Ausgabe 
10.6.1888 Erstes Blatt
 
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srr. IMjafiWUW Matt. Sonntag dm 10. Juni 1888.

KichMr Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Buroaur S ch lst r ° ß - 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS. : Uvch LVTg-?vi^t«

Amtlicher HHeik.

Bekanntmachung.

Auf Grund des Art. 18 der allgemeinen Bauordnung vom 30. April 1881 und des § 31 der Verordnung über die Ausführung derselben vom 1. Februar 1882 ist durch Beschluß des Gemeinderathes vom 25. Januar d. I. und mit Genehmigung Großh. Ministeriums des Innern und Der Justiz vom 30. Mai d. I. zu Nr. 13583 zu dem genehmigten Ortsbauplan für die Gemeinde Lollar nachstehendes Ortsbaustatut errichtet worden.

Einziger Paragraph.

Außerhalb des Bereiches des Ortsbauplanes, also insbesondere außerhalb der darin enthaltenen, bereits angelegten Ortsstraßen und der für die Vergrößerung des Ortes vorgesehenen Fluchtlinien entlang der Staatsstraße nach Süden und Norden und entlang der Kreisstraße nach Daubringen, dürfen Neubauten nicht errichtet werden.

Gießen, am 7. Juni 1888. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

Dr. Boekmann. 4835

Gefunden: 1 Armband, 1 Stück Band, 3 Taschentücher, 1 Gebund Schlüssel, 2 Messer, 2 Schürzen, 2 Kragen, 1 Fünfzigpfennigstück, 1 blauer Handschuh, 1 Contobuch, 1 Kinderkragen, 2 Hundehalsbänder, 1 Brille, 1 Rock, 1 Hut, 1 brauner Glacehandschuh, eine Anzahl Zehnpfennigmarken.

Zugeflogen: 4 Kanarienvögel.

Zugelaufen: 1 Huhn, 1 schwarzer Hühnerhund nebst 1 Jungen mit der Nr. 1023 (aus dem Braunsteinbergwerk).

Gießen, am 9. Juni 1888. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

______Fresenius.

Politische lleberficht.

Gießen, 9. Juni.

DenBerliner Pol. Nachr." zu Folge ordnet eine kaiserliche CabineiSordre an, daß die preußischen Infanterie Officiere künftig anstatt des Degens einen leichten Säbel in Stahlscheide und berittene Jnfanterie-Officiere hohe Stiefel, wie die Dragoner und Artillerie, tragen sollen. Bekanntlich führen die Jnfanterie-Officiere der bayerischen, hessischen und der sächsischen Armee schon längst den Säbel.

Am 27. Mai ist das Gesetz über die Verlängerung der Legislaturperioden in Preußen vom Kaiser vollzogen und am 6. Juni vomReichs- und Staatsanzeiger" veröfzentltcht worden. Mit letzterem Act ist die ganze sich an die Legislatur­periodenfrage knüpfende Krisis endgültig erledigt und vielleicht mag diese Wendung einigermaßen überraschend erscheinen, nachdem von verschiedenen Seiten übereinstimmend -versichert worden war, die Veröffentlichung des Gesetzes sei bis auf Weiteres ausge­schoben. Aber jedenfalls hat sich Kaiser Friedrich nach reiflicher Erörterung veranlaßt gefunden, die Publikation des Gesetzes zu veranlassen und die Thatsache, daß der Monarch seinen Entschluß nicht unter dem Drucke einer Eabinetskrisis gefaßt hat, kann die Bedeutung desselben nur erhöhen. Laut Telegramm hat Minister v. Puttkamer am gestrigen Tage (Freitag) seinen Abschied erbeten und von Sr. Maj. dem Kaiser auch erhalten. Bet seinem Scheiden wurde dem Herrn v. Puttkamer das Großkreuz des Hohenzollernordens verliehen.

Der Statthalter der Reichslande, Fürst Hohenlohe, ist nach Wien ge­reist, um der daselbst stattfindenden Vermählung seines Neffen, des Prinzen Konrad Hohenlohe, mit der Gräfin Fanny Schönborn, beizuwohnen.

In Breslau tagte die zweite Wanderversammlung der deutschen landwirth- schaftlichen Gesellschaft. Die Eröffnung fand am Donnerstag durch den Herzog von Ratibor unter Thetlnahme fast sämmtltcher größerer Magnaten und Grundbesitzer Schlesiens, der Spitzen der königlichen und städtischen Behörden u. s. w. statt.

