Beilage zu Jlr. 11 des „Aeßener Anzeiger".
Politische Ueberficht.
Gießen, 12. Januar.
Der Kaiser leidet an einem Schnupfen, verbunden mit Hustenanfällen, und ist der greife Monarch infolge dieser katarrhalischen Erscheinungen genöthigt, sich auch noch fernerhin Schonung aufzuerlegen. Irgendwelche besonderen Arzneimittel sind zur Bekämpfung des Erkältungszustandes nicht angewendet worden, vielmehr gedenken die Aerzte durch tüchtiges Schwitzenlassen bald eine Besserung herbeizuführen.
Alle aus San Remo einlaufenden Berichte über das Befinden des Kronprinzen lauten fortgesetzt sehr befriedigend; die in den Blättern umlaufenden Meldungen über ein beabsichtigtes neues Hellverfahren sind durchaus unbegründet.
In wenig Tagen werden der preußische Landtag und der Reichstag, ganz abgesehen von den ebenfalls noch versammelten parlamentarischen Körperschaften anderer Bundesstaaten, wieder nebeneinander arbeiten und wir werden somit nach der Weihnachtspause wiederum mitten in der parlamentarischen Hochsaison stehen. Naturgemäß werden in derselben die Verhandlungen des Reichstags die meiste Aufmerksamkeit auf sich ziehen und sieht man speciell den Debatten über die miteinander in innerem Zusammenhangs stehenden Fragen der Verlängerung der Legislaturperioden und des Socialistengesetzes mit Interesse entgegen. Daß der Reichstag dem einzubringenden gemeinsamen Antrag der drei Mehrheitsparteien, die Legislaturperioden von drei Jahren auf fünf Jahre zu verlängern, zustimmen wird, kann in Anbetracht der Parieiverhältnisse im neuen Reichstage nicht bezweifelt werden; ohne hitzige Auseinandersetzungen dürste dies freilich nicht abgehen. Unklarer liegen die Dinge hinsichtlich der Verlängerung des Socialistengesetzes, zumal da der betreffende Gesetzentwurf trotz seiner im Bundesrathe bereits erfolgten Annahme noch immer nicht veröffentlicht worden ist; es scheinen hauptsächlich die Nationalliberalen über ihre Stellungnahme noch nicht schlüssig zu sein und bei dieser Partei dürste auch die Entscheidung in der Socialistenfrage liegen. Vor dem Austrage beider Angelegenheiten wird jedenfalls noch die definitive Beschluß- faffung über das neue Wehrgesetz erfolgen, mit welchem im Princip ja alle Parteien, mit Ausnahme der Socialdemokraten einverstanden sind. Einigermaßen überraschend klingt jedoch die Mittheilung der „K. Ztg.", die Regierung würde zur Durchführung des Gesetzes eine einmalige Summe von 100 Mill. U4 vom Reichstage verlangen, da allseitig angenommen worden war, es würde hierzu verhältnißmäßig nicht bedeutender finanzieller Opfer bedürfen; jedenfalls wird man einer eingehenden Begründung einer solchen beträchtlichen Forderung entgegensetzen können. Was endlich die des Reichstags noch harrende große Aufgabe der Alters- und Invalidität» - Versicherung anbelangt, so erscheint deren definitive Lösung noch in so weitem Felde, daß der Reichstag in seiner gegenwärtigen Session schwerlich dazu gelangen wird, sich mit dieser hochwichtigen Frage zu befassen.
Eine neue nihilistische Verschwörung gegen das Leben des Czaren soll in Petersburg entdeckt worden sein und haben angeblich zahlreiche Verhaftungen stattgefunden, darunter auch solche von Osficieren. Die Richtigkeit dieses Gerüchtes läßt sich indessen ebensowenig controliren, als dies bezüglich der bekannten Meldung von dem im Parke von Garschina gegen Alexander III verübten Attentate der Fall gewesen ist, welche aus der einen Seite strickt aufrecht erhalten, aus der andern Seite ebenso bestimmt widerrufen wurde.
