Ausgabe 
7.10.1888 Zweites Blatt
 
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. >

1888.

Dureaur Schulstraße. 7.

Erscheint täglich mtt Ausnahme des MontagS.

I».«........ Hl«.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Aeutschtaud.

Berlin. Nach S 2 des Unfallversicherungsgesetzes vom 6. Juli 1884 können die Berufsgenossenschaften durch Statut bestimmen, daß und unter welchen Bcduigungen auch Unternehmer der versicherungspflichltgen Betriebe berechtigt stnd, sich selbst gegen die Folgen von Betriebsunfällen zu versichern. Viele Berufsgenossenschaften haben von dieser Ermächtigung Gebrauch gemacht und dabei einen Maximalsatz des JahreSarbeits- verdtenstes, dis zu welchem sich die Versicherung erstrecken kann, festgesetzt. In einer dieser Genossenschaften nun hatte ein Betriebsunternehmer, ohne wie das Statut oor- fchreibt, seine Versicherung unter Bezeichnung des zu Grunde zu legenden Jahresarbeits­verdienstes beim Genossenschaftsoorftande zu beantragen, lediglich sich selbst und seinen Jahresarbettsverdtenft in der Lohnnachwetsung aufgeführt. Nachdem ihn ein Unfall betroffen hatte, beanspruchte er Entschädigung, welche ihm jedoch von der Genossenschaft versagt wurde. Sein Gesuch um amtliche Einwirkung auf den Vorstand der Genossen­schaft behufs Gewährung der Entschädigung hat das Reichs-Versicherungsamt adgelehnt und dabet die Ansicht ausgesprochen, daß die Aufführung des eigenen Verdienstes in der Lohnnachweisung an sich die Versicherung des Unternehmers nicht begründe.

Berlin, 3. October. Das Vordringen der deutschen Industrie im ottomanischen Reiche verursacht den Franzosen schlaflose Nächte. Es macht einen komischen Eindruck, wenn die französischen Blatter Schmerzensschreie ausftoßen und die arme Türket i bejammern, welcheunter einer furchtbaren Invasion der Deutschen dahinstirbt", einer Invasion, welche völlig friedlich, lediglich handeltreibend, aber ebenso gefährlich sei als eine Invasion mtt gewaffneter Hand während es dieselben Blätter, ein paar Zeilen weiter unten, nur in Ordnung finden, daß Frankreich beinahe ein volles Jahrhundert hindurch den Handel mtt der Türket gleichsam monopolisirt habe.

Am aufgeregtesten zeigt sich derFigaro". Er gräbt aus dem unterm 23. August erstatteten Bericht eines im Orient ftationirten hohen französischen Beamten folgende Stelle aus:

Die Zahl der in verschiedenen Oertlichkeiten des ottomanischen Reiches seßhaft gewordenen Deutschen hat in einer ebenso sehr für die handeltreibende Be­völkerung dieses Landes als für den Handel und die Industrie der in Handels­beziehungen zur Türkei stehenden anderen Länder Europas bedrohlichen Weise zugenommen."

Den Effekt dieses Kassandrarufes zu verstärken, ertheilt derFigaro" einem Konstantinopeler Correspondenten das Wort zu folgenden Ergießungen:

Alle Welt klagt über diese Eindringlinge; wir haben es hier mtt einer fried­lichen, langsamen, aber ununterbrochenen und fortschreitenden Invasion zu thun. Der Handel verflüchtigt sich immer mehr aus der Hand der Eingeborenen und der seil langem in Konstantinopel, Smyrna, und anderwärts etablirten Ausländer und geht zu den Deutschen über. Nichts vermag ihnen zu widerstehen; sie erobern alles, sie legen sich auf alle nur denkbaren Geschäftszweige. Denen, die sich n.it ihnen emlassen, gewähren sie alle^möglichen Erleichterungen; sie gehen überall hin, sie fassen überall festen Fuß. Sie treffen tagtäglich in Gruppen zu fünf, zehn, fünfzehn Personen in Konstantinopel ein. Man findet sie überall, in allen Er­werbs- und Berufsarten. Bisher widmeten sie sich vorzugsweise dem mittleren Handelsbetrieb. Jetzt sind sie sowohl in den Groß- als tn den Kleinhandel ein­gedrungen."

