Ausgabe 
11.3.1888 Drittes Blatt
 
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Ar. 61 Drittes Blatt. Sonntag den II. März 1888.

(Hiebmer Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

---- . 9 (m x . Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringeriohm

Bureau r S ch u l st r a ß e 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Gießen, am 10. Marz 1888.

Betr.: Ableben Seiner Majestät des Kaisers Wilhelm.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die »rotzherz-glich-n Bürgerm«ift-r«i<n deS «teil«!.

Wir benachrichtigen Sie, daß ans Anlaß des Ablebens Seiner Majestät des Kagers Wilhelm vom heutigen Tage an bis auf Weiteres alle öffentlichen Tänze, Spiele, Musik (Kirchenmusik ausgenommen) und sonstige Lustbarkeiten allgemein einzustellen sind. Sie wollen sich hiernach bemessen.

Dr Boekman n.

Deutscher Reichstag.

57. Sitzung vom 9. März 1888.

Präsident v.Wedell-Piesdorf eröffnet die Sitzung um 12 Uhr 20Min und ertheilt dem Reichskanzler Fürsten Bismarck dasi.Wort.

Fürst Bismarck: Ich habe Ihnen die schmerzliche Mittherlung zu machen, daß Se Majestät Kaiser Wilhelm heute Vormittag 8Vr Uhr zu seinen Vätern entschlafen ist ' In Folge dieses Ereignisses ist die preußische Krone und damit die deutsche Kaiserwürde auf Se. Majestät Friedrich III., König von Preußen übergegangen. Rach den telegraphischen Nachrichten wird Se. Majestät der regierende Kaiser morgen von San Remo abreisen und hier zu gehöriger Frist eintresten. Ich habe von Se Majestät dem hochseligen Herrn in Bethätigung der unermüdlichen Arbeitskraft noch die Unter­schrift erhalten welche mich ermächtigt, den Reichstag nach Ablauf seiner Geschäfte, d. h. heute oder morgen zu schließen. Ich hatte die Bitte an Se Majestät gerichtet nur mit den Anfangsbuchstaben zu zeichnen, erhielt aber dre Antwort, Se. Majestät wolle versuchen, noch mit vollem Namen zu unterzeichnen. Es ist dies das historische Aktenstück der letzten Unterschrift des Kaisers. Ich halte es für Ihren Wünschen ent­sprechend , daß der Reichstag noch nicht auseinandergeht, sondern zusammenbleibt bis nach Eintreffen Sr. Majestät des Kaisers. Ich mache deshalb von dieser Allerhöchsten Ermächtigung keinen Gebrauch, als daß ich sic zu den Akten des Hauses gebe und den Herrn Präsidenten bitte, die Entschlüsse, die den Stimmungen und Gefühlen des Hauses entsprechen, herbeizuführen. Es steht mir nicht zu, meine Herren, von dieser Stelle aus den persönlichen Gefühlen Ausdruck zu geben, welche mich bet dem Hm scheiden meines Herrn erfüllen. Wmn die Gefühle, die mich bewegen - ich verzichte auf einen Ausdruck derselben, aber (größere schmerzliche Pause, Redner fahrt ntt unsteter Stimme fort:) eines möchte ich Ihnen doch nicht vorenthalten zu wiffen, nicht von meinen Empfindungen, sondern von meinen Erlebnisfen. Die Thalsache, daß m den schweren Schickungen, die Se. Majestät erlebt hat, es zwei Thatsachen waren, welche ihn mit Besricdigung und Trost erfüllten. Die eine, daß die Vetbeu feines Sohnes und Nachfolgers nicht nur in ganz Deutschland, sondern in der ganzen Wett die Herzen mit einer Theilnahme erfüllt haben, die bewußt, welches Vertrauen sich die Dynastie des Deutschen Reiches bei anderen Nationen erworben; dieses Vertrauen wird sich auch auf die deutsche Nation übertragen. Die zweite Richtung, in Der Se. Majestät Trost in manchen schweren Schickungen empfand mar diejenige, daß Der

Gefunden: 1 Stempel, 1 Quaste, 1 Zwicker, 2 Eßlöffel, 1 Uhrkette, mehrere Schlüssel und Hundeblechmarken.

