Ausgabe 
12.2.1888 Zweites Blatt
 
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Nr. 37 Zweites Blatt. Sonntag den 12. Februar 1888.

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Shtrcait r Schulstraße 7.

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Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

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Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Darmstadt, 8. Februar. Das Grobherzogliche Regierungsblatt Nr. 6 enthält:

1. Allerhöchst.' Verordnung, die Jagdwaffenpässe betreffend.

2. Bekanntmachung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz, die ärztliche Vorprüfung betreffend.

3. Bekanntmachung deffetben Ministeriums, die Beförderung von Leichen betreffend.

Berlin, 9. Februar. Sicherem Vernehmen nach wird bereits in den nächsten Lagen dem preußischen Landtage eine Vorlage zugehen, die für den Ausbau de» namentlich in strategischer Hinficht bisher sehr vernachlässigten Elfenbahn-Netze» an der östlichen Grenze eine Summe von etwas über hundert Millionen Mark fordert.

Dis Budgetcommiffion des Reichstags genehmigte die zweite Rate für das Retchrgerichte-Gebäude in Leipzig ohne Berathung; sodann stand noch ein erneuter Anschlag für ein zunächst zurückgestelltes Lazareth-Gebäude in Lehe zur Beratung, der um 145,000 JL hinter dem früher» zurückblieb. Bei der Nothwendtgkeit des Baues an stch und unter Anerkennung der vorgesehenen Ersparnisse beschloß die Commisston, die nunmehr verlangten 220,000 JC. dem Hause zur Genehmigung oorzujchlagen.

Berlin, 8. Februar. Bei dem Festmahle, welches der Oberprästdent Staats Minister Dr. Achenbach gestern dem brandenburgische« Provinzial-Landtage im Englischen Hause gab, brachte Prinz Wilhelm in Erwiderung auf einen Trinkspruch des Ministers, derNordd. Allg. Ztg." zufolge, folgenden Trink­spruch aus:

Ew. Excellenz danke ich für die freundlichen Worte, die Sie mir soeben im Namen der Provinz ausgesprochen haben, und Ihnen, meine Herren, danke ich zugleich, daß Sie in diesem Jahre bei Ihrem Feste wiederum an mich ge­dacht haben, woraus ich entnehme, daß Sie mich nach wie vor ebenfalls unter die Brandenburger zählen. Heber dem heutigen Tage schweben trübe Wolken, deren einer Ew. Excellenz in so freundlicher Weise soeben gedachte; ich möchte auch noch die andere erwähnen. Ich gedenke hierbei eines märkischen Edel­mannes von altem Schrot und Korn, voll Treue und Hingabe an sein Herr­scherhaus, voll regsten Interesses und wärmster Sympathie für die Provinz, nämlich des Grasin Arnim-Boitzenvurg; er ist nicht mehr unter uns, doch wird seine Persönlichkeit uns als ein leuchtendes Voibilo zu« Nacheisern noch lange glänzen. Al» Se. Maj. mein Durchlauchtigster Herr Großvater mir die Arbeit in der Civil-Carriöre anbefohlen, bestimmte er die Provinz Brandenburg und deren tüchtigen und bewährten Leiter, um mich mit der Verwaltung bekannt zu mache«; was ich auf dem Gebiete der Civiloerwaltung gelernt und erfahren, verdanke ich Sw. Excellenz in erster Linie und den Herren unter Ihnen, die mich in den verschiedenen Zweigen orientirt haben. Auf meinen Ritten durch die Mark im Laufe der Manöver haben mich die blühenden Gefilde und die im vollen Betrieb befindlichen Gewerbe davon überzeugt, worin der wahre Grund des Volkswohlstrndes und der fruchtbaren Arbeit zu finden fei. Ich weiß wohl, daß im großen Publikum und speciell im Auslande mir leichtfinnige, nach Ruhm lüsterne Kriegsgedanken imputirt werden: Gott bewahre mich vor solchem verbrecherischen Leichtsinn. Ich weise solche AnschuloigUNgen mit Entrüstung zurück! Doch, meine Herren, ich bin Soldat, und alle Brandenburger find Soldaten, das weiß ich, daher taffen Sie mich mit dem Wocte schließen, welches am 6. Februar unser großer Kanzler dem Reichstage zuries, der an jenem Tage bas großartige Bild der geschloffenen, Hand in Hand mit der Regierung gehenden Volksver­tretung uns zeigte, indem ich den Ausspruch auf die Mark Brandenburg specia- lifire: Wir Brandenburger fürchten nur Gott und fönst nichts aus dieser Welt! In dieser Gesinnung erhebe ich mein Glas und trinke aus das Wohl der Pro­vinz Brandenburg!

