Politische Ueberficht
Gießen, 13. October.
Ueber die Kaiserfahrt durch Italien und den Empfang Kaiser Wilhelms in Rom berichtet der officiöfe Telegraph wie private Meldungen in so ausführlicher Weise, daß an dieser Stelle nur die hervorragendsten Züge aus dem reichen Gesammt- bilde wiedergegeben werden können. Die ganze Reise des deutschen Monarchen von den Grenzen des Landes an glich trotz der nächtlichen Stunde, zu welcher die Eisenbahnfahrt theilweise zurückgelegt wurde, einem Triumphzuge; an allen Orten, die der Kaiserzug passirte, brannten Freudenfeuer und dichte Menschenmassen waren an den Stationen versammelt. An den Stationen, wo der Zug etwas länger hielt, wie in Udine, Bologna, Pistoja, Florenz, empfingen tausende von Menschen den Kaiser mit stürmischen Zurufen. In Rom traf der kaiserliche Extrazug am Donnerstag Nachmittag kurz nach 4 Uhr ein, woselbst auf dem Bahnhofe König Humbert und die Prinzen des italienischen Königshauses sich gegen 4 Uhr eingefunden hatten. Außerordentlich herzlich war die Begrüßung zwischen Kaiser Wilhelm und König Humbert.
Noch am Abend des Ankunftstages des Kaisers in Nom erschien der Cardinal- Staatssecretair Rampolla beim preußischen Gesandten v. Schlözer, um demselben Namens des Papstes einen Besuch abzustatten und hiermit zugleich den Besuch des Kaisers im Vati c an ctnzuleiten. Am Freitag Mittag nahm der Kaiser, begleitet vom Grafen Bismarck und den Herren seines Gefolges, das Dejeuner bei Herrn v. Schlözer ein und nahmen hieran auch die Cardinäle Rampolla und Prinz Hohenlohe, sowie der päpstliche Unterstaatssecretatr Monsignore Agliardi Theil. Nach dem Diner begab sich der Kaiser nach dem Vatican, woselbst der erlauchte Monarch mit all' dem glänzenden Pomp empfangen wurde, den der päpstliche Hof bei besonderen Gelegenheiten zu entfallen weiß. Im Thronsaale fand die Begrüßung zwischen Kaiser Wilhelm und Leo XIII. statt und zogen sich die beiden Souoeraine nach Austausch der ceremo- niellen Artigkeiten in das Privatgemach des Papstes zurück, um hier ein zeugenloses Zwiegespräch zu halten. Nach Beendigung desselben erfolgte die Rückkehr des Kaisers aus dem Vatican unter denselben Förmlichkeiten wie bei der Ankunft. Später besichtigte der Kaiser unter Führung des Cardinal-Staatssecretairs Rampolla die vati- canischen Sammlungen.
Die officiösen „Berl. Pol. Nachr." bezeichnen die Zeitungsnachrichten von einer früheren Einberufung des Reichstages, als sonst üblich, und von einer dem Reichstage wegen der ostafrikanischen Vorgänge zu machenden Vorlage, als unbegründet. Ebenso weift das officiöfe Organ die Behauptung, daß die Alters- und Jnvaliden- versicherungsvorlage in doppelter Form, sowohl auf der Grundlage geographischer Verbände, als auch auf derjenigen berufsgenossenschaftlicher Organisation dem Reichstage vorgelegt werden solle, als unbegründet zurück.
