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1888

Freitag den 13. Juli

Nr. 161

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Vnreaur Schul st raße 7.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf,

Keutschlaud.

Darmstadt, 12. Juli. sMilitärbienstnachrtcht.j General-Major v. Werder, seither Kommandeur der 50. Infanterie-Brigade, ist zmn Commandeur der 1. Division (Königsberg i. P.) ernannt worden. c

Darmstadt, 11. Juli. Se. König!. Hoheit der Erb großherzog ist gestern Abend zum Besuche des Prinzen und . der Prinzessin Heinrich von Preußen nach Kiel abgereist.

Das Großherzogliche Hoflager wird im Laufe des heutigen Nach- mittags nach Jagdschloß Wolfsgarten verlegt.

München, 11. Juli. Die Regierungen von Bayern, Sachsen, Baden, Württem­berg, Hessen und Braunschweig-Lüneburg haben ein Abkommen dahin getroffen, daß das Studium auf den technischen Hochschulen München, Dresden, Karlsruhe, Stuttgart, Darmstadt und Braunschweig für etwaige Zulassung zu den Staatsprüfungen für Hochbau- und Jngenieurwesen und für Maschinentechnik in den vertragschließenden Staaten als gletchwerthig anzuerkennen sei.

Politische Rundschau.

Gießen, 12. Juli.

Am Donnerstag Abend findet bei den kaiserlichen MajefiLten im Marmor- schlofie zu Potsdam das herkömmlich- Botschaster - Dine r statt. Demselben wohnen die am Berliner £>ofe beglaubigten Botschaster, Gesandten, Minister-Resldenten und Geschäftsträger, serner Staatssecretair Gras Herbert Bismarck und andere drstrnguirte Persönlichkeiten bei. ,, r . . .

Die Abreise des Reichskanzlers Fürsten BiSmarck von Berlin nach Friedrichs­ruhe verzögert sich von einem Tag zum andern; vermuthlich wird der Kanzler erst nach der Abreise des Kaisers sein lauenburgisches Tusculum aufsuchen.

Die Großherzogin von Vaden hat ein erneutes Verfahren zur Beseitigung ihres Augenleidens unter Leitung des Hofraths Dr. Maier begonnen und wird die hohe Frau sich während dieser Zett völliger Ruhe und Zurückgezogenheil hingeben.

Der Besuch, den Prinz-Regent Luitpold von Bayern in diesen Tagen dem würltembergischen Köngspaare in Friedrichshafen abgestattet, trug einen un- gemein herzlichen Character. Dem Prinz-Regenten wurde vom Könige Karl das 2 württembergische Feldartillerie-Regiment Nr. 29 verliehen.

Mit dem nunmehr erfolgten Rücktritte General v. Caprivi'S von der Leitung unseres Marinewesens und der provisorischen Ernennung des Vice-Admirals Grasen Monts zum Ehef der Admiralität haben die Veränderungen in verschiedenen hohen Posten des Heeres und der Marine, welche als eine Folge der Thronbesteigung Kaiser Wilhelms II. signalisirt wurden, ihren Anfang genommen. Welchen Umfang dieselbm erreichen werden, darüber läßt sich zur Stunde indessen nichts Bestimmtes sagen, als sicher gilt bis jetzt nur, daß Herr v. Caprivi das Eommando eines Armeecorps über­nehmen wird, und ebenso General v. Albedyll, der bisherige Chef des Militaircabinets.

In Frankreich ist der Ex-General Boulanger auf einer oratorischen Rund­reise durch die Bretagne, die engere Heimath desberühmten" Mannes, begriffen. Am Sonntag sprach er in Rennes und ließ er in seiner Banketrede, wie zu erwarten stand, an der gegenwärtigen Deputirtenkammer kein gutes Haar. Am nächsten Tage hielt Boulanger in dem Städtchen St. Servan eine Banketrede, in welcher er die Hoffnung aussprach, daß ihm noch vor Ablauf des Jahres der Degen zurückgegeben werden würde, eine Hoffnung, die vorerst freilich auf sehr schwachen Füßen steht. Am Donnerstag gedachte der Ex-General nach Paris zurückzukehren, um einem anläßlich der französischen Nationalfeier von seinen Anhängern geplanten großen Festessen am Freitag zu präsidiren, wobei es an gewaltigen Reden natürlich nicht fehlen wird.

