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Vrrrearrr Schulftraße 7.

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Politische Ueberficht.

cw't k i an Gießen, 7. Juni.

stundlgen Eonferenz, welche am Dienstag Nachmittag in Schloß Fr edrichskron zwischen dem Kaiser und dem Reichskanzler stattgefunden hatte, durfte die gegenwärtige innere Krisis, welche sich äußerlich an den Namen des Herrn v. Puttkamer knüpfte, wieder beschworen sein. Die lange Unterredung zwischen dem Monarch und seinem ersten erprobten Berather wird sicherlich zur völligen Ueber- etnstimmm'g Beider in der Frage der Verlängerung der preußischen Legislaturperioden und aller hiermit zusammenhängenden Specialfragcn geführt haben und es steht somit die Veröffentlichung des betreffenden Gesetzentwurfes in den nächsten Tagen zu er- warten. Es ist wohl kein Zufall, daß fast gleichzeitig mit der Audienz des Fürsten Bismarck beim Kaiser die Veröffentlichung eines die ganzePuttkamer-Krisis" ein- gehend erörternden Artikels in derSRorbb. Allg. Zig." ersolgte, ber in seiner ganzen Form und seinem Inhalt als vom Kanzlertnspirirt" erscheint. In dem Artikel wurde betont, daß ungeachtet noch mancher obwaltenden Unklarheiten aus der Situation doch unwiderleglich hervorgehe, daß von einem Ministerwechsel nicht die Rede sei und sich nichts ereignet habe, was mit den verfassungsmäßigen Institutionen in Wider­spruch stehe. Es wird dies von dem ofsiciösen Blatte im Einzelnen nachgewiesen und erklärt es dann, es sei mit Freuden zu begrüßen, daß die Vorrechte der Krone auf dem Gebiete der gesetzgeberischen Gewalt wieder einmal sich so deutlich gezeigt hätten. Bei einer Meinungsverschiedenheit zwischen Krone und Ministerium bezüglich des Gesetzes über die Verlängerung der Legislaturperioden würden die Minister zu erwägen haben, ob ber Nutzen dieses Gesetzes so hoch anzuschlagen sei, daß sie die Verantwortlichkeit des Rücktrittes vor dem Lande übernehmen könnten. Die Minister müßten hierbei namentlich erwägen, welche Rückwirkung ein Ministerwechsel in Preußen auf die Freunde Preußens im Reiche und außerhalb desselben einerseits, auf die Gegner Deutsch­lands anderseits haben müßte. Jedenfalls ergebe die Situation glücklicher Weise, daß sich der preußische Staat eines energischen Monarchen erfreue, der persönlich in Verwaltung und Gesetzgebung eingreife, ein Vortheil, den schon der Reichskanzler in einer früheren Rede erwähnt habe. Dies müsse auch die Opposition anerkennen und sie solle deshalb nicht zu unwürdigen Mitteln greifen, um dem Ministerium in derartigen Fragen ent- ' gegenzutreten. In den Ausführungen des erwähnten Artikels, die an dieser Stelle ; nur im gedrängten Auszuge wiedergegeben werden konnten, spiegelt sich offenbar die i Auffassung des leitenden Staatsmannes von der schwebenden Tagesfrage wider und 1 in diesem Sinne hat der Kanzler offenbar auch dem Kaiser und König Vortrag in Friedrichskron gehalten. Zieht man nun noch die diese Eonferenz begleitenden Neben­umstände in Betracht, namentlich die außerordentlich auszeichnende Aufnahme, welche dem Kanzler in Schloß Friedrichskron zu Theil geworden ist und die Thatsache, daß er auch nach beendigter Audienz noch über eine Stunde bet den Majestäten verweilte, so darf man hieraus gewiß schließen, daß alleMißverständnisse" nunmehr beseitigt I ftnd. Die Fluth von Gerüchten und Eombinationen, welche sich an die Verzögerung I der Veröffentlichung des Legislaturperioden-Gesetzes knüpfte, wird sich also wohl bald I wieder verlaufen und ob noch ein gewisser Rückstand übrig bleiben wird, kann man I nun in Ruhe abwarten. Wie dasBerl. Tagebl." vernimmt, soll die Bekanntmachung I des kaiserlichen Wahlerlasses an den Minister v. Puttkamer getrennt von der Ver- I öffentltchung des Gesetzes erfolgen, auf welcher Grundlage die obwaltenden Schwierig- I ketten beseitigt worden seien; das Gerücht, wonach der Reichskanzler in einem gewissen I Gegensätze zu dem beabsichtigten Wahlerlasse stehen sollte, |ift damit gegenstandslos I geworden. I

