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Mage zu Jlr. 58 desAchmer Anzeiger".

Berlin, 4. März. Zur dritten Lesung des den Befähigungsnachweis betreffenden Gesetzentwurfs haben die sreiconseroattven Äbgg. v. Kardorff, Lohren und Genossen zum Unterschied der weit härteren Bestimmungen, welche in der zweiten Lesung mit geringer Mehrheit vom Reichstag gebilligt worden sind, folgende Fassung der betreffenden Paragraphen beantragt:Der Befähigungsnachweis wird geführt A. für die Gewerbe der Barbiere, Friseure, Bäcker und Conditoren, Böttcher und Buchbinder, Bürsten­binder, Drechsler, Glaser, Klempner, Korbmacher, Kürschner, Kupferschmiede, Maler (Anstreicher), Nadler, Sattler, Schlosser, Schmiede, Schneider, Schuhmacher, Seiler, Stellmacher, Tapezierer, Tischler, Töpfer, Uhrmacher, Weber, Wirker durch Bei­bringung eines von dem Vorstände der Innung des betreffenden Gewerbes bestätigten Lehrzeugnisses und eines von den Ortsbehördcn beglaubigten Arbeitszeugnisses über eine Beschäftigung von zusammen mindestens drei Jahren als Geselle oder als Gehilfe in dem betreffenden Gewerbe oder in einem diesen Gewerben verwandten Fabrtkbetriebe; B. für Gewerbe, welche bei mangelhafter Ausübung Leben und Gesundheit der Mit­bürger gefährden, insbesondere für Brunnenmacher, Dachdecker, Maurer, Schornstein­feger, Stuckateure, Steinmetzen, Zimmerleute, durch Ablegung einer technischen Prüfung vor der für das betreffende Gewerbe eingesetzten Prüfungsbehörde. Die Behörde kann in allen Fällen, wo es dem Bewerber unmöglich ist, das Lehrzeugnih oder daS Arbeits- zeugnitz nachträglich herbeizuschaffen oder wo Bedenken gegen den Inhalt der Zeugnisse bestehen, einen in anderer Weise zu führenden Nachweis der Befähigung fordern. Der Bundesrath ist ermächtigt, den Befähigungsnachweis auch für andere als die oben ausgesührten handwerksmäßigen Gewerbe vorzuschreiben. Endlich soll § 149 (bezüglich ber Frauen) folgende Bestimmung enthalten:Frauen, welche selbstständig eines der «den ausgcsührten Gewerbe betreiben wollen, haben entweder den Befähigungsnachweis zu fuhren oder einen nach Maßgabe dieses Gesetzes qualtfictrten Stellvertreter zu bestellen. Frauen, welche allein oder nur mit ihren Familienangehörigen Arbeiten anfertigen, haben einen Befähigungsnachweis nicht zu führen. Betreffs der Wittwen bewendet es bei den Bestimmungen im S 46 der Gewerbeordnung, jedoch mit der Maßgabe, daß der Stellvertreter den Nachweis der Befähigung zu führen hat.

Lokale».

Gieße«, 6. März. Am 29. v. M. sand in Lich eine Sitzung des Landwirth- schastlichen Localvereins Gießen statt. Herr Landwirthschastslehrer Leithiger aus Als­feld hielt einen Vortrag über die Anwendung künstlicher Dünger. Obwohl die Sitzung «mf einen Wochentag anberaumt wurde, war doch die Theilnahme an derselben eine außerordentlich starke. Der Saal des Holländischen Hofes vermochte die Zuhörer kaum alle zu fassen.

Vor etwa 10 Jahren noch batte unmöglich das Thema des Vortrages eine so zahlreiche Zuhörerschaft angelockt. Damals gab es noch größere Landwtrthe genug in Ober Hessen , die die Anwendung von künstlichen Düngemitteln für thöncht, oder mindestens für gewagt hielten. Heute werden in der Provinz Oberbessen allein jähr­lich vielleicht eine halbe Million Mark oder mehr für künstliche Dünger ausgegeben auch der kleinste Bauer wird auf die sichtbaren Erfolge dieser Düngemittel aufmerksam und bemüht sich, sich über die Anwendung derselben zu unterrichten.

Was hat den Landwirth so rasch bekehrt, wodurch bringt er denen, die eon der Anwendung künstlicher Düngemittel öffentlich sprechen so siel Interesse, so viel Auf­merksamkeit und Dank entgegen, statt Hohn und Spott, wie das früher nicht selten »orkam?

Die Preise für Getreide sind um etwa 30% niedriger als vor 12 Jahren, der Raps kostet 33% weniger als früher, die Schlachtthiere sind um etwa 25% billiger als sonst. Dabei sind die Arbeitslöhne eher höher geworden. Der Aufwand für die Bedürfnisse der Familie, für Steuern und Abgaben, ist etwa der gleiche geblieben.

Ta sagt sich auch der kleinste Landwirth: Du mußt auf derselben Fläche mehr ernten als früher, damit du nicht unter den Verhältnissen zu Grunde gehst. Und auch der kleinste Landwirth kommt allmälig zu der Erkenntniß, daß dies neben tüchtiger Bearbeitung des Bodens, neben guter Viehhaltung resp. Fütterung, neben richtiger Fruchtwechselwirthschast nur noch durch die richtige Anwendung der künstlichen Dünge­mittel , neben der Anwendung des gut behandelten Stallmistes möglich ist. Ja die Landwirthe kommen allmälich zu der Erkenntniß, daß, wenn ihnen selbst Stalldünger ausreichend zur Verfügung stände, ttotzdem die Anwendung künstlicher Düngemittel, fpeciell der Phosphorsäure-haltigen geboten wäre.

