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9.5.1888 Erstes Blatt
 
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Kr. los Erstes SBUtt. Mittwoch dm 9. Mai 18$8-

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Bureaur Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.

-reis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohrr.

>urch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Hßeil.

arpi, rai®^ ;b rotur£/tler .?beodor Demmer von der 3. Compagme 1. Oberschles. Jnfanterie-Regiments Nr. 22, geboren am 27. Januar 1865 zu Gießen, Kreis Großen rm Großherzogthum Heffen, früherer Hausrrer, ist die kriegsgerichtliche Untersuchung wegen Fahnenflucht im ContumaUal-Verfahr-u eingeleitet ML*feeMert, zurückzukehren und sich spätestens in dem auf Dienstag den i. September 1888 Mittags 12"Uhr im Sen ÄS dner<^®elbftiafe^nnn1U?5ri^e^..^0ITII!lan^anturJ5lr!^etau,^en Termine zu melden, widrigenfalls derselbe in contumaciam für einen Deserteur erklärt und zu emer iseioitrafe von 1503000 Mark verurteilt werden wird. 3

ben 4. Mai 1888. Königliches Kommandantur-Gericht.

Politische Ueberficht»

Gießen, 8. Mai.

Der Kaiser verbrachte die Nacht vom Samstag zum Sonntag nicht so gut, wie die oorangegangenen letzten Nächte; es stellte sich ziemlich starke Eiterung ein, in Folge dessen der Schlaf öfters unterbrochen wurde. Doch befand sich der Kaiser am Sonntag Morgen fieberfrei und auch der übrige Theil des Tages verlief ziemlich gut, zumal ließ die Eiterung nach, indessen verblieb der erlauchte Patient auf Wunsch der Aerzte im Bett. Auch während der Nacht vom Sonntag zum Montag wurde der Schlaf desselben durch reichlichere Absonderung gestört und fühlte sich in Folge dessen der Kaiser am Montag früh etwas matt. Von privater Sette wird jedoch gemeldet, daß sich der hohe Kranke trotz der erheblichen Eiterausleerungen aus dem Kehlkopfe von Schling- und Alhmungsbeschwelden vollständig frei fühle und daß auch der Appetit keine Einbuße erlitten habe.

Nunmehr hat auch das preußische Herrenhaus Stellung zum Volks­schullastengesetz genommen. Seme Eommission führte am Samstag die Berathung zu Ende und decken sich die Eommissionsbeschlüsse in den meisten Punkten mit den Beschlüssen des Abgeordnetenhauses, auch was die Resolution anbelangt, der zu Folge das Volksschullastengesetz eine Verfassungsänderung bedingt.

Das Herrenhaus hat in seiner Samstagssitzung den Gesetzentwurf der Abgeordneten v. Schenckendorff und Kropatscheck, betr. die Gleichstellung der Lehrer an den nichtstaatlichen höheren Lehranstalten Preußens mit den Lehrern an den entsprechenden staatlichen Schulen, abermals abgelehnt. So bedauerlich das abermalige Scheitern dieser nur zeitgemäßen gesetzgeberischen Materie einerseits auch ist, so sind doch anderseits die bezüglichen Verhandlungen wenigstens des Abgeordneten­hauses nicht ohne Nutzen gewesen. Sie haben vor Allem gezeigt, welche Mißstände auf diesem speciellen Gebiete vorhanden sind und ein Material ergeben, aus welchem die Regierung einen selbstständigen Entwurf über die Gleichstellung der genannten Lehrerkategorie ausarbeiten lassen kann.

Die badische erste Kammer hat sich bis Ende Mai vertagt, bis zu welchem Zeitpunkte der Commtssionsbericht über die Kirchenoorlage voraussichtlich oorliegen wird. Bekanntlich ist seitens der zweiten Kammer der Artikel 4 der Vorlage, welcher die Zulassung von in Baden verbotenen katholischen Orden behufs Aushilfe in der Seelsorge aussprach, gestrichen worden, da die liberale Mehrheit der Kammer nicht finden konnte, daß eine solche Maßregel ein zwingendes Bedürfniß sei. In der ersten Kammer resp. in der Commission ist man nun mit der radicalen Ablehnung des Artikels schon mit Rücksicht auf die Regierung nicht einverstanden und es wird versucht, die Regierungsvorlage in einigermaßen modtfictrter Form wiederherzustellen.