Gießen, am 10. März 1888. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

____________Fresenius.

Kaiser auf die Entwicklung seiner Nation, auf die Herstellung und Eonsolidtrung der Nationalität des Volkes, dem er als Leiter angehörte, dasi der Kaiser auf die Ent­wickelung , welche die Lösung dieser Aufgabe genommen hat, mit einer Befriedigung zurückblickte, welche den Abend seines Ledens verschönte und beleuchtete. Es trug die hatsache bei, daß mit einer solchen Einmüthigkeil der Regierungen und des Reichs­tags diejenigen Entschlüsse gefaßt worden, welche zur Sicherung des Reiches nothtg Diese Wahrnehmung hat Se. Majestät mit großem Trost erfüllt. Ich kann es nicht sagen, wie ihn dieser Beweis der Einheit der gesummten deuffchen Natron, rote er durch die Volksvertretung hier verkündet worden ist, gestärkt und erfreut hat. \d) glaube, meine Herren, es wird Ihnen Allen erwünscht sein dieses Zeugnißitmt m Ihre Hennath zu nehmen, daß jeder Einzelne von Ihnen Antheil an diesem Verdienst hat Das nationale Bewußtsein und vor allem die treue arbeitsame Pflichterfüllung im Dienste des Vaterlandes, die in dem Dahingeschiedenen verkörpert waren » das hoffe ich zu Gott, daß dieses Erbtheil von Allen, die wir an dm Geschäft« des Vater­landes mitruwirken haben, bewahrt werden wird. Das walte Gott!

--Msident v.Wedell-Piesdorf (mit bewegter Stimme). Kaiser Wilhelm, der das deutsche Volk liebte und verehrte, ist Nicht mehr. Kernes Menschen Mund kann dem Schmerz Ausdruck geben, der ganz Deutschland erfüllt. Wir beugen uns in Temuth vor Gottes Hand. Nur das Eine glaube ich noch aussprechen zu dürfen, daß diese schweren Tage uns in Treue und Ergebenheit dem neuen Kaiser undfein Haus verbinden werden. Möge Gott unser Vaterland schuhen. Möge er besonders den schwer geprüften Kaiser Friedrich in fernen Beistand nehmen. Die Sitzung ist geschloss en. -------------------------- --

nn. Darmstadt, 9. März. ^Zweite Kammer der Stände.) Die Be- rathungen des Budgets werden beiEinnahmen aus verschiedenen Quellen" fortgesetzt und bei Kap. 6, Geldstrafen, die Einstellung von 166,600 JL genehmigt.

Zu Kap. 7, Verschiedene Einnahmen, wird die Summe von 646,245 eingestellt. ,

Ebenso Kap. 8, Aus den Ueberschüssen der Hauptstaatskasfe. Der Ausschuß berichtet, daß diese zur Balancirung des ordentlichen Budgets nicht erforderlich und deßhalb in den außerordentlichen Theil eingestellt seien.

Zur weiteren Berathung gelangen die zurückgestellten Kap. 135137, welche ein­stimmig genehmigt werden. _ .. 3 .

Nachdem die Nachricht vom Tode Sr. Majestät unseres geliebten Kaisers im Hause bekannt wird, unterbricht der Vorsitzende die Verhandlungen bis zur ofsiciellen Bestätigung durch den Staatsminister.

In Gruppen stehen die Abgeordneten aller Parteien zusammen und defprechen mit Teilnahme den für Deutschland so schweren Schicksalsschlag.

Nach einstündiger Pause betritt der Staatsminister Finger den Sitzungssaal und ergreift das Wort, um dem Hause die traurige Mitthe'.lung zu machen, daß der Großh. Staatsregierung die ofsicielle Nachricht zugegangen, daß Se. Majestät Kaffer Wilhelm I. von Deutschland heute Morgen um i/»9 Uhr sanft entschlafen ist. (Die Abgeordneten erheben sich von den Sitzen.)Mit der Trauer der ganzen Nation ver­bindet sich auch die Trauer unseres Landes um unseren geliebten Kaiser Wilhelm, des nstcn deutschen Kaisers. Meine Herren! Der Kaiser ist tobt, aber seiiw glorreichen Traten werden fortleben durch Jahrhunderte, durch Jahrtausende. Eine e>orge ist es, die uns noch bedrückt, es ist die Sorge für unseren Kronprinzen. Beten wir zu Gott, daß er uns denselben erhalten möge, daß die Gesundheit und Genesung desselben baldigst eintreten möge." .