In Brüssel ward am Donnerstag die dortige internationale Ausstellung durch König Leopold eröffnet. Nach dem sehr glänzend verlaufenen Eröffnungsacte unter­nahm der Monarch einen Rundgang durch die Ausstellung und hielt sich hierbei in der reich beschickten deutschen Abtheilung längere Zeit auf. Der deutsche Gesandte nebst dem Gesandtschaftsversonale und dem deutschen Consul empfingen den König, welcher mehrere Aussteller durch Ansprachen auszeichnete.

Die Nachricht von einem zwischen Italien und dem Sultan von Zanzibar entstandenen Conflict bestätigt sich. Demselben scheint eine doppelte Ursache zu Grunde zu liegen, indem einerseits der Sultan sich weigert, in ;bte schon von seinem Vor­gänger, dem Sultan Bargasch den Said, genehmigte Abtretung einiger Gebietstheile an Italien zu willigen, anderseits ein Schreiben des Königs Humbert in wenig rorrecter Weise erwidert hat. Nach der Darstellung der osficiösenRiforma" hätte .sich der Sultan er heißt Said Ehalifa und ist der Bruder des vorigen Sultans sogar geweigert, den Bries des italienischen Herrschers überhaupt entgegenzunehmen und sich hierzu erst nach längerer Weigerung verstanden. Als der italienische Consul für dieses beleidigende Gebühren Genugthuung verlangt, habe sich der Sultan durch einen General entschuldigen lassen, jedoch das Verlangen des Consuls, ein Ent­schuldigungsschreiben au König Humbert zu richten, abgewiesen, worauf der Consul seine Flagge eingezogen habe. Jtaltenischerseits ist sofort ein Panzerschiff, begleitet von einem Kanonenboote, nach Zanzibar abgegangen, um die Vorstellungen des Consuls zuunterstützen" und die italienischen Staatsangehörigen an Bord zu nehmen, falls sich "der Sultan noch länger weigert, Genugthuung zu geben. In römischen Regter- ungskreisen ist man der Meinung, der Zwischenfall werde in freundschaftlicher Weise beigelegt werden und angesichts der italienischen Kanonen dürfte Said Chalifa aller­dings bald seine Halsstarrigkeit, aufgeben. Was die strittige Territorienfrage zwischen Italien und Zanzibar anbelangt, so ist dieselbe noch nicht recht klar, doch scheint es sich um die Abtretung der Stadt Ktsmaju eines bedeutenden Handelsplatzes am Jubaflusse an Italien zu handeln.

Aus Paris kommt die Kunde vom Ableben des namentlich aus dem deutsch- französischen Kriege bekannten Marschalls Leboeuf. Im August 1869 zum Kriegs- minister ernannt, wurde er bei Ausbruch des Krieges mit Deutschland von Napoleon zu seinem Generalstabschef gemacht, aber der Marschall rechtfertigte keineswegs die Erwartungen, die man in Frankreich auf ihn in Folge seiner Leistungen im Krimkriege und im italienischen Kriege setzte. Leboeuf's Offensio-Operationsplan erwies sich bet der

Desorganisation der französischen Armee als völlig verkehrt und unter dem Eindrücke der Niederlage der Franzosen bei Wörth, Spicheren und Weißenburg sah sich Leboeuf genöthigt, von seinem Posten als Generalftabschef zurückzutreten. Dafür übernahm er an Bazaine's Stelle das Commando des dritten französischen Armeecorps und hier be-- währte er seinen Ruf als tüchtiger Corpsführer, denn er focht an der Spitze dieses Corps mit Auszeichnung, wenn auch unglücklich in den Schlachten Vionville, Gravelotte Noisseville. Durch die Capitulation von Metz gerieth der Marschall in deutsche Ge­fangenschaft; nach seiner Rückkehr aus Deutschland zog er sich gänzlich vom öffentlichen Leben zurück. Leboeuf hat ein Alter von 79 Jahren erreicht.

Im norwegischen Cabinet ist eine Personal-Veränderung erfolgt. Staats­minister Richter, welcher beim Könige in Stockholm die Staatsrathsabtheilung leitete, resigmrte und wurde durch den Chef der Justiz und der Polizei, Staatsrath Stang ersetzt.