Der Briefschreiber desFigaro" bemerkt noch, daß seit Eröffnung der Salonichi. bahn die deutsche Einwanderung nach der Türkei einen bedeutenden Aufschwung genommen habe. Das Blatt sieht übrigens schon den Zeitpunkt herannahen, wo das bisherige französische Quasi-Monopol des Orienthandels in die Hände der Deutschen übergegangen sein werde, welche die Türkei überschwemmten und derselben ihre Eultur aufdrängten. Im Namen des Patriotismus endlich beschwört derFigaro" seine Landsleute die Ohren steif zu halten und nicht zu vergessen, daß die Deutschen ein Volk seien, welches die Eroberungen auf dem Gebiete des Handels ebenso liebe wie diejenigen auf dem Gebiete der Politik. Da hätten wir denn den Appell an den Chauvinismus, von dessen Thorheit die Franzosen sich nachgerade doch überzeugt haben könnten.

Vermischtes.

*Darmstadt,3. October. Am 11. October wird der Mittelrheinische Architekten- und Ingenieur-Verein seine diesjährliche ordentliche Hauptversammlung tn Darmstadt abhalten. Der Verein bildet einen Zweig des großen Verbandes Deutscher Architekten- unb Ingenieur-Vereine und zählt über 160 Mitglieder, welche zum größten Theile am Mittelrhein das Feld ihrer fruchtbringenden Thäligkeit haben. Demnach soll auch mit dieser Versammlung eine Ausstellung von Zeichnungen und Modellen solcher Baulich­keiten verbunden werden, welche im Lause der letzten Jahre am Mittelrhein geplant, kezw. ausgeführt sind. Diese Ausstellung wird im Saalbau ftattfinden und verspricht nach den bisherigen Anmeldungen eine sehr reichhaltige zu werden. Auf dem Gebiete des Hochbaues werden eine große Anzahl Postneubauten am Mittelrhein durch die Originalpläne vertreten fein, so Trier, Darmstadt, Heidelberg. Worms, Bingen u. a. Die Hessische Ludwigsbahn stellt das neue Verwaltungsgebäude in Mainz, die Bürger­meisterei Mainz die Pläne der Stadthalle, verschiedene Schulhäuser u. s. w. aus. Von dem Wormser Volkstheater werden Zeichnungen und ein großes Modell auf der Aus­stellung fein. Auch die neuen Unioerfitätsdauten in Gießen werden nicht fehlen Viel­leicht noch reichhaltiger wird die Ausstellung von Bauten aus dem Gebrete des Jn- genteurwesens beschickt werden. Es mögen nur vorgeführt werden: die Bahnumführungs­arbeiten der Hess. Ludwigsbahn in Mainz, die Hafenanlagen ebendaselbst, die Pläne der neuen Brücken zu Mainz, Offenbach und Kostheim, die am Bahnhof Darmstadt geplanten Unterführungen der Main-Neckar-Bahn, die Pläne einer Reibe von Neben­bahnen, welche von der Darmstädter Bank und Herrn Bachstein ausgeführt werden, und viele andere. Da außerdem zwei interessante Vorträge auf der Tagesordnung stehen über den Bau der Kosthetmer Mainbrücke von Herrn Mtnisterialrath Dr. Schäffer und über die Universitäts-Neubauten in Gießen von Herrn Kretsbauassessor Klingelhöffer so kann der Besuch der Ausstellung und der Versammlung allen In­teressenten angelegentlichft empfohlen werden.

Hause. Durch Verrath eines verurtheilten Complicen fand bet P. eine Haussuchung statt, wobei dasHackengewehr" gefunden und P. zur Bestrafung gebracht wurde.

Literarisches.

~ Der »Wassersport" erscheint im neuen Jahrgang mit reichem Bilder- IZ^uck. Nr. 1 enthüll unter Rudern: Deutsche Verbands-Regatta. Meisterschaft der WeU. Meisterschaft von Frankreich. Von Ulm nach Budapest, eine Donaufahrt. ~l i r Ruderer. Nachrichten. Unter Segeln: Die amerikanische Schwertyacht Shadow" mit Constructions- und Segelriß. Rigaer Yacht-Club-Regatta. Kielboot- Regatta, Berlin. Aus Skandinavien. Nachrichten. Unter Schwimmen: Nach­richten. Unter Allgemeines: Torpederleutnants. Nachrichten. Aus anderen Sport­gebieten und Briefkasten.

