Einzelbild herunterladen

Vellage zu Jlr. 10 desAchmer Anzeiger".

Deutschland.

Darmstadt, 8. Januar. An die Stände ist eine Vorlage des Mini­steriums des Innern und der Justiz gelangt, wonach im Hauptstaatsvoranschlag für 1888/91 bei de« außerordentlichen Ausgaben dieses Ministeriums nachträg- lich noch zwei Posten vorgesehen werden sollen, nämlich ein weiterer Beitrag von jährlich 20,000 JL an die Provinzen zur Bestreitung von V4 der Kosten bes Neubaues von KreiLstraßen in Gemäßheit des Art. 12 des Gesetzes über den Bau und die Unterhaltung der Kunststraßm vom 27. April 1881, und ein weiterer Dispositionsfonds zur Verfügung des Ministeriums von jährlich 10,000 Angeregt ist diese Vorlage, wie aus der Begründung erhellt, durch die im Finanzausschüsse dieserhalb hervorgetretenen Wünsche. Die Regierung will Der* fuchsweise und ohne Präjudiz für spätere RechnungSperioden neben dem ordent­lichen Jahresbettag von 60,000 «M. jene Beträge einstellen. Seitens der Abgg. Kugler, Whm und Haas stnd zwei für die Offenbacher Gegend bemeckenswerthe Anträge bei der zweiten Kammer eingebracht worden. Der eine will zur Erbauung und zum Betrieb einer Nebenbahn von Offenbach über D!°bura nach R-ivheim nebst Zweigbahn Tempelseemühie > Nieder. Roden einen Staatszuschuß ä fonds perdu von 785,000 M. fbejra. für die einzelnen Strecken Offenbach. Diebur« 400,000 Dieburg - Reinheim 150,000 Jt und Tempel, seemühle.Nieder.Roden 235,000 zuführen. Der andere greift einen bereits auf dem vorigen Landtag vom Abg. Kugler eingebrachten Antrag wegen Er- bauung einer Nebenbahn von Neu-Ysenburg über Sprendlingen einers-ilS nach Langen und den Lanzer Main.Neckar'Bahnhof und andererseits über Dreietchen- Hain und Götzenhain nach Off-nlhal in folgender Weife wieder auf. Die Regie­rung soll ersucht werden, durch öffentliche Aurschreibung diejenigen Bauunter, uehmer, welche gesonnen sind, den Bau und Betrieb obiger Nebenbahn im Anschluß an die Sachsenhausen. Isenburger Nebenbahn über Sprendlingen zu bauen, aufzufordern, ihre Pläne uno Anerbieten baldigst einzureichen; aus Grund dieser Anerbieten möge sie den Ständen alsdann baldigst eine Vorlage machen. (9r Journ.)

Berlin, 8. Januar. Die Ungewißheit darüber, ob nach dem Jnkraft. treten des dem Reichstage vorgelegteu neuen Wehrgesetzes auch die bereits v«. Äbschiedeteu Osficiere, die noch nicht dar 39. Lebensjahr vollendet haben, der Landwehr zweiten Aufgebots zugerechnet werden, wird ourch eine in d<rbetten Nr, gtg." gewordene Aufklärung zum Theil beseitigt. Darin heißt es:Seihst, verständlich findet das neue Wetzrgesetz aus alle Wehrpflichtigen seine Anwendung, H kann unmöglich zu Gunsten der oben bezeichneten Derabi^tebeten Oificiere atne Ausnahme stattfinden, auch sie gehören mit dem Mahnst der Publiclrunz des Gesetzes, soweit ste noch nicht bas Alter von 39 Jahren erreicht h«bm, zur Landwehr zweiten Aufgebots und unterliegen im llebrigen den sur diese gelten« den Bestimmungen. Da sie aber M Osficiere durch königliche Cabinels-Ordre verabschiedet find, so wird orruussichttich ebenfslls durch eine solche entweder im All^lneinen öder Besonder^ ;^re ^«activirUttg ausgesprochen werden."

StraHburg, 8. Januar. Die Tabak- Manusaclur ist im ?euen Etat Aicht mehr mit einem Ueberschuß von 500,000 Jt, sondern nur von 450,000 eingestellt; die Einnahmen stnd um 170,200 JL, die Ausgaben um 120,000 geringsr arigesetzt; von den beiden bisher angestellten Directoren, einem technt» fchen und einem kaufmännischen, kommt der letztere in Wegfall.

