Ausgabe 
8.4.1888 Erstes Blatt
 
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Nr 82 Erstes Blatt. Sonntag den 8. April 1888.

Gießemr Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Vureaur Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringer!ohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Hheil.

Gefundene Geaenständ«: 1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 Mütze, 1 weißes Taschentuch, 1 Taschenuhr mit Kette, 1 Handtäschchen, 1 Paar schwarze Handschuhe, 1 Kinderschürze, 2 Kinderkragen, 2 Taschentücher, 1 Packet mit Handschuhen, 1 Peitsche, 1 Trillerpse.se, 1 Notizbuch, 1 Kette, 1 Gebund schlüssel.^ 7, i( 188g, Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

^resenius^

Politische Woche« «Ueberficht.

Gießen, den 7. April 1888.

Anläßlich des 73. Geburtsfestes des Reichskanzlers ist in der Presse mehrfach von einer Standeserhöhung für unfern leitenden Staatsmann und feinen ältesten Sohn, den Grafen Herbert Bismarck, die Rede gewesen. In den officiösen Preßorganen ffindet sich indessen hierüber durchaus noch keine Andeutung vor und es muß daher einstweilen dahingestellt bleiben, inwieweit das erwähnte Gerücht begründet ist. Ferner fift das seltsame Gerücht aufgetaucht, Fürst Bismarck stehe im Begriff, sein Entlassungs­gesuch einzureichen; dasselbe sei durch Gesundheitsrücksichten motivtrt, aber man ver- muthe, daß ein geheimer Conflict vorliege. Diese überraschende Meldung ist zuerst in derKöln. Ztg." aufgetaucht und in Anbetracht der bekannten Beziehungen, in welchen das rheinische Blatt zu den Berliner Regierungskreisen steht, wäre die Nach­richt eigentlich nicht kurzer Hand abzuweisen. Aber trotzdem kann man kaum annehmen, Laß an dem Gerücht ein Körnchen Wahrheit ist, zumal in Erwägung dessen, daß ja Kaiser Friedrich in seinen ersten Erlassen den Reichskanzler seines unerschütterlichen Vertrauens so offenkundig versichert hat und diese kaiserlichen Kundgebungen lassen sich mit einem bestehendengeheimen Conflict" zwischen Kaiser Friedrich und dem Kanzler Loch schwerlich vereinbaren! Es giebt frelltch gewisse Kreise, in denen man es sehr gern sehen würde, wenn sich Fürst Bismarck in die Stille des Privatlebens zurückzöge, aber -die überwältigende Mehrheit des deutschen Volkes wünscht aufrichtig, daß sein großer Kanzler noch fernere Jahre die Geschicke des Vaterlandes leiten möge und hoffentlich Lars man auch bald einem Dementi des Rücktrittsgerüchtes entgegensehen. Wenn das Berliner Tageblatt" meint, es gäbe viele Patrioten, welche einen Rücktritt des Fürsten Bismarck gerade im jetzigen Augenblick als einen überaus werthooll-n und segensreichen Dienst für das Vaterland bettachteten, so denken jedenfalls alle wirklich patriotisch gesinnten Deutschen etwas anders!

In allen Städten des Landgerichts Elberfeld haben vor einigen Tagen gleich- heilige Haussuchungen bei zahlreichen Personen stattgefunden, welche verdächtig er- Icheinen, eine Rolle in der soctaldemokratischen Bewegung zu spielen. Es sollen in Holge dessen eine Anzahl Personen verhaftet worden sein.

Minister v. Puttkamer hat an den Kölner Oberbürgermeister ein Schreiben gerichtet, in welchem der Minister die Zustände in den östlichen Ueberschwemmungs- ^ebieten als jeder Beschreibung spottend bezeichnet und den Oberbürgermeister bittet, seinen Mitbürgern die Bethätigung recht zahlreicher Spenden dringend an's Herz zu legen. Viel sei in diesem entsetzlichen Unglücke noch immer zu wenig und die frei­gebigste Privathülse wie die umfassendste Staatshülfe könnten nur einen geringen Theil der durch das Schicksal geschlagenen Wunden heilen. Was der Minister in dem Briefe aussprtcht, richtet sich nicht nur an die Bewohner Köln's und der Rheinprovinz, nein, sondern auch an das ganze preußische und deutsche Vaterland und es steht zu hoffen, daß dieser neue Appell an die Mildthätigkett zu Gunsten der überschwemmten Landesthetle überall seine Wirkung thun werde, zumal noch jeder Tag aus letzteren wahrhaft erschütternde Berichte bringt. Daß auch das Ausland der Ueberschwemmungs- katastrophe in Deutschland seine Theilnahme zuzuwenden beginnt, beweist schon die hochherzige Handlung des italienischen Herrschers, welcher für die Ueberschwemmungs- calamitosen in Deutschland 40,000 Frcs. gespendet hat. Ein weiterer Beweis dieser Theilnahme liegt seitens des Sultans vor; derselbe hat, um sein Wohlwollen und seine Sympathie für das deutsche Volk auf's Neue zu bethätigen, angeordnet, daß eine unter seinem Patronat stehende besondere Commission eingesetzt werde, welche Geld­sammlungen zur Unterstützung der Opfer der Ueberschwemmung in Deutschland veran­stalten soll.

