Nr. 132
Samstag den 9. Juni
1888;
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
, , r, .. • ., , . .. ar P , t ' Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Vf. mit Bringerlohn.
Vureau r S ch u l st r a ß e 7. Erscheint täglich nut Ausnahme des Montags. . Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pst
Amtlicher HHeit.
Betreffend: Die Vertilgung der Blutlaus. Gießen, am 6. Juni 1886.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
un die GroßherzogUchen Bürgermeistereien dezw. Ortspolizeibeamten des Kreises.
Soweit Sie unserer Verfügung vom 3. Februar l. I. — Anzeiger Nr. 32 — noch nicht entsprochen haben, erinnern wir Sie an baldige Erledigung.
Dr. Boekmann.
Gießen, den 24. Mai 1888.
Betr.: Die Bestimmungen über den Eintritt junger Leute in die Unterosfizierschulen und Unteroffiziervorschulen.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Trotzherzogiichen Bürgermeistereien des Kreises.
Wir weisen Sie an, nachstehende Bekanntmachung auf ortsübliche Weise zur öffentlichen Kenntniß bringen zu lassen.
. Dr. Boekmann.
Bekanntmachung.
Nachdem vom König!. Kriegs-Ministerium zu Berlin neue Bestimmungen über den Eintritt in die Unteroffizier-Schulen Potsdam, Biebrich, Ettlingen und Marienwerder, sowie die Unterosfizier-Vorschulen Wellburg, Annaburg und Neu-Breisach herausgegeben worden sind, werden alle diejenigen jungen Leute, welche in die genannten Schulen einzutreten wünschen, mit dem Bemerken darauf aufmerksam gemacht, daß eine nähere Auskunft über den Eintritt'bei dem Bezirks-Commando Gießen oder den zuständigen Bezirksfeldwebeln zu erlangen ist. Easpary, .
Oberstlreutenant und Commandeur des Landwehr-Batarllons-Bezrrks Gießen-
Politische Wochenschau.
Gießen, 8. Juni.
Die erste Woche seit der Uebersiedeluvg des Kaiser- und seiner Familie nach Schloß Friedrichskron ist nunmehr verstrichen und wenngleich sich der erlauchte Monarch in Folge der Anstrengungen und Aufregungen der Uebersiedelung nach seinem gegenwärtigen Sommerheim einige Tage etwas angegriffen fühlte, so ist doch zur Zeit sein Allgemeinbefinden wieder ein befriedigendes, wie dies auch das officielle Bulletin vom 6. d. constatirte. Der Kaiser hält sich in den Schloß Friedrichs- kron umgebenden ausgedehnten Parkanlagen, sobald dies die Witterung nur irgendwie gestattet, täglich längere Zeit auf und unternimmt er auch häufig Ausfahrten nach verschiedenen Punkten der Umgebung, namentlich auch nach seinem Gute Bornstedt. Der Erledigung der Staatsgeschäfte und der Angelegenheiten seines Hofes widmet fich der Monarch in immer ausgedehnterer Weise und nimmt er fast jeden Tag eine größere oder geringere Anzahl von Vorträgen entgegen. Die Abreise der Kaiserin nach dem westpreußischen Ueberschwemmungsgebiete sollte am Freitag Abend erfolgen, doch ist die abermalige Verschiebung der Reise nicht unwahrscheinlich.
