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Nr. ISO Donnerstag den 7. Juni 1888;

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Vureaur Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pst

Politische Ueberficht

Gießen, 6. Juni.

Der Kaiser scheint die Aufregungen seiner Uebersiedelung nach Schloß Friedrichs- fron doch noch nicht völlig überwunden zu haben. Am Montag Vormittag fühlte der Monarch etwas Kopfschmerz, der jedoch im Laufe des Nachmittags wieder verschwand, so daß der hohe Herr gegen 6 Uhr Abends eine Ausfahrt machen und nach derselben noch einige Zett im Parke verweilen konnte. Die Nacht zum Dienstag verbrachte der Kaiser wieder recht gut; um 10 Uhr Morgens stand er auf und begab sich auf die Schloß­terrasse. Der Kopfschmerz hat sich nicht wieder eingestellt. Im Laufe des Dienstag < Vormittag nahm der Kaiser noch die Vorträge Albedyll's, Mtschke's, Nauch's und Radolin's entgegen.

Dem Vernehmen nach gedenkt sich Fürst BiSmarck in kommender Woche nach Varzin zu begeben.

Die noch immer in ihrer Vorgeschichte und ihrem Umfange nicht ganz aufge­klärte jüngste ^Puttkamer»Krifis" in Preußen soll nach einer Versicherung der Berliner Börsenzeitung" ihren Höhepunkt nunmehr überschritten haben. Das Blatt vernimmt, daß die Verkündigung des Gesetzes über die Verlängerung der preußischen Legislaturperioden unmittelbar bevorstehe, ohne daß der die Wahlbeetnslussung be­treffende Brief des Kaisers an Minister o. Puttkamer gleichzeitig zur Veröffentlichung gelangen wird. Dieses vielgenannte Schreiben soll, wie dieB. B." weiter mitzu- theilen weiß, überhaupt nicht in seinem Wortlaute bekannt gegeben werden und sei die Krisis mit der Beantwortung des kaiserlichen Briefes seitens Puttkamers beigelegt. Inwieweit sich diese optimistische Auffassung der Sachlage mit den wirklichen Verhält­nissen deckt, muß freilich erst aus der weiteren Entwickelung der Ereignisse selbst be­stätigt werden, denn in anderen Berliner Blättern tauchen allerhand allarmirende Ge­rüchte auf, z. B. wußte dasDeutsche Tagebl." zu vermelden, daß angut unterrichteter Stelle" die Annahme bestehe, eine Neubildung des preußischen Ministeriums sei zu er­warten, ja, nach einer ferneren Version solle dem Kaiser und König das Entlassungs­gesuch des Staatsmtnisteriums bereits vorliegen. Auch sonst fehlt es nicht an den widersprechendsten Gerüchten, so soll nach der einen Meldung der Reichskanzler die Sache des Herrn v. Puttkamer zu der seinigen gemacht haben, nach einer andern ent­schlossen sein, seinen Collegen im preußischen Ministerium des Innern fallen zu lassen. Auch die lange Audienz, welche der zum preußischen Gesandten am Münchener Hof" ernannte Geh. Legationsrath Graf Rantzau, der Schwiegersohn des Fürsten Bismarck, am Sonntag beim Kaiser hatte, wird mit der Krisis im preußischen Staatsministerium in Verbindung gebracht. Jedenfalls fehlt es aber vorläufig noch immer an sicheren Anhaltspunkten zur Beurtheilung des ganzen Charakters und Umfanges der Krisis, daß jedoch eine solche so bald nach derBismarck-Krisis" wieder ailftauchen konnte, entspricht leider nicht den Interessen des Reiches und Preußens.