LandwirthschaftlicheS.

Welches sind die besten Rosen? Diese Frage ist schon oft aufgeworfen und ihre Beantwortung besonders von gärtnerischen Vereinigungen durch Versendung von Fragebogen und Gruppirung der eingehenden .Abstimmungen versucht worden. Immerhin find dieser Ermittelungswetse erhebliche Mißstände nicht adzusprechen, besonders da jene Fragebogen nur an die dem Veranstalter bekannten Adressen von Rosen-Züchtern und -Freunden versandt wurden, deren persönliche Anschauung und Vorliebe bei der Abstimmung naturgemäß eine mehr oder minder große Rolle spielten. Neu und durch seine wirklich verblüffende Einfachheit originell ist der Modus, wie die bekannte Rosenfirma Gebr. Schultheis in dem benachbarten Steinfurth bei Bad- Nauheim die Frage annähernd zu lösen versuchte (die Firma besitzt bekanntlich eine der größten und bewährtesten Rosenzüchtereien der Welt). Von dem richtigen Gedanken ausgehend, daß für die Werthbestimmung von Rosen doch in erster Linie der größere oder geringere Begehr des kaufenden Publikums maßgebend sein müsse, hat sie still­schweigend während der letzten 4 Jahre die bei ihr eingehenden Bestellungen auf namentlich verlangte Rosen gesammelt, die auf eine einzelne Rose entfallenden Be­stellungen gezählt, und veröffentlicht jetzt in ihrem diesjährigen Herbstcatalog eine classifictrte llebersicht der begehrtesten älteren und neueren Rosen, die für jeden Rosen­freund von hohem Interesse sein muß. Wir ersehen daraus z. B., daß von den älteren Rosen die Baronne de Rothschild am öftesten (21 900) verlangt wurde, dann kommt Gloire de Dijon (14 889) und Souv. de la Malmaison (14178) u. s. w. Von den neueren Rosen erscheinen die englischen Züchtungen, besonders die des unermüdlichen und erfolgreichen W. F. Bennett, sich steigender Beliebtheit zu erfreuen. Es dürfte wohl kaum zu gewagt erscheinen, wenn wir prophezeien, daß tn 1015 Jahren, bei zunehmendem Bekanntwerden und naturgemäßer Verbilligung, eine ganze Reihe dieser herrlichen Neuzüchtungen, Insbesondere die prachtvollen Theehybriden wie z. B. Lady Fitzwilliam, in unseren Gärten dominiren und gar manche der jetzt beliebten und ver­breiteten <>orten in den Hintergrund drängen werden.

