Nr. 2M1. Zweites Blatt. Sonntag den 14. Oktober 1888.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
®wr,flMt Schulstraß- 7. ' '^scheint täglich mit Ausnahme des Montags. -W
Kronberg im Taunus und die Billa Keiß
(der zukünftige Sommeraufenthalt der Kaiserin Wtttwe Victoria).
Nachdruck untersagt.
Es ist gar ein herrlich Stück Erde, der alte Taunus mit feinen dunklen Höhen und den sonnigen Thälern, die im Frühling, wenn blühende Obst- und Kastanienbäume die Berghänge schmücken, stets ausfehen als habe die Natur ein Feierkleid angethan, um das Herz der Menschen zu erfreuen. Da eilen geschwätzige Bäche im Schatten der breitästigen Wallnußbäume zu Thal und stürzen sich in tollem Uebermuth auf alte ehrenfeste Mühlräder, die aber selbst von diesen fröhlichen munteren Gesellen nicht aus der behaglichen Ruhe gebracht werden, mit der sie ihre gewohnte Umdrehung vollziehen. Dem einsamen Wanderer erzählen sie von dem Reiz des geheimnißvollen Waldesdunkel in den weltverlorenen stillen Thälern, wo Nixen und Waldfrauen die Heilquellen hüten und dem Kranken Linderung bringen. Auch Zwerge und Elfen Hausen in den Klüften und Spalten des Gesteins, wohin sie sich zurückgezogen haben vor dem Zudrang der neugierigen Menschenkinder. Ueberreste von römischen und altgermanischen Befestigungsbauten erinnern an die Zeit der Römerherrschaft und die Ruinen trutztger Bergschlösser gemahnen an die Ritter vom Stegreif und der Landstraße, welche den reichen Kaufleuten von Frankfurt a. M., Mainz und Köln gar oft das gebrannte Herzeleid zufügten und hinter den festen Mauern ihrer Schlösser den ohnmächtigen Zorn der „Pfeffersäcke" verlachten.
Aber sie gemahnen auch an die Segnungen, welche eine neue Zeit dem Lande brachte, denn überall grüßen freundliche Dörfchen aus lauschigem Grün, und im Sommer beleben sich die vielen kleinen Badeorte mit Kranken und Gesunden, welche hier Genesung von Leiden oder Ausspannung von der Last des Berufes suchen.
Das alte Städtchen Kronberg, welches unweit von Bad Soden und Königstein liegt und mit der Eisenbahn von Frankfurt a. M. aus bequem in einer halben Stunde zu erreichen ist, gehört zu den schönsten Punkten im Taunus. Einst der Sitz eines mächtigen Ritiergeschlechtes, das in der Geschichte von Frankfurt a. M. eine bedeutende Rolle gespielt hat, ist es jetzt ein beliebter Sommeraufenthalt der Frankfurter Bürger und wird von unzähligen Touristen besucht, welche den Feldberg besteigen. Auch eine kleine Malercolonie hat sich dort angesiedelt, angelockt durch die malerische Lage des Ortes, von denen einige Künstler, wie Anton Burger, Adolphe Schreyer und der verstorbene Franz Maurer sich eines bedeutenden Rufes erfreuen. Am Fuße des Altkönigs, auf einem niedrigen Hohenzug, der ein muldenförmiges Wiesenthal umschließt, baut sich das alte Nest auf, überragt von dem altersgrauen Schlosse. Seitwärts, in einiger Entfernung, hebt sich der schlanke Thurm der Ruine Falkenstein vom blauen Himmel ab und nach vorne öffnet sich eine unendliche wellige Ebene, an deren Rande die Thürme von Frankfurt a. M. und von Homburg v. d. Höhe sichtbar werden. Die Straßen im alten Theile der Stadt sind enge und winklig, aber ein Kranz von hübschen Villenhäusern, die überall zwischen dem Laub der Obst- oder Edel-Kastanienbäume vorlugen, tragen wesentlich zur Verschönerung des hübschen Landschaftsbtldes bei.
