Ausgabe 
12.8.1888
 
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1888.

Nir. 187 Zweites Blatt. Sonntag den 13. August

Gieß enW

Amis- und Anzeigeblati für den Kreis Gießen.

Bureau r Schul st raße 7.

Der neue Hauptpersonenbahnhofzu Frankfurt a. M.

Der officielle Titel für das nunmehr vollendete Riesenwerk, welches am 18. d. M. dem Betrieb übergeben werden wird, lautet: Hauptpersonenbahnhof. In Mr. 116 d. Bl. wurde bereits eine eingehende Beschreibung gegeben, die unsere Leser in der Hauptsache mit der Einrichtung und den Größenverhältnissen des gewaltigen Bauwerkes bekannt machte. Es wäre nur noch nachzutragen, daß die colosfale Perronhalle einen hübschen Farbanstrich erhalten hat, daß die elektrische Beleuchtung jetzt eingerichtet ist, daß vor dem Haupteingang heute schon geschmackvolle Anlagen zu sehen sind, daß die ganze Einrichtung des Gebäudes fertig ist, daß aber die projectirten 8 Zusahrtstratzen nur zum geringsten Theil bis zum Eröffnungstage in Benutzung genommen werden können. Bekannt wird den Lesern desGieß. Anz." sein, daß die Westbahnhöfe in Frankfurt a. M. (Main-Weser-, Matn-Reckar- und Taunus-Bahnhof) am 17. August 12 Uhr Nachts, die letzten Züge aufnehmen und schon am 18. August, um 5 Uhr früh, der regelmäßige Betrieb im neuen Hauptpersonenbahnhof beginnt. Es wurde auch schon mttgethellt, daß in den 3 mächtigen Perronhallen zusammen 18 Geleise liegen, auf denen 6 Bahnlinien selbständig nebeneinander eingeführt werden. Es sind dies die 3 Linien der Staatsbahnen Frankfurt-Höchst-Coblen; mit Abzweigung nach Soden und Wiesbaden, Frankfurt-Bebra und Franlfurt-Gießen-Cassel mit Abzweigung nach Homburg und Kronberg. Dazu kommen die Linien der Matn-Neckar-Bahn: Frankfurt-Darmstadt-Heidelberg und endlich die Bahnlinien der Hessischen Ludwigsbahn: Frankfurl-Mainz-Bingen, Frankfurt-Mannheim und Frankfurt-Limburg mit Abzweigung nach Wiesbaden.

Es wurde schon oben gesagt, daß die im Plan vorgesehenen 8 Zufahrtsstraßen zum Eröffnungstermin nicht ferltggestellt werden können; es liegt dies daran, daß sie zum größten Theil auf dem Terrain der alten Bahnhöfe liegen. Es muß daher die Zufahrt zunächst und noch für mehrere Monate auf proviforisch hergestellten Straßen erfolgen. Die eine derselben beginnt an der bisherigen Einfahrt von der Taunus- Anlage zum Matn-Neckar-Bahnhof und führt durch diesen hindurch bis zum Platz vor dem Empfangsgebäude des Hauptpersonenbahnhofs. Dieselbe wird einige Tage nach der Betriebseröffnung Pferdebahn erhalten, womit die schon in Aussicht gestellte directe Linie Hauptwache-Hauptbahnhof gebildet wird.

Die zweite provisorische Straße zweigt hinter dem jetzigen Bahnübergang der Main-Weser-Bahn über die Mainzer Landstraße von dieser letzteren ab und mündet auf dem nördlichen Seitentheil des Vorplatzes vor den nördlichen Ausgangsthüren des Empfangsgebäudes.

Der südliche Seitentheil des Vorplatzes kann erst einige Tage nach der Betriebs­eröffnung dem Verkehr freigegeben werden, nachdem die Geleise der jetzt darüber hinweg­führenden verlegten Taunusbahn beseitigt sein werden und die weiter beabsichtigte Straße vom Wiesenhüttenplatz nach dem südlichen Vorplatze ausgeführt sein wird. Bis dahin müssen die beiden vorgenannten provisorischen Straßen den Verkehr ausschließlich aufnehmen und es wird der Abgang der ankommenden Reisenden zunächst ausschließlich durch den nördlichen Ausgang des Hauptgebäudes, vor welchem auch nur die Droschken halten werden, stattfinden müssen.