Zu der freudigen Aufregung, in welche ganz Italien durch den Besuch Kaiser Wilhelms versetzt worden ist, bilden die aus ©teilten eingehenden Sensationsnachrichten einen cigenthümlichen Gegensatz. .Allein in der Stadt Palermo und deren nächster Umgebung sollen mehr als 800 Personen verhaftet worden sein und würden alle Verhafteten zur Verfügung des Ministeriums des Innern gehalten. Zahlreiche Personen wurden auch während der Ueberfahrt von Palermo nach Neapel verhaftet und ist dieser Vorgang mit einem angeblichen socialistischen Attentate während der römischen und neapolitanischen Kaiserfeste in Verbindung gebracht worden. Von unterrichteter Seite hat man dieser Annahme indessen entschieden widersprochen und soll es I sich vielmehr bei den ganzen Verhaftungen um einen großen, seit langem geplanten Schl2,I der italienischen Regierung gegen das banditenartige Verschwörerthum auf Sicilien handeln. Jedenfalls wollen die sicilianischen Abgeordneten die Sache im I Parlamente zur Sprache bringen, da nach ihrer Meinung sich die Regierung durch die Verhaftungen einer Verletzung der Constitution und der persönlichen Freiheit schuldig gemacht haben soll.
Die rumänische Regierung hat ein Decret erlassen, welches allen Personen, die nicht mit einem von einem rumänischen Consul im Auslande regelrecht visirten Passe versehen sind, den Eintritt in Rumänien untersagt. Es ist noch nicht ganz klar, wohin die rumänische Regierung mit dieser auffallenden Maßregel zielt.
Ucber die neuen Univerfitiitsbauten in Gießen hielt in der Sitzung des Mittelrhelnischen Architekten- und Ingenieur-Vereins zu Darmstadt am 11. October Herr Kreisbauassessor K l i n g e l h ö s f e r von hier einen Vortrag, dem wir Folgendes entnehmen:
Die neuen klinischen Institute in Gießen gehören nach der vom Herrn Vortragenden bargelegten Classifizierung der Krankenanstalten zu denen, die zugleich Studienanstalten sein sollen. Es sind hier im Bau begriffen: 1) die medizinische oder innere Klimk nebst Jsolierhaus; 2) die gynäkologische Klinik und Entbindungsanstalt nebst Wohnung des Direktors derselben; 3) das pathologisch-anatomische Institut; 4) das Verwaltungsgebäude, ferner Küchengebäude, Kesselhaus und Eishaus. Von dem anfangs dieses Jahrhunderts als Kaserne erbauten und später in den Besitz der Universität ubergegangenen akademischen Krankenhaus diente bis 1880 (der Vollendung des neuen Untoerfttatsgebäudes) nur die westliche Hälfte Krankenzwecken, die östlichen Räume dagegen beherbergten die Universitäts-Bibliothek und Sammlungen. Gegenwärtig befinden dem genannten Gebäude die medizinische, die chirurgifche und die ophtalmolo- gische Klinik, sowie Wtrthfchaftsräume rc. Infolge des Neubaues wird demnächst vorerst nur die medizinische Klinik das Gebäude verlassen und die Wirthschaftsräume in das diesen Herbst frei werdende alte Liebtg'sche Laboratorium verlegt werden. Der medizimschen (rnneren) Klinik zunächst ein neues Heim anzuweisen, dafür sprachen verschiedene Grunde, wie die bet dem alten Gebäudekomplex vorhandene Undurchfübr- barkeit emer Jsolrerung bei ansteckenden Krankheiten, das für innere Kranke besonders empfinblid) störende Geräusch des nebenliegendm Rangierbahnhofs, der Mangel von Badern, Ventilatton, ferner auch Rücksichten auf die Ausbildung der Studte- renden u. dergl. m. Aehnlich verhält es sich mit dem zu verlegenden pathologisch-