Kronberg ist berühmt wegen seiner Obstcultur und durch die Edelkastanien, welche in dem milden Klima sehr gut gedeihen. Ihre Anpflanzung soll durch einen Ritter von Kronberg veranlaßt worden sein, der zur Zeit der Kreuzzüge diese Frucht aus dem Süden heimbrachte.
Villa Reiß, der zukünftige Sommeraufenthalt der verwittweten Kaiserin Friedrich III. liegt seitwärts von dem Städtchen auf einer bewaldeten Anhöhe, welche das ganze Wiesenthal beherrscht, und ist von einem ausgedehnten Park umgeben. Es ist ein freundliches, nicht übermäßig großes Gebäude im Styl der italienischen Renaissance und wurde zu Ende der siebziger Jahre von dem verstorbenen Frankfurter Arckitecten Heinrich Burnitz erbaut. Das Gebäude besteht aus dem quadratischen Mittelbau, dessen Ecken vier Thürme bilden und den langgestreckten Seitenflügeln, welche einstöckig sind, während der mittlere Theil außer dem Hochparterre und ersten Stock und die Thurmzimmer als Schlafräume dienen; ein Tanzsaal ist nicht vorhanden. Weder die Größe der vorhandenen Räume noch deren innere Ausstattung, so hübsch dieselbe auch ist, entsprechen einer kaiserlichen Residenz, sondern das Ganze zeigt den Charakter eines Landsitzes für recht reiche Leute.
Der äußere Anblick ist freundlich und vornehm. Gesimse, Säulen und Fenstereinfassungen von rothem Sandstein und die mit rothen Ziegeln verblendeten Erker der Thürme stimmen in der Farbe sehr gut zu dem hellgrauen Verputz der Wandflächen, und Ornamente aus gelbem gebrannten Thon beleben die Vorderfront. Der Eingang befindet sich an der Hinteren Facade und führt in ein sehr geräumiges Treppenhaus; eine steinerne Haupt- und eine Holztreppe vermitteln den Verkehr mit dem ersten Stockwerk und den Thurmzimmern. Der Pferdestall und die Wohnung des Gärtners befinden sich in einem besonderen Gebäude, gänzlich versteckt hinter den Bäumen in einer Ecke des ausgedehnten Parkes. Für die baulichen Veränderungen und die Vergrößerungen des Parkes ist eine Zeit von zwei Jahren vorgesehen.
Es war vor ungefähr drei Wochen, als mich der Zufall in die Nähe der Villa brachte. An dem Parkthore standen einige Leute und schienen auf ein besouderes Er- eigniß zu warten. Dürre, verwetterte alte Weiber unterhielten sich lebhaft mit einigen Bauern, die in unzerstörbarer Ruhe ihre Pfeife rauchten, oder sie schallen auf die flachsköpfigen Buben, welche sich mit Kastanien bewarfen und bei diesem Spiele einen gewaltigen Lärm verursachten. Auch die vornehme Welt hatte sich eingefunden. „Die Kaiserin Friedrich kommt", hieß es auf meine Frage, und richtig, schon nahten in der Ferne einige Wagen, welche von Postillonen in großer Gala gelenkt wurden. Es war in der That die hohe Frau, welche in Begleitung ihrer Tochter und einiger Damen und Herren die Villa besichtigten. Längere Zeit stand die tiefverschleierte Dame auf dem Balkon und schaute hinaus in die wundervolle Ferne, dann schlug sie den Schleier zurück, und es war gerade, als ob sie frisch aufathme in der warmen Herbstluft. Wer will ermessen, welche Gedanken in dem Moment das Herz der geprüften Frau erfüllten!
Die Villa hat auch eine Geschichte, obgleich sie noch nicht sehr lange dasteht. Ursprünglich gehörte das Terrain zweien Brüdern, die nicht unvermögend waren. Dieselben erbohrten dort mit schweren Unkosten eine Mineralquelle, ließen Gebäude errichten und gedachten dort etne Kuranstalt zu begründen. Aber das Unternehmen verschlang nicht nur sämmtliches Vermögen der Besitzer, sondern auch noch etne hypothekarisch aufgenommene Summe und beide Brüder standen eines Morgens am Grabe ihrer Hoffnungen als Bettler. Wenn ich nicht irre, erwarb der verstorbene Frankfurter Banquter Reiß alsdann das Grundstück mit allem Zubehör für den Werth der Hypothek und eine kleine Abfindungssumme, ließ die vorhandenen Gebäude abreißen und dann den machtvollen Neubau errichten, der in Zukunft eine kaiserliche Residenz sein wird. Möge iie schwer heimgesuchte Kaiserin-Wtttwe dort einst Linderung ihres Schmerzes finden.