Die Reichstagsnachwahl in den Kreisen Ost' und Weststernberg hat die Wahl des conservativen Candidaten, Landrath Bohtz, ergeben, welcher 5218 Stimmen erhielt; auf seinen freisinnigen Gegencandidaten, Stadtrath Witt, fielen 2767 Stimmen; nur ein kleiner Wahlbezirk stand am Dienstag noch aus. Eine Vergleichung der dies­jährigen Sternberger Wahl mit der Wahl im vorigen Jahre ergiebt, daß sich die Stimmenzahl für den freisinnigen Candidaten auf ungefähr derselben Höhe erhalten hat, während die Stimmenzahl für den conservativen Candidaten um ca. 4000 zurück- gegangcn ist, denn 1887 erhielt der inzwischen verstorbene Abgeordnete v. Reitzenstein in Oft- und Weststernberg über 9000 Stimmen. Dieser Rückgang »der conservativen Stimmen dürfte jedoch hauptsächlich auf Rechnung des Umstandes zu setzen fein, daß die Nachwahl in der sommerlichen Periode vorgenommen wurde, was bei dem weit überwiegend ländlichen Charakter der Wählerschaft des sternberger Kreises von vorn­herein eine laue Wahlbetheiligung erwarten Uetz.

Der am Himmel der französischen Politik mit so vielen Eclat aufgestiegene Komet Boulanger scheint bereits in diejenige Phase seiner Bewegung getreten zu sein, welche seinen allmählichen Niedergang bedeutet. Die mit 377 gegen 186 Stimmen erfolgte Ablehnung seines Antrages auf die Dringlichkeit der Verfassungsreoision ist ein Ereignitz von großer symptomatischer Bedeutung, insofern es den Beweis dafür beibringt, daß die Stabilität der Verhältnisse in' Frankreich doch nicht so gefährdet erscheint, wie man noch vor Kurzem annehmen konnte. Auch die begleitenden Umstände dieser interessanten Kammerverhandlung sind keineswegs geeignet, den im Punkte des Lächerlichen so empfänglichen Franzosen eine hohe Meinung von der persönlichen Be­deutung des Exgenerals beizubringen resp. zu bewahren. Die rednerischen Erfolge waren ganz auf der Seite Clömenceaus und Floquets, während die Ausführungen Boulangers nur Hohn und ironische Zwischenrufe ernteten. Er hatte weder eine Ant­wort auf die Angriffe Floquets bezüglich seiner militärischen Antecedentien, noch konnte er dem Socialisten Basly eine Aufklärung darüber geben, wie sich seine so oft mit vielem Pathos versicherte Arbeiterfreundlichkeit mit der Thatsache reime, daß er bei den wichtigen Verhandlungen über diesbezügliche Reformen nur durch Abwesenheit glänzte. Es macht somit ganz den Eindruck, als wenn sich das von Floquet am 3. d. M. vor dem ReoisionscomitS in Aussicht gestellte Programm erfüllen werde, nämlich eine von der Regierung selbst spätestens im nächsten Jahre zu bewirkende Verfassungsrevision, welche die Republik ftörfen werde, indem sie ihre Spitze gegen den Neu-Cäsarismus richte.

Der schweizer Bundesrath fährt in seinen Ausweisungsmaßregeln gegen die das Gastrecht der Schweiz mißbrauchenden fremden Socialisten und Anarchisten energisch fort. So wurde der in Zürich lebende Johann Wübbeler aus Hannover des Landes verwiesen und dem Martin Etter aus Württemberg, der auf kurze Zeit nach seiner Heimath gereist war, die Rückkehr nach der Schweiz verboten. Die beiden Ge­nannten haben an den anarchistischen Bestrebungen in der Schweiz lebhaften Antheil genommen, sind auch schuldig, an der Deponirung einer Kiste Dynamit bei dem be­kannten Schröter mitgewirkt zu haben. Das Strafverfahren gegen Schröter selbst ist jedoch theils wegen Verjährung, theils wegen Mangels an genügenden Beweismitteln sistirt worden.___

Darmstadt, 5. Juni. Seine Königliche Hoheit der Großherzog, Ihre Kaiser!. Hoheiten Der Großfürst und die Großfürstin Sergius von Rußland, sowie Ihre Groß­

herzoglichen Hoheiten die Prinzessinnen Victoria, Prinzessin Ludwig von Battenberg und Alix haben sich heute Vormittag mit Gefolge über Bensheim nach Worms begeben, um die dortigen Sehenswürdigkeiten in Augenschein zu nehmen. Die Allerhöchsten Herrschaften sind in Worms bei dem Freiherrn Heyl zu Herrnsheim abgestiegen und kehren im Laufe des Nachmittags nach Seeheim zurück.

