Ausgabe 
11.11.1888 Erstes Blatt
 
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Nr. 26S Drittes Blatt. Sonntag den 11. November

1888.

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. ' Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

wurearr r Sch ul st raße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags

peutschtavd.

Berlin, 8. November. In der Kommission des Bundesraths für die Be­arbeitung der Abänderungsvorschläge zum Gesetzentwurf, betr. die Alters- und Invaliden­versicherung, deren Zusammensetzung neulich mitgetheilt wurde, soll neben anderen minder wichtigen Aenderungen vor Allem die Beseitigung des in dem früheren Ent­würfe vorgesehenen einheitlichen Satzes für die Invalidenrente beschlossen worden sein. Daß die ohne Rücksicht auf die Höbe des Arbeitsverdienstes und die Verschiedenheit der sonstigen wirthschaftltchen Verhältnisse für den ganzen Umfang des Reichs gleich -bemessene Rente eine unvollkommene Lösung der Frage bietet, unterliegt keinem Zweifel. Wenn gleichwohl bisher von einer entsprechenden Abstufung der Rente abgesehen war, so lag der Grund darin, daß eine zweckmäßige Durchführung des Gedankens erheblichen Schwierigkeiten begegnete und es daher gerathener erschien, die Ausgestaltung des Ge­setzes nach dieser Richtung der Zukunft vorzubehalten. Inzwischen haben die mehrfach aus dem Kreise der Betheiligten heroorgetretenen Wünsche tu einer erneuten Prüfung der Frage und in Folge dessen zu einem positiven Ergebnisse geführt. Und zwar soll es als zweckmäßig erachtet worden sein, die Rente in Abstufungen nach Maßgabe der in großen Ortschaftsgruppen gezahlten Tagelöhne so steigen zu lassen, daß die Rente in ein bestimmtes Verhältniß zu der Höbe des ortsüblichen Tagelohnes gesetzt wird. Dabei würde davon ausgegangen werden, daß die Gesammtbelastung der Arbeiter und Arbeitgeber nicht erhöht werden dürfe, sondern nur eine anderweite Vertheilung der Beiträge nach Maßgabe der Höhe der Durchschnittslöhne zu erfolgen haben würde. Man wird wohl nicht fehlgehen, wenn man annimmt, daß diese wichtige Aenderung der Alters- und JnoalidenversicherungSoorlage bei Gelegenheit der Anwesenheit des Staatsministers von Bötticher in FriedrichSruh zur Erörterung gelangt und daß dabei -das Einoerständniß des Reichskanzlers mit derselben erzielt ist. In der dem Vernehmen nach auf Montag, den 12. d. M., in Aussicht genommenen Plenarsitzung des Bundes- ratbs dürfte voraussichtlich die zweite Lesung des Entwurfs zum Abschluß gebracht und so die Absicht verwirklicht werden, dem Reichstage bereits bei seinem am 22. d. M. bevorstehenden Zusammentritt jedenfalls die Vorlage zeitig genug zugehen zu lasten, um vor Weihnachten die erste Lesung derselben zu ermöglichen.

totales»

Gießen, 10. November. Nächsten Montag den 12. d. M. findet im Saalbau unserer Nachbarstadt Marburg das erste diesjähriae Concert des dortigen Academtschen Eoncertoereins statt. Wie wir hören, wird Herr Univ. Musikdirektor Barth dortselbst 2 Solostücke für Violine in diesem Eoncert vortragen, außerdem wirkt die bekannte ttächttge Sängerin Frau Schubart-Ttedemann mit und in zwei Quartetten von Beethoven und Mozart die Herren Bassermann, Welcker und D. Müller aus Frankfurt. Bei dem hohen Kunstgenuß, den die Eoncerte des Marburger Academischen »Eoncertvereins unter der Leitung des Herrn Musikdirektors B ar t h bieten, wollen wir micht unterlassen, die hiesigen Musikfreunde hierauf aufmerksam zu machen. Zu der Hin- und Rückreise passen die Abendzüge der Bahn.