Hermann Becker.
Einfache Mittel, um Wasser auf fremde Beimengungen ju prüfen.
Jeder Handwerker, der entweder selbst einen Dampfkessel besitzt oder benutzt oder auch zu bedienen hat, wird folgende Zusammensetzung der einfachen Mittel, um Wasser auf fremde Beimengungen zu prüfen, hier in der „Werkstatt" nicht für überflüssig hallen; desgleichen auch >L>chmtedemetster und dergleichen Handwerker, welche Werkzeuge von Stahl zu härten haben.
1. Hartes und weiches Wasser zu erkennen. Lose ein kleines Stückchen gute Seife in Spiritus (Alkohol) und lasse wenige Tropfen der Lösung in ein Glas, gefüllt mit dem zu untersuchenden Wasser, fallen. Wird dieses milchig, so ist es hartes Wasser, bleibt es dagegen ungetrübt, so ist es weiches Wasser.
2 Wasser und Schwefel zu prüfen. Einer Flasche füge man eine geringe Menge Quecksilber zu, entkorke selbe und lasse sie 6 Stunden stehen, stimmt nun das Wasser in den oberen Schichten eine dunklere Färbung an oder sieht nach dem Schütteln schwärzlich aus, so beweist dies das Vorhandensein von Schwefel.
3. Prüfung auf erdige Bestandtheile oder Alkali. Nimmt in Essig getauchtes Lackmuspapter in dem zu prüfenden Wasser seinen richtigen Farbenton wieder an, so enthält solches keine erdigen Bestandtheile oder Alkali. Enthält Wasser nur einen erdigen Bestandtheil, so nimmt es nach dem Zusehen weniger Tropfen Syrup eine grünliche Färbung an.
.4 . Prüfung auf Kupfer. 1) Ist in dem Wasser Kupfer vorhanden, so überzieht solches einen eingelegten glänzenden poltrten Stahl von Kupferfarbe, ähnlich den Schnapsnasen. 2) Wenige Tropfen Ammoniak verleihen dem Wasser eine bläuliche Farbe, wenn Kupfer vorhanden ist.
5. Prüfung auf Kohlensäure. Gleiche Theile Wasser und Kalkwasser werden zusammengegossen. Ist in dem zu prüfenden Wasfer gebundene oder freie Kohlensäure vorhanden, so wird ein Niederschlag bemerkbar sein. Werden wenige Tropfen Salzsäure hinzugefügt, so stellt sich ein Aufbrausen ein.
6. Prüfung auf Kalk. In ein Glas Wasser schütte 2—3 Tropfen Oxalsäure. Wird das Wasser milchig, so ist Kalk gegenwärtig.
7. Prüfung auf Magnesia. Koche den zwanzigsten Theil seines Gewichtes ein, dann tröpfle wenige Gramm neutrales kohlensaures Ammoniak hinein und setze den gleichen Betrag phosphorsaure tooba zu. Ist Magnesia vorhanden, so wird sie zu Boden geschlagen.
8. Prüfung auf Ammoniak. Dieses läßt sich leicht durch Zusatz von einigen Tropfen des Neßler'schen Reagens (eine alkalische Kalium - Quecksilberjodid- Lösung) nachweisen. Es entsteht ein gelbrother Niederschlag, mindestens jedoch eine entschiedene Gelbfärbung.
9. Prüfung auf Eisen. 1) Koche wenige Galläpfel und versetze damit das Wasser. Nimmt es eine graue oder schteferschwarze Färbung an, so ist Eisen vorhanden. 2) Löse etne geringe Menge blausaures Kalisalz und füge solches dem Wasser zu; wird dieses blau, so ist Eisen im Wasser.
