anzeiger".
Berlin, 9. September. In der nächsten Sitzung der medicinischen Gesellschaft sollen von einem hiesigen Arzte, Herrn Dr. LouiS Weigert, die Resultate der Unter» luckuna vorgelegt werden, welche derselbe seit einigen Monaten auf die Tödtung des Tuberkel-Bacillus in der Lunge durch Einathmen heißer Luft vermittelst eines eigens von ihm construirten Apparates gemacht hat. Auf die festgestellte Thatsache begründet, dafr dem Koch'schcn Tuberkel-Bactllus in einer höheren Temperatur als 37,5 Grad Celsius die Lebensfähigkeit genommen wird, hat Dr. Weigert seine in hohem Grade schwindsüchtigen Patienten, an denen er seine Versuche anstellte, Luft einathmen lasten, ^die gradatim bis auf eine sehr hohe Temperatur gebracht war. Die Resultate sollen ln ärztlichen Kreisen „daS höchste Erstaunen hervorgerufen haben" und zu der Aeußerung Anlaß gegeben, daß nunmehr „die vollständige Heilung der Schwindsucht, der bekanntlich ^ein Fünftel der Menschheit zum Opfer fällt, nicht mehr problematisch ser. Mögen i -lese Hoffnungen sich erfüllen. Man darf weiteren Berichten mit Interesse, aber auch 1 nicbt ohne Vorsicht entgegensetzen. , r n .
A — sHine Erinnerung an den Afrikaforscher Nachtiaal.l In der ' Denkschrift, welche Cardinal Lavtgerte an die Freiburger Generalversammlung der deutschen Katholiken gerichtet hat, erklärt derselbe, daß die Bewegung, welche äugen» - hltcklich Inner - Afrika hineinzieht in die Strömung der christlichen ctvilisirten Welt, zurückgeführt werden muß auf die Anstrengungen und Forschungen der Asrckaretfenden, inb ermähnt habet die Deutschen ». d. Decken, v.Heuglin, Gerhard R-hNs, Vogel, Schweinsurth, B-urmann. Lenz und Nachtigal. .Nicht alle, fährt der Cardinal sodann fort, „habe ich persönlich gekannt, aber doch wenigstens den Letzteren am Werk« gesehen und ihn von Grund aus beurteilen gelernt, nämlich n einem Augenblick, wo der Mensch sich ganz gibt, wie er ist: Wenn es zu Ende geht. Ich allein kann ihm dieses letzte Etzrenzeugniß ausstellen und thue es trotz besten, was uns trennte, freudig «18 Act der Gerechtigkeit. Ich kannte ihn schon während seiner langen mutigen Mei en in’? -innere, als ich ihn im Amt eines GeneralconsuiS in Tunis wiedersand. Seine Gesundheit war damals erschüttert, was er, ein ebenso genauer als bescheidener Ar,, mit Unruhe erkannte. In diesem Zustande empfing er von Berlin au5 den Befehl, nach der Guinea-Küste sich zu begeben , um dort die Abgrenzung der neuen Laubes- aebtete vorzunehmen. Da machte er mir eines Tages einen zwanglosen Besuch, wie er oft that, und nach Austausch der ersten Worte sagte er: „Ich komme, um ihnen Lebewohl zu sagen." Einen Augenblick danach füate er mit nicht zu verbergender Bewegung hinzu: „Und Ihnen zugleich meinen baldigen Tod anzuzetgen." — ^rcn rob * Aber Sie sehen doch gar nicht danach aus," entgegnete ich. — „Ich habe aber heute Morgen mein Testament gemacht. Ich reise nach Guinea und weiß, daß Ich von dort nicht mehr wtederkehre." - Und er erklärte mir nun, wre in Folge mehrfacher krankhafter Zustände, die ihm nach seinen großen früheren Reisen verblieben waren, die abermalige lange Reise in afrikanischen Gewässern und der Aufenthalt im Tropenkltma ihm sicher das Leben kosten würden. Er sagte das ernst, aber ruhig, rote einer der in die Zukunft zu schauen vermag. Ich war gerührt, wie das wohl Jeder sein muß, der einen muthtgen, gebildeten Mann der Pflicht zum Opfer sich Mn^en fiebt — „Doctor", sagte ich ihm, „seien Sie doch nicht so niedergeschlagen. Das ist Las Schlimmste." — „Niedergeschlagen bin ich nicht," entgegnete er, „ich sehe nur, roie es ist." — „Aber wenn die Regierung die Gefahr kennte, die Ihnen bei Ihrem iekiaen Zustande droht, würde man Sie niemals reisen lassen." — „Warum denn, schulde ich nicht mein Leben?' - .Gewiß, aber Ihr Land hat auch Sie Pflicht, S e für sich zu erhalten, wenn es den Verlust, der ihm droht, wußte. Sehen Sie sagtt ich, und nahm ihn freundlich bei den Händen, „sehen Sie ich bin kein Deutscher, lch din ein Franzose, aber ich bin ein Priester und demgemäß für die Werke der Nächsten- liede und Gerechtigkeit bestimmt. Soll ich von mir aus an Ihren Reichskanzler oder an Ihren Kaiser schreiben, um einfach mitzuthetlen, roaS ich gesehen und gehört Habe, und daß Sie, wenn Sie unter diesen Umständen reisen, ein todter Mann sind? Wollen Sie, daß ich bitte, Sie hier zu lassen?" — Ich bemerkte wohl, daß er durch die Empsindung. die mir meine Worte dtktirte, bewegt wurde. Er wandte sich ab und wiederholte: „Es ist meine Pflicht, und ich will keinen Versuch machen noch machen lassen, mich ihr zu entziehen." — Dabei blieb er und ging. Ich hatte rhn zum
letzten Male gesehen. Er reiste alsbald nach Lissabon, wo er an Bord ging. Ein paar Monate danach fand ich tn einem Blatte die Nachricht von seinem Tode. Er war, roie er es gewollt hatte, in Erfüllung der Pflicht auf feinem Posten gestorben, roo ein Wort ihn hätte retten können. Diese Thatsachen hat außer mir dis jetzt noch Niemand gekannt. Aber heute, roo ich zu Ihnen über unser Afrika sprechen will und über die Bande, welche daffelbe mit Ihrem Lande verknüpfen, heute bin ich glücklich, ihm bei dieser Gelegenheit öffentlich dies Zcugniß liebenden Angedenkens geben zu können."
