Ausgabe 
7.10.1888 Drittes Blatt
 
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Message zu Jlr. 235 ÖcsMchener Anzeiger

Politische Ueberficht.

Gießen, 6. October.

Zum Falle Gesicken liegt, was den Fortgang der gegen Professor Geffcken eingeleiteten gerichtlichen Untersuchung anbetrifft, nur die eine neuerliche Nachricht vor, daß Ober-Reichsanwalt v. Tessendorf aus Leipzig in Berlin eingetroffen ist. Es deutet dies darauf hin, daß nunmehr das Reichsgericht selbst durch seinen ersten Anwalt die Untersuchung gegen Geffcken in die Hand genommen hat und dürfte deshalb nunmehr auch die Ueberführung des letzteren von Hamburg nach Berlin und später nach Leipzig zu gewärtigen stehen. Im Weiteren wird die mehrfach dementirte Nachricht jetzt be­stätigt , wonach die Familie des Verhafteten den Antrag auf Einleitung des Ent­mündigungsverfahrens gestellt hat; die Gründe für dieses Vorgehen liegen nahe genug. Die oieloerbreitete Annahme, das kronprinzliche Tagebuch von 1870/71 sei metallo- graphirt worden und es habe auch Professor Geffckm einen derartigen Abzug erhalten, wird jetzt bestimmt als unbegründet bezeichnet, so daß nun auch die Frage, woher Geffcken die Abschrift des Tagebuches hatte, eine neue Wendung und Gestalt eihält. Es liegt nunmehr die Möglichkeit vor, daß Geffcken das Tagebuch, resp. die Abschrift desselben vom Kaiser Friedrich zum Zwecke späterer Veröffentlichung selber bekommen hat, wonach sich allerdings die Schuld Gefscken's in etwas milderem Lichte darstellen würde. Auf alle Fälle bleibt aber auf Geffcken der Umstand schuldbelastend haften, seinen sensationellen schritt ohne Wissen und Genehmigung Kaiser Wilhelms II., als des jetzigen Chefs des preußischen Königshauses, unternommen zu haben und welche Eigenmächtigkeit sich Herr Geffcken bei derRedaction" des kronprinzlicheu Tagebuches behufs desfen Veröffentlichung gestattet haben mag, wird sich wohl auch noch zeigen.

Die Erkrankung der Prinzessin Ludwig von Bayern, der Gemahlin des ältesten Sohnes des Prinz-Regenten Luitpold, gerade während des Kaiserbesuches in München, warf leider einen, wenngleich kaum wahrnehmbaren, Schatten auf den Empfang Kaiser Wilhelms in der bayerischen Hauptstadt und mußten deshalb auch Prinz Ludwig und sein ältester Sohn, Prinz Rupprecht, den Münchener Empfangs­feierlichkeiten fern bleiben. Die Frau Prinzessin, welche kaum erst einen Dtphterie- Anfall überstanden hatte, war plötzlich aus's Neue erkrankt und zwar an Gelenk- Rheumatismus und erregte ihr Zustand anfänglich die ernstesten Besorgnisse. Inzwischen ist jedoch wieder eine Besserung eingetreten und hält dieselbe nach den jüngsten Nach­richten erfreulicher Weise auch an. Kaiser Wilhelm erkundigte sich während seines Aufenthaltes in München wiederholt in theilnehmendster Weise nach dem Befinden der hohen Frau.

Heber den Aufenthalt Kaiser Wilhelms am Wiener Hofe berichtet der Telegraph fortgesetzt in so ausführlicher Weise, daß an dieser Stelle nur das Haupt­sächlichste aus den betreffenden Berichten wiedergegeben werden kann. Im Mittelpunkte der Wiener Hoffestlichkeiten zu Ehren des kaiserlich n Gastes stand das große, am Donnerstag Abend im Redoutensaale der Hofburg stattgefundene Galadiner mit seinen zwischen den beiden Kaisern gewechselten Toasten. Dieselben eröffnete der österreichische Monarch mit einem Trinkspruch aufseinen Freund und Bundesgenossen", den deutschen Kaiser, sowie auf dessen ganzes Haus. In seiner Erwiderung, die in einem Toaste auf das österreichische Kaiserpaar und Kaiserhaus gipfelte, betonte Kaiser Wilhelm, daß er in Wien kein Fremder sei und durch seinen Besuch nur das Vermächtniß Kaiser Wilhelms I. erfülle. Alsdann brachte Kaiser Franz Josef einen weiteren Toast auf

die deutsche Musterarmee",unsere Kameraden" aus, den Kaiser Wilhelm mit einem ^rtnkspruche auf dre österreichisch-ungarische Armeeunsere Kameraden" beantwortete.