In der altberühmten italienischen Universitätsstadt Bologna hat am Sonntag die Eröffnung der Musikausstellung in Gegenwart des Königspaares, des Kron­prinzen, des Ministerpräsidenten Crispi und des Handelsminifters Grimaldt statt­gefunden. Das Köntgspaar hat sich in Bologna Seitens der Bevölkerung einer außer­ordentlich enthusiastischen Aufnahme zu erfreuen gehabt, was namentlich deshalb bemerklich erscheint, weil die Stadt als eines der Hauptquartiere der radicalen Partei gilt. In der That ist von radicaler Sette auch eine Demonstration in Scene gesetzt worden, indem ein Haufen von etwa 200 republikanisch gesinnten Studenten die Seitens der königstreuen Studentenschaft dem Königspaare am Samstag Abend dargebrachte Ovation zu stören versuchte, wobei es zu wüsten Scenen kam. Das Gebühren der republikanischen Studentenschaft rief bet der Einwohnerschaft Bolognas große Ent­rüstung hervor und auf deren Rechnung sind wohl die begeisterten Kundgebungen zum Theil zu setzen, mit denen die Majestäten bei ihrer am Sonntag Nachmittag durch die Straßen der Stadt unternommenen Rundfahrt allenthalben begrüßt wurden.

Der Kaiser von Brasilien, welcher seinen Aufenthalt in Florenz mit einem Aufenthalte in Mailand vertauscht hat, ist daselbst von einer Unpäßlichkeit befallen worden, doch werden die Gerüchte, nach denen der Kaiser Dom Pedro ernstlich erkrankt sein soll, als unzutreffend bezeichnet.

Boulanger sucht seinen französischen Landsleuten auf jede Weist beizukommen. Jetzt ist er dabei, ein Werk herauszugeben, welches sichDie deutsche Invasion" betitelt und dessen erste Lieferung soeben in 21/2 Millionen Exemplaren gratis zur Vertheilung gelangt ist. Dieselbe enthält als Prospectus einen autographtschen Brief Boulangers, in welchem sich der Ex-General dagegen verwahrt, ein Kriegsapostel zu sein und empfiehlt er die unparteiische Lectüre seines patriotischen Werkes, das beweisen werde, daß er von den höchsten Gefühlen für die französische Nation beseelt sei. Boulanger will seinen Landsleuten noch lange keinen Krieg wünschen, ihnen aber die Organisation I der nationalen Vertheidigung zeigen, die sie aus seinem Werke lernen sollen, in welchem ! nach der Versicherung Boulangers die Männer und die Vorgänge von 1870 mit Un­parteilichkeit geschildert sind. Vermuthlich läuft das ganze Unternehmen darauf hinaus, den Franzosen schwarz und weiß zu beweisen, daß sie 1870/71 Sieger geblieben wären, wenn sie eben einen Boulanger als Generalissimus gehabt hätten; man darf wirklich neugierig sein, ob der Ex-General mit dieser seiner neuesten Leimruthe viele Gimpel fangen wird.

Die Patriotenliga hat ein Manifest erlassen, in welchem Boulanger als Führer dernationalen Partei" Frankreichs förmlich anerkannt wird, die Ver- |

brüderung zwischen den Boulangisten und den Anhängern DSroulödes ist also eine vollständige.

Dem englischen Unterhause ist in der That nun ebenfalls eineWehrvorlage" zugegangen, in der jedoch von einer namhaften Verstärkung des brtttischen Heeres oder der Flotte nicht die Rede ist, ebensowenig von durchgreifenden militärischen Reformen. Im Großen und Ganzen enthält die Vorlage nur Vorschriften, welche eine raschere Mobilisirung des Heeres bezwecken und Vorschläge zur Anlage einiger neuer Küsten­befestigungen, bezüglich deren dem Unterhause eine wettere Vorlage zugehen soll, welche dem Vernehmen nach 1 200 000 Pfund Sterling für die geplanten Befestigungen fordert und das will gerade nicht viel besagen.

Berlin, 6. Mai. Der Kaiser empfing heute Nachmittag den Besuch der kron- prinzltchen und der Meiningenschen Herrschaften, sowie des Prinzen Heinrich, welche von 1 bls 3 Uhr im Charlottenburger Schlosse verweilten, und conferirte darauf mit dem Ober - Ceremonienmeifter Grafen Eulenburg. Die Kaiserin begab sich mit den Prinzessinnen-Töchtern Vormittags 11 Uhr nach Berlin, um dem Prinzen Wilhelm dem ältesten Sohne des kronprinzlichen Paares, zu seinem heutigen Geburtstage zu gratuliren; sie traf dort mit der Kaiserin Augusta zusammen, die ebenfalls ihre Glück- wi'msche abstattete. Bei der Rückfahrt machte die Kaiserin Victoria dem Cultusmtnister Goßler einen Besuch. Der Kronprinz conferirte gestern Nachmittag mit dem Chef der Admiralität, von Caprivi, dem General von Waldersee, und dem Pro­fessor Gneist.