Die Pariser Blätter betrachten einmüthig die Abstimmungen in der Deputirten- kammer bei der Neuwahl des Präsidenten als Mißtrauensvota gegen das neue Ministerium. Nur dieJustice", das Blatt des radicalen Parteichef's Clemenceau meint das Cabinet Floquet stehe allerdings vor einer Eoalition, aber es könne dem ersten' Ansturm derselben ruhig entgegensehen, da die gesammte republikanische Partei auf seiner Seite stehe. Sollte sich das Blatt des Herrn Clemenceau wirklich so über die Lage täuschen? Boulanger scheint mit seiner Candidatur bei der im Nord­departement bevorstehenden Ersatzwahl doch ein wenig ins Gedränge zu kommen. Die Opportunisten haben beschlossen, der Candidatur Boulanger's diejenige des Advocaten Foucard entgegenzustellen und auch die Radicalen machen Schwierigkeiten. Sie ver­langen von Boulanger eine bündige Erklärung, daß er keine Plebtscit anstrebe und auch in anderen Departements nicht mehr candidiren wolle, sonst drohen sie, mit einer eigenen Candidatur vorzugehen. Die Freunde des Ex-Generals werden es aber an einer geschickten Wahlmache sicherlich nicht fehlen lassen und da namentlich die im Norddepartement zahlreichen Bonaparttften angewiesen sind, unbedingt für Boulanger zu stimmen, so ist dessen Wahl doch ziemlich wahrscheinlich.

Nach Informationen des BernerBund" bestätigt sich die Nachricht, daß die deutsche Regierung beim schweizerischen Bundesrathe die Bestrafung der Urheber des bekannten Basler Fastnachts-Pamphlets verlangt hat. Damit sei indessen die Frage, ob nun diesem Strafantrage Folge gegeben werde, noch nicht entschieden. Die Sttaf- justiz könne erst functioniren, nachdem der Bundesrath einen bezüglichen Entscheid ge­faßt hat. Es ist nun Sache des Bundesrathes, vorläufig zu untersuchen, ob das deutsche Volk ober die deutsche Regierung öffentlich beschimpft worden sei. Wie dem genannten Blatte mitgetheilt wird, ist der Fall noch Gegenstand weiterer Prüfung; sei dieselbe abgeschlossen, so werde der Bundesrath zu entscheiden haben. Es scheint bei­nahe, als ob sich die Schweiz durch allerhand Spitzfindigkeiten um die Bestrafung der Basler Pamphlelisten Herumdrücken wolle!

Telegraphische Depeschen.

Wolff's ielegr. Eorrespondenz - Bureau.

Berlin, 6. April. Das Befinden des Kaisers ist nach einer guten Nacht heute ein befriedigendes.

Der Kaiser empfing Vormittags den Oberpräsidenten Achenbach und den Geheimerath Bork und arbeitete dann mit dem Chef des Civilkabinets.

Berlin, 6. Aprll. DieNationalzeitung" sagt bezüglich der Gerüchte von einer beabsichtigten Vermählung des Prinzen Alexander mit der Tochter des Kaisers:Bekannt­lich nahm Kaiser Wilhelm gegen den Prinzen Alexander eine durchaus ablehnende Haltung ein, die jedenfalls auch von dem Reichskanzler getheilt wird. Indessen sind, wie wir bestimmt erfahren, die erneuten Bemühungen für Alexander erfolglos geblieb-n und schon deßhalb Anlässe zu einem geheimen Conflict nichi mehr vorhanden. Von einer Demission des Reichskanzlers kann daher In keiner Weise die Rede fein."

Berlin, 6. April. DieNationalzeitung" bemerkt zu dem Battenbergischen Ehe- project, es sei selbstoerständlich, daß dasselbe unter dem Gesichtspunkte der europäischen Politik betrachtet werden und der Reichskanzler demselben widersprechen müßte. Da bei uns der Monarch oberster Leiter des Staates ist, so können Familienverbindungen der Dynastie niemals bedeutungslos sein. Am wenigsten wird daran zu denken sein, eine neue dynastische Familienverbindung zu schaffen, welche in der jetzigen ernsteren europäifchen Lage für die deutsche Politik hinderlich wäre, für welche der Reichstag soeben 700,000 Mann und 300 Millionen bewilligt hat. Es heiße die Stellung unseres Herrscherhauses verkennen, wenn man nur die Möglichkeit zugebe, daß die Wirkung derartiger Opfer durch Rücksicht auf persönliche Wünsche, wie auf ein Ehe- bündniß abgeschwächt werden könnte. Die Zustimmung des Kaisers war sicherlich im Augenblicke ausgeschlossen, wo man die politische Seite des Planes in Erwägung ziehen mußte, so daß der Reichskanzler nicht nöthig hatte, an den Rücktritt zu denken.