Die Verhandlungen zwischen den türkischen nnv den bulgarischen Bevoll­mächtigten über den Abschluß einer Eisenbahnconventton nehmen einen zwar lang­samen, aber stetigen und ununterbrochenen Verlauf. Einerseits läßt, wie es heißt, die große Anzahl der noch zu erledigenden Punkte eine längere Dauer der Verhandlungen voraussehen, anderseits dürste der Entschluß der bulgarischen Regierung, den bulga­rischen Thetl der Anschlußlinte Sofia-Constantinopel nur gleichzeitig mit der Unter­zeichnung der Convention dem Verkehr zu übergeben, auf den Gang dieser Unterhand­lungen einigermaßen belebend einwirken. Gut unterrichtete Stambuler Kreise nehmen an, daß die Pforte gleich nach Ablauf der Bairamfetertage die Verhandlungen ihrer­seits beschleunigen werde, von der Ueberzeugung ausgehend, daß jede Verzögerung der Betriebseröffnung auf der türkisch - bulgarischen Anschlußlinie die Handelsinteressen Constantinopels, welche ohnehin durch die bereits im Betriebe befindliche Linie Uesküb- Vranja bedroht sind, schwer schädigen könnte.

Darmstadt, 8. Juni. Das Grotzherzogl. Regierungsblatt enthält:

1. Bekanntmachung Großh. Provinzial - Direcnon Starkenburg, den Steuer­ausschlag zur Bestreitung der Bedürfnisse der Landjudenschaflskasse zu Darmstadt für 188889 betreffend.

2. Bekanntmachung Großh. Kreisamts Gießen, die Erhebung von Umlagen der Stadt Gießen pro 188889 betr.

3. Bekanntmachung Großh. Civildiener-Wittwenkasse-Commission, die Ergebnisse der Verwaltung der Civildiener-Wittwenkasse von den Etatsjahren 188586 und 1886 bis 1887 betr.

4. Uebersicht der von Groß. Ministerium des Innern und der Justiz für das Rechnungsjahr 188889 genehmigten Umlagen zur Bestreitung von Communal-Bedürf­nissen der israelitischen Religtonsgemeinden des Kreises Dieburg.

5. Namensoeränderungen.

6. Zulassung zur Rechtsanwaltschaft.

Am 18. Mai wurde der Gerichtsassessor Ernst Metz in Gießen zur Rechts­anwaltschaft bet dem Amtsgericht Nidda zugelassen.

7. Ausgaben der Zulassung zur Rechtsanwaltschaft.

Am 22. Mat hat der Rechtsanwalt Dr. Theodor Schmidt in Worms die Zu­lassung zur Rechtsanwaltschaft bet dem Landgericht der Provinz Rheinhessen, Kammer für Handelssachen in Worms, der Rechtsanwalt Carl Landmann in Nidda hat die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft bei dem Amtsgericht Nidda, mit Wirkung vom 25. Juni an aufgegeben.

8. Militärdienftnachricht.

Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Allergnädigft geruht: Am 31. Mai dem unberittenen Ober - Wachtmeister Neubauer im Gensdarmerte-Corps bei seiner am gleichen Tage stattgehabten Versetzung in den Ruhestand den Character als Sekonde-Lteutenanl" zu ertheilen.

9. Concurrenzeröffnungen.

Erledigt sind: Eine mit einem eoangel. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemetndeschule zu Nieder-Jngelheim mit einem nach dem Dtenstalter sich bemessenden Gehalte von 10001400 JL. Dem betreffenden Lehrer kann Organistendienst über­tragen werden. Die mit einem evangelischen Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemetndeschule zu Hornbach mit einem Gehalte von 900 JL Die mit einem kathol. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemetndeschule zu Weiher mit einem Gehalte von 900 JL Eine Lehrerinnenstelle an der kath. Schule zu Bingen mit einem nach dem Dienstalter sich bemessenden Gehalte von 10001300

10. Sterbefälle.

Gestorben sind: Am 18. Februar der Bahnwärter i. P. H. Klug von Ober- Ramstadt, am 24. Februar der Dammwärter i. P. Peter Koch zu Offenbach, am 28. April der katb. Pfarrer und Dekan Joh. Hellwig zu Groß-Steinheim.