p i AschLbsAchaft brachte bei der ganzen bedeutungsvollen Scene stürmische Hymne ürtonirte 6 & e3Wu^C abwechselnd die österreichische und die preußische National- Von den sonstigen Festlichkeiten vom Donnerstag sind der Empfang der o . b I r e l ch r s ch e n Generalität, 38 actioe Generäle unter Führung des Kriegs- ®ucr' Kaiser Wilhelm in der Hofburg, ferner der Empfang der Chefs der fremden Missionen seitens des deutschen Kaisers und das glänzende Dejeuner beim Botschafter Prinz Reuß, zu welchem zahlreiche Einladungen ergangen waren, zu erwähnen. Am Vormittag des Donnerstag hatte außerdem die gemeinschaftliche Besichtigung des neuen Hoftheaters seitens der beiden Monarchen stattgefunden.

®a.<6fen ,raf Begleitung zweier Flügeladjutanten am FreNag früh in e>d)onbrumi ein, um an den Hofjagden in der Steiermark theilzunehmen. Der französische Fremdenukas wird nun doch noch zur Durchführung ae- langen, da das Journal officiell" das betreffende Decret des Präsidenten Carnot bereits veröffentlicht hat. Das Ministerium Floquet hat sich also trotz der in der ein- Presse selber geltend gemachten Bedenken gegen das Project an der Ver- wrrkllchung desselben nicht irre machen lassen - jetzt wird das Cabinet Floquet auch alle Consequenzen dieser unerhörten Maßregeln tragen müssen!

Die Herbstmanooer des zweiten rumänischen Armeecorps im Dtstricte von Prahova sind am Mittwoch Nachmittag mit einer großen Revue vor König Karl geschlossen worden. Nach der Revue sprach der König den commändirenden Officieren feine Anerkennung über die stetigen Fortschritte der rumänischen Armee aus und seh^befri^digt $flltung der Truppen und der Leitung der Operationen

Vermischter.

zn .rm A Mainz, 5. October. Die diesjährige General-Conferenz der evangelischen Gelstlicyen der Supermtendentur Mainz wird kommenden Montag hier abgebalten Außer der Tagesordnung wird Pfarrer Orth in Jugenheim einen Kortraa üb?r Optimismus und Pessimismus im geistlichen Amt" halten. 0

Mainz, 5. October. Der Rhein ist auch heute im Laufe des Tages noch be- trächtlicy gestiegen, 1- Zentimeter. Von dem Oderrhein fehlen amtliche Nachrichten Maxau fW ** * * Rhein in Mannheim noch steigen, dagegen in A Mainz, 5 October. Der vor einem Jahr nach Verübung zahlreicher Be­trügereien und mit Hinterlassung riesiger Schuldenmassen in Begleitung einer Kellnerw ^^bchause von hier flüchtig gegangene Juwelier und Silberwaaren- ^dler Boleg ift nach einer an die Staatsanwaltschaft hierher gelangten telegraphischen Mittheilung m Wien verhaftet worden. Da die von Boleg auf betrügerischem Weae werden^n ^uminen fo dürfte dessen Auslieferung hierher wohl betragt

A Aus Rhein hessen, 5. October. Im Verlauf der gegen einen Bingener Wein- C "venalfchung eingeleiteten Untersuchung ist einem Weinhändler in

Wallerthe m der Keller auf Anordnung der Staatsanwaltschaft geschlossen worden. In dem geschlossenen Keller soll eine schwungvolle Weinfabrik betrieben worden fein.

Allgemeiner Anzeiger.

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