Berlin, 7. Mai. DerReichsanzeiger" meldet: In den Grafenstand wurden erhoben Bodelschwing - Plettenberg und Steinberg. In den Freiherrnftand wurden erhoben Gersdorff (Bauchwitz), Minister Lucius, vier Brüder Stumm. Geadelt wurden 33 Personen, darunter Achenbach, Gneist, Hardt, Heyer, Lucanus, Marcard, Franz Mendelssohn, Kammergerichtspräsident Oehlschläger, Werner Siemens, Generalarzt Wegner (Berlin), Dietze (Barby), Heimendahl (Crefeld), Jordan (Straßburg), Curator Meier (Göttingen), Oberpräsident Steinmann (Schleswig), de Voß (Itzehoe), Websky (Schwangfeld), Weiß, (Soldin), Weyrauch (Cassel). Alle Oberpräsidenten führen für die Dauer ihrer Amtsausführung das Prädikat Excellenz. DerReichsanzeiger" meldet ferner: Ernannt wurden zu Wirklichen Geheim-Räthen (Excellenz) der Ge­sandte Alvensleben (Brüssel) und der Gesandte le Maiftre (Athen), ' der Unterstaats- secretär Puttkamer-Straßburg, Ministerialdirector Duddenhausen, Provinzialsteuer­director Hellwig-Berlin, Oberbaudireclor Schneider-Berlin. Das Prädikat Excellenz erhielt der Burggraf Marienburg, Graf Dohna-Finkenstein. Den Rang von Räthen erster Claffe erhielten Geheimrath Roltenburg-Berlin, Hauptbank-Vtcepräsident Koch- Berlin; zum Kronsyndikus ernannt wurde Oberlandesgerichts - Präsident Holleben- Königsberg.

Telegraphische Depeschen.

Wolff'S telegr. Corresporrderrz-Bureau.

Berlin, 7. Mai. Des Kaisers Schlaf in der Nacht wurde durch reichliche Absonderung und Husten unterbrochen. Das Fieber stand gestern Abend auf 38 3 heute früh 37,9 Gr. Die Nahrungszunahme ist genügend, ebenso der Appetit. Der Kaiser bleibt im Bette.

Der Kaiser nahm Vormittags einen längeren Vortrag Wilmowski's entgegen und empfing den Besuch der Herzogin Wilhelm von Mecklenburg. Die Kaiserin begab sich Nachmittags nach Berlin.

DieNordd. Allgem. Ztg." meldet: Der Kaiser fühlt sich seit Samstag Abend etwas matt und angegriffen, ohne daß dafür in den objectiven Krankheits­symptomen ein ausreichender Grund zu finden ist. Grund zu augenblicklichen Besorg­nissen liegt in dieser hoffentlich vorübergehenden Körperschwäche nicht, die sich schon wiederholt im Laufe der letzten Wochen gezeigt hat und bisher immer wieder über­wunden worden ist.

Berlin, 7. Mai. Der Kaiser hatte einen guten Tag, die Nachmittagsstunden waren befriedigend. Das Fieber war Nachmittags sehr gering.

Der Kaiser conferirte nach 5 Uhr kurze Zeit mit dem Reichskanzler Fürsten Bismarck.

ötrlin, 7. Mai. Das Abgeordnetenhaus nahm ohne Debatte in dritter Lesung das Gesetz über die Verleihung von Korporationsrechten an Ordensniederlassungen an. Der Gesetzentwurf betreffend die Verbesserung der Oder und Spree wird in erster Lesung einer 21 gliedrigen Commission überwiesen. Im Laufe der Debatte berührte der Abgeordnete von Schorlemer Alst die Frage des Rhein-Emskanales, wünschte deren endliche Erledigung und beantragte die Herabsetzung der Beitragskosten der Interessenten. Der Minister von Scholz erklärte, auch die Regierung wünsche lebhaft das Zustande­kommen des Rhein-Emskanales. Der Minister von Maybach wünscht, daß die Vorlage recht bald erledigt werden möge, damit man noch vor Pfingsten an die Arbeit gehen könne, über den Antrag des Abgeordneten von Schorlemer-Alst würde man sich ver­ständigen können. Zum Schluß wurden sämmtliche auf der Tagesordnung stehenden Petitionen thells durch Uebergang zur Tagesordnung, theils durch Ueberweisung an die Regierung erledigt. In der nächsten morgen um 1 Uhr stattfindenden Sitzung kommen kleinere Vorlagen und Petitionen zur Berathung.

DieNorddeutsche Allgemeine Zeitung" veröffentlicht das Ergebniß der amtlichen Untersuchungen der Vorgänge in Belfort, wo vier deutsche Studenten insultirt wurden und bemerkt hierzu: Die Bahnbeamten hätten ihre Schuldigkeit gethan, indem sie den überfallenen Studenten Schutz gewährten und dieselben anständig behandelten. Die Polizisten hätten vielleicht mehr Energie beweisen sollen. Das Benehmen der