Auch die zweite Erschütterung, welche die innerpreußische und deutsche Polrtrk seit dem Regierungsantritte Kaiser Friedrichs in Gestalt der gegenwärtigen ,Prrtt- kanrer-Krifis" durchzumachen hat, scheint in ihrem Höhepunkte wieder voruberge- gangen zu sein. Als Wendepunkt der Krisis anläßlich der Legislaturperioden- und Wahtfreiheitsfrage in Preußen betrachtet man allgemein die in Schloß Friedrichskron am Dienstag Nachmittag zwischen dem Kaiser und dem Reichskanzler stattgefundene längere Conferenz, obschon sich deren Inhalt der Kenntniß weiterer Kreise selbstverständlich noch entzieht. Wenn bereits hierüber allerhand Mtttheilungen von der üblichen „wohl unterrichteten Seite" auftauchen, so scheint man es hierbei vorläufig mehr mit Combinationen, als mit wirklich begründeten Nachrichten zu thun zu haben; doch sei zur Information mitgetheilt, was in dieser Beziehung das „Berliner Tagebl." zu melden weiß. Hiernach soll in der Unterredung zwischen Kaiser und Kanzler ein Compromiß" auf folgender Grundlage erzielt worden sein: keine Veröffentlichung des Legtslaturperiodengesetzes, aber auch keine Veröffentlichung des kaiserlichen Wahlerlasses an Herrn v. Puttkamer und keine Demission des Ministeriums. Auch Herr v Puttkamer soll nach dieser Meldung vorläufig im Amte bleiben, indessen sei sein Rücktritt im Prinzip" vom Reichskanzler zugestanden worden und bleibe es demselben überlassen" den Zeitpunkt des Rücktrittes und die Art der Begründung zu bestimmen. - Was Wahres und was lediglich Zusammencombinirtes an der Mittheilung des „B. T." ist läßt sich eben nicht controlliren, die Situation bietet eben noch immer gewisse Widersprüche dar und erscheint hie und da noch immer schleierhaft, indessen erscheint doch die Möglichkeit eines Rücktrittes des Gesammtministeriums nunmehr wieder beseitigt und hiermit ist der Niedergang der Krisis gegeben. Begreiflich ist es daß sich die Preßorgane der einzelnen Parteien die bisherige Entwickelung der Affaire je nach ihrem politischen Standpunkte zurecht- und auslegen. Die freisinnige Preste kommt hierbei zu dem Schlüsse, daß die vorläufige Verhinderung der Veröffentlichung des preußischen Legislaturperioden - Gesetzes eine Niederlage des Ministeriums und der Eartellparteien bedeute und daß der Artikel der „Nordd. Allgem. Ztg. , welcher augenscheinlich die Ansichten des leitenden Staatmannes über die ganze schwebende Tagesfrage widerspiegelte, nur den Rückzug des Ministeriums verschleiern sollte. C rft muß indessen der definitive Ausgang der Crisis abgewartet werden, ehe sich sagen läßt ob dieses Urtheil von linksliberaler Seite in der That ein richtiges gewesen tft.
Abgesehen von der noch nicht vollständig erledigten Legislaturperiodenfrage in Preußen, schwebt zur Zett in der inneren Politik augenblicklich keine Angelegenheit von allgemeinerem Interesse und es deutet Alles daraus hin, daß die allsommerliche Ruhepause nachgerade herannaht. Mehr mit der auswärtigen Politik verquickt erscheint die Angelegenheit der nunmehr ins Leben getretenen Patzvorschriften an der deutsch- französischen Grenze, denn obwohl hierüber keine Verhandlungen zwischen den beiderseitigen Regierungen stattgefunden haben, so ist doch sicher, daß Mseits der Vogesen
Erörterungen über gewisse Gegemnaßregeln stattfinden. Der lächerliche Antrag des Boulangisten Laur in der französischen Deputirtenkammer, deutschen Staatsangehörigen den Aufenthal. in einer bestimmten Zone des nordöstlichen Frankreichs zu verbieten, ist von der yr.er zwar fast einstimmig abgelehnt worden, aber man erwägt dafür in Frankreich andere antideutsche Maßnahmen. Von ihnen ist bereits die eine zur Ausführung gelangt, wonach auf der Strecke Basel-Delsberg-Delle zwei Schnellzüge eingelegt worden sind, welche es den aus Frankreich, resp. Paris kommenden Reisenden ermöglichen, mit Umgehung reichsländischen Gebietes direct nach Basel über Belfort zu fahren. Es sollen auch Verhandlungen mit der französischen Ostbahngesellschaft schweben, um eine Leitung der Orientexpreßzüge Paris-Wien über nichtdeutsches Gebiet herbeizu- führen. Doch hat die reichsländische Regierung, um dem oorzubeugen, bekanntlich die Erleichterung zugestanden, daß die mit directen Billets Paris-München versehenen frnnzösischen Reisenden von der Paßpflicht befreit bleiben, sofern dieselben den Zug während der Fahrt durch reichsländisches Gebiet nicht verlassen.
