Ausgabe 
8.7.1888 Erstes Blatt
 
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Erscheint täglich mit Ausnahme des Monta-S.

Bureau r Schul st raße 7.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Grobherzogliches Polizeiamt Gießen.

G-fund.n: 1 Halstuch, 2 M-ster, 1 Geldstück, 1 Hundehalsband, 1 Taschentuch, 1 überfragen, 1 Fingerhut, 1 Pf-rdehalfter, 1 Gesangbuch, 1 Pack Drahtstifte, 1 Peitsche, 1 Mantel, 1 Schlüssel.

Zugelaufen: 1 Dächselhund, 1 Huhn.

Zugeilogen: 2 Kanarienvögel.

Gießen, am 7. Juli 1888.

Vermischtes.

Wie demFrankfurter Journal" aus Büdingen telegraphirt wird, ist der Gutspächter und frühere Landtagsabgeordnete Schaum in Herrnbag, der von der Strafkammer zu Gießen wegen versuchter Verleitung zum Meineid zu fünfzehn Monaten Zuchthaus verurtheilt worden war, nachdem das Reichsgericht die beantragte Revision verworfen, vermuthiich entflohen. Die diesbezügliche Untersuchung ist etngeleitet. Der Verurtheilte hatte 20,000 Kaution gestellt.

b. Offenbach, 6. Juli. Gestern Abend gegen 7 Uhr wurde auf der Bieberer- straße ein 2'/,jähriges Mädchen von der elektrischen Trambahn überfahren und blieb auf der Stelle tobt. Dem armen Kind hingen die Eingeweide aus dem Leibe. Den Führer des Wagens soll keine Schuld treffen, da das kleine Mädchen, welches un­beaufsichtigt auf der sehr belebten Straße war, so plötzlich vor den Wagen lief, daß das stärkste Bremsen nutzlos blieb. r m . .,

Frankfurt, 6. Juli. Wir haben hier nichts als Regenwetter und damit nicht genug, ein Gewitter folgt dem andern. Diese kurzen aber heftigen Gewitter sind von wolkenbruchartigem Regen begleitet, der mitunter ganze Straßen unter Wasser setzt.

Bli dem gestrigen Gewitter, von dem ich Ihnen schon Mtttheilung machte, schlug nicht

nur der Blitz in Sachsenhausen, sondern auch in der Tetchstraßc hier ein und zwar zweimal nacheinander in dasselbe Haus, tndeß ohne zu zünden. Der fünf Stockwerk hohe

Berlin, 6. Juli. Es ist nunmehr bestimm:, daß der Kaiser am 13. d. M. von Potsdam nach Kiel fährt, das Geschwader, das ihn von dort nach Rußland begleitet, steht unter dem Commando des Contreadmirals Knorr und setzt sich zusammen auS den Schiffen: Friedrich der Große, Kaiser, Baden, Bayern und dem Aviso Ziethen; dazu kommt noch die kaiserliche Yacht Hohenzollern, deren Commando Prinz Heinrich führen wird. Wahrscheinlich fährt der Czar seinem Gaste entgegen und die erste Begrüßung findet auf See statt, der eigentliche Besuch dann in Peterhof oder in Gatschina.

Politische U-berficht.

Gießen, 7. Juli.

Nach einer Mittheilung aus Kiel scheint es wahrscheinlich, daß Prinz Heinrich das Schiff, welches den Kaiser Wilhelm nach Rußland bringen wird, befehligt. Der Kaiser wird auf der stattlichen und pfeilschnell fahrenden kaiserlichen- Dampf- jacht Hohenzollern" fahren und sich deshalb wahrscheinlich schon am 12. Juli nach Ski begeben, da die Abreise für dm 13. Juli bestimmt ist. Auch gilt es alsi,w-if°u los, daß der Staatsfecretair Gras Herbert v. Bismarck den Kaiser nach Petersburg begleiten wird, unstreitig hat daher die Katserbegegnung in Rußland auch eine hohe poli fdk® beweis/ für die besten persönlichen Beziehungen zwischen den Hosen von Berlin und Petersburg mehren sich. Aus das oom Großfürsten Wlad.m.r, dem Bruder des Kaisers Alerander, an den Kaiser Wilhelm aus Warschau gc^ndte Tele­gramm, welches den prächtigen Zustand des oom Großfürsten in pizirtenReg-m-nt-s dessen Chis Kaiser Wilhelm ist, mitlheilt, erwiederte der Kaiser telegraphrsch, -rs-ivon dem Telegramm sehr gerührt und bitte den Grotzsürltcn, das Regiment, d-stm Uniform er fo lange trage und dessen Ches zu sein er stolz sei, von rhm zu grüßen. Der Inhalt der Devesche wurde Dem Regiment mitgetheilt. .