I ba§ gegenwärtig uoch^ einige ungeeignete, früher anderen
Zwecken dienende Raume in dem Anatomiegebäude inne hat. Die an zweiter Stelle Entbindungsanstalt befindet sich jetzt noch in dem 1820 am Ostende der Ebaranstalt nebst Hebammenschule erbauten dreistöckigen Gebäude, während m deut (früher als Direktorwohnung bestimmten) zweistöckigen Gebäude die gynäko- logtsche Klinik untergebracht ist Diese am tiefsten Punkte der Stadt auf schlechtem ?.etJab ?°n. den ubrtgen Kliniken gelegenen Gebäude, zudem noch jeder Ventilation entbehrend, sind als nur notdürftig den Verhältnissen angepaßt zu bezeichnen s <3u den Neubauten selbst sei nunmehr übergegangen. Als Bauplatz für dieselben wurde fettens der Stadt eine der schönsten Stellen in der Umgebung Gießens, nämttck ein ca. 31000 Quadratmeter großes, sehr hoch gelegenes Terrain, auf der „Warten" ‘ dlatz, besitzt — was für die Kanalisation seyr günstig "ach NW. geneigte Lage. Für jeden Kranken bezw. jede Person wurde em Raum von 140 Quadratmeter gerechnet. — Das Bauvroaramm murb? im
I i f f^b tl F^acultat von Großh. Regierung
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Getrennt von dem allgemeinen Krankenverkehr sollen darin die Räume für Lebr- bebaftetenÖKranfen mi rhf Cn* bie mit ansteckenden Krankheiten
nnÄn Ä JE?' selben berechnet, ein besonderes Gebäude, möglichft entfernt von dem ersten, als massive zu umzäunende Baracke, errichtet werden. Für die gynäkologische Klimk wird an Raum erfordert: in den beiden ersten Geschossen für I 33 6Ynakologlfche Kranke und 24 Wöchnerinnen, ferner die nöthigen Lokale für Lebr- der Assistenten ; in dem zweiten Obergeschoß für 36 Schwangere edevsoviel Hebammen-Schülerinnen. In der Nähe dieser Klinik soll das Direktor- Wohngebaude sich befinden. Das pathologisch-anatomische Museum soll enthalten einen Wirf aQ * einen Mikroskopierfaal mit den nöthigen Nebenräumen, Näume^für die ^^^skopfiche Untersuchungen, Sammlungsräume
Raume für die Leichen rc. Endlich Verwaltungsgebäude rc., wie oben erwähnt. Bei I btcr gegenwärtigen Lage der einzelnen Gebäude war darauf Rücksicht zu nehmen daß Oaä^nbtoenroürben91'4 °bne ba8 Küchengcbaude und Kcllnhnus ihre centrale cfn,e ausgehängten zahlreichen Zeichnungen sich stützende genauere Beschreibung der einzelnen Gebäude, aus der wir aus Rücksicht auf den uns zuqewic- ^Genf^arinh\nUr/nU9e5 25?e"IQC mitthetlen können. Das Gebäude der medizinischen. Kttmk ^steht aus einem Mittleren Bau, die Räume für Lehrerzwecke (sowie auch einige oo^Krankenzimmer) enthalteno, und zwei Flügeln für die männlichen resp. weib- i rtpinft.. 4k..... cyi, c ,,. . ( .de ^iftßentnauern mit hohlen Blend- steinen verkleidet. 3n jebem Flügel jeben Geschosses befinden sich 2, tm Ganzen also ^i^db"de Kranken-Adthe-lungen mit je einem Wärter, sodaß also hier das gleichsam nut bem Kornbor-System vereinigt erscheint. Im Untergeschoß b!e Raume für bie Assistenzärzte rc. Die Schmalseiten ber Säle enthalten auch ^e*QIq>enh n-r b -e der Kranken. Die Säle sinb in ihrer Längsaxe von Südwest ^uf^?o/^/"bntirt. Das Erbgeschoß des Mittelbaues umfaßt u. a. die Räume der Polikltmk, das medtzmische Laboratorium und den Mtkroskopiersaal, während der oberste ^tock Zimmer für Reconvalescenten und für die Diaconissinnen enthält. Für jeden Kranken hat man 10 Quadratmeter Bodenfläche und 40- 50 Cubikmeter Luft in Ansah gebracht. — Auch das Jsolirgebäube zeigt eine Männer- und eine Frauenabtheilung hpnrnpf?nr?aU- ^^ntlprechendste Einrichtung, so mit in Granit auf Belongewölb^ ^rgefteaten Fußböden, olfarbgestrichenen Decken und Wänden, First-Ventilation rc. rc. tiefsten Punkte des Bauplatzes gelegene dreistöckige gynäkologische Klinik