Gießen, 10. November. Heinemann'sHerr und Frau Doctor" kann tauf den Namen einesLustspiels" durchaus nicht Anspruch machen. Das Stück, lediglich durch eine allerdings drastische Situationskomik wirkend, dürfte allerhöchstens alsSchwank" oderPosse" bezeichnet werden. In dieser Auffassung verfehlte es auch seine Wirkung durchaus nicht, das bewies der häufig die Handlung unterbrechende fröhliche Beifall, der sich meist mehr auf das Stück zu beziehen schien, als auf die Darsteller. Eine wirklich schöne Stelle findet sich darin, der verschämt naive Ver- lobungskuß Elsa's, der, wie sie gehört, unerläßliches Erforderniß ist.

Die Darstellung ließ nur wenig zu wünschen übrig. Köstlich war die Ver­zweiflung des biederen Mattenklott (Herr Reiners). Auch Frl. Frey spielte im All­gemeinen gut, nur häufte sie bet der Eröffnung ihres HetrathSplanes Alice gegenüber die nämliche Geste allzusehr. Das der Pension überdrüssige Backfischchen Else, das lieber zwei französische Stunden schwänzt, als eine, das aber auch, was Roth lhut, sein Herzchen und den Mund am rechten Fleck hat, das war eine Leistung der Frau Reiners, wie sie einer großen Bühne würdig gewesen wäre.

Herr Förster (Dr. Weitz) befriedigte nicht in gleichem Maße wie sonst, stellen­weise schien er nicht ganz sattelfest in der Rolle zu sein. Herrn Göhler's Spiel ließ einen unbefangenen Zuschauer, der sich nicht im Besitze des Theaterzettels befand, in Flügge weit eher einen commis voyageur, einen wirklichenGeschäftsfreund" vermuthen, als einen Eandidaten der Theologre. Und gerade von Herrn Göhler hätten wir bet seiner sonstigen Steifheit eine gute Wtedergabe des ungeschickten schüchternen Pfarr­amts- und Heirathscandtdaten erwartet. Frl. v. Fels spielte schön. Herr Taußig war, besonders was äußere Haltung anlangt, nicht genug Offizier. Hier möchten wir den Künstler auf einen grammatischen Fehler aufmerksam machen, der uns gerade bet thm schon wiederholt, zuletzt inSein Varztn", ausgefallen ist: Das Zettwortver­gessen" wird .im schrtftgernäßen Hochdeutsch mit dem zweiten ober vierten Falle ver­bunden, nie mitan" oderauf". Letzteres ist ein Provinzialismus, der nicht auf die Bühne gehört, denn diese soll bekanntlich eine Volksbtldungsanstalt fein.

Eine sehr tüchtige Darstellerin hat die Direction in Frl. Jenny Friedrichs erworben. Die Partie der Alice ist vielleicht die dürftigste und undankbarste des Stückes, aber die Dame spielte sie mit Wärme und Gefühl; jede Bewegung, jeder Blick redete. Reizend war sie als Patientin. Mit ihrer künstlerischen Tüchtigkeit verbindet Frl. Friedrichs eine höchst oortheilhafte äußere Erscheinung, so daß wir allem Anschein nach Herrn Reiners zu dieser Aquisition in jeder Hinsicht beglückwünschen dürfen.

lieber die vorgestrige Wiederholung vonDie beiden Reichenmüller" können wir uns im Allgemeinen auf das bei der ersten Aufführung Gesagte beschränken. Herr Director Reiners war als Knoche fast noch besser als das erste Mal und Herr Pieper übertraf seinen Vorgänger in Vielem. Th. Mn.

Verwischte-.

Frankfurt, 7. November. (Ein nächtlicher Schrecken.) Es war gegen Mitter­nacht. Im Haufe, dessen Bewohner bereits zu Bette gegangen, herrschte eine silber­diebangenehme Stille. Da ertönte im dritten Stocke die Klingel, so schrill, so fürchter­lich, daß die junge Frau vom Lager empor fuhr und sich erschreckt an ihren Gatten wandte, der bereits im Begriffe stand, in seine Unaussprechlichen zu fahren.Ich hab's gehört", antwortete er, riß das Fenster auf und frag auf die Straße hinab, wer Einlatz begehre.Der Postbote", klang es aus der Tiefe.Was wollen sie denn?" Ich habe einen Eilbrief".Einen Eilbrief", jammerte die Frau, die Kinder wurden wach und begannen ihr Concert, während der Gatte hinabeilte und den Brief in Empfang nahm. Entsetzen packte ihn: das Schreiben trug einen breiten schwarzen Rand. Mehr tobt, als lebendig, langte er wieder im Schlafzimmer an, wo er zitternd