Die Ehescheidungsangelegenheit des serbischen KönigSpaareS nimmt eine immer interessantere Wendung. Die serbische Regierung hat für ihre an die Königin Natalie nach Wiesbaden geschickten Abgesandten um Unterstützung für Rückführung des Kronprinzen Alexander nach Belgrad amtlich nachgesucht und konnte diese Unterstützung von der deutschen Regierung nicht verweigert werden. Nur haben die serbischen Ab­gesandten von dieser Zusage noch keinen Gebrauch gemacht, da sie noch immer auf eine gütliche Verständigung mir der Königin Natalie hoffen, obwohl sich dieselbe geweigert hat, den Bischof Dimitrije zu empfangen.

Fürst Ferdinand hat seine Mutter, Prinzessin Clementine, welche wieder heimwärts nach Schloß Ebenthal reist, nach Burgas geleitet und sich dann nach Varna zur Besichtigung der dortigen Garnison begeben.

Die Krankheit Kaiser Kiedrichs.

(Fortsetzung.)

Heber die Krebsdiagnose berichtet Prof. Dr. Gerhardt in der Einleitung daß gutartige Geschwülste der Stimmbänder, Polypen, sog. Fibrome rc. häusig an dem vorderen Theil der Stimmbänder zur Entwicklung kommen, allein bei der Krankheit des Kronprinzen war schon der Sitz des Gebildes ein auffälliger. Das Aussehen der Geschwulst war anders als das gewöhnlicher Papillome, bet der galvanokaustischen Be­handlung erwies sie sich hart und wechselte, wie dies bet gutartigen Geschwülsten nie gesehen, von Tag zu Tag ihr Aussehen. Trotzdem ging Prof. Gerhardt in der Ueberzeugung, eine gutartige Geschwulst vor sich zu haben, an die Arbeit und faßte erst Bedenken, als das, was der Glühdraht an einem Tage zerstörte, bis zum folgenden wieder anwuchs. Gutartige Geschwülste könnten wohl auch wieder wachsen, aber sie heilen zunächst, wenn weggebrannt, für kürzere ober längere Zett und dann kommt höchstens ein Neuwachsen langsam zu Stande; hier aber sei die Sache eine andere ge­wesen, denn unter dem Aetzschorf wuchs die Geschwulst wieder. Die Bedenken, daß also von einer gutartigen Geschwulst nicht die Rede sein könne, wurden dem Leibarzt Dr. Wegener in ernstester Weise vorgetragen. Nach zwei Wochen Ruhezeit in Ems werde man wissen, ob eine neue Wucherung emporwächst oder nicht. Für die Diagnose sollte eine andere Erscheinung noch entscheiden. Die Krebsentwicklung am Stimmbande führe zumeist sehr früh zu auffälliger Starre desselben, bis dahin habe er sorgfältig auf die Bewegung der Stimmbänder geachtet, beide bewegten sich gleich; wurde aber mit dem Wiederanwachsen der Geschwulst die Bewegungsfähigkeit des linken Stimm­bandes sich mindern, dann müßte eine bösartige Neubildung etntreten. Einige Tage nach der Rückkehr des Kronprinzen aus Ems wurde Prof. Gerhardt die Mittheilung, daß man noch einen Kehlkopfspeztaliften wünsche, worauf er den Wunsch äußerte, daß man nur noch einen Chirurgen nehmen möge, der in dem vorausgesetzten Falle noch allein helfen könne. Auch nach der vereinten Besprechung über die Vergangenheit des Kronprinzen ergab sich, daß alle Befürchtungen über das Vorhandensein einer ^n= fectionskrankheit ebenso auszuschließen seien, wie Tuberkulose. So blieb denn nur Die engere Wahl zwischen Polyp ober Krebs. Aber der Gedanke an Krebs ängstigte Prof. Gerhardt schon seit Wochen und er war entschlossen, daß wenn die Geschwulst nach Wochen der Ruhe in Ems rasch gewachsen, die Beweglichkeit des linken Stimm­bandes gemindert war, nur dann von ihm das entscheidende Wort gesprochen werden sollte, dann aber auch bestimmt und unverzagt. Am Tage der Rückkehr des Kron­prinzen nach Potsdam war die Stimme heiser, die Geschwulst größer als zuvor, die Bewegung des linken Sttmmbandes träger: die schlimmsten Befürchtungen waren etn- getroffen. Dem Wunsche des Patienten gegenüber, daß sofort mit der galvanokaustrschen Behandlung begonnen werden möge, bat Prof. Gerhardt um Aufschub, ferner um die Zuziehung eines ober mehrerer Larynthologen und darum, daß ein Chirurg, und zwar Prof. v. Bergmann zugezogen werde, da es sich um eine Geschwulst handle, die ein Chirurg zu beurteilen helfen müßte, v. Bergmann untersuchte den Kronprinzen am 16. Mai 1887 und sprach sich sofort für Spaltung des Kehlkopfes aus. Nachdem die Frage der Heranziehung eines weiteren Kehlkopfspezialisten erwogen, u. A. auch Mackenzre genannt worden, fand am 18. eine größere Consultation der Aerzte statt, an welcher v. Lauer, Tobold, Wegner, Schrader, v. Bergmann und Gerhardt theilnahmen. Rach der durch Tobold vorgenommenen genauen Besichtigung des Kehlkopfes des "!>attenten mittels Spiegels erklärt derselbe, eS könne sich mit Ausschluß jeder anderen Diagnose nur um KrebS handeln. Dieser Aussage stimmten sämmtliche Aerzte bei. Diese Diagnose stützte sich auf das rasche Wiederwachsen der Geschwulst, die Harte uno Un­ebenheit derselben, auf das Wundbleiben der Innenseite der Geschwulst, auf die Schwer­beweglichkeit des Stimmbandes und auf die Sicherheit, daß Tuberkulose und andere JnfectionSkrankheiten ausgeschlossen seien, und schließlich auf eine Reihe von zutreffenden 9tebenumftänben. . r