Arankreich.

Paris, 8. Januar. Die neueste Wendung int Falle Wilson regt die Oeffentlichkeit nicht übermäßig auf ein Beweis, daß die Pariser dieser ganzen Schwindelgeschichten satt sind. So lange die Enthüllungen und Vorgänge sich dramatisch steigerten, brachte man ihnen das größte Interesse entgegen, das aber Sofort nachlich, als die Geschichte im Rücktritt Grevy's ihren Gipfelpunkt streicht hatte. Jetzt sind es nur noch einige persönliche Feinde Wilson's, die den neuen Proceß zu einer Haupt- und Staatsaction ausbauschen möchten, während man ihn sonst nicht viel anders betrachtet, wie einen gewöhnlichen Betrugsfall. Be­zeichnend ist es aber, daß Wilson jetzt auch von keiner einzigen Seite in Schutz genommen wird. Auch Grevy's Haus ist jetzt recht leer. Grevy selbst soll sich Wit großer Ruhe in das Geschehene und Unvermeidliche finden, den Tages­ereignissen aber andauernd mit aroßer Aufmerksamkeit und vielleicht nicht ohne die geheime, etwas boshafte Hoffnung folgen, daß auch sein Amtsnachfolger im Tlysös in kurzer Zeit schwere Zeiten durchmachnr wirk). Es wäre das nicht sehr edelmüthig, aber es liegt einmal in der menschlichen Natur, daß her einst- malige Besitzer einer noch dazu unfreiwillig ausgegebenen Stellung seinem Nrch- folger nicht immer rein christliche Gefühle entgegenzubrmgen pflegt. Wie ver- llautet, trifft Herr Carnot übrigens schon Vorkehrungen, um den ihm zur Verfügung gestellten 300,000 Fr. Reisegrldern eine entsprechende Verwendung zu neben und mehrere Theile Frankreichs zu besuchen. Bekanntlich wurde Herrn Grevy unablässig der sehr berechtigte Vorwurf gemacht, daß er die Reisegelder einfach in dir Tasche stecke, als einige Reffe »bev jährlich die Fahrt nach Mont-souS'Vaudrey unternehme, zu den ihm überbies noch die Bahnverwaltung kostenfreie Fahrt gewährte.

Die ZtudenteuKrawalle in Rußland.

Der Petersburger Correspondent derVoss. Ztg." glaubt aus guter Quelle mittbeilen zu können, daß die Partei, welche den Ezar zu einer exemplarischen Be- ftraiuna der ganzen russischen Studentenschaft veranlassen wollte, Fiasko machte.

Dem Unterrichtsmtnister Deljauow gelang es, den Czar von der Ungerechtigkeit einer solchen Maßnahme zu überzeugen. Demzufolge werden die Vorlesungen auf den $.rr Unruhen weaen geschlossenen Universitäten im Januar wieder ausgenommen, als Lättcn die traurigen December-Vorgänge sich gar nicht abgespielt."

Ueber die Ursachen der Erbitterung unter den Studenten schreibt man der & **

" Etz 'ist schwer zu sagen, wie weit bei den Unruhen allgemeinere politische Beweg­

gründe unmittelbar mitgewirkt haben. Daß der Nihilismus oder was man heute unter diesem etwas veralteten Namen zu verstehen hat, d. h. die revolutionären Bestrebungen vn er der studirenden Jugend nach rote oor V?cKnbi9Fann n,id)t bc£etf£ mrcrbeIL Jroiifc sich doch die gelehrte, die lehrende Welt der Professoren eben jetzt recht plumpe BeÄuidigunren der Presse gefallen lassen die ziemlich deutlich si- s-lbst solcher minaen anllagen. Jude,en ist der eigentliche Anlatz der Unruhen in dem neuen ftaSt der Uniuerfitäten und der Behandlung der Studenten durch die neu geschaffenen Jnspectoren zu suchen. Mau wollte den falten unruhigen Geist der

I Studenten durch harte Zucht austreiben. Die dazu eingesetzten Jnspectoren scheinen aber, ob zufällig oder absichtlich mag dahingestellt bleiben, Polizeinaturen von besonderer Rohheit und von beträchtlichem Unverstand gewesen zu sein und die Studenten wirklich arg behandelt zu haben, meist unterstützt von Rector und Curator.

