Ar. 288 Fünftes Blatt Sonntag den 9. December 1888.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
8«rea«r Schulstr°ß° 7. Erschein, tätlich mit Ausnahme des Montag«. ö
Atitzemriner Anzeiger.
Bekanntmachung.
Die Einträge in das Handelsregister des hiesigen Gerichts sollen im Jahre 1889 in der Darmstädter Zeitung, in dem Gießener Anzeiger und in dem Licher Anzeiger veröffentlicht werden.
Lich den 6. December 1888. GroßherzoglicheS Amtsgericht Lich.
Langerman.
Politische Slundschau^
Gießen, 8. December.
Das angekündigte »Weißbuch" über die ost afrikanisch en Angelegenheiten befindet sich in Vorbereitung und soll es schon in den nächsten Tagen dem Reichstage zugehen. Die Reise des Staatssecretärs Grafen Heibelt Bismarck nach Friedrichsruhe hängt vermuthlich mit der Angelegenheit des Weißbuches zusammen.
Der magyarische Chauvinismus hat sich wieder einmal in einer mindestens unpassenden Demonstration gefallen. Bet der im Preßburger Theater zur Feier des \ Regierungsjubiläums Kaiser Franz Josef's stattgefundenen Festoorstellung war die Büste \ des Monarchen schwarzgelb draptrt worden und hierdurch fühlten sich eine Anzahl ; Studenten in ihrem nationalen Empfinden derartig beleidigt, daß sie lärmend durch \ die Straßen Preßburgs zogen und dem Bürgermeister die Fenster einwarsen. Die ' Polizei mußte schließlich etnschreiten und die entrüsteten Musensöhne auseinander j treiben.
In Frankreich erfährt die Scandalaffaire Wilson eine neue Auffrischung. ; Mit Genehmigung der Deputirtenkammer ist gegen den Abgeordneten Wilson die ge- j richtltche Verfolgung eingelettet worden, weil er den Abgeordneten Veil-Picard beschul- ; dtgt hat, an einem Ordensschacher thetlgenommen zu haben. Natürlich wird sich aus ; der Angelegenheit wieder ein neuer parlamentarischer Scandal entwickeln. Srhr * characteristisch für Wilson ist es, daß er der Kammersitzung, in welcher der Antrag, Wilson gerichtlich belangen zu lassen, verhandelt und genehmigt wurde, beiwohnte.
Schon wieder wird aus Frankreich von einem politischen Duell berichtet. Der Boulangist Susini und der Eommunard Basly geriethen in der Donnerstags- sihung der Kammer hart aneinander und schickten sie sich deshalb ihre Zeugen zu.
Boulanger bleibt dem Norddepartement getreu und hat er sich zur Annahme des Mandats für dieses Departement definitiv entschieden. In den Departements Somme und Charente inferieure, wo Boulanger bekanntlich ebenfalls zum Deputirten gewählt worden war, müssen demnach anderweitige Wahlen vorgenommen werden, bet denen es jedenfalls wieder sehr turbulent zugehen wird.
Dre nun beendigten Wahlen zum Storthing, der norwegischen Volksvertretung, | haben die Wahl von 51 Conseroatioen, 37 Liberalen, 22 Ministeriellen und 4 Abge- ; ordneten unbestimmter Parteifarben ergeben. Ob diese Ziffern eine besondere Ver- ; schiebung in den Parteiverhältnissen des Storthing bedeuten, läßt sich noch nicht beur- t thetlen. !