Berlin, 4. Juni. DieVolks-Zeitung" erhält folgende Zuschrift:

Von zuverlässiger Seite geht mir die Mittheilung zu, daß jetzt von allen Aerzten, welche den Kaiser behandeln, die Ansicht, daß die Krankheit Krebs sei, auf­gegeben worden ist. Bekanntlich hatte ein Geschwür, welches sich vor einigen Monaten im Halse des Patienten bildete und welches einen sehr gefahrdrohenden Charakter annahm, auch Mackenzie bestimmt, an die Möglichkeit des Krebses zu glauben; dieses Geschwür ist nun vor einigen Wochen unter Entleerung einer großen Menge von Eiter aufgegangen und befindet sich jetzt in der Heilung, und zwar ist diese Heilung schon ,o wett vorgeschritten, daß die Grundfläche des Geschwüres zu vernarben beginnt. Da aber erfahrungsmäßig eine solche Vernarbung bet Krebs niemals eintritt, io ist damit die Krebs-Diagnose, an welcher einzelne Aerzte so hartnäckig festgehalten haben, hinfällig geworden. Wenn auch damit noch keineswegs eine vollständige Sicherheit für die Heilung des Monarchen gegeben ist, so ist doch dieselbe um Vieles wahrscheinlicher geworden."

Auch dieMünch. Allgem. Ztg." beschäftigt sich in einer Berliner Correspondenz wieder mit der diagnostischen Frage. Es heißt in derselben:

Die Aerzte begleiten die vollzogene Uebersiedelung des Kaisers nach Potsdam mit dem Ausdrucke der frohen Hoffnung, daß die größere Ruhe, deren sich der Kaiser im Schloß Friedrichskron erfreuen dürfte, feine Kräftigung erheblich beschleunigen werde. Schon die Entfernung von Berlin ist so groß, daß auch ohne besondere Vor­kehrungen eine Minderung der Besuche zu erwarten ist. In Charlottenburg war der Kaiser selbst in verhältnitzmäßig ungünstigen Zeiten, so xu sagen, von Morgens früh bis Abends spät in Anspruch genommen, was auf eine durch so schwere Leiden erschütterte Constitution nur störend einwirken konnte. Von dem Aufenthalt in Pots­dam wird in dieser Hinsicht das Beste erwartet. Wenn übrigens ein Abendblatt bemerkt, der Kaiser habe eine weniger gute Nacht gehabt, Husten und Eiter seien stärker als sonst aufgetreten und der Schlaf des Patienten sei durch mehrfachen Canülen- wechsel wobei natürlich nur von der inneren Canüle die Rede ist unterbrochen gewesen, so steht diese Angabe mit den uns direct zugegangenen Meldungen aus dem Charlottenburger Schloß im Widerspruch. Nach diesen war das Befinden des Kaisers heute früh ein sehr gutes. Im Uebrigen legen die Aerzte auf kleine Schwankungen in der Eiterung, falls solche eintreten sollten, kein besonderes Gewicht. Thatsächlich ist *in'bc. Eiterung, welche wochenlang den Kaiser in peinlichster und besorgnitzerregender Weise belästigte, ein Stillstand eingetreten und damit.auch in dem eigentlichen Leiden, welches, wie erst neuerdings durch die von Professor Virchow vorgenommene Unter­suchung festgestellt worden ist, bis jetzt auf den Kehlkopf und einen Theil der Luftröhre beschränkt geblieben ist. Die gegentheilige Annahme, nämlich daß der Eiterauswurf von einer Ausdehnung des Uebels auf die Lunge herrühre, ist zwar noch bis in die letzte Zeit auf einigen Setten festgehalten worden, die Unrichtigkeit dieser Annahme aber steht jetzt ebenso fest, wie daß die Lymphdrüsen des Halles zur Zeit in keiner Weise affizirt sind. Selbst wenn also die Frage, ob das Uebel einen bösartigen Charakter hat, bejaht werden müßte, bietet die Thatsache, daß dasselbe bisher localisirt geblieben ist. Anhalt für die günstigen Voraussetzungen bezüglich der Zukunft. Darüber sind jetzt alle Autoritäten einig, mögen sie bezüglich des Charakters der Neubildung ein end- giltiges Urtheil vorbehalten oder nicht.

