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Nr. 261 Mittwoch den 7. November 1888.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Schulstraße 7. Erscheint tüglich mit Ausnahme des M-nt-gS. I"ch

Amtlicher Hheiü

Betreffend: Schafräude zu Watzenborn-Steinberg.

Bekanntmachung.

Die über die Schafheerde zu Steinberg wegen Verdachts der Ansteckung an Räude verfügte Sperre wird, nachdem sich bis jetzt Erkrankungen nicht gezeigt haben, hierdurch ausgehoben.

Die über die Schafheerden zu Watzenborn wegen Räudeausbruchs verhängte Sperre bleibt, wenn auch die Schafe der früheren Heerde abgefchlachtet sind, vorerst bestehen, weil die Besitzer vor Anschaffung neuer Schafe die Ausführung der vorschriftsmäßigen Desinfection unterlassen haben.

Gießen, am 5. November 1888. Grobherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gigern.

Politische Rundschau.

Gießen, 6. November.

Hälfet Wilhelm gedenkt demnächst auch der zweiten Stadt des preußischen Staates einen Besuch zu machen und sieht man demselben in Breslau für den 15. No­vember entgegen. An den beiden folgenden Tagen dürfte der Kaiser im Fürstenwalde bei Glau, vielleicht auch als Gast des Königs von Sachsen in dessen Forsten bet Stbyllenort jagen.

Jeden Tag kann man jetzt der amtlichen Bekanntmachung über die Einberufung des Neich-tage- entgegensetzen, welcher allgemeiner Annahme zufolge gegen den 20. d. M. -u feiner Wtntersession zusammentreten wird. Hoffentlich wird sich der Bundesrath mit der Vorberathung des Retchshaushaltsetats inzwischen noch so weit beeilen, daß der Reichstag bet seinem Zusammentritte wenigstens diese eine Vorlage vorfindet, denn mit anderen Berathungsgegenständen ist es vorläufig noch ziemlich schlecht bestellt. Optimisten hatten bereits davon gesprochen, daß die Alters- und Jnoalidttäts- versicherungsvorlage dem Retchsparlamente bei feiner Eröffnung zugehen würde, wovon über keine Rede fein, kann, da die Vorlage zur Zeit noch immer die Bundesraths­ausschüsse beschäftigt. Auch in der letzten Sitzung des Bundesrathes kam es wider -Erwarten noch nicht zu einer Plenarberathung über die Vorlage, da dieselbe in einigen wesentlichen Punkten erneute Abänderungen durch die Ausschüsse ersahren soll; über­haupt ist es nicht wahrscheinlich, daß die Jnvaliditätsoerficherungsvorlage noch vor Weihnachten an das Parlament gelangt und dasselbe dürfte von dem um- gearbelteten Genossenschaftsgesetzentwurfe zu gelten haben. Von sonstigen Berathungs- gegmständen für die bevorstehende Retchstagssession verlautet noch herzlich wenig und auch die Gerüchte über eine dem Reichstage wegen der ostafrikantschen Unruhen zu machende Vorlage sind als unbegründet bezeichnet worden. Vielleicht lassen sich aber die Regierungsblätter nunmehr des Näheren über das Arbettsprogramm deS Reichs­tages vernehmen.

Dem ungarische« Unterhause ist die Conversionsvorlage des Minister­präsidenten und intermimstischen Fmanzministers Tisza zugegangen, welche bestimmt zu sein scheint, eine neue Epoche in der Finanzpolitik Ungarns einzuletten. Die Vorlage -bezweckt die Umwandlung einer Anzahl Eisenbahnanlethen des ungarischen Staates in ein längstens in 75 Jahren zu amorltstrendes und niedriger zu verzinsendes Gold­anleihen und bezüglich einer Reihe weiterer Eisenbahnanlethen die Umwandlung der­selben in ein Silberanleihen, das in längstens 80 Jahren amortisirt und ebenfalls niedriger verzinst werden soll. Endlich sollen an Stelle der jetzigen, im Betrage von über 70 Millionen Gulden im Umlauf befindlichen ungarischen Grundentlastungs- Obltgationen neue Obligationen zu einem niedrigeren Zinsfüße ausgegeben werden. Heber diese weittragenden finanziellen Maßnahmen enthält dann die'Vorlage noch nähere Bestimmungen und spricht sie es weiter aus, daß die sich aus den Ersparnissen an Zinsen und bei der Amortisation der neuen Anleihen jährlich ergebende Summe mindestens so groß sein müsse, als die Summe, welche mit 13,097,430 Fl. alsTilgungs­rente" in das ungarische Budget für 1889 eingestellt wird. Der Gesetzentwurf ent­hält schließlich die Bestimmung, daß in Zukunft zu Tilgungszwecken keine Papierrente mehr ausgegeben werden darf, daß Vie ganze Operation bis Ende 1890 abgeschlossen sein muß und daß der Minister im Jahre 1891 dem Reichstage Bericht hierüber zu erstatten hat. lieber die Aufnahmt, welche diese finanzpolitischen Reformoorschläge Tisza's im ungarischen Parlamente gefunden haben, verlautet noch nichts Bestimmtes, oennuthlich werden sie aber zu lebhaften Verhandlungen führen, deren Ausgang sich noch nicht beurtheilen läßt.