Die Wiedereröffnung des französischen Parlaments am Dienstag hat in beiden Häusern zunächst die üblichen Ansprachen der Alters- Präsidenten gebracht. Hierbei sprach in der Depuürtenkammer Peter Blanc die Hoffnung auf gedeihlichere Ergebnisse der neuen Session, im Gegensätze zu der vorigen Session, aus und empfahl er den Republikanern das bekannte Einig- keits-Recept zur Durchführung der geplanten Reformen. Etwas weiter holte der Alters-Präsident des Senates, Earnot, der Vater des Präsidenten der Republik, bei feiner Ansprache aus. Er wies darauf hin, wie die Vertreter der Nation durch die Wahl Carnot's zum Staatsoberhaupt ihren Wunsch nach innerem und äußerem Frieden wie ihre Achtung vor den Gesetzen bekundet hätten. Dieser so leicht von Statten gegangene Umschwung müsse Vertrauen in den gesunden Sinn und in die verfassungsmäßigen Einrichtungen des Landes einflößen. In der Deoutirtenkammer folgte alsdann die Präsidentenwahl, bet welcher Floquet mit 258 von 351 abgegebenen Stimmen wiedergewählt wurde.
Obwohl die Papst-Jubelfeier in Rom mit voriger Woche ihr Ende erreicht hat, muß Leo XIII. anläßlich seine» Jubiläums noch Tag für Tag grobe Empfänge abhalten. So errhetlte er am Dienstag in Gegenwart von sechs englischen Bischöfen 450 englischen Wallfahrern Audienz, waber der Herzog von Norfolk eine Adresse überreichte. In deren Beantwortung ließ sich der Papst über die gegenwärtige Lage der katholischen Kirche in England aus und eonstatirte er deren wachsendes Gedeihen.
Die in den letzten Tagen von allen Seiten eingelausenen fortgesetzten Friedens-Meldungen, die in der angekündigten und zum Thttl schon erfolgten Entlassung der ausgedienten russischen Gardetruppen gipfelten, lassen keinen Zweifel an der vollzogenen Beseitigung der so lange drohenden europäischen Kriegsgesahr übrig. Die dauernde Befestigung des Weltfriedens wird aber augenscheinlich von der Lösung der bulgarischen Frage abhängen, worüber gegenwärtig neue Verhandlungen zwischen den zunächst betheiligten Mächten schweben. Sine Hauvtoorbedingung für die endliche Verständigung über die bulgarische Affaire ist nun unstreitig die, daß Rußland mit bezüglichen positiven Vorschlägen hervortritt, denn nach Lage der Dinge kann die Initiative zur Beseitigung der Wirren in Bulgarien nur von russischer Seite ausgehen. In Petersburg scheint man indessen zu einer solchen noch keine sonderliche Lust zu spüren, man möchte eben gern noch weiter im Trüben fischen und doch ist eine wettere Hivauszerrung des bulgarischen „Rummels" so bedenklich. Dies bekundet wiederum der allerdings verunglückte Versuch des aus den bulgarischen Verschwörun^Geschichten hinlänglich bekannten ehemals russischen Kapitäns Nabokoff, sich an der Spitze einer Schaar montenegrinischer Freibeuter der rumelischen Hafenstadt Burga» zu bemächtigen, natürlich, um von hieraus eine Erhebung gegen die Regierung in Sofia anzuzetteln. Herr Nabokoff hat bei seinem Flibustierzuge freilich schlechte Geschäfte gemacht und mußte er froh sein, |
mit seiner durch die Kugeln der bulgarischen Soldaten decimirten Schaar zu Schiff entrinnen zu können. Immerhin beweist der neueste Putschversuch, von welchen Zwischenfällen die Entwickelung der bulgarischen Frage noch fortgesetzt abhängt.
lieber die Affaire der gefälschten Aktenstücke tauchen noch immer „Enthüllungen" auf, die indessen zu der allein noch interessirenden Frage, wer denn eigentlich die Fälscher gewesen find, nicht» Neue» zu bringen vermögen. Jetzt wird der König von Griechenland im Verein mit dem famosen Dsroulöde in Die Sache hineingezogen, insofern, al» der Czar die ominösen Schriftstücks von König Georg empfangen haben sollte, dem sie wiederum von D^roulöde zugestellt worden sein sollten. Von anderer Seite wird dieser Auffassung entschieden widersprochen und wie es scheint, nicht mit Unrecht; die wahre Sachlage bleibt nach wie vor rälhselhaft.