In Vertretung des Kaisers Friedrich hat Kaiser Wilhelm bereits als Kronprinz in seiner Eigenschaft als Vertreter des Kaisers am 14. Juni neue organisatorische Bestimmungen für die Marine erlassen welche erst letzt publtzirt werden. Danach gliedert sich die Marine in Marinebehörden und Marinetheile. Die Marme- bebörden zerfallen in Commandobehörden, Verwaltungsbehörden, Jnstitu e und Com­missionen. Die Marinetheile zerfallen in solche zur See und solche zu Lande. Der Chef der Admiralität führt nach den Anordnungen Sr. Majestät des Hisers den Befehl über die gesummte Marine. Alle Marinebehörden sind ihm unterstellt. Als Befehls­haber hat der Chef der Admiralität die allgemeinen Befugnisse und Pflichten eines kommandirenden Generals der Armee. Alle Indienststellungen von Schiffen verfugt der Chef der Admiralität nach Maßgabe des Reichshaushaltsetats oder der besonderen Be­fehle Sr Majestät des Kaisers. Alle für politische und kriegerische Zwecke in Dienst gestellten, sowie auch die heimischen Gewässer auf längere Zeit verlassenden Geschwader oder Schiffe erhalten Segelordres, zu welchen der Chef der Admiralität die Allerhöchste Genehmigung einzuholen hat. . ß

Gut verbürgte Wiener Nachrichten besagen, daß man in den maßgebenden Kreisen Oesterrcich'Ungarns über den Zweck der Reise des deutschen Kaisers nach Petersburg vollständig beruhigt ist und von Derselben lediglich eine Befestigung des europäischen ^r'^^Tk "v°m'französtschen Sabine» drrrch das Vertrauensvotum der Kammer- mebrbeit zu Theil gewordene parlamentarische Stütze ermöglicht dem Ministerium Floqurt, nach d-r zur Z-t. vorwiegenden M-inrmg der Pari,er Politiker das Der- bleiben im Amt- wahrlcheinttch bis zum Beginn d-r H-rbstf-fsion, rmbefchadet des fortdauernd precärcn Characters der inneren Lage. Denn die klägliche Zerfahrcnherl d-r republikanischen Parteien besteht nach wie vor, und wenn dieser U-belstand dem herrschenden Regime noch nicht verhängnißooll geworden ist, so liegt das daran, daß die Monarchisten sich in noch jämmerlicherer Verfassung befinden. Ihre ganz- Weis­heit besteh- darin, die Hände in den Schootz zu legen und müßig abzuwarten, dag irgend ein Zufall ihnen bin Gefallen thun solle, die Republik ni-derzuwersen, dann würden fi- sich wohl entschließen, an ihre Stelle zu treten und unter sich d-u Str-t darüber anzufangen, welche Monarchie nun in Frankreich herrschen soll, ^eser Ze punkt dürfte indessen noch sehr entfernt sein, obgleich andererseits nicht abzulcugnen ist daß die Republik in unglaublicher Verblendung alles gehen läßt, wie es eben geht.

Am Petersburger Hofe, sowie bei den Petersburger Garde-Regimentern finden anläßlich des bevolstehenden Besuches des deutschen Kaisers großartige Vor­bereitungen statt. Auch die Bevölkerung in Petersburg freut sich über die Kaiser- beaegnung, doch will ein Theil der russischen Presse schon im Voraus constattren, daß die Kaiserbegegnung keinen politischen Zweck, sondern nur einen persönlichen freund­schaftlichen Character habe. Nun das Ergebniß der Kaiserbegegnung in Petersburg wird sich ja später zeigen.

Di- finanziellen Zustände in d-r Türkei sind wahrhaft entsetzlich und ganz aba-feben von den politischen Schwierigkeiten, mutz die Türkei an ihrer jammervollen G-Idnoth zu Grunde gehen. Ein neuer Zwischenfall in Eonstantinopel beweist die? auf das deutlichste. Als die Soldaten d-r 1883er Klasse entlassen und auf Transport- fckisien in ihre Provinzen befördert werden sollten, weigerten sie sich hartnäckig, sich einxuicbiffen bevor sie ihren Sold erhalten hätten. Endlich zahlte man ihnen die halben Rückstände 'und di- Schiffe fegelten ab. An ihrem Bestimmungsorte aug-komm-n, weigerten sich di- Truppen auS Land ,u gehen, bevor ihnen der Rest ausgezahlt wäre. Da di- Offiziere bedroht wurden, so t-l-graphirten sie nach Constantinopel worauf der Sultan befahl, die Forderungen d-r Heute zu befriedigen. Wie die türkischen Be­amten den Wunsch des Sultans zu erfüllen vermochten, ist nicht ganz klar, fedensalls ward man aber di- unzusri-d-ncn Soldaten los, nachdem dieselben gedroht hatten, di- Offiziere und Beamten tüchtig durchzuprügeln, wenn man ihnen den Sold nicht auszahlte.