In der Donnerstags-Sitzung des italienischen Senates hat sich der Minister- < Präsident Crispi anläßlich einer Interpellation wieder einmal über die Massauah-An- j gelegenheit, im Weiteren aber über die allgemeine politische Lage vernehmen lassen. ■ Bezüglich ersterer Frage meinte Crispi, er persönlich sei gegen die Festsetzung Italiens am Rothen Meere gewesen, schließlich sei aber die Behauptung Massauah's wegen : Assab's notwendig geworden und erklärte er am Schlüsse seiner ganzen Rede, Italien könne schon wegen seiner cioilisatorischen Mission in Afrika seine ostafrikanische Stellung nicht aufgeben. Die Versicherung, es wolle sich Italien in Ostafrika keineswegs in eine Lage bringen, die ihm beim etwaigen Eintritte europäischer Verwickelungen hinderlich sein könnte, gab Crispi Gelegenheit, auf die allgemeine Situation überzugehen, die er als eine ernste bezeichnete, obwohl der Minister die Wahrscheinlichkeit eines nahen Krieges in Abrede stellte. Aber offen gestand er zu, daß zwischen Italien und Frankreich bedenkliche, jetzt indessen wieder beseitigte Schwierigkeiten obgewaltet hätten, verkannte nicht, daß ein Krieg mit Frankreich ein großes Unglück sein würde und betonte, daß die italienische Regierung ihr Möglichstes thun werde, um mit Frankreich in freundschaftlichem Einvernehmen zu bleiben. Auch die Rüstungsfrage berührte Crispi und meinte er, Italien müsse gleich den anderen Mächten gerüstet dastehen, um seine Interessen zu wahren und eingegangenen Verpflichtungen nachzukommen. Mit der Versicherung, die Bemühungen der italienischen Regierung seien beständig auf die Erhaltung des Friedens gerichtet, schloß Crispi seine allerdings nicht übermäßig frtedens- zuoersichtlich lautenden Ausführungen über die Weltlage.
Die Zunahme des englischen Einflusses in Perfien zu Ungunsten des russischen wird in den Petersburger Regierungskreisen sehr unlieb vermerkt. Speciell hat die ’ Ueberantwortung des wichtigen Handelsweges auf dem Flusse Karun an englische Hände \ in Petersburg unangenehm berührt und hinzu kommt noch, daß die persische Regierung •
dem neuernannten russischen Generalconsul in Mesched das Exequatur verweigert. !
Außerdem hat sich die persische Regierung durch verschiedene andere Maßregeln den !
Zorn Rußlands zugezogen und äußert sich derselbe in sehr scharfen Angriffen der |
Petersburger Regierungsblätter gegen Persien, welche eine energische Vertretung Ruß- - lands in Persien fordern. Vermuthlich wird letzteres zwischen zwei Stühle kommen, | wenn man russischerseits wirklich mit mehr Nachdruck gegen Persien auftritt.
Deutschland.
Berlin, 7. December. Der Kaiser machte gestern Mittag kurz noch 12V2Ufr . eine Ausfahrt. Das Schauspiel der Wachtparade hatte grade eine unzählbare Menschen- . menge in die Nähe des königlichen Schlosses und der neuen Wache gelockt. Dem Zeugbause gegenüber fuhr der kaiserliche Wagen, ein offener Zweispänner, durch b e . rasch Platz machende Menge an der mit klingendem Soiel von der Schloßsreihett her zum Wachtgebaude ziehenden Wachtparade vorbei. Die Menschenmasse brach in ot-
geffterles Hoch- und Hurrahrufen aus, das sich die ganzen Linden entlang fortpflanzte. Der Kaiser, der Helm und Mantel mit Pelzkragen trug und nach allen Seiten aufs freundlichste dankte, sab sehr wohl aus.
— Der Generalstabsarzt der Armee, Professor Dr. Gustav v. Lau er, der langjährige Leibarzt Kaiser Wilhelms I., begeht am 12. d. M. sein sechzigjähriges Dienftjubiläum. Der Tag dieser seltenen Feier soll der Nat.-Ztg. zufolge noch von Kaiser Wilhelm I. selbst bestimmt worden sein. Der greise Jubilar, der am 8. October seinen 80. Geburtstag beging, erfreut sich jetzt wieder eines befriedigenden Befindens. In militärischen wie in ärztlichen Kreisen werden für den Jubilar besondere Kundgebungen geplant.
— Die Vertheilung der Prämie in Sachen des Postdiebstahls hat, wie man hört, in Postkreisen überrascht, insofern, als man hier erwartete, daß auch der Postbeamte, welcher zuerst aut die Spur Schröders hinwies, bedacht werden würde. Derselbe war bekanntlich auf die große Nase des Diebes aufmerksam geworden, und ohne dieses gewichtige „Jndicium" wäre es der Polizei wohl schwer geworden, so schnell die L-chuldigen nebst den gestohlenen Werthen zur Stelle zu schaffen. Nichtsdestoweniger ist jener Beamte völlig leer ausgegangen.
UniverfitätS'Ghronik.