Köln, 6. April. DerKöln. Ztg." wird aus Berlin geschrieben, der hochselige Kaiser Wilhelm habe in den letzten Tagen den Rest seiner Lebenskraft darauf ver­wandt, um die Erfahrungen seiner langen und ruhmreichen Herrscherlaufbahn und seine geheimsten Gedanken als dauerndes Vermächtniß an den Träger der Zukunft der Dynastie zu übermitteln. Mit brechender Stimme habe er noch die Mahnung ausgesprochen, auf Rußland Rücksicht zu nehmen und die Empfindlichkeit des Kaisers von Rußland zu schonen. Der sterbende Monarch habe damit den staatsmännischen Gedanken ausgesprochen, der ihn sein ganzes Leben begleitete und der in den letzten Jahren ein Gemeingut aller politisch geschulten Deutschen geworden. Der Artikel schließt mit dem Ausdrucke des Vertrauens, daß auch in Zukunft selbst unter Opfern an dieser maßvollen zurückhaltenden Politik werde festgehalten werden.

Aachen , 6. April. Die Aachen - Münchener Feueroersicherungs-Gesellschaft stellte dem Kaiser 50,000 JL für die überschwemmten Ländestheile zur persönlichen Verfügung.

Rom, 6. April. Eine Meldung derAgencia Stefani" bestätigt, daß die Rückberufung eines Theiles der afrikanischen Truppen beschlossen sei. Rach der Rückkehr Crispi's von Florenz wird derTribuna" zufolge das Nähere bestimmt werden.

In einer Encyklika an das Episkopat dankt der Papst demselben, sowie allen Gläubigen für die großen Beweise der Liebe und Anhänglichkeit anläßlich seines Prtesterjubiläums.

Der Cardinal Schiaffino wird in Folge Todesfalles des bisherigen In­habers zum Präfekten des Index der Kongregationen ernannt werden.

Madrid, 6. April. (Meldung derAg. Haoas".) Einer Nachricht von den Philippinen zufolge nahmen die Spanier ein ausgedehntes Gebiet im Sulu-Archipel in Besitz, wobei viele Eingeborene getöbtet wurden und auch die Spanier einige Ver­luste erlitten.

Lokale-.

Gießen, 7. April. Aus dem Schulden- und Vermögensstand der Stadt Gießen ist ersichtlich, daß die Schulden im vorigen Budget 2 991 786.44 JL betrugen; für das Etatsjahr 1888/89 berechnen sich dieselben auf 3 151 001.58 JL, es ist sonach eine Erhöhung um 159 215.14 veranschlagt. Neu ausgenommen wurden 202 465.16 abgetragen 43 250.02 JL Das Vermögen der etabt betrug im Jahre 1887/88 4 432 172.93 «X, für 1888/89 berechnet sich dasselbe auf 4 518 814.69 «X, die Ver­mehrung betragt demnach 86 641.76 X An Miethe von städt. Gebäuden werden (einschließlich des Anschlagspreises der Besoldungswohnungen) erhoben 5761.57 X Das Pachtgeld aus verliehenen Gütern beträgt für das Jahr 1888/89 8225.68 X Der Erlös aus Gras und anderen Naturalien ist festgesetzt auf 15 630 X, aus Waldungen auf 80245.60 X, von Jagden 3340 X, von Grundrenten und anderen Gefällen 946.09 X Die Brandversicherungskapitalien für alle städtischen Gebäude betragen incl. des Zugangs für das neue Schlachthaus 854930 X, wovon 1030 X als Versicherungsprämien zu entrichten sind.

- Der Voranschlag der Armenkasse für 1888/89 stellt sich in Einnahme und Ausgabe .auf X 57253.07. Die hauptsächlichsten Einnahmposten sind: von Grundstücken X 1593.70, von Kapitalzinsen X 10966.60, Beiträge aus Staats- und Gemeindckassen M. 33030.45, Ersatz von Pfleggeldcrn M 3000 - Unter den Ausgaben weisen die folgende Posten größere Summen auf: Gehälter und Besoldung X 3001.71, Unterhaltung der Pfleglinge außerhalb des Hauses X 7500, ständige UnterstützungM. X 2293.29, unständige Gaben «X 19000, Lebensmittel zum Verbrauch im Hause X 5000, ärztliche Behandlung und Arzneien «X 8500.

Gießen, 6. April. Die Kaufmännische Kranken- und Begräbnißkasse Gießen, E. H., hatte gestern Abend ihre diesjährige ordentliche Generalversammlung. Dem eingehenden Rechenschaftsberichte des Vorstandes über bas Verwaltungsjahr 1887 ent­nehmen wir wiederum recht günstige Resultate. Die Mitglieberzahl hat sich gehoben und die Vermögenslage trotz hoher Ansprüche einen bedeutenden Zuwachs erfahren» Die Einnahmen betrugen X 1746,84, die Ausgaben einschließlich Zuführung zuu«