Tie Reichstagsnachwahl in Ost- und Weststernberg hat, wie voraus- I zusehen war, die Wahl des conservativen Candidaten, Landrath Bohtz, gegenüber dem I freisinnigen Eandidalen, Stadtrath Witt-Ebarlottenburg ergeben.

Die Parlamente in Wien und Pest sind nunmehr geschlossen worden, um den I beiderseitigen Ausschüssen, den Delegationen, Platz zu machen, welche an diesem Samstag I in der ungarischen Hauptstadt zusammentreten. Noch kurz vor Thoresschluß ist sowohl I im ungarischen wie im österreichischen Abgeordnetenhause das Spiritussteuergesetz unter | Dach und Fach gekommen, von dessen Annahme das Ministerium Taaffe sein Ver- I bleiben im Amte abhängig gemacht hatte imb das Versöhnungsministerium und I mit ihm dereiserne Ring" der Rechten ist also wieder einmal glücklich gerettet. I Wenn mit dem Spiritussteuergesetz einerseits ein großer Schritt zur Verbesserung der I österreichischen und ungarischen Finanzverhältnisse gethan worden ist, so muß anderseits I erwogen werden, daß diese finanzielle Reform nur durch das Zugeständniß der Zahlung I einer Million Gulden jährlich an die polnischen Großbrenner in Galizien, fortlaufend I bis zum Jahre 1901, errungen worden ist und ob da Graf Taaffe sich zu seinem I Erfolge in der Branntweinsteuerfrage wirklich ohne allen Vorbehalt beglückwünschen I darf, möchte doch etwas zu bezweifeln fein. Was nun die bevorstehende Delegations- I fession anbelangt, so wird sie jedenfalls, nach der Gepflogenheit der Delegationen zu I urtheilen, wieder Erörterungen und Urtheile über die allgemeine Lage bringen und es I ift da bemerkenswerth, daß gerade jetzt das Verbot der Pferdcausfuhr aus Oesterreich- I Ungarn wieder aufgehoben worden ist. Wenn man erwägt, daß diese Maßregel seiner- I reit unter dem Eindrücke der sich immer bedrohlicher zuspitzenden Beziehungen zwischen I Deutschland und Oesterreich einer- und Rußland anderseits in Kraft trat, so kann ! man ihre Wiederaufhebung gewiß dahin deuten, daß sich diese Beziehungen inzwischen I wieder gebessert haben und diese Deutung wird hoffentlich durch die Delegationsver- I Handlungen ihre Bestätigung erfahren.

Darmstadt, 5. Juni. Am 29. Mai d. I. wurden die Forstaccessiften Hermann Frank zu Laubach, Wilhelm Fritz zu Butzbach, Cornelius Guntrum zu Darmstadt, Karl Heyer zu Gießen, Wilhelm Hoffmann zu Darmstadt und Heinrich Schäfer zu Darmstadt zu Forstassessoren ernannt.

Darmstadt, 6. Juni. Am 31. Mai ds. Js. wurden die Finanzaccessisten Karl Freiherr v. Diemar zu Darmstadt, Adam Hübner zu Nieder-Liebersbach, Dr- Gustav Metzler zu Wimpfen und Otto Stroh zu Alsheim zu Steuerassessoren ernannt.

Berlin, 6. Juni. Der Kaiser hielt sich einen großen Theil des Tages im Freien auf uad machte Nachmittags eine Ausfahrt. (F. Z.)