Zu letztem sind zu rechnen das Alter des Kranken, Sitz und Aussehen des Gewächses, der Umstand, baß bie Verletzung weber in eigentliche Eiterung überging, noch auch heilte, unb noch eine Anzahl kleinerer ätiologischer Züge unb biagnosttscher Beobachtungen, bie biesem Falle eigen waren.

Die Diagnose war hier früher als in manchem anbern Falle gestellt, und schien so sicher, als in diesem Stadium möglich ist, begründet zu sein, jedenfalls fo sicher, daß sämmtliche versammelten Aerzte bie Verantwortung für die praktischen Folgerungen, bie sich hieraus ergaben, zu übernehmen bereit waren.

Wenn auch einige Fälle von Kehlkopfssarmom unb einer von Kehlkopfskrebs durch Entfernung der Geschwulst vom Munde aus geheilt worden waren so lag doch bei einer so stachen und mit dem Stimmbande in solcher Breite ohne irgend sichtbare Begrenzung zusammenhängenden Geschwulst, bei der man sagen konnte, daß sie aus dem Innern des geschwollenen Sttmmbandes sich heroordränge, keine Möglichkeit vor, vom Munde aus HeUung zu erzielen, wenn die Annahme des Krebses sicher stand. In diesem Falle mußte von jeder Operation vom Munde her abgesehen werden und durfte nur nach den schon vor 18 Jahren von Desormeaux so klar bargelegten Grundsätzen verfahren werden. Man mußte den Kehlkopf spatten. Das ist bet den heutigen Hülfsmitteln eine fast gefahrlose Operation, die man selbst wegen gutartiger Geschwülste, selbst an Kindern unb Greisen unbedenklich vornimmt. Nur auf diesem

Telegraphische Pcpeschen.

fiSolfld ielcgr. (Korrespondenz - Bureau.