In parlamentarischen Kreisen hat die Zustimmung, welche die Haltung des Reichstages gegenüber der Wehrgesetzvorlage im bayerischen Abgeordneten- hause gesunden und welcher der Abgeordnete von Schauß einen so glücklichen, von warmem Patriotismus getragenen Ausdruck gegeben hat, große Be­friedigung erregt. Daß In der Volksvertretung des zweitgrößten Staate», wo sich sonst dis Parteien so schroff entgegenstanden, das geeinte Vorgehen des Reichstages eine solche Aufnahme finden konnte, ist ein weiteres Warnungs­zeichen für die Gegner Deutschlands und eine weitere Friedensbürgschaft für seine Freunde.

Berlin, 8. Februar. Die Budgetcommiffion des preußischen Abgeord­netenhauses verhandelte in ihrer letzten Sitzung in Folge einer eingelausenen Petition über die Frage der Herabsetzung der Frachtsätze für Getreide und Mehl. Es wurde mit Rückficht darauf, daß die Gesammtheit der deutschen Landwirth- schaft aus der Herabsetzung der Getreidetarise keinen Vortheil, dagegen die Eisen- Lahnverwaltung offenbar einen Nachtheil haben würde, und daß Die eigentliche Wirkung schließlich eine Ermäßigung der eben beschloffenen Einführung der Getreidezölle sein würde, Uebergang zur Tagesordnung angenommen. Berner- ikenswerth waren die Gründe, welche der Regierungscommiffär gegen die Herab­setzung der Tarife vorbrachte. Derselbe erklärte, daß die Herabsetzung der Getreidetarife für die Landwirthschast im Osten unwirksam sei, weil nach den mit den Nachbarstaaten getroffenen Vereinbarungen ausländisches Getreide aus den preußischen Bahnen ebenso billig befördert werden müsse, wie inländische» Getreide, und deshalb die Wirkung der Herabsetzung der Getreidetarife sein würde, daß nicht der Landwirth des Ostens, sondern das russische Getreide den

Markt in Frankfurt o. M. gewinnen würde. Auch widerstreite die Forderung der Herabsetzung der Tarife für Mehl den Jntereffen der Mühlen im mittlere» und westlichen Deutschland.

Herannahende Umwandlungen im Industriebetriebe.

Noch ehe unser Jahrhundert zu Ende geht, werden sich im Erwerbsleben der Nationen gewaltige Umwandlungen vollzogen haben, zu denen namentlich die Technik und die Mrthschaftswissenschaften beitragen werden. Der Schwerpunkt des Fortschritts wird in der Neugewtnnung und Ersparung von Kräften und in der richtigen Leitung von Natur- und Menschcnkräften liegen. Wind- und Wasserkräfte hat man feit Jahr­tausenden im Dienste der Industrie oerwerthet. Erst der Gegenwart war es vor­behalten, auch Dampf, Gas und Electricität als Krafterzeuger zu benutzen.

Da kommen nun die Naturforscher und Techniker und eröffnen uns die Aussicht, daß auch die atmosphärische Luft, sei es nun durch Hochdruck oder durch Tiefdruck als Kraftträger und Krafterzeuger in umfassender Weise versendet werden wird. Die Aufgabe der Zukunft besteht in der Herstellung großer Eentralstattonen, von denen aus. bewegende Kräfte ausgesendet werden. Zu diesen bewegenden Kräften soll nun künftig auch noch die atmosphärische Luft hinzutreten.

Professor Reuleaux hat am 28. Januar vor einem zahlreich versammelten Publikum in der Gehe-Stiftung zu Dresden einen fesselnden Vortrag über diese heraus nahenden Umwandlungen gehalten.

Das industrielle Gepräge unserer Zeit so führte Redner aus sei der Kampf des Kleingewerbes mit dem Kapital, ein Kampf, der mit ungleichen Mitteln geführt werde und in welchem das Kleingewerbe zu erliegen drohe. Immer weitere Gebiete, auf welchem das Kleingewerbe bisher heimisch gewesen, werden von dem Kapital diesem streitig gemacht und manche Handwerkerfamilie schaue bang auf zu ihrem Ernährer, welcher durch diesen scheinbar unaufhaltsamen Prozeß dem zersetzenden politischen Parteitreiben in die Arme getrieben werde. Aber dennoch sei weder theoretisch noch praktisch der Gegensatz des Kapitals zum Kleingewerbe ein absoluter, im Gegentheil das Kapital sei nur die Wirkung der Arbeit und es nähere sich auch den Bedürfnissen des Kleingewerbes, sobald ihm die Wege gezeigt würden.