10. Prüfung auf Blei. Nimm Schwefelgas und Wasser dem Raume nach zu gleichen Theilen. Enthält das Wasser Blei, so nimmt es eine schwarzbraune Färbung an. Dasselbe wird erreicht, wenn schwefelsaures Ammoniak Verwendung findet.
11. Prüfung auf Säure. Nimm ein Stückchen Lackmuspapier. Wird es roth, so ist im Wasser Säure vorbanden. Findet bei Zusatz von Kalkwasser ein Aufbrausen statt, so ist es Kohlensäure. Wird blaues Zuckerpapier roth, so ist es eine mineralische Säure.
Das reinste Wasser in der Natur ist dasjenige, das der in hohen Gegenden aufgefangene Regen oder Schnee liefert, worin sich keine Spur fremder Stoffe entdecken läßt. — (Aus „Die Werkstatt-.)
Laudwirthschaftliche Nachrichten.
(Nachdruck verboten.)
— (Lähmung der Schweine.j Eine der gewöhnlichsten Krankheiten der Schweine ist Lähmung, welche in fast jedem Stalle oorkommt. Das einzige Symptom zur Erkennung derselben ist, daß die Thiere nicht im Stande sind, die Hinterfüße zu gebrauchen, dieselben vielmehr am Boden nachziehen und sich nur mit Hilfe der Vorderfüße von der Stelle bewegen können; sonst ist den Thieren weiter nichts anzumerken, denn das Thier frißt und scheint frei von Schmerzen zu sein, was auch wirklich der Fall ist, denn die Lähmung ist eine Folge des Aufhörens der Nerventhätigkett, und natürlich sind die betroffenen Theile ohne Empfindung. Als Ursache der Krankheit wird das Vorhandensein von Würmern in den Nieren angenommen, und in manchen Fällen rührt sie auch unstreitbar davon her. Aber der Nierenwurm wird doch nur selten im Schweinefleisch gefunden und nie, ohne daß auch gleichzeitig Eier desselben vorhanden sind. Dieser Wurm (Stephan ulus dentatus) ist 3—6 Ctm. lang und nicht dicker als eine dünne Angelschnur. Er hält sich meistens in der Leber und im Fett, dem Rückgrat entlang auf, wurde aber schon in fast allen Theilen des Thieres gesunden. In vielen Fällen von Lähmung sind nun aber die Eier nicht vorhanden, die Krankheit muß demnach noch eine andere Ursache haben. Lähmung ist etne Nervenstörung, welche in Unverdaulichkeit oder mangelhafter Ernährung ihren Grund hat. Das häufige Verabreichen sauren oder schon zersetzten Futters, sowie der Mangel an Gras, Klee oder Rüben sind häufige Ursachen dieses Zustandes. Eine andere Ursache ist Uebersättigung, welche durch zu starkes Füttern veranlaßt wird. Selbst sehr junge Schweine, die man am Trog mit saurer Milch sich voll fressen läßt, bis sie fast umfallen, verenden plötzlich in Folge Erstickens durch den Druck, den der ausgedehnte Magen auf die Lungen aus- übt; das Rückenmark wird ebenfalls angegriffen und die das Rückgrat umgebende Haut wird entzündet, vielleicht auch das Gehirn, so daß wässeriges Blut sich hineinergießt, wodurch ein Druck ausgeübt und der Nero, welcher die Verdauungsorgane und die Muskeln der Lenden und Hinterfüße regulirt, gelähmt wird. Das Gegenmittel besteht in der Beseitigung der Ursache. Das Futter wird vermindert oder für einige Tage gar keins gegeben; die Thiere erhalten reineS Wasser oder sehr dünne, gut gekochte Schlempe mit einem halben Theelöffel voll schwefelsauren Eisens oder pulverisirter Perurinde in jeder Tränke, die nur täglich einmal gegeben wirb. Es empfiehlt sich Ruhe der Verdauungsorgane nebst einfachen Stärkungsmitteln, um die Wiederherstellung zu beschleunigen. Ein mildes Blasenpflaster, Senf oder Terpentin an den Lenden angewendet, ist nützlich; aber fein Mittel hilft, bis nicht die Ursache beseitigt ist, hier also die Ueberfütterung.
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