Mit der kürzlich erfolgten Unterzeichnung der Guezcanal-Converrtion durch den Sultan ist wiederum eine Frage auS der Welt geschafft, welche zu internationalen Reibungen zu führen drohte. Es wird nachträglich bekannt, daß Graf Montebello, der Botschafter Frankreichs bei der Pforte, mit dem Sultan kurz vor Unterzeichnung der Convention eine Unterredung hatte, in welcher sich der Botschafter dahin äußerte, Frankreich werde seine Interessen im Mtttelmeere, falls dieselben durch englische Unter­nehmungen gefährdet erschienen, nachdrücklich wahren, selbst wenn sich Frankreich des­halb mit andern Mächten, als mit der Türkei, verständigen müßte. In den diplo­matischen Kreisen Constantinopels hat man diese Aeußerung Montebello's vielfach als eine halbversteckte, an die Adresse der Pforte gerichtete Drohung Frankreichs betrachtet. Wenn dem aber wirklich so gewesen ist, so beweist jedenfalls die ohne allen Vorbehalt erfolgte Unterzeichnung der Suez-Convention durch den Sultan, daß sich derselbe durch die französischen Drohungen und wohl auch Jntriguen doch nicht hat einschüchtern lassen.

Aeulschkand.

Darmstadt, 2. November. (Die Gedenktafel für die Königin Louise von Preußen.) In aller Stille wurde in den letzten Tagen eine dem Andenken einer der edelsten Frauen der Geschichte gewidmete Gedenktafel dem Hause' des Kaufmanns Herrn Gaydoul auf dem Marktplatz hier, gegenüber dem Residenz­

schlosse, eingefügt In diesem Hause, daS früher das alte Palais gewesen ist und von Ludwig VIII. von dem Herrn o. Uttenrodt erworben worden war, verletzte Louise, Prinzessin von Mecklenburg-Strelitz, die nachherige Königin Louise von Preußm, ihre Jugendjahre bei ihrer Großmutter der LiMdgräfin Marie Louise Albertine und ihrer Erzieherin, einer Schweizerin, Fräulein v. Gelieut. Die Lebensperiode der hohen Dame fand bekanntlich ihren Abschluß mit der hier am 24. April 1793 erfolgten Ver­lobung mit dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm von Preußm, dm sie in Frankfurt a. M. kennen gelernt hatte. Die Gedenktafel ist von der Stadt Darmstadt dem Andenken der erhabenen Fürstin gewidmet und stellt in Cornposition und Ausführung ein vollendetes Kunstwerk dar. Der Entwurf rührt von den städtischen Baubeamten Herren Baurath Broder und Architekten Bieber her; ausgeführt wurde die Arbeit von Herrn Hofbildhauer Carl Schott dahier. Die Tafel ist aus weißem Marmor an- geferttgt; die eigentliche Schrifttafel ist 0,68 x 0,47 Mir. groß. Die Umrahmung besteht aus reicher Architektur und ist rechts und links von mit Palmetten bekrönten Pilastern geziert. Am Fuß derselben befinden sich di- Wappen von Mecklmburg und Preußm. Der Schlußstein enthält die Widmung und trägt an seinem Fuße das Wappen der Stadt Darmstadt. In der Mitte über der Schrifttafel ist, als Rosette mit Lorbeerzweigen, in erhabener Arbeit die InitialeL" angebracht und darüber die Krone. Dfi: Schrift ist in Blei ausgeführt, welches Verfahren Herr Hofbildhauer Schott zu großer Vollkommenheit gebracht hat und es hat diese Manier den VortheU, daß die äußerst dauerhafte Schrift iehr rein und schön hervortritt und auf ver- hältnißmäßig weite Entfernung aufs deutlichste lesbar ist. Die Inschrift lautet: In diesem Hause wohnte in den Jahren 17831793 die Prinzessin Louise von Mecklm- burg-Strelitz, nachmalige Königin Louise von Preußen, die Mutter Sr. Majestät deS Deutschen Kaisers Wilhelm I. Gewidmet von der Stadt Darmstadt 1888.