Bereits vor 15 Jahren hat Reuleaux ausgeführt, daß durch kleine Kraftmaschinen ein erhöhter Wettbewerb des Kleingewerbes mit den Großbetrieben möglich sei. 2^"^ders wichtig geworden ist der sogenannte Otto'sche Gasmotor, dessen bahnbrechende ^vU'swttthschastuchc Bedeutung darin bestehe, daß er seine Kraft von einem Central- punkt, in der Regel aus einer städtischen Leitung bezieht. Diese Kraft wird übergeleitet auf die Werkstattmaschinen der kleinen Gewerbetreibenden. Die öconomische Tragweite eines solchen Verfahrens konnte nicht lange unbekannt bleiben. Es folgten in Zürichs London, Newyork, Philadelphia Versuche mit der Verwendung der Wasserkraft auS städtischen Wasserleitungen. Jedoch haben dieselben wegen der Schwankungen der Kraft und wegen des Kraftverluftes keine großen Erfolge aufgezeigt. Die Verwendung der Electricität, an welche man jetzt zunächst denken könnte, ist ebenfalls noch nicht genügend sicher gestellt. Dagegen sind wie Reuleaux ausführte mit der Benutzung der atmosphärischen Luft als Kraftträger in Paris und neuerdings in Birmingham Versuche von durchgreifendem Erfolge gemacht. In Birmingham bemerkt er fei bereits ein Eentralkrafterzeuger in der Stärke von 30000 Pferdekräften angelegt. Durch ein Röhrennetz werde die Kraft an die einzelnen kleinen Gewerbetreibenden ver- theilt, aber dadurch, daß es möglich wäre, 34 Atmosphären Druck zu erzeugen, fei die Kraft auch für den Großbetrieb von der hervorragendsten Bedeutung. Der Ver­brauch der Kraft sei durch Luftmeffer conttolirbar. Die Vortheile dieser Kraftfabrikation springen in die Augen, zahlreiche Dampfkessel mit Oefen und Schornsteinen fallen weg, die Verunreinigung der Luft mit Ruß und Dampf höre auf. Concessionen zu neuen Anlagen seien nicht mehr nöthig. Hier zeige sich also das Großkapital dem Kleingewerbe freundlich. Es werde die Aufgabe des nächsten Vierteljahrhunderts sein, das Princip der Centraltsation der Krafterzeugung und der Vertheilung dieser Kraft an die Gewerbtreibenden in die Praxis zu übersetzen. Das Handwerk werde sich mit den Arbeitsmaschtnen, zu deren billiger Herstellung das Kapital sich drängen werde, rasch befreunden. Die Innungen aber könnten, statt sich über fade Formalitäten herumzuzanken, zu Vorschußbanken für Arbeitsmaschinen der Handwerker werden. Mit den Segnungen der Maschine werde wieder frischer Muth das Kleingewerbe beleben und es concurrenzfähig machen mit dem Kapital.

UniverfitätS-Chronik.

Der außerordentliche Prof. Dr. A. Brandl-Prag ist als ordentlicher Prof, für englische Sprache an die Göttinger Universität berufen und wird sein neues Amt mit dem nächsten Semester antreten.

Der durch den Weggang des Prof. Dr. Kundt frei werdende Lehrstuhl in der mathematisch-naturwissenschaftlichen Facultät der Kaiser Wilhelms-Universität zu Straßburg ist dem ordentlichen Prof. Dr. Kohlrausch zu Würzburg angetragen worden.

Prof. Fick-Göttingen hat den Ruf an die Universität Breslau, Prof. Kohlrausch den Ruf an die Universität Straßburg angenommen. Privatdocen Dr. Wyder in Berlin hat einen Ruf nach Zürich angenommen. Privatdocen P. Bunge-Halle ist zum außerordentlichen Professor ernannt worden.

Lokales.

Gießen, 11. Februar. Die Sitzungen des Schwurgerichts für das erste Quartal d. I. beginnen Montag den 12. März, Vormittags 9 Uhr. Herr Land­gerichtsrath Dr. Möbius ist zum Vorsitzenden bestellt.

Gieße«, 11. Februar. In der gestrigen Hauptversammlung des hiesigenFecht­verbands" wurde die Abrechnung über den vorigen Sonntag inStein's Saalbau" abgehaltenen Maskenball vorgelegt. Hiernach erreichte die Frequenz der Festlichkeit die Zahl 400, ein Besuch, wie ihn wohl noch nie ein hiesiger Maskenball aufzuweisen hatte. Der überraschend starken Betheiltgung entsprechend ist auch das finanzielle Re­sultat. Die Gesammteinnahme bezifferte sich aus JL 278.75, so daß nach Abzug der Unkosten, welche 125.91 betrugen, ein Nettoertrag von X 152.84 verbleibt.

Einen wohlunterrichteten Berichterstatter hat die FrankfurterKleine Presse" in hiesiger Stadt. In einer der letzten Nummern dieses Blattes fand sich nämlich eine Notiz bezüglich des 96. Geburtstages des nunmehr verstorbenen Herrn Louis Gail vor, in welcher derselbe alseiner der bedeutendsten Industriellen hiesiger Stadt" be­zeichnet wurde. Die nächstfolgende Nummer bemerkte berichtigend, daß der betreffende. Herr nicht Großindustrieller, sondernKaufmann" gewesen sei. Unseres Wissens war Herr Gail weder das Eine noch das Andere.