Das Anfang dieser Woche zu seiner Sommersession zusammengetretene schweizerische Parlament, die Bundesversammlung, verspricht die zur Zeit in der Schweiz schwebenden militärischen Fragen ihrer raschen Erledigung zuzuführen. Debattelos nahm der Nationalrath am Mittwoch alle von dem vorbereitenden Ausschuß gewünschten Maßnahmen zur Hebung der nationalen Wehrkraft und zur raschen Förderung der Befestigungsarbeiten am St. Gotthard an. Die Vorarbeiten für die Befestigung des Urner Loches bei Andermatt sollen sofort beginnen.
Die Parlamentssession in Oesterreich wie in Ungarn ist in dieser Woche zu Ende gegangen und treten dafür am Sonnabend die Delegationen in Budapest zusammen. Da die Session des österreichischen Reichsrathcs und des ungarischen Reichstages keinerlei einschneidenden Differenzen zwischen beiden gesetzgebenden Körperschaften ergeben hat und namentlich die Sptritussteuer - Vorlage dort wie hier im Regierungssinne angenommen worden ist. so dürften auch die Delegationsoerhandlungen einen glatten Verlauf nehmen. Allgemein wurde erwartet, daß die Thronrede zur Eröffnung der Delegationssession neue Verheißungen und Anzeigen für die Erhaltung des Friedens bieten werde.
Der bekannte ungarisch-französische Zwischenfall scheint trotz seiner officiellen Erledigung noch immer seine Kreise ziehen zu wollen. Der französische Botschafter in Wien Decrais, soll sich demnach nach Pest begeben wollen, um Fühlung mit den dortigen franzosenfreundlichen Kreisen zu gewinnen; hoffentlich läßt sich Herr Tisza durch diese „Fühlung" sein Concept nicht verrücken!
Der russische Senat hat die Berufung Feodoroff's, des Redacteurs des panslavistischen Hetzblattes „Nowoje Wremja", gegen das ihn zu Gefängnißstrafe ver- urtheilende erstinstanzliche Erken ntniß in dem Prozesse wegen Beleidigung des deutschen Militärbevollmächtigten Obersten v. Villaume verworfen. Das Urtheil ist also rechtskräftig geworden und diese seiner Zeit so viel Aufsehen erregende Affaire ist mit dem Ausspruche des Senats erledigt, womit man sich nun wohl auch auf panslavistischer Seite wird zufrieden geben müssen.
Ieutschkand.
Berlin. Graf Maximilian von Lüttichau ist zum Schloßhauptmann von Friedrichskron ernannt worden. — Das Königliche Palais kann seit der Abreise der Kaiserin Augusta in den Vormittagsstunden vom Publikum besichtigt werden. Der Andrang von Fremden ist groß, welche die Räume zu sehen wünschen, m denen Kaiser Wilhelm so lange Jahre schaltete. - Die bei der Katastrophe rm Königlichen Schauspielhause verunglückten Zimmerleute sind sämmtlich auf dem Wege entschiedener Besserung. — Heute oder morgen Abend gedenkt Ihre Majestät die Kaiserin in Begleitung der Prinzessin Victoria die schon lange projectirte Reise in das Ueber^wemmungsgebtet in Westpreußen anzutreten. — Der Herzog von Sachsen-Coburg-Gotha hat dem Katstr Friedrich sein im Thüringer Walde belegenes Schloß Reinhardbrunn zur Verfügung gestellt. Es ist bei der vorzüglichen Lage des Schlosses wohl möglich, daß das Anerbieten angenommen wird und somit die Reise nach Homburg aufgegeben wurde.