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Gießen, 7. Juni, lieber die Lutherfestaufführungen in unserer Stadt äußern sich die auswärtigen Blätter, mit vielleicht einer Ausnahme und zwar derjenigen des ^Frkf. Journ." (welches in nörgelndem Tone die Aufführung kritisirt, ohne die hiesigen Verhältnisse naher zu kennen), recht anerkennend. So berichtet derFranks. General- Anzeiger" über die erste Aufführung:

Das lange vorbereitete Luther-Festspiel von Hans Herrig ging gestern (3. Juni) Nachmittag in der Stadtklrche zu Gießen zum ersten Male in Scene und fand bei dem zahlreich erschienenen Publikum großen Anklang. Die Altarseite der Kirche ist zu einer Buhne umgewandelt, welche aus einem, die ganze Breite des Raumes einnehmenden Proscenium, gewissermaßen dem neutralen Schauplatz besteht, hinter welchem sich eine Mittelbuhne befindet, welche durch Vorhänge abgeschlossen werden kann; sowohl der vordere, offen stehende Schauplatz, wie die Mittelbühne sind durch dunkelfarbige Stoff- oorhänge begrenzt und im Hintergründe geschlossen, so daß durch dieses, jegliche De- coratton ablehnende Arrangement dem Ganzen das Gepräge des Reformationsschau- i spieles des sechszehnten Jahrhunderts gegeben wird. Der Dichter hat denn auch seinen Stoff durchaus im Sinne der Volkstheater bearbeitet, indem er uns eine Reihe von ©eenen oorfuhrt, deren bindende Kette uns in den Gesprächen des Ehrenhold mit emem alten Rathsherrn gegeben wird. Trotz dieser Dialogform, die sich eigentlich nur in zwei ©eenen zu ganzen Gruppen erweitert, auf dem Reichstag zu Worms und in dem Aufruhr der Bilderstürmer, wirkt die Aufführung in feiner Weise ermüdend, wie es bei dem wenig dramatischen Charakter der Dichtung leicht zu befürchten war das Interesse wurde auch außer durch den sympathischen im innersten Volksgemüth lebenden Stoff durch die Art der Darstellung in hohem Maße gefesselt, denn der Umstand, daß kein Darsteller ein Künstler von Beruf, sondern fast sämmlliche Mitwirkende Studenten der Gießener Universität sind, trug viel dazu bei, die Veranstaltung dem Ideal eines Volkstheaters", wie es in neuerer Zeit wieder lebhaft angestrebt wird, nahe zu bringen. Die nicht sehr geräumige Kirche war bei der gestrigen Aufführung dicht besetzt und die Zuhörer folgten fast andächtig der ohne Pause sich abwickelnden Handlung. Auch hierin, daß der Dichter auf jede Acttheilung verzichtet hatte, lag die Gefahr einer Er­müdung, doch ist dieser ^durch das Einflechten des musikalischen Elements wirksam vor­gebeugt; an geeigneten Stellen setzt der Kirchenchor mit den schönsten Kirchenliedern ein und der Umstand, daß der Chor oben vor der Orgel, der Bühne gegenüber, auf­gestellt ist, läßt die Orgeltöne und Choräle gleichsam von oben herab in die Handlung hinetnklingen. Was die Aufführung selbst anbetrifft, so gebührt in erster Linie der Regie des Herrn Herrmann vom Frankfurter Stadttheater großes Lob. Herr H. hat durch verschiedentliche Striche und Kürzungen dem Werk jene lebhaftere dramatische Bewegung zu geben versucht, welche, ohne den Charakter des kirchlichen Festspieles zu beeinflussen, das Interesse des Zuhörers ununterbrochen gefesselt hält. Die Kürzungen sind so geschickt angebracht, daß ihr nur erklärende Dialogstellen, die sich in allzu epischer Breite zu verlieren scheinen, zum Opfer fallen, während die Handlung bewegt und ununterbrochen vorschreitet. Auch die Jnscenirung war eine treffliche und vor Allem die Wirkung der Wormser Reichstagsgruppen überraschend; der malerische Effect wurde hier hauptsächlich durch den Gegensatz der einfachen dunklen Vorhänge zu dem von ihnen umrahmten Bild, den prächtigen reichen Gewändern ber Fürsten und Herren hervorgerufen. Von besonderer Lebhaftigkeit und mit glücklicher Natürlichkeit durch­geführt war auch die Scene der aufrührerischen Bilderstürmer, Schwärmer und Bauern, die sowohl dem Eifer und der Hingabe der Darsteller, wie der unverdrossenen Regie- thätigkeit des Herrn Herrmann alle Ehre machte. Von den Mitwirkenden möchten wir vor Allem Luther und Ehrenhold erwähnen. Der Luther des Herrn ßtud. theol. Lehn

Telegraphische Depeschen.