Berlin, 5. November. Nach einer Meldung derNordd. Allgem. Ztg." habe» die s. Z. in Belfort infultirten deutschen Studenten aus Freiburg eine Eingabe an dm Reichskanzler gerichtet, worin sie mittheilm, daß das badffche Justizministerium die Belforter Angelegenheit für erledigt halte, nachdem alle Bemühungen, einen französischen Rechtsanwalt zu gewinnen, erfolglos geblieben seien.

Berlin, 4. November. Die Eisenbahn, auf welcher dem Czaren das Unglück zugestoßen ist, ist in Rußland unter dem Namen einer Poljaloff'fchm Bahn geradezu berüchtigt. Die Umgebung des Kaisers warnte vor der Benutzung dieser Bahn über­haupt, der Kaiser aber bestand daraus. An irgend eine frevelhafte Ursache des Unglücks wird nirgends mehr geglaubt (F. I.)

Aus Anlaß der feierlichen Grundsteinlegung zum Reichsgerichtsgebäude hat Seine Majestät der Kaiser eine größere Zahl von Auszeichnungen Allergnädigst zu verleihen geruht: Es haben erhalten: Der Königlich Sächsische Staatsminister und Minister der Justiz Dr. von Abeken dm Rothen Adler-Orden erster Classe; der Oberbürgermeister von Leipzig vr. Georgi den Rothen Adler-Orden zweiter Classe; der Senatsvräsident vom Reichsgericht Dr. Drechsler den Rothen Adler-Orden zwetter Classe mit oem Stern; die Reichsgerichtsräthe Dr. Schlesinger, v. Streich und Rüger, der Neichsanwalt Galli und der Rechtsanwalt bei dem Reichsgericht Justiz­rath Arndts den Rothen Adler-Orden dritter Classe mit der Schleife; die Reichs­gerichtsräthe v. Bezold, Nokk und Englaender, der Rechtsanwalt bei dem Reichs­gericht, Justizrath Fenner, dm Rothen Adler-Orden vierter Classe; der Bureauvorsteher bei dem Reichsgericht, Geheime Canzleirath Berger, den Königlichm Kronen-Orden dritter Classe. Dem Rechtsanwalt dei dem Reichsgericht Sachs ist der Charakter als Justizrath verliehen worden.

Nach einer Mittheilung derKöln. Zig." beabsichtigt der Kaiser, schon in nächster Zeit eine neue kleidsame Uniform für die Reichsbeamten anzuordnen.

Görlitz, 5. November. Vorgestern wurde hier die Beschlagnahme der Mackenzte'schen Broschüre verfügt, heute ist die Beschlagnahme wieder aufgehobm worden.

Telegraphisch« pepeschen.

BeltPi trUar. «orresponde«,, Brrreair.

Stuttgart, 5. November. DemStaatsanzeiger für Württemberg" zufolge ist der Präsident des Staatsministeriums, Freiherr v. Mittnacht, auf Wunsch des Königs gestern nach Nizza a(»gereift. DerStaatsanzeiger" bringt ferner folgende Mit­theilung: Gegenüber der Behauptung auswärtiger Zeitungen über angeblich von Sr. Majestät dem König contrabirte, das allerhöchste Privatvermögen belastende Ver­bindlichkeiten sind wir von zuständiger Seite zu der Erklärung ermächtigt, daß die fragliche Behauptung jedes thatsächlichm Grundes entbehrt.

Wie«, 5. November. In Vertretung des Kaisers begibt sich Erzherzog Wilhelm, begleitet vom Kammervorsteher Baron Koblitz und einem Ehrencavalier in den nächsten Tagen nach Kopenhagen, um dem Regierungsjubiläum des Königs beizuwohnen.

Kopenhagen, 5. November. Die Prinzessin von Wales wird mit ihrem ältesten Sohne, dem Prinzen Albert Victor, zu dem am 15. d. M. stattfindenden Regierungs­jubiläum des Königs hier eintreffen.

Pari-, 5. November. Einer Meldung derAgence Havas" aus Tanger zu­folge hat der Sultan von Marokko an die Vertreter der Mächte ein Schreiben gerichtet, in welchem er fein Bedauern darüber ausspricht, daß die Madrider Conferenz aus Mangel an Einvernehmen seitens der Mächte nicht zu Stande gekommen fei und die­selben auffordert, seinem Ministerium alljährlich zur Vermeidung von Schwierigkeiten ein Vcrzcichniß der Schutzbefohlenen einzureichen.