Telegraphische Depeschen.

Wolfs's telegr. ^Lorrespon-e«, - Burearr.

Berlin, 6. Juli. Nachdem der Zustandsoormund Hasenclever's nunmehr an- aezeiat. dan der Kranke sein Reichstagsmandat niedergelegl, ist die Vornahme einer Neuwahl angeordnet. Mit der Aufstellung einer neuen Wahlliste für den 6. Berliner Reichstagswahlkreis wird sofort begonnen.

Dresden, 6. Juli. Dem Vernehmen nach ist Prinz Georg von Sachsen vom Kaiser zum General-Feldmarschall ernannt.

Karlsruhe, 6. Juli. Der Kronprinz und die Kronprinzessin von Schweden treten mir Rücksicht auf den bevorstehenden Besuch des Königs und der Königin von Sach en in Stockholm morgen Nachmittag die Rückreise an.

Wiesbaden, 6. Juli. Der serbische Kriegsminister Protitsch und der Bischof Zimitc sind zu Verhandlungen über Familienangelegenheiten mit Natalie, der Königm von Serbien, eingetroffen. ,n « a B ...

Kopenhagen, 6. Juli. Das sächsische Konigspaar ist heute Abend 7 Uhr 20 Min hier eingetroffen und am Bahnhofe von der dänischen Königsfamilie, sämmt- lichen Ministern, den deutschen, russischen und amerikanischen Gesandten, Jonne ben Spitzen ber Cioil- unb Militärbehörben empfangen worben. Nachdem der König von Sachsen und der König von Dänemark die Front der Ehrencompagme abge­schritten hatten, wurde eine kurze Cour gehalten. Alsdann begaben sich die Herrschaften nach Amalienborg. . £ , .....

Pari-, 6. Juli. Heute Mittag wurden bei dem Direetor der orleanistrschen Presse Dufcuille, 5 Exemplare eines Briefes beschlagnahmt, welchen der Graf von Paris'an die jüngst gewählten conservativen Maires gerichtet hat, und in welchem es heißt' Sie haben die Finanzen und die städtischen Freiheiten gegen die verschwenderische und tyrannische Verwaltung einer Partei zu schützen, deren gelehriges Werkzeug diese Verwaltung ist. Wir werden uns in Kürze alle vereinigen müssen, um die Regierung Frankreichs umzugestalten und sie auf feste Grundlagen zu stellen. Die Republik hat den Gemeinden die versprochene Freiheit nicht gegeben. Den Republikanern sind alle Mittel recht um sich die Majorität in den Communalräthen zu sichern. Die Gemeinde thetlt sich in Unterdrücker und Unterdrückte, sie ist dem Regime der obligatorischen Budgets unterworfen, sie ist nicht mehr unabhängig in der Verwaltung ihres Ver­mögens, die Eltern sind nicht mehr Herren über die Erziehung ihrer Kmder. Eine Regierung des Zufalls wird Ihnen vielleicht die Wiederherstellung der verlorenen Frer- heiten versprechen, hoffen Sie aber nicht, daß sie das thun wird: im Gegentheil, ihre erste Sorge wird sein, die ihnen noch gebliebenen Freiheiten zu verruchten. 5hir eine monarchische Regierung kann sie gewähren, nur sie allein kann Ordnung in der Ge­meinde wie in dem Staate Herstellen. , .

London, 6. Juli. Im Oberhaus erklärte Salisbury, daß durch das Ab­kommen von 1884 der Einfluß Englands und Deutschlands in Zanzibar getheilt fei. Dieses Abkommen sei das beste Arrangement, welches im Interesse der Humanität, der Cioilisation und des Handels getroffen werden konnte. Salisbury glaubt, Deutschland wünsche ebenso wie England die Beseitigung des Sclavenhandels; er erinnert sich feiner Mittheilung, wonach Deutschland das Thal der Großen Seeen anneftirt habe. Der Einfluß Englands in Zanzibar werde durch das Abkommen mit Deutschland in keiner Weise vermindert. Einige Ansprüche Portugals konnte England nicht anerkennen, die Unterhandlungen dauern noch fort. cm r- x k m

Rom, 6 Juli. Der österreichische Kaiser verlieh Crispi, Magliani und Grr- maldi das Großkreuz des Lcopoldordens. DieAgencia Stefant" fugt hinzu, der österreichische Botschafter habe bei der Mittheilung ber erfolgten Ordensverleihung an Crispi erklärt, die österreichische Regierung sei in hohem Grade befriedigt, die in­timen Beziehungen mit Italien durch den Abschluß des neuen Handelsvertrags befestigen zu können.

Rr 187 Erstes Blatt. Sonntag den 8. Juli 1883.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kleis Gießen.