Wolffs telegr. Correspondenz - Bureau.

Potsdam, 6. Juni. Der Kaiser und die Kaiserin machten gestern Nachmittaa eine Spazlerfahn. Der Kaiser, welcher eine gute Nacht hatte, fuhr Vormittags im Parke spazieren. Zum Vortrage erschienen Wilmowski und Radolin, am Diner nimmt Prinzessin Feodora Theil. e

Potsdam, 6. Juni. Der Kaiser und die Kaiserin fuhren Abends 6 Uhr in offenem Wagen nach Altgeltow zur Besichtigung der dortigen Kirche, überall enthusiastisch begrüßt. Sie kehrten gegen 7 Uhr zurück; der Kaiser bezeugte über ben neuen auf feine Kosten ausgesuhrten Kirchenbau ben Gemeinbebehörden feine Befriebigung. Der KaUer- hatte einen guten Tag, er schlief Nachmittags V/2 Stunben.

Berlin, 6 Juni. Anläßlich ber Hinbernisse gegen bie Aufführung des von Trumpelmann gedichteten Luthersestspiels, welche nunmehr durch Umarbeitung befeitiat eJyft?te "Norddeutsche": Es sei wahrlich jetzt nicht mehr nothwendig, daß nach oOO Jahren zur Wahrung des Reformationsgedankens katholische Institutionen und Gebrauche in geradezu blasphemischer Form zum Gegenstand burlesker Theaterfcenen gemacht werden. Die Obrigkeit Preußens, in welchem religiöse Gleichberechtigung die erste Regel rst, konnte sich unmöglich von der Pflicht, die Wahrung des confefsionellen Friedens aufrechtzuerhalten, abdrängen lassen. Die Aufführung findet heute Abend in den von dem Cultusminifterium des Innern verlangten und von Wildenbruch bearbeiteten Umänderungen statt.

Bern, 6. Juni. Der Naiionalrath hieß ohne Debatte die von dem vor- berathenden Ausschuß gewünschten Maßnahmen zur Hebung der nationalen Wehrkraft und raschen Beförderung der Befestigungsbauten am Gotthard gut. Die Vorarbeiten für die Befestigung desUrnerlochs" bei Andermatt beginnen sofort.

Paris, 6. Juni. Die Steuereinnahmen im Monat Mai übertreffen den Budaet- vorcmschlag um circa sechs Millionen, die Einnahmen im Mai des vorigen Wahres sogar um neun Millionen. 1x5 9

Saint-LoniS, 6. Juni. Die demokratische Convention wählte Cleveland durch Aeclamatton zum Candidaten der Partei für die Präsidentschaft der Union auf 4 Jahre.

IX London, 6 Juni. Wie das Reuter'sche Sureau aus Zanzibar meldet, hat der italienische Cvnsul die Flagge eingezogen und die freundschaftlichen Beziehungen zu dem Sultan unterbrochen. Ein italienisches Kriegsschiff wird erwartet. Der Beweggrund des Bruches wird nicht angegeben.

Rom, 6. Juni. DieAgenzia Stefani" meldet, der Sultan von Zanzibar werqerte sich, die Convention des früheren Sultans mit Italien wegen Abtretung einiger Thelle feines Gebietes auszuführen. Man glaube übrigens, daß eine freundschaftliche Losung ber Frage erfolgen werbe.

Potsdam, 7. Juni. sPrtvatdepesche.j Der Kaiser hatte keine besonders gute Nacht, da ber Schlaf durch Husten öfters unterbrochen wurde. Er blieb in Folge dessen und auf Anrathen der Aerzte bis 11 Uhr im Bett. Um 12 Uhr beginnen Audienzen.

181 Freitag ben 8. Juni 188&

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.