Die rumänische Regierung hat, wie jetzt erst des Näheren bekannt wird, unter dem Eindrücke der drohenden Weltlage bedeutende Anstrengungen zur militärischen Stärkung Rumäniens gemacht. Allein die Firma Krupp in Essen hat Geschoßmaterial für artilleristische Zwecke nach Rumänien zu tiefem gehabt, welches im Ganzen 247 Waggonladungen beträgt. Die von Grusen i« Buckau-Magdeburg zu liefernden Besiandtheile für Panzerthürme, welche zur Befestigung Bukarests dienen sollen, füllen 410 Waggons aus. Bezüglich de» Repetirgewehres schwankt man in Rumänien noch zwischen dem österreichischen Mannlicher'Gewehr und dem Rubin'schen 7,5 Millimeter-Gewehr.
Aus Massauah sind jetzt Privatnachrichten eingetroffen, denen zufolge auch die Abyssinier, gleich den Italienern, den Vormarsch wieder aufgenommen haben. Der Oberfeldherr Alula befindet sich mit seinem Heere auf dem Marsche von Keren, dem gesunden und fruchtbaren Hinterlande von Massauah, gegen die italienischen Stellungen westlich von ihm rückt ein anderer abyssinischer Heerführer, Ras Mikael, gegen Gura und Baresa vor. Der Negus Johanne» selbst befindet sich mit dem Gros der abyssinischen Streitmacht hinter Den Abteilungen der genannten Generäle, lieber die Bewegungen der Italiener ist seit jener Depesche, welche die Besetzung Dogalis durch die italienischen Vorposten und dis Befestigung der diesen Oct beherrschenden Höhen meldete, noch keine weitere amtliche Nachricht eingegangen. Doch glaubt man, daß bie $or* truppen der Expedition sich bereits Saati nähern._________________________
Bermifchre».
Frankfurt a. M., 7. Januar. sUnsere Dienstboten.] Das „Jnt.-Bl." erzählt: Der Besitzer einer Villa im Westend kehrte vorgestern Abend ganz unerwartet von einer Reise zurück. Er schellte an der Gartenthüre, es wurde ihm aber nicht geöffnet obschon der Salon im ersten Stock hell erleuchtet war. Schließlich mußte er sich bequemen, über die Einzäunung des Gartens zu klettern. Als er dann den ersten L>tock betrat, fand er Alles dunkel. Er zündete Licht an und entdeckte nun, daß im Salon anscheinend vier Personen soupirt hatten. Bei der weiteren Wanderung durch die Zimmer sand er auf dem Boden des Schlafzimmers liegend ein betrunkenes Frauenzimmer und in seinem Bett einen fremden jungen Mann, der in tiefstem Schlafe war. Die Köchin, welcher die Bewachung des Hauses anvertraut gewesen war, hatte sich, als sie das Läuten der Hausglocke hörte, im Keller versteckt, während ihr Geliebter der mit an dem fröhlichen Mahle theilgenommen hatte, aus dem Fenster in den Garten gesprungen war. Jenes betrunkene Frauenzimmer war ihre Schwester und der junge Mann, der im Bette des Hausherrn seinen Rausch ausschlief, war der Geliebte derselben. Die ganze Gesellschaft wurde noch in derselben Nacht an die Luft gesetzt.