Aus Moskau erzählt man z. B. Folgendes:

Nachdem dort die bekannten Unruhen mit Kosakenhieben und Blutvergießen vor 'sich gegangen, versammelten sich in der Universität unbetheiltgt gewesene Studenten, zu denen Söhne der angesehensten Familien zwei Dolgoruki, ein Scheremetjew rc. gehörten, und ließen den Rector um eine Unterredung zu sich bitten. Der Rector läßt ihnen sagen, sie mögen ihre Karten beim Thorwart abgeben und dann zu ihm kommen. Antwort: das würden sie nicht thun, da sie fürchten, daß er mit ihren Karten in der Hand gegen sie vorgehen könnte Der Rector gibt ihnen darauf sein Ehrenwort, daß sie nicht verhaftet werden, sondern frei seine Wohnung verlassen würden. Sie erscheinen und erklären, daß sie mit den Unruhen nichts zu schaffen hätten und nichts zu schaffen haben wollten, daß aber der Jnspector ein roher, unmöglicher Mensch sei, von dem sie befreit sein wollten. Während da nun verhandelt wird, tritt der Eurator Graf Kapnift in's Zimmer, wie es scheint, von einem reichlichen Mahle kommend. Sofort schreit er die Versammelten en:Was ist das für eine Versammlung? Ich werde Euch lehren!" u. s. s., und ruft nach der Polizei. Der Rector beschwört ihn: er habe sein Ehrenwort für freies Geleit gegeben, man bespreche sich ganz friedlich.Sie können Ihr Ehrenwort geben," ist die Antwort,aber ich thue, was ich will!" Der Rector bittet dann, ihm seinen Abschied zu geben, worauf eine ähnliche Antwort erfolgt, und die Studenten werden verhaftet.

Ein anderes Beispiel: Ein Gutsbesitzer Bartenjew hat einen Sohn auf der Petersburger Universität. Er wird eines Tages von dem Sohne benachrichtigt, daß er relegirt worden sei, eilt nach Petersburg und hort von dem Sohne, daß er den Grund nicht kenne. Er begibt sich zu einem Beamten der Anstalt.Warum ist mein Sohn relegirt? Was hat er verbrochen?"Er hat sich hier allerdings nichts zu Schulden kommen lassen, aber er ist früher als Schüler im Gymnasium zu Kasan ein unruhiger Bursche gewesen, bat sich dort an geheimen Gesellschaften betheiltgt."Wie? Mein Sohn ist nie in Kasan gewesen."Ah, dann war es vielleicht ein anderer." Es erweist sich, daß ein Bartenjew in Kasan Gymnasiast war, daß vier Bartenjews hier in Petersburg studirten, daß man wegen jenesunruhigen Burschen" gleich alle vier relegirte!

Da erklärt sich wohl die Erbitterung der Studenten, der Professoren, die überall erhobene Forderung, daß die alte Ordnung wieder hergestellt, der heutige unwürdige Zwang abge^chasft werde. Da erklärt sich auch die Tharsache, daß die Meinung des gebildete- Publikums überall auf Seiten der Studenten steht. Vortheil von dem allem riebt beider wieder einmal der Nihilismus.

Lokales.

Gießen, 11. Januar. Gestern Nachmittag wurde im Stadtwalde die Leiche eines schon mehrere Tage vermißten Soldaten der XL Compagnie hiesigen Regiments aufgefunden. Derselbe hatte seinem Leben durch Erhängen ein Ende gemacht.

UniverfitätS-Ehronik.

Wie uns aus Friedberg berichtet wird, wurde in diesen Tagen durch einen Oberconsistorialrath von Berlin mit dem Professor und Stadtpfarrer vr. Köstlin wegen seines Eintritts in die theologische Facultät der Universität Greifswald ver­handelt. Dian hegt in Friedberg die Hoffnung, daß Herr Köstlin, welcher eine ganz vorzügliche Lehrkraft am dortigen Prediger- und Schullehrerseminar ist und als tüchtiger KanzeireÄndr sich einer illgemernen Beliebtheit erfreut, seinem engeren Vaterlande erhalten bleibt.

Vermischte«.