das Couvert öffnete. Sein Schrecken verwandelte sich aber in Freude: es war ein Brief aus dem Cabinete der Kaiserin, worin sie sich für ein von seiner Gattin ver­faßtes Gcbmtstagsgedicht bedankte. Tags darauf erkundigte man sich, warum der Dank noch in so später Stunde an seine Adresse befördert worden sei, und man erfuhr, daß Briefe aus den Kaiserlichen Cabineten sofort zu bestellen seien.

(Kaiser Friedrich's Sehnsucht.) Aus San Remo wird berichtet: Vor einigen Tagen wurde die Villa Zirio eingehend besichtigt und bei diesem Anlasse entdeckten die Hausleute in einem Pavillon, in welchem der Kaiser häufig zu ruhen pflegte, eine Bleistiftzeichnung an der Holzwand, bie augenscheinlich von dem hohen Leidenden selbst herrührt. Man ließ das Bilo sorgfältig koptren und sandte es der Kaiserin Friedrich nach Berlin. Diese erkannte sofort das Porträt des im jugendlichen Alter verstorbenen Prinzen Waldemar, des Lieblings, des Kaisers Friedrich, und bat, ihr die Originalzeichnung zu schicken.

Iserlohn, 5. November. sAuch eine Hochzcit.j Mit welch' bodenlosem Leichtsinne oft Ehen geschlossen werden, beweist der folgende, vomDüsseld. Anz." mit- gethetlte Vorfall in dem benachbarten Orte G. Hat da ein Jüngling eine Braut. Hat er feinen besonderen Gefallen wehr an ihr, oder ist er zu bedenklich, mit ihr in den Hafen der Ehe einzulaufen? Sein Bruder icheint weniger Bedenken zu haben und bittet denselben, ihm die Braut abzustehen. Gefügt, gethan! Die Braut ist ein­verstanden, einerlei, an wessen Seite sie in den Eheblmmel eingeht. Die Hochzeit läßt nicht lange auf sich warten. Leider fehlt zu dem Festschmause das nothige Geld. Doch wer wird sich denn fo frühe den Sorgen hingeben? Für spätere Zetten ist ja auch ein Armenpfleger da! Vorläufig kann ja der Arbeitgeber etwas Vorschuß geben. Zu ihm also hin. Doch leider ist es diesem zu gewagt. dem Leichtsinnigen 10 zur Hochzeit vorzustrecken. 3 JL thun's wohl auch. Die Hochzeit wird gefeiert. Aussteuer ist nicht nothig. Sie haben sich.

s^Eine Ueberraschun g.j Aus London wird geschrieben: Vergeßliche Geistliche sind keine Seltenheit, doch wird nicht allen Ehrwürden, welche die Aufträge ihrer Frauen vergessen, eine so peinliche Ueberraschung zu Theil. wie dem Reverend Smithers aus Crawley. Diesen hatte seine Ehehälfte in bie benachbarte Kreisstadt geschickt, um gewisse Gegenstände zur Ausschmückung der Kirche beim Anlaß der Weihnachtsfeier einzukaufen. Unter den bestellten Artikeln befand sich auch ein Trans- varent mit Bibelworten aber wie der Geistliche in das Geschäft trat, hatte er den Text und die Dimensionen der Inschrift total vergessen. Er eilte aufs Telegraphen- bureau und sandte an seine Frau eine Depesche, in der er um Instructionen bat. Wer beschreibt fein Entsetzen, als ihm kurze Zeit nachher die lakonische Antwort ein- gehändigt wurde:Uns ist ein Kind geboren, zwei Fuß breit und fünf Fuß lang."