— sDer deutsche Reichstag in rother Uniform.] Der Specialcorrespondent, den der Pariser „Figaro" zur Feier des Papstjubtläums nach Rom geschickt hat, zählt die geistlichen und weltlichen Würdenträger, welche dem Tragstuhle des Papstes voran- schrttten, auf, und fährt dann fort: „Dem diplomatischen Eorps folgten die Mitglieder des deutschen Reichstags in rother Tunica mit breitem schwarzen Sammetkragen und im Schmucke ihrer Orden. Sie tragen goldene Epauletten, einen golddurchwirkten Gürtel und einen prachtvollen Schleppsäbel. Alles ist militärisch bei unseren Nachbarn, selbst das Parlament." Es liegt nun gewiß recht nahe, aus dieser Schilderung die Consequenz zu ziehen und sich im Geiste eine Sitzung unseres Reichstags in diesem Costüme auszumalen. Man denke sich Windthorst in der rothen Tunica und mit einem Schleppsäbel die Tribüne besteigen, man denke sich Richter und Rickert in solchem Aus- zage seinen Worten lauschen.
— Das Themse-Polizeigericht verfügte am 29. December v. I. die Vernichtung von drei Millionen Apfelsinen. Dieselben hatten die Ladung des Dampfers „Agnes" gebildet, welcher in der Themse gesunken. Die Früchte hatten drei Wochen unter Wasser gelegen und befanden sich deßhalb in gesundheitsschädlichem Zustande.
Schis ss Nachrichten. =======
Bremen, 9 Januar. sPer transatlantischen Telegraph.] Der Schnelldampfer Elbe, Capitän G. Meyer, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, welcher am 28. Decbr. von Bremen und am 29. Decbr. von Southampton abgegangen war, ist gestern 6 Uhr Morgens wohlbehalten in Newyork angekommen. ____________
Literarische».
— „Das Eulenhaus", hinterlassener Roman von E. Marlitt, eröffnet den neuen Jahrgang der ^Gartenlaube*, dessen erste Nummer soeben erschienen ist. Die Handlung des Romans ist schon in dem ersten Kapitel eine sehr bewegte; wir werden auf ein Gut geführt, auf welchem eine Auction stattfindet. In dem ganzen Lokalkolorit, in dem Gutsherrn, welcher seine Besitzung verlassen muß, in der Hofdame, welche bei dem verlassenen Bruder erscheint, erkennen wir Thüringer Verhältnisse und Thüringische Gestalten. Das Interesse der meisten Leser und Leserinnen der „Gartenlaube" wird sich ohne Zweifel in erster Linie diesem mit großer Spannung erwarteten Roman zuwenden.
Wir möchten dabei jedoch noch auf den übrigen Inhalt der Nummer Hinweisen, welche trefflich die Bestrebungen der „Gartenlaube" charakterisirt.
„Die „Todteninsel" von Richard Voß ist eine Novelle aus der römischen Kaiserzeit, eine meisterhafte Darstellung, echt dichterische Empfindungen fesseln uns bei der Lektüre dieses Werkes vom ersten Augenblicke an.
In erster Linie für Eltern und Erzieher von Kindern ist der Artikel „Turnübung gegen die hockize Haltung" von Dr. I. Schildbach bestimmt. Einige Abbildungen erläutern die empfohlenen Hebungen, welche ohne besondere Schwierigkeiten zu jeder Zeit ausgeführt werden können.
„Wie Berge und Erdbeben entstehen", betitelt sich ein äußerst interessanter und klar geschriebener Artikel von Dr. W. Meyer, in welchem die Ergebnisse der neuesten Forschung über die in jüngster Zeit vielbesprochene und viel umstrittene Erdbebenfrage niedergelegt werden.
Es fehlt dieser Nummer auch nicht die humoristische Färbung. In dem reizend illustrirten Artikel „Der gute Muth des deutschen Soldaten" werden wir mitten in das frische Leben unserer Soldaten eingeführt, wie es sich auf den Märschen, in dem Bivouak, im Manöver und in der Kaserne entfaltet.
Die „Blätter und Blüthen" zeichnen sich durch eine Fülle interessanter Mit- theilungen aus und die Illustration der Nummer ist geradezu prachtvoll zu be.icicbnen. Aus dem Raum von 2Vg Bogen sind außer den oben erwähnten Novellen und Artikeln^ noch 14 Illustrationen untergebracht.