Früher war man mit dem Ertrage von 3% 5 Mltr. Waizen p. V« Hekt. vollständig zufrieden. Das Mltr. Waizen kostete damals 2530 JL. Heute müssen 69 Mltr. Waizen geerntet werden zum Preise von 1617 jt, wenn die Wirtschaft noch ganz bescheidenen Nutzen abwerfen soll. Aber diese Ernten sind nur möglich durch erhöhtes Betricbscapital: durch die Anwendung der Verstandeskräfte, bester Ackergeräthe, bester Arbeitskraft und bester Düngemittel.

Es ist eine Freude zu sehen, daß wie schon oben gesagt wurde, auch der kleine Landwirth mit solchem Interesse den Sitzungen der Landwirihschasilichen Localoereine in Gießen, Langgöns, Grünberg, Hungen, Alsfeld beiwohnt. Mit welchem Eifer Fragen gestellt und beantwortet werden, wie das Streben durch die ganze Ver­sammlung geht, sich zu unterrichten und von dem Gehörten Gebrauch zu machen.

Eine der berechtigten Fragen, der sich allerdings leicht abhelfen ließe und der in einzelnen Vereinen auch schon abgeholfen wurde, ist die der kleinen Landwirthe: Wie beschaffen wir uns die wenigen Centner künstlicher Dünger, die wir nötbig haben? Wir haben theure Stückzutfrachten dafür zu bezahlen und können der Kosten wegen, den bezogenen künstlichen Dünger auf seinen Gehalt nicht bei der Landwirthschaftlichen Versuchsstation in Darmstadt prüfen lassen, was doch so nothwendig ist.

Die Mitglieder der Landwirthschaftlichen Localoereine in Langgöns und Alsfeld beziehen den Bedarf an künstlichem Dünger gemeinsam, waggonweise. Anderswo wie z. B. in Lauter bei Grünberg wurden hauptsächlich zu dem Zweck landwirthschastliche Eonsumvereine gegründet. Das sind Auswege, die überall für die kleineren Land- wirlhe möglich sind, und die ihnen hiermit dringend empfohlen sein sollen. 8.

Vermischtes.

Frankfurt a. M. Bet einem hiesigen Bankhause, welches kürzlich durch In­serat einenAusläufer" suchte, meldeten sieb zu dieser Stelle nicht weniger als 247 Per­sonen. ES ist dies ein Beweis mehr dafür, daß es eine Menge Menschen gibt, die nichts Richtiges gelernt haben. Man suche einmal einen ganz vorzüglichen, selbst­ständigen Professionisten, bann melden sich keine 247. Handwerk hat heute noch goldenen Boden, das sollten jetzt zu Ostern die Eltern von aus der Schule kommenden Söhnen bedenken.

Xiterarifcbc».

DieNeue Hessische Volksblätter" schreiben: Herr Adolf Müller, der sich bekanntlich schon seit langer Zeit in der gejammten deutschen Schriftstellerwelt eines hervorragend geachteten Namens erfreut, hat unter dem TitelDoctor Faust's Ende", Tragödie in fünf Auszügen (Verlag von Eh. Fulda, Blankenburg a. H.), neuerdings ein hocbpoetisches und tiefdulchdachtes dramatisches Werk der Oeffentlichkeit übergeben, auf welches wir hiermit die Kunst- und Literaturfreunde in den weitesten Kreisen ganz besonders aufmerksam machen möchten, denn dasselbe ragt an Gedanken- reichthum und dichterischen Schönheiten hoch über Dasjenige hinaus, was man gewohnt ist, auf dem alltäglichen Bühnen-Nooitätcn Markte vorzufinden. Mit sittlichem Ernste und geläuterter Phantasie ist Herr Adolf Müller an seine.Ausgabe herangetreten, das Horazischenonum prematar in annum hierbei nicht nur befolgend, sondern in weiser Selbstprüfung noch überbietend, denn wie wir hören haben wir es inDoctor Faust's- Ende" mit einer Arbeit zu thun, an welcher ihr Verfasser 36 Jahre lang schuf und feilte, bis er die Zeit ihresStapellaufs" für gekommen erachtete.

Die Dichtung knüpft auch in der Behandlung des Verses und Reims an den Goethe'schenFaust" an und laßt mit dem Titelhelden undMephisto" nochKarl V", dessen SchwesterMaria", die verwittwete Königin von Ungarn und Statthalterin der Niederlande", Luther, Alba, Tetzel u. A. m. persönlich auftretend in die Handlung eingreifen, indem in kunstgerechter Grupplrung dieser Charaktere ein intereffantes historisches Gemälde entrollt wird, welches eines tiefen Eindrucks auf den gebildeten Leser und Hörer allenthalben sicher sein wird und wir hielten beispielsweise für das demnächst in der Lutherstadt Worms zu eröffnende Festspielhaus kaum eine würdigere Weihe denkbar, als durch Aufführung des hier besprochenen, die Zett der Reformation in großen Zügen schildernden Tendenzdramas, auf dessen Dichter, als einen seiner Söbne, unter engeres Vaterland mit Reckt stolz sein darf.

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