— [Wie lange währt ein £raum?J Es spricht die höchste Wahrscheinlichkeit dafür, ja, Erfahrung und Selbstbeobachtung bestätigen eS geradezu, daß Traum- begebenheiten in Wirklichkeit nur von sekunden-, höchstens minutenlanger Dauer sind. Die Täuschung besteht darin, daß die betreffenden Erlebnisse in Wirklichkeit so lange dauern würden und wir nunmehr die im wachen Leben gemachten Erfahrungen in das Traumleben hinübernehmen. Dr. F. Scholz berichtet aus feinen Erfahrungen folgendes: Nach schweren körperlichen Ermüdungen und einem geistig wie gemüthlich sehr anstrengenden Tage begab ich mich, nachdem ich noch die Uhr aufgezogen und auf das Nachttischchen gelegt hatte, zu Bett und schlief bei noch brennender Lampe sofort ein. Alsbald befand ich mich auf hoher See an Bord eines mir bekannten Schiffes. Ich war wieder jung und stand am Ausguck. Ich hörte das Meer rauschen und goldene Lichtwolken umwogten mich. Wie lange ich so gestanden, weiß ich nicht; aber es war eine unendliche Zeit. Da änderte sich die Scene. Ich war am Land und meine längst verstorbenen Eltern kamen, mich zu begrüßen; sie führten mich zur Kirche, wo lauter Orgelton erklang. Ich freute mich, wunderte mich aber zu gleicher Zeit, dort meine Frau und Kinder zu sehen. Der Geistliche bestieg die Kanzel und predigte; aber ich konnte nichts verstehen, da die Orgel immer noch gespielt wurde. Ich faßte nun meinen Sohn an der Hand, um mit ihm den Kirchthurm zu besteigen, aber wiederum verwandelte sich die Scene. Statt neben meinem Sohne stand ich neben einem mir früher bekannten, in Wirklichkeit langst verstorbenen Offizier. Ich bin als Militärarzt beim Manöver und wundere mich eben darüber, daß unser Major ein so jugendliches Aussehen hat, als ganz in meiner Nähe unoermuthet eine Kanone abgefeuert wird. Erschrocken fuhr ich in die Höbe, wache auf und merke, daß der vermeintliche Kanonenschuß seine Ursache in dem Oeffnen der «Lchlasstubenthür, durch die Jemand eingetreten, findet. Wahre Ewigkeiten hatte ich in dem Traum durchlebt; aber als ich auf der Uhr nachsah, war seit dem Einschlafen nicht mehr als — eine Minute vergangen, viel kürzere Zeit, als man zum bloßen Erzählen braucht." So wenig Merkwürdiges dieser sonst sehr gewöhnliche Traum zeigt, so gibt er doch ein vorzügliches Beispiel ab für den hohen Grad von Täuschungen, denen Träume bezüglich ihrer Zeitdauer unterliegen. Auch sind Beobachtungen, aus denen sich ebenfalls die außerordentliche Kürze der Zeit ergibt, innerhalb deren ein Traum im Gehirn des Schlafenden sich abspielt, wiederholt gemacht worden. Napoleon I., der bei der Explosion der Höllenmaschine im Wagen schlief, durchlebte in dem unendlich kleinen Zeitraum zwischm der Wahrnehmung des Knalles und dem Erwachen den Uebergang über den Tagliamento und die Kanonade der Oesterreicher und erwachte mit dem Ausrufe: „Wir sind unter ndnirt!" Ebenso wie im Traume hat man auch bei außerordentlichen Vorgängen, so z. B. in Fällen von dringender Lebensgefahr, beobachtet, daß die seelischen Prozesse mit ungewöhnlicher Schnelligkeit sich abfpielen. Von einer Dame, die dem Ertrinken nahe war, wird berichtet, baß sie nach ihrer eigenen Mittheilung in dem Zeitraum von zwei Minuten ihre ganze Vergangenheit noch einmal durchlebte, wobei die unbedeutendsten Details sich vor ihrer Fantasie ausbreiteten. Scholz nimmt an, daß in Augenblicken großer Lebensgefahr das Seelenleben sich gewissermaßen concentrirt und eine große Fülle unbewußter Vorstellungen sich plötzlich an die Oberfläche drängt; anderseits dürfte eine Erklärung für die außerordentliche Schnelligkeit, mit der die verschiedenen Vorstellungen im Traume auf einander folgen, wohl in dem Umstande zu suchen sein, daß mit der Ausschaltung gewisser Nervencentren (Ganglien), roie sie allem Anscheine nach im Traume stattfindet, die Bahn, welche der Nervenstrom im Gehirn zurückzulegen hat, eine soviel kürzere und der zu überwindende Widerstand ein soviel geringerer ist als im wachen Zustande, wo jene Ganglien, in welchen die höheren seelischen Thätigkeiten sich abspielen, als ebensoviele die Fortleitung des Neroenstromes verzögernde Zwischenstationen in dem Gehirnapparat eingefügt sind.
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