1 (Sonftiuftion dem ber medizinischen Klinik entsprechend, Flügel des Untergeschosses Raume für Wöchnerinnen, sowie für die ^^tbrinnen, nach der Rückseite die Bolirzimmer der ersteren, im Hinteren Theile des daruberliegenden Geschosses den Entbindungssaal, im linken Flügel Abtheilungen für ö^^toglsche Kranke 3. Klasse, darüber für solche 1. und 2. Klasse- der mittlereTheil ^nnr ® s/b"E uusschließltch Unterrichtszwecken und hat n. a/einen Operations rnnnbt ödesten, Stockwerke beider Flügel sind wie in dem Programm erwähnt ver- Setooffig3iurb9Iu§fü6rung. ” f°mmt bßS Wohngebäude für deren Direktor zwei- testende des Bauplatzes treffen wir auf das anatomisch-pathologische Jn- bntenCnLtQUo tClnCm U"te.r0e^°6 und zwei Hauptgeschossen. Das Untergeschoß enthalt u. a. den Leichen- und Einsegnungsraum, den Maceralionsraum, Raum für gerichtliche Section, das 1. Hauptgeschoß den ^ectionsraum mit Granitfußboden und nach Nordost gerichteten, bis auf den Fußboden reichenden Fenster, Vorbereitungs- Assistentenzimmer u. a. m., bas 2 Obergeschoß ben Mikroskopierraum mit Fenstern ÄnUpr ^.o^ntlichen Straße liegt bas Verwaltungsgebäude mit den
Untersuchungs-, Conferenzzimmer u. dgl. m. In der Haupt- axe des Bauplatzes ist das für Dampskochereibetrieb eingerichtete Küchengebäude gelegen das mit allen Erfordernissen versehen ist rc. u 0 * '
«n RoA.bildeten Gegenstand der Besprechung die Heizungs-, Ventilations- und mebton7toea «l nif tu»'(°cnaucJ 8=,a0‘', Dampflufth-izung, werden die mebicmische Klimk nebst Jsolirgebaube, sowie bie gynäkologische Klinik versehen, b. h. ;unb ^perationssäle, während die sonstigen Räume daselbst eine Niederdruck.Dampfheizung behalten. Die übrigen Gebäude des Complexes erhalten Ofenheizung mit Luftzusuhrung in den Ofenmantel. Zwei von einander getrennte Dampfleitungen, deren eine eine sogen. Sommerleitung, sind vorhanden. Die Ven- lation ist mit der Heizung verbunden und wird dadurch bewirkt, daß frische Luft von außen ln die Heizkörper ein- und erwärmte tm Raume ausströmt. — Die Ver- Jorgung ber Gebäude mit Trink- und Verbrauchswasser geschieht durch eine eigens für angelegte, 6000 Meter lange Quellwasserleitung aus dem Schiffenberger ba ber städtischen Wasserleitung nicht bis auf bie Höhe bes Bau-
n,Q7i/ or^tC‘ Q?p/eAperitur be§ Wassers im Walbe ergab sich bei einer Meffung atn ^?ilß der Trtnkwasser-Leitung auf dem Bauplatze 9°, welch geringer “• “• in der "efen Lage der Leitung (2 Meter unter Terrain) begründet ist.
§ Quellen erschlossen, die zusammen jährlich circa 100,000 Liter Wasfer liefern, was den Bedarf vorerst vollauf decken dürfte
6iin^?^^^iner gründlichen, recht interessanten Ausführungen bemerkte Herr Klingelhoffer noch, daß die gefammien Anstalten rc. V/< Millonen Mark kosten finden^könne voraussichtlich tm nächsten Spätherbst die llebergabe an den Betrieb statt-
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