Ueber die Einrichtung des Hauptvestibüls sei noch zu jenen in Nr. 116 d. Bl. gemachten Angaben nachgetragen, daß sich dortselbst Billetschalter, Expedtttonsräume, Depeschen-Annahmestelle, Nachweisungsbureau, Amtsstube des Bahnhofsvorstehers, Polizei, Portier u. s. w. befinden. In der Mitte des Vestibüls soll ein Wechselbureau eingerichtet werden, eine Neueinrichtung, die ohne Fehl als eine große Annehmlichkeit empfunden werden wird. Die Wartesäle ziehen sich links und rechts vom Hauptvestibül hin. Der Bahnhof enthält deren 4, 2 Wartesäle I. und II. und 2 III. und IV. Elaste, ferner 2 Spetfesäle und 4 Damenztmmer. Letztere sind für jede Elaste getrennt. Der Billetverkauf sowie die Gepäckannahme liegen im Gebäude aus jeder Sette desselben und zwar auf der linken Sette für die Richtungen nach Wiesbaden, Niederlahnstein- Eoblenz,^ Hanau(Ostbahnhof)-Bebra und Darmstadt-Heidelberg, Mannheim; auf der rechten «Leite für die Richtungen nach Homburg, Cronberg, Gießen-Cassel, Mainz, Bingen, Worms-Ludwigshafen, Mannheim, Niedernhausen-Limburg, Wiesbaden. Die Abfahrt der Züge findet statt in der linken Halle nach Wiesbaden, Ntederlahnstein- Coblenz, Hanüu-Bebra, in der Mittelhalle nach Darmstadt-Heidelberg, Mannheim, Homburg, Eronberg, Gießen-Eastel und in der rechten Halle nach Mainz Bingen, Worms-Ludwigshafen, Mannheim, Niedernhausen-Limburg, Wiesbaden. Die Ankunft der Züge erfolgt in der linken Halle von Coblenz-Niederlahnstein, Wiesbaden, Bebra- Hanau (Ostbahnhof), Mannheim, Heidelberg-Darmstadt, in der Mtttelhalle von Mann­heim, Heidelberg-Darmftadt, Homburg, Eronberg, Cassel-Gießen und in der rechten Halle von Mannheim, Ludwigshafen-Worms, Bingen-Mainz, Limburg-Niedernhausen, Wiesbaden. Sowohl von der Eingangshalle als auch von jedem Wartesaal führen Thüren direct auf den Querperron. Der letztere wird den Reisenden geöffnet sein, dagegen werden Vie einzelnen Zungen-Perrons, vor denen die Züge halten, bis einige Minuten vor der Ankunft beziehungsweise bis zu einer bestimmten Zeit vor der Abfahrt der Züge durch eine leichte Kette geschlossen werden.

Das Betreten der abgeschlossenen Personenperrons ist untersagt, desgleichen das Betreten der Gepackperrons, selbst wenn sie nicht geschlossen sein sollten. Ferner ist das Ueberschreiten der Geleise, um von einem zum anderen Perron zu gelangen, streng verboten. Ein Uebergang von einem Personenperron zu einem andern ist nur für Durchreisende nothwendig, welche sich dann entweder nach dem vor den Wartesälen befindlichen Querperron zu begeben haben, oder auch den am Ende der Halle angelegten, von jedem Personenperron durch eine Treppe zugänglichen Personentunnel unter den Geleisen zum Durchgang benutzen können.

Die Abfahrtsperrons sind an ihrem Zugang vom Querperron durch Schilder, auf denen die größere nächstgelegene Station bezm. die Endstation der betreffenden Bahnlinie angeschrieben ist, bezeichnet. Ebenso sind die Billetschalter am Eingang, die Gepäckannahmen und die Zugänge zu den Wartesälen durch Schilder, welche die Bahn­linie angeben, für die sie bestimmt sind, bezeichnet. Die Bezeichnung auf den Schildern stt nur eine provisorische und wird je nach Bedürfniß abgeändert.

So stattlich und imponirend sich auch der äußere Bau präsentirt, so wird dennoch der Techniker einem anderen Theile des Riesenwerkes sein Hauptinteresse zu- wenden, nämlich der hydraulischen Anlage. Bis jetzt ist eine solche Anlage von solcher Ausdehnung noch nie ausgeführt worden und selbst Fachleute sehen mit Bewunderung auf diese Leistung der Technik. Diese Arbeit nach Gebühr zu schildern, vermag nur gebe aber die Aussprüche Sachverständiger wieder, wenn ich sage: Die hydraulische Anlage ist das Großartigste am neuen Hauptpersonenbahnhof zu Frankfurt am Main."