Aachen, 7. Januar. Vorgestern Ab»nd erhielt der 18jährige Lehrling der chemischen Fabrik von Gebr. Bossen einen mit 6199 beschwerten Geldbrtef, um den­selben auf die Post zu bringen. Wie sich nun gestern herausstellte, hat der junge Mensch das Poftquittungsbuch gefälscht, indem er für den nach Breslau bestimmten Brief einen solchen nach Elberfeld gerichteten, natürlich ohne Werthinhalt, unterschob und die bezügliche Eintragung änderte. Mit dem unterschlagenen Gelbe ist der Lehr­ling seit gestern früh verschwunden, jedoch dürfte er mit seiner Beute nicht weit kommen. Für die Geschästswelttzbildet der Vorfall eine Warnung, die Poftquittungs- bücher nach jedesmaligem Gebrauche einer genauen Besichtigung zu unterziehen.

[T)ie Folgen des Ufersturzes in Zug.^f Die Sachverständigen, welche den Ufersturz in Zug und seine Ursachen zu untersuchen gehabt haben, haben folgende Vorschläge gemacht: Entwässerung des Vorstadtgebiets, besonders zu Gunsten des Regierungsgebäudes, die etwa 40,00050,000 Francs kosten würde; Nichtausfüllung des Vorstadtgebietes, es sei denn durch Herstellung eines Dammes vom Fuße der Abbruchsstelle aus, der etwa 700,000 Frcs. kosten würde; keine Pfählung^mehr im Vorstadtgebiet, sondern statt ihrer Beton-Unterlage für abfällige Bauten; Schleifung der unteren Häuserreihe in der Vorstadt und der Restauration Spillmavn. Die zu schleifenden Häuser sind auf 643,000 Frcs geschätzt. Die 700,000 Frcs. Liebesgaben sind zur Deckung des direct erlittenen Schadens bestimmt.

s^Aus der Sckule.j Ein Lehrer bespricht die Lection von David's Kamps mit Goliath. Ein Knabe lieft. Sein Lesen läßt jedoch viel zu wünschen übrig und der Lehrer tritt mit dem Stocke in der Hand auf den Jungen zu. Dieser, die Gefahr erkennend, und weil eben dort angekommen, liest mit lauter Stimme:Bin ich denn ein Hund, daß Du mit einem Stecken zu mir kommst?"

srrrS StsftH

Postkarten beleidigenden Inhalts oder mit Abbildungen beleidigender Art werden in Zukunft laut Entschließung der Direction der Poften und Telegraphen nicht mehr zur Bestellung gebracht. __

Landwirthschaftliche Nachrichten.

(Nachdruck verboten.)

f^Der Nierenrourm und die Lähmung der Schweine.) Die bei den Schweinen sehr häufig austretende Lähmung der Hinteren Gliedmaßen, die oft so heftig ist, daß die Schweine sich nur auf den Vorderbeinen fortbewegen und den Hinterlheil hinter sich herziehen, wird meist auf das Vorhandensein des Nierenwurms zurückgeführt. Es läßt sich nun nicht leugnen, daß unter Umständen der Nierenwurm ähnliche Lähmungen Hervorrufen kann, namentlich wenn er im Fett längs des Rückenmarks seinen Aufenthalt hat. Jndcß werden doch nur so selten Nierenwürmer in Schweinen gefunden, daß diese ganz gewiß nicht die alleinige Ursache für die Lähmung sein können. Als solche wird man vielmehr in den meisten Fällen Verdauungsstörungen anzusehen haben. Hervorgerufen können solche Störungen, bei denen durch Erguß von Blut in's Gehirn oder ähnliche Vorgänge die Lähmung der Hinteren Gliedmaßen herbeigesührt wird, durch mancherlei Ursachen, namentlich aber durch saures, verdorbenes Futter und durch eine Uebersütterung werden. Sobald sich die Lähmung einftellt, bei der übrigens die Schweine keine Schmerzen haben und die auch die Freßlust nicht beeinträchtigt, ist den Schweinen das Futter für einige Tage zu entziehen. An den lahmen Schenkeln find Einreibungen mit Terpentin von Nutzen, als inneres Mittel reiche man nur täglich einmal gut gekochte, dünne Schlempe, der man einen halben Theelöffel Eisenvitriol zusetzt. Meist wird die Lähmung darnach verschwinden. Aber auch bann ist noch Vorsicht nöthig. Es muß namentlich darauf gesehen werden, daß die Schweine genügend | Heu und Rüben erhalten und daß das Futter nie sauer ist.