UniversttätS-Cbronik

Ein ordentlicher Universitäts-Professor tritt in diesen Tagen in den Lehrkörper der Berliner Universität als Priva tdocent ein; es ist der weimarische Hofrath Dr. med. et phil. Wilhelm Preyer, der schon seit 19 Jahren an der Jenenser Hochschule als Professor der Philosophie mit reichem Erfolge gewirkt hat. Der Ge­lehrte ist 1841 in Manchester geboren; seine Erziehung genoß er vom dreizehnten Jahre ab in Duisburg und Bonn. Später bezog er daselbst die Universität, unterbrach aber bald seine Studien, um gemeinschaftlich mit Zirkel eine Forschungsreise nach Island zu unternehmen, über deren Ergebnisse er nach seiner Rückkehr berichtete; bann setzte er seine Stubien in Berlin, Heidelberg, Wien und Paris fort. Im Jahre 1865 habi- litirte er sich als Privatdocent in Bonn für Zoochemie und Zoophysik, später auch für das Gebiet der Physiologie, nachdem er inzwischen die Approbation als Arzt erhalten hatte. Schon mit achtundzwanzig Jahren wurde er nach Jena als Professor der Phy­siologie berufen.

Landwirthschaftliche Nachrichten.

(Nachdruck verboten.)

sDas Bleichen der Winter-Endivien.] Bei nassem Wetter im Spätherbste- macht das Binden der noch in prachtvollen Rosetten dastehenden Endivien manchmal nicht wenig Sorge, denn die Winter-Endivien bleichen bekanntlich nur bann schön und faulen nicht so leicht, wenn sie bei trockenem Wetter gründen werden. Wo es nun aber nicht anders angängllcb ist und bas Binben doch bei nassem Wetter vorgenommen werden muß, wendet man mit Vortheil folgende Art des Bleichens an. Man nimmt die Pflanzen bann mit etwas Ballen aus der Erde heraus und breitet sie unter einem luftigen Schuppen aus, wo sie gewöhnlich am anderen Tage schon so weit abgetrocknet sind, daß sie gebunden werden können, allzusehr abwelken darf man die Pflanzen auch nicht lassen. Die gebundenen Endivien schlägt man nun in möglichst trockene Erde nebeneinander in einem abgeräumten Mistbeetkasten ein, legt die Fenster auf und gibt, wenn es bie Witterung zuläßt, so viel wie möglich Lust. Beim Eintreten stärkeren Frostes wird selbstverständlich nach Bedürfniß gedeckt, doch muß man jeden günstigen Augenblick benutzen, um frische Luft zuzuführen. Auch muß man darauf achten,, daß alle fauligen Theile sobald wie möglich entfernt werden, damit die gesunden nicht erst damit in Berührung kommen.

Handel nnv Verkehr.

Es ist bei Fabrikanten und Geschäftsleuten am hiesigen Platze noch vielfach die Ansicht vorhanden, daß bei Versendung von Frachtstücken nur derjenige Frachtbrief verwendet werden dürfe, welcher von der betreffenden Bahn, die das Gut befördert, abgestempelt worden ist. Diese Ansicht ist eine irrige. $ 50 des Betriebs-Reglements für die deutschen Eisenbahnen bestimmt nämlich:An Orten, wo mehrere Ver­waltungen Güterexpeditionen haben, sind die von der einen Ver­waltung gestempelten Frachtbriefe auch von der anderen als gilttg anzuerkennen." Es können mithin aus Station Gießen z. B. Frachtbriefe mit dem Bahnstempel der Oberhess. Bahnen zu Sendungen verwandt werden, welche mit der Main Weser- ober Köln-Gießener Bahn beförbett werden sollen. Seit Frühjahr dieses Jahres hat obiger 8 50 noch einen weiteren Zusatz erhalten, welcher lautet: Die von einer Eifenbahnverwaltung, deren Sitz innerhalb des Deutschen Reiches belegen ist, abgestempelten Frachtbriefe werden auch bann als gilttg anerkannt, wenn bie betreffende fremde Ver­waltung eine Güterexpedition an dem nämlichen Orte nicht besitzt." Diejenigen Firmen, welche seither z. B. Frachtbriefe mit dem Stempel der Main-Weser- Bahn von Cassel bezogen, haben dies nicht nothtg. Sic können ihren etwaigen Bedarf ruhig einer hiesigen Druckerei aufgeben , welche wohl ebenso gut und billig fragliche Formnlarien liefern werden als auswärtige. Die Frachtspesen hierfür dürften dazu noch erspart werden. Sollten Güterexpeditionen irgend welche Schwierigkeiten erheben, so wolle man sich nur auf vorstehenden Wortlaut der Bestimmungen berufen.