. .. e^.^che Beleuchtung hat vor circa 14 Tagen eine Probe bestanden, bei

der sich bte Einrichtung bewährt haben soll. Um indeß allen Eventualitäten vor­zubeugen, ift eine provisorische Nothbeleuchtung eingerichtet worden.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Dringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50, Pf.

Die Verwaltung des Hauptpersonenbahnhofs geht vom Tage der Eröffnung ab auf das königllche Elsenbahn-Betrtebsamt über. Dasselbe wird bis nach Erbauung des in unmittelbarer Nähe des Hauptpersonenbahnhofs geplanten besonderen Amtsgebäudes seinen Amtssitz in Sachsenhausen behalten. Unter Leitung des königlichen Eisenbahn- Betriebsamts und durch dessen technische Oberbeamten werden auch die für die Ueber- lettung der Bahnlinien in den Hauptpersonenbahnhof noch erforderlichen Geleisanschlüsse tn der Nacht vom 17. zum 18. August hergestellt werden.

Mit der Leitung des Stationsdienstes der Staatsbahnlinien und der Aufsicht über die Gesammtanlage ist der Stationsvorsteher 1. Elasse, Herr Stirn, beauftragt- als sein Vertreter wird der Stationsvorsteher 2. Elasse, Herr Fink von Finken­stein, fungiren. Mit der Leitung des Betriebes der Hessischen Ludwigsbahn ist der Bahnhofsoerwalter von Flamerdtnghe betraut. Auf den der Staatsbahnverwaltung unterstellten Bahnlinien des Hauptpersonenbahnhofs werden täglich 2 Courierzüge 44 Schnellzüge, 111 Personenzüge, 4Omntbuszüge und 2 Etlgüterzüge, also im Ganzen 163 Züge ein- und ausfahren. Die Zahl der ein- und ausfahrenden Züge wird sich auf 180 erhöhen, wenn die Fakultativ-Personen- und die Fakultativ-Viehzüge, die fahr­planmäßig vorgesehen sind, fämmtlich gefahren werden sollten. Zieht man noch die ein- und ausfahrenden Züge ber Hessischen Ludwigsbahn mit in Rechnung, so ergibt sich eine Gesammtzahl der tagtäglich in den Hauptpersonenbahnhof ein- und auslaufenden Züge von mehr als 200.

Begonnen wurde mit dem Bau des Bahnhofes im Sommer 1881, man hat also bis zu seiner Vollendung volle 7 Jahre gebraucht. Die Kosten belaufen sich auf rund 33 Millionen JL, wovon 25 Millionen zu Lasten des Staates entfallen.

Die Oberleitung des Baues lag in den Händen des Oberbauraths Vogel, die specielle Leitung in den Händen des Regierungs- und Bauraths Hottenrott. Der Entwurf zum Empfangsgebäude rührt von dem Landesbauinspector Eppert her, der Grundriß verdankt zum wesentlichen Theil dem Baurath Grüttefien seine Fest­stellung. Die gewaltige Perronhalle ist nach Angabe des Geh. Oberbauraths S chw edler bearbeitet und zwar vom Regierungsbaumeister Frantz. Bei der Ausführung waren noch: als Sectionsbaumeister die Regierungsbaumeister Weithmann und Jung- Hann thätig.

Von einer Feierlichkeit anläßlich der Eröffnung hört man immer noch nichts. Es scheint in der That, wie wenn der denkwürdige Tag sang- und klanglos vorüber­gehen sollte. Auch von der Hierherkunft Kaiser Wilhelms II. ist es still geworden. c ir. ®cr neue Hauptpersonenbahnhof ist z. Z. der Zielpunkt zahlreicher Fremden, die freilrch den weiten Weg vergeblich machen, wenn sie glauben, in das Innere des Gebäudes gelangen zu können. Der Zutritt wird jedem Unbefugten confequent ver­wehrt und es läßt sich gegen diese -strenge eigentlich nichts Stichhaltiges sagen, da zahlreicher Besuch die Arbeiten hemmen würde.

Wer indeß nicht allzu weit von Frankfurt entfernt ist, der sollte nach der Er­öffnung die Reise nicht scheuen und den gewaltigen Bau einmal anschauen. So etwas sieht man in der That nicht alle Tage!

Vermischtes.