r.. In ihrem diesjährigen Katalog veröffentlichten Gebr. Schultheis auch eine statt- llche Reihe von Zeugnissen, die sich über die Vortheile von Sämlingshochstämmen tm Vergleich mit der seither meist gebräuchlichen Hochstammveredlung auf Wildlingen aussprechen. Bei dem letzteren Verfahren werden die im Wald wild wachsenden Stamme ber Hundsrose (rosa canina) ausgegraben, von den Dornen und Seitentriiben befreit und dann veredelt. Hierbei hat man zwar den Vortheil, sofort kräftige Stämme zu haben, aber das Entfernen der Dornen und Seitentriebe an den ausgereiften rammen ^ht fast nie ohne Verletzungen derselben von Statten, in denen sich in naßkalten Wintern, wie der verflossene, die Feuchtigkeit festsetzt und durch nachheriges Gefrieren die Stamme vernichtet. Hinzukommt der in der Regel nicht genug beachtete Umstand, daß dre wild aufgewachsenen Stämme, weil nicht in ihrer Jugend öfter ver­pflanzt, eine geringere Bewurzelung besitzen, was dann wiederum eine langsamere Kronenbildung und schwächere Blühbarkeit zur Folge hat. Denn wie bei allen Pflanzen steht auch bei den Rosen das Wachsthum und die Willigkeit zum Blühen im directen Verhaltniß zur gehörigen reichlichen Bewurzelung. Bei Sämlingen dagegen wird der Same von rosa canina auf gut rigolte und gedüngte Felder untergebracht, die Pflanzen werden, vor ihrer Veredlung im vierten Jahre, jedes Jahr In besondere Stammschulen verpflanzt und Dornen und Seitentriebe, sobald sie sich zeigen, an dm noch zarten Stämmchen beseitigt, was ohne die geringste Beschädigung der letzteren ge chteht. Auf die so erzielten gut bewurzelten und tadellos glatten und biegsamen Stämmchen rotrb bann veredelt und tm fünften Jahre ist der Hochstamm mit guter Krone zum Verkauf fertig. Freilich ist der Stamm nicht so dick, wie bet den Wild- l ngen, aber dem kann durch gutes Anbtnden abgeholfen werden, zumal das Stämmchen, einmal tn den Garten gepflanzt, jährlich an Umfang zunimmt. Dagegen ist das Ntederlegen im Winter wesentlich erleichtert; man braucht nicht zu befürchten, daß einem etwa ein Stamm dabei adbricht. Ferner ertragen die Sämlingsstämme besser UJ? Ji SFÄkrf? 2öinter unb vor Allem blühen sie im Sommer und Herbst weit reicher als die Wlldstämme. Auch das Anwachsen nach der Pflanzung ist sicherer als bei lenen, eben vermöge der besseren Bewurzelung. Unseren Handelsgärtnern ist jedenfalls der Erwerb solcher Samlingsstämme zu empfehlen; das Publikum wird bald merken, daß es ber dem Kauf derselben besser fährt als bei den Wtldstammveredlungen.

7" ^I^udet die Obstbäume im Herbste vom Pfahl!) Wenn die jungen Obst­baume tm Winter vom Froste keinen Schaden erleiden sollen, so ist es unbedingt noth- wendig, daß sie im Herbst vom Pfahl losgebundeu werden. Es wird dies vorgenommen, nachdem die Blätter abgefallen und die Zweige zurückgeschnitten sind. Dann können sich die Baume in den Winterstürmen tüchtig austoben und für den Sommer stärken, ohne daß man zu befürchten braucht, daß sie brechen, denn ein richtig gezogener Baum biegt sich wohl, aber er bricht nicht. Natürlich muß man den Pfahl entfernen, da derselbe sonst dem Bäumchen durch Reibungen schaden könnte. Der Pfahl muß übrigens doch entfernt werden, da es nur sehr selten ist, daß derselbe länger als einen Sommer^ hindurch an derselben Stelle stehen bleiben kann, also kann man ihn den Winter über lieber ganz fort lassen. Ebenso müssen die Ziersträucher, Beerenobst- straucher, Spalrerbaume und Weinreben im Winter frei gemacht werden; es ist dies für ihr gutes Fortkommen durchaus nothwendig und da dasselbe auch ohne große Mühe ist, so kann man dasselbe wohl sehr gut anwenden.

Vor Kurzem wurde vor der Darmstädter Strafkammer der 58j2hrige gut situirte Landwirth P. von Ober-Beerbach wegen gewerbsmäßiger Wilderei zu vier Monaten Gefängntß verurthetlt. Interessant ist, mit welcher Schlauheit derselbe feine sträfliche Handlung längere Zeit übte. Wenn P. auf die Jagd ging, trug er gewöhn­lich auf der Schulter eine Hacke, deren Helm hohl war und worin er den Lauf seiner Flinte verbarg, während er den hinteren Theil des Gewehrs in ber Tasche hatte. So ! ahnte Niemand, daß P. wildern ging. Im Walde setzte er das Gewehr, nachdem ! Kolben und Hacke ibre Plätze gewechselt hatten, richtig zusammen. Nach Gebrauch und abermaligem Wechsel ftolzirte bann P. wieder frohen Muthes mit seiner Hacke nach »

Temperatur in Gießen.

September 1888.

Niederste

Mittlere

Mittel früherer Jahre

Höchste

Niederschlag an 6 Tagen ....

* im Mittel früherer Jahre an 12

+ 1,5 °R.

+ 10,28

+ 11,0 ,

+ 19,2

. 1,10 Par. Zoll.

Tagen 1,75