Präsident Kugler: Es ist uns soeben durch den Herrn Staatsmmffter die außerordentlich traurige Mittheilung geworden, daß Se. Majestät der Kaiser heute Morgen um V29 Uhr sanft entschlafen ist. Indem ich Sie ersuche, zum Zeichen unserer tiefsten Theilnahme sich von Ihren Sitzen zu erheben (geschieht) spreche ich Namens des Hauses der Großh. Staatsregierung das tiefste Beileid aus über den Schicksals­schlag, den unser Deutsches Reich getroffen. Wir müssen aber auch zugleich unseres geliebten Kronprinzen gedenken, der von einem schweren Leiden heimgesucht wird. Möge er noch lange Zeiten unserer Nation erhalten bleiben zum Segen unseres Deutschen Vaterlandes. Meine Herren! In Anbetracht dieser traurigen Umstände werden ^ie mit mir einverstanden sein, wenn wir die heutige Sitzung abdrechen und die nächste auf nächsten Montag 9 Uhr anberaumen.

Lokales.

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Schopbach, Simon, Vogt und Wallenfels. ...qm*,

Herr Bürgermeister Bramm eröffnet die Sitzung zunächst mit einigen Mit- tbeilunaen. Die erste betrifft eine Einladung der Directton der höheren Mädchenschule an den Stadtoorstand zu den Prüfungen der gen. Schule. §etr <5. ftafcenftein,

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und die Uebernahme anderer namentlich angeführter Straßenstrecken ba§ behandelt werden könne. Gegenstand des ersten Punktes der Tagesordnung ist das neulich erlassene Ausschreiben Großh. Kreisamts an die ^"^^meistereien, worin lektere um bezügliche Angaben über die vorhandene oder zur Anschaffung in Aussich aenom vierte Rasse des Fasselviehes ersucht werden. Herr Simon befürwortet Bei- behattung der bisher gehaltenen Bullenrasse (1 Vogelsberger und 1 Simmenthaler); bie Versammlung ist hiermit einverstanden. Heber die mit dem 1. April d. I. ta | Leben tretende neue Straßenkehrordnung, nach welcher von dem 0can"^ Reinigen der Straßen (incl. Trottoirs) und öffentlichen Platze auf dieStadt übergeht, Üeat Der Entwurf eines Reglements nebst Voranschlag vor Danach soll die Kebrmannschaft aus 18 Personen bestehen und in drei Rotten gebildet werden, deren jeder ein Vorarbeiter vorsteht. Während die eine Rotte am Üblichen Ausgange der Stadt anfängt, beginnt die zweite ihre Arbeit am nördlichen (5nbe,

in der inneren Stadt beginnt. In zwei ^agen hofft man auf Ue We^ft alle Straßen und "Nebenstraßen gereinigt zu haben, worauf die Arbeit von Reuem beginnt, w v wöchentlich dreimal gekehrt wird. Die Arbeit beginnt im Sommer um Uhr Morgen unb enbigt um 6 Uhr Abends, Im Win,er dauer, dieselbe bi!J ,um

beit. Die SS 2 und 4 des Localpolizeireglements vom 10. N^ember etch^oe

Verpflichtung der Einwohner zum Reinigen berStrafzen und Goss daß die Be- autzer Anwendung gefetzt, der Ü» ^deffeiben Reglements dah ^-Häusern dienen, hälter, welche zur Aufnahme von Asche und fonstigen Abfallen aus, d« .. f Kehrichts zur Abfuhr beieit zu stellen sind, wenn der Fuhrniann, der die Abfuhr^ des Keynes besorgt, den betreffenden Straßentheil paffrn. Die VaudeprU der Anschaffung

Reglement einverstanden, desgl nut Roll stellt in Er-

von Kehrgerathen u. s. w. auf lo966 beziffert. ^- Abfuhr des Kehrichts

wägung, ob es nicht raihsam sein durfte en weder w" bei di- d^nielben der bclorgenden Fuhrunternehmern -in Abkommen zu @tabt bcn(e[ben fdbft

Kehricht zum eigenen Verwerthen überlassen wird, oDer Vortheil für die

entsprechend verwerthen könne, wodurch sich wohl in I j ... Fuhrleute finden Stadt ergeben würde. Herr Beig. Gnauth bezweifelt,,da^sich suhN-utt tmoen werden, welche Verwendung für ben Kehricht hab«:, wctt p0H%cr Stadt ent- ! d^K-hrichls sich Nicht erreichen lasse;