Göttingen, 7. December. Der Professor der Jurisprudenz Karl Wilhelm Wolfs ist gestern gestorben.
Vermischtes.
0 Darmstadt, 7. December. sAuch ein Jubiläum.) Daß ein Redacteur ununterbrochen 20 Jahre lang ein und dieselbe Zeitung als „Verantwortlicher" zeichnet, dürfte in unserer schnelllebigen Zeit nicht allzuhäufig vorkommen. Der verantwort- lide Redacteur der „Neuen Hessischen Volksblätter", Herr R. Ramspeck, sieht heute auf diesen Tag zurück. Dem Jubilar kann das Zeugniß nickt versagt werden, daß er sich durch treueste Pflichterfüllung, wie durch sein bescheidenes und entgegenkommendes Wesen die allgemeinste Achtung erworben hat.
«UR WrrSstz-7
Gießen, 7. December. Auf dem am 4. und 5. ds. Mts. dahier abgehaltenen Piehmarkte waren aufgetrieben: 795 Stück Rindvieh und 426 Schweine.
Der Handel war lebhaft und in Folge dessen die Preise höher als am vorhergehenden Markt.
Nächster Markt den 15. und 16. Januar n. Js.
Danksagung.
Auf unseren Ausruf vom 30. v. M. sind uns Liebesgaben in unverhoffter Fülle zugegangen. An baarem Gclde erhielten wir bis heute 143,477 JL 10 H, außerdem so reiche Sendungen an Kleidern, Wäsche, Betten, Nahrungsmitteln u. s. w., so daß wir unsere sämmtlichen Schutzbefohlenen ausreichend damit versehen konnten und noch ansehnliche Reservebestände haben. Im Einzelnen hierüber in dieser Zeitung zu quittiren, erlaubt der Raum derselben nicht. Wir nehmen daher Bezug auf die als Beilagen zum hiesigen und zum „Fuldaer Kreisblatt" und zur „Fuldaer Zeitung" erschienenen Gabenoerzeichnisse, welche wir auf Verlangen gern zusenden werden. Auch liegt zur Ernsichtnabme in d?r Expedition dieser Zeitung ein Exemplar aus.
Da wir nunmehr im Besitze der Mittel sind, um dem Nothstand, welcher durch das Brandunglück vom 29. v. M. über unsere Stadt hereingebrochen ist, auch in seinen weiteren Folger, wirksam zu bekämpfen, schließen wir hiermit unsere Sammlung, und bitten die etwa noch für uns bestimmten Gaben uns baldigst einsenden zu wollen.
Allen Denen aber, welche durch ihre Spenden, durch Errichtung von Sammel- stellen, Bildung von Hilfscomiiö's, Veranstaltung von Sammlungen, Concerten, Vorträgen rc. zu dem eifreulichen Ergebnisse beigetragen haben, sagen wir unseren herzlichsten Dank für ihre ooferwillige Hilfe.
Hünfeld, den 27. November 1888.
Der HilfSauSschutz für die Abgebrannten.
I. A..
von Wegnern, Landrath.
Brodpreise
vom 9. December bis 23. December 1888.
der Bäcker $
1
2
1
2
1
2
3
Kgr. (2 Psd.) Weißbrod .... 28
„ (4 Psd.) Weißbrod .... 56
„ (2 Psd.) Schwarzbrod 1. Sorte 25
(4 Pfd.) Schwarzbrod 1. Sorte 50
" (2 Pfd.) Schwarzbrod 2. Sorte 23
bei Carl Lenz 22
(4 Pfd.) Schwarzbrod 2. Sorte 46
bei Carl Lenz 44
„ (6 Pfd.) Schwarzbrod 2. Sorte '
bei I. Lein, K. Haas 69
Gießen, den 8. December 1888.
Kgr.
der Brodverkäufer 4
(2 Pfd.) Weißbrod
(4 ) .....
(2 * ) Schwarzbrod 1. Sorte 25 (4 „ ) Schwarzbrod 1. Sorte 50 (6 „ ) Sckwarzbrod 1. S^rte — (2 „ ) Schwarzbrod 2. Sorte 23 (4 „ ) Schwarzbrod 2. Sorte 46
(6 , ) Schwarzbrod 2. Sorte --
Großherzoglicher Polizeiamt Gießen.
Fresenius.