Weilburg, 8. August. sKirchweihfeftJ Zu den ältesten und schönsten Volks­festen unserer Lahngegend gehört unstreitig das Weilburger Kirchweihfest. Die eigen- thümliche Art und Weise, in der es gefeiert wird, der farbenreiche Festzug, der durch die Straßen der Stadt unter die Linden des Schießhauses sich bewegt, der anmuthige Kinderreigen, dessen heiteres Bild das Ange von Alt und Jung ergötzt, der Aufmarsch der stattlichen, altehrwürdigen Bürgergarde, in der Weilburgs historische Vergangenheit, das innige Verhältniß zwischen Fürst und Volk verkörpert vor uns tritt, der gemüth- liche herzliche Verkehr der verschiedenen Stände miteinander, die sich in schöner Har­monie als Glieder eines Gemeinwesens fühlen, der gesittete, von jeder Ausschreitung fern bleibende Geist der Freude, der aus Aller Augen leuchtet das Alles gibt diesem Feste einen besonderen Reiz, so daß es unter all den vielen Festen, in denen das reich entwickelte Vereinsleben der neueren Zeit gipfelt, doch seine Anziehungskraft nicht ver­loren hat, sondern noch immer von Alt und Jung, Hoch und Niedrig, Einheimischen und Fremden zahlreich besucht wird. In diesem Jahre nun wird das Weilburger Kirchweihfest sich voraussichtlich zu einem besonders festlichen und glänzenden gestalten, da mit demselben sich eine seltene Gedächtnißseier verbindet. Vor einem Jahrhundert, im Jahre 1788 wurde der hiesigen Bürgergarde, welcher in den kriegerischen Zeiten am Ende des vorigen Jahrhunderts in Abwesenheit der regulären Truppen, die Bewachung des hiesigen Schlosses und der Sicherheitsdienst in der Stadt oblag, von dem da­maligen Nassan-Weilburgischen Fürsten Friedrich Wilhelm bei der Heimführung von dessen Gemahlin Isabella, einer Prinzessin von Sayn-Hachenburg, eine prächtige seidene Fahne mit dem Wappen der Stadt verliehen. Unter allem Wechsel der Zeiten hat seitdem unsere Bürgergarde um diese Fahne in ernsten und frohen Stunden sich treu geschaart und dies Banner ist für sie ein Symbol fürstlicher Huld und Gnade^ eine Mahnung zu rechter Vaterlandsliebe geblieben. In erhöhter Feststimmung, mit-dgnk- barem Rückblick in die Vergangenheit wird daher in diesem Jahre die Bürgergarde zum Festplatze ausziehen und unter allgemeiner Theilnahme der hiesigen Bewohner, namentlich der zahlreichen Damen und der hiesigen Vereine, den hundertjährigen Jubeltag ihrer Fahnenweihe begehen. Möge denn auch diesmal am 15. und 16. August das Weilburger Kirchweihfest, dieser lichte Höhepunkt im Leben unserer Stadt, aus der Nähe und Ferne viele Gäste anziehen, die sich gerne freuen mit den Fröhlichen und in gesegneter Mitfeier dieser schönen Tage uns bezeugen dürfen: das Weilburger Kirch­weihfest ist ein Volksfest im besten Sinne des Wortes.

Verfälschte schwarze Seide. eiÄrfc Stoffes, von dem man kaufen will, und die etwaige Verfälschung tritt sofort zu Tage: Aechte, rein gefärbte Seide kräuselt sofort zusammen, verlöscht bald und hinterläßt wenig Asche von ganz hellbräunlicher Farbe. Verfälschte Seide (die leicht speckig wird und bricht) brennt langsam fort, namentlich glimmen dieSchuß­fäden" weiter (wenn sehr mit Farbstoff erschwert), und hinterläßt eine dunkelbraune Asche, die sich im Gegensatz zur ächten Seide nicht kräuselt sondern krümmt. Zer­drückt man die Asche der ächten Seide, so zerstäubt sie, die der verfälschten nicht. Das Seidenfabrik -D^pöt von G. Henneberg (K. u. K. Hoflief) Zürich versendet gern Muster von seinen echten Seidenstoffen an Jedermann, und liefert einzelne Roben und ganze Stücke porto- und zollfrei in's Haus- 3584

ITonimaitinllo Fleisch-Extract

IlijlIllllKi 111 Ml Q Ist vom feinsten Geschmack und grösster Aus­giebigkeit. Das Beste ist stets das Billigste.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.