Ferner bringt dieVossische Zeitung" folgende Mittheilung, welche ihr von einer, wie sie sagt, maßgebenden Stelle, zugegangen ist:

In San Remo zeigte sich beim Kaiser bei einer der zahlreichen Untersuchungen des Kehlkopfes und Halses wildes Fleisch, dessen Farbe alle Aerzte des Kaisers zu der Annahme bewog, daß man es mit einem Krebsleiden zu thun habe. Diese Erscheinung dauerte bis Ende April, war also noch länger als sechs Wochen nach der Ueber­siedelung des Kaisers nach Charlottenburg vorhanden. Dann begannen diese Aus­wüchse zu verschwinden; sie verloren sich gänzlich. Mitte Mai trat datz wilde Fleisch wieder auf, ist aber jetzt feit 45 Tagen in einem Verfall, fo daß man mit Sicherheit darauf rechnen kann, es werde in 34 Tagen ganz verschwunden sein. Daß der Kaiser an Perichondritis leidet, darüber herrscht unter den Aerzten kein Zweifel. Das ist aber schon lange bekannt, und die Zeitungen, die dies jetzt berichten, bringen durchaus nichts Neues. Eine andere Frage ist die, ob daneben Krebs vorhanden ist. Die An­sicht, daß dies der Fall, hat ihre Anhänger und ihre Gegner. Jedenfalls sind seit Charlottenburg im Kehlkopfe des Kaisers alle bösartigen Zeichen geschwunden und es hat sich ein Heilungsproceß eingestellt.

Ueber die Reisedispositionen des Kaisers wird berichtet: Der Kaiser wird den ganzen Monat hindurch in Friedrichskron bleiben, gedenkt sich alsdann für sechs, sieben Wochen nach Homburg zu begeben und im August nach Charlottenburg zurück­zukehren, wo das Schloß mittlerweile renovirt sein wird.

Die Leiche des Kaisers Wilhelm wird bis zum Herbste in der Mausoleums- Kapelle im Katafalk bleiben. Bis dahin sollen die Erweiterungsbauten der Fürsten­gruft daselbst vollendet sein, worauf die feierliche Einbettung des Sarges erfolgt.

Berlin. Die Nachricht, daß von den neuen Doppelkronen mit dem Kopfe des Kaisers Friedrich die bereits ausgegebenen Stücke wieder eingezogen und umgeschmolzen werden, ist falsch. Herr Münzdirector Conrad schreibt hierüber, daß ein Prägefehler nicht vorliege. Die unbedeutende sogenannte Haarwulst, die auf den einfachen Kronen ebenfalls befindlich ist, ist von dem als Vorbild vorgeschriebenen Relief übernommen. Ob dieselbe, welche eine künstlerische Unterbrechung des Hinterkopfhaares bezweckt, schön oder unschön wirkt, ist Geschmacksache. Die Zwanzig-Markstücke werden anhaltend fortgeprägt und sind bereits ca. 20 Millionen Mark davon in Cours gesetzt, von den Zehn-Markstücken ein bedeutend höherer Betrag. Kaiser Friedrich hat das Protectorat über den Verein zur Beförderung des Gartenbaues in den preußischen Staaten ange­nommen. Der bekannte österreichische Hofballmusikdtrector Eduard Strauß musictrt von heute ab im Ausstellungspark. Der Kronprinz nebst Gemahlin wird in nächster Zeit das junge Ehepaar in Erdmannsdorf besuchen. Die behördliche Untersuchung wegen des Gerüsteinsturzes im Schauspielhause wird eifrigst betrieben. Landgerichts­rath Hollmann in Begleitung eines König!. Baumeisters unterzog kürzlich die in der Klinik befindlichen Arbeiter einem eingehenden Verhör. Der Staatsminister Freiherr v. Lucius ist aus dem Ueberschwemmungsgebiet der Oder zurückgekehrt. Der hiesige Kaiserlich russische Botschafter Graf Schmeelow hat sich mit Urlaub nach Homburg begeben. Graf Muraview fungirt als interimistischer Geschäftsträger. Das Befinden der Frau Fürstin Bismarck hat sich derart gebessert, daß zeitweise ein Verlassen des Bettes bereits ftattgefunben hat. Eine neue Bearbeitung der amtlichen deutschen Wehrordnung wird gegenwärtig im Kriegsministerium vollzogen.