Berlin, 11. Juli. Der Kaiser besichtigte Vormittags auf dem Bornstedter Reibe bas 3. Garbe - Ulanenregiment unb ernannte nach Schluß bes Exercirens ben Herzog Friebrich Ferbtnand von Schleswig - Holstein zum Rittmeister bes hessischen Husarenregiments Nr. 14. Nach seiner Rückkehr nahm ber Kaiser Vorträge entgegen, arbeitete mit bem Civilkabinet unb ertheilte Audienzen.

Berlin, 11. Juli. Der Kaiser wird nicht über Hamburg, sonbern über Schwarzenbeck unb Olbesloe birect nach Kiel sich begeben.

Berlin, 11. Juli. Der russische Botschafter Schuwalow begibt sich mit bem russischen Militärbevollmächtigten Kutusow am Samstag Morgen nach Petersburg, um Kaiser Wilhelm in Peterhof zu erwarten. Die Hofbeamten bes beutfchen Kaisers reisen unter Führung bes Hofmarschalls Lynker am Montag per Eilzug über Königsberg nad) Petersburgern Victoria Augusta empfängt morgen Mittag bas Staats­ministerium im Marmorpalais.

ttiel, 11 Juli. Laut allerhöchster Orbre vom 8. Juli sinb für bie Ankunft unb bie Abreise bes Kaisers Specialbefehle an ben Chef ber Abmiralität erlassen. Der Kaiser geht an Borb besHohenzollern", begleitet von ber ersten unb zweiten Division ber Manöverflotte unb ber Torpedobootsflotille am 14. Juli Vormittags in See. Die Torpedobootsflotille kehrt von Bülk aus nach Kiel Aurütf.

Straßburg, 11. Juli. DerTemps" und andere französische Blätter, sowie einige deutsche Blätter brachten die Nachricht, daß am 1. Juli Karoline Staub aus

Hagenau, in Nancy dienend, telegraphisch an das Sterbebett ihrer Mutter gerufen, aber in Aoricourt trotz flehentlicher Bitten nicht über die Grenze gelaßen worden. Aus Verzweiflung darüber sei sie in eine Ohnmacht gefallen. Dann habe sie die Kaiserin telegraphisch um Erlaubniß zur Weiterfahrt gebeten und dieselbe auch erhalten. Die kranke Mutter wäre aber inzwischen gestorben. Amtliche Erhebungen haben nach der Straßburger Landeszeitung" ergeben, daß in Hagenau keine Familie Staub existtre unb überhaupt sei in Familien ähnlichen Namens in letzter Zeit kein Tobesfall vor- g.komm^^^^ Juli. Das Domkapitel wählte ben bisherigen Regens bes Priesterseminars in Luzern. Haas, zum Bischof von Basel.

Haag, 11. Juli. Nach einem Telegramm bes hiesigenDagblab aus Batavia ist in ber Provinz Bantam ein Aufstand ausgebrochen; die Aufständischen plünderten Tjelegon und töbteten bie europäischen Einwohner unb mehrere Häuptlinge ber Ein­geborenen. Von Batavia sinb Truppen zur Bekämpfung ber Aufstanbischen abgesendet WOrbCI$:<mlOtt, 11. Juli. Das Zuchtpolizeigericht sprach nach fünftägiger-Verhand­lung ben Weingroßhänbler Dilleneuve von ber Anklage, vergiftete Weine unb andere Getränke, welche schädliche Stoffe enthielten, verkauft zu yaben, frei, verurtheilte denselben jedoch wegen Fahrlässigkeit zu 20 Tagen Gefängniß unb 100 Francs

Madrid, 11. Juli. Die Königin-Regentin ist zum Sommeraufenthalt nach San Sebastian abgereist.

Meßmer

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen