Abg. Bebel (Soc.): Herr Hartmann ist allerdings mit Hülfe der Kriegeroereine gewählt und hat Ursache, für diesetben einzutreten. So kindisch, wie der Kriegsminister meint, müssen die Verbrechen Ehrenberg's doch nicht sein, denn sonst hätte man doch wohl keinen Steckbrief hinter ihm erlassen.
Kriegsminister Bronsart v. Schellendorff: Von Wohlwollen gegen den p. Ehrenberg kann bet mir nicht die Rede fein; ich verabscheue die groben Majestäts- deleidigunqen und bedauere, daß der Thäter Osficier war.
A!'g. Struckmann (nl.) fragt, ob man für die Pensionsversorgung der in den Commun uvienft eintretenden Militär-Anwärter nicht besser sorgen wolle.
Krlcgsminister Bronsart v. Schellendorff: Eine diesbezügliche Vorlage ist bereits ausgearbeitet.
Das Gehalt des Kriegsministers wird bewilligt.
Hierauf vertagt sich das Haus. — Nächste Sitzung Mittwoch 1 Uhr: Etat.
Schluß 4% Uhr.
Telegraphisch« Depeschen.
lelLgk. Lorrefpvttdeuz -
Berlin, 4. December. Seine Majestät der Kaiser machte Mittags eine Spazierfahrt.
— Premierlieutenant Wißmann ist heute Nachmittag zum Fürsten Bismarck nach Friedrichsruh abgereist.
Berlin, 4. December. Die Geschäftsordnungs-Commission des Reichstags beschloß, das Mandat des in oldenburgischen Dienst übertretenden Abgeordneten Bormann für erloschen zu erklären.
— Die Budget-Commission erledigte die ersten 23 Titel der einmaligen Ausgaben des oroentlichen Heeresetats, die für den Neubau des Körnermagazins in Magdeburg geforderten 130,000 Jt. wurden gestrichen, die für den Neubau für 3 Eskadrons in Lyck geforderte erste Rate von 30,000 JC wurde um 10,000 gekürzt, alles Uebrige unverändert bewilligt.
Berlin, 4. December. Die „Berl. Polit. Nachr." fordern erneut die deutschen Eapitaltsten auf, die russische Converttrung zu benutzen, um zu ihrem baaren Gelde zu gelangen und ihren Besitz an russischen Werthen so viel roie möglich loszuwerden. Sie würden damit, sagt das genannte Organ, nicht nur im eigenen Interesse handeln, sondern auch eine patriotische Pflicht erfüllen, welche fordere, daß kein Pfennig deutschen Geldes direct oder indirect zur Verfügung gestellt werde da, wo es sich möglicherweise um Bestrebungen handeln könne, die trotz gegentheiltger Behauptungen eher von allen anderen Empsindungen, als von aufrichtiger Neigung für den Frieden Europas beseelt seien.
Wie«, 4. December. Der Kaiser spricht in einem Handschreiben an den Grafen Taaffe, welches öffentlich angeschlagen worden ist, für die fast unüberfehbare Reihe der mannigfaltigsten Wohlthätigkeitsakte, womit die Völker des Reiches gemäß dem Wunsche des Kaisers, von festlichem Gepränge abfehend, den 40. Jahrestag der Thronbesteigung gefeiert haben, sowie für die dadurch neuerlich kundgegebene Liebe und Treue allen be- theiligten Körperschaften und einzelnen Personen aus Nefgeruhrtem Herzen seinen kaiserlichen Dank aus, zugleich mit einem neuerlichen Ausdrucke vollster Anerkennung der glänzenden Ausstellungen gedenkend, welche die mächtigen Fortschritte der Wissenschaft, der Kunst, des Gewerbefleißes und der Bodenkultur Oesterreichs während der Regierungszeit des Kaisers darstellen.
Paris, 4. December. Der Marineminister verfügte, den Aviso „Bouven" der indischen Station zuzutheilen, um den Wachtdicnft an der afrikanischen Küste zu verstärken. — Contreadmiral Jaillo ist zum Commandanten der Marinestalionen in Jndochina ernannt und der bisherige Gesandte Frankreichs in Cektinje, Patrimonio, in gleimer Eigenschaft nach Belgrad versetzt worden.
London, 4. December. In der heutigen Sitzung des Unterhauses erklärte der Unterstaatsfecretär des Auswärtigen, Fergusson, daß von Frankreich noch keine Antwort auf Salisbury's Depesche vom 29. v. Mts. betreffend das Durchiuchungsrccht und die Anhaltung von Schiffen unter französischer Flagge cm der ostafrikanifchen Küste eingelaufen. Aus einer heutigen Ankündigung in der amtlichen „Gazette" sei aber ersichtlich, daß an der ostafrikanischen Küste die gewöhnliche Blokade proclamirt sei, die schon durch sich das Recht der Durchsuchung und Zurückbaltung von Schiffen, die sie verätzen, gewähre. — Das Oberhaus nahm definitiv in dritter Lesung die Etdes- bill ohne Abstimmung an.
Rom, 4. December. Die Bureaux der Kammer beriethen heute den Gesetzentwurf betreffs der außerordentlichen Heeresausgaben. Nur das vierte Bureau beendete die Berathung noch nicht; die anderen wählten dem Entwürfe günstige Commisfäre.— Das Königspaar empfing heute die Prinzessin Friedrich Karl und erwiderte deren Besuch am Nachmittag.
Rom, 4. December. Der vulkanische Ausbruch auf der Insel Vulcano (Liparen) sieht in Verbindung mit einer unterseeischen Eruption ein Kilometer ostwärts von der Insel, wo unter starker aufschäumender Bewegung der See Steine und Bimsteine emporgeschleudert werden.
Madrid, 4. December. In der Kammer brachte der Minister des Innern einen Gesetzentwurf, betr. die Einführung des allgemeinen Stimmrechts, ein.
_ , f2 Petersburg, 4 December. Der Leiter dcs Marineministeriums, Viccadmiral Schestukow, tft gestern in Sewastopol gestorben.
Belgrad, 4. December. Die außerhalb verbreiteten Gerüchte über neuerdings in Serbien stattgehabte ober befürchtete Unruhen sind völlig unbegründet. — Betreffs ri n r zwischen allen drei Parteien ein völliges Einvernehmen her-
gestelli. Das Subcomi14 des Versassungsausschusses hat seine Arbeiten beendigt, so daß am Donnerstag die erste Plenarsitzung des Verfassungsausschusses stattfinden kann.
Darmstadt, 5. December. Gymnasialdtrektor Schiller zu Gießen wurde auf sein Nachsuchen von der Stellung als außerordentliches Mitglied der Abtheilung fürSchulangelegenheiten des Ministeriums des Innern und der Justiz enthoben.
Lokales.
5'^cember Gestern Abend hielt im Localgewerbeverein Herr Uni- Anen zweiten Vortrag und zwar über das Bauunfall- H' äuli 1887. Die Kenntniß der Grundzüge dieses »P* nicht nur für den Bauhandwerker, sondern auch für jeden anderen @e- wn Xntli±enn °<Thr Unte£ne^,mer von Wichtigkeit. Herr Dr. Dietz legte, bevor er lln^UnÄ^ 2chema überging, nochmals den Unterschied dar, welcher zwischen dem Juli 1884 und dem Bauunfallvetsicherungsgefetz vom bezeichnet werden iQnn Wonach als aus dem ersteren entstanden
befcklüste A^/rung, welche in Folge verschiedener Bundesraths-
Baubefckästiote^- s ?u 1884 durch Ausdehnung auf fast alle Zweige der wÄ/a erfuhr, führte zum Entstehen des Gesetzes vom 11. Juli 1887 Als b ™ QtIet ÄreifC b-use«erbl,ch°r Thä.lgkclt sK- R-dmr 'an
Arbeiter anb UkÄ?4/ u.n 0trolf,cn, na6cr bezeichneten Umständen auch au ftetat auÄfrntnwenn ihr Jahresaibeitsverdtcnst 2000 müber’ jährlichen Arbeitsverdienst Unternehmer, sofern sie den eben genannten
tfinn n.S ® ft im nun? f ”£‘*en' “‘Ä 'ch-ruugsvflichltg herangezogen werden tbat be ei»nen mfläe no ”!anJur dlci-nigen Unternehmer als eine Wählend im Falle eines Unaiück-' DnKi^V'r!? welliger als ein Gehülse verdienten
Nehmern nur diejenigen Beiträge erhöhen, die rur Saß nna »ÄuL Un,er= V-ruuglückte, zur Bestreitung der Vermaltungslostmunb?ur
unb bte (fommunalDerbänbe unternommen werden. Die Versicherun^ gegen Bau"
Unfälle geschieht bei Versicherungsanstalten, wobei aber Privatversicherungsgesellschaften ausgeschlossen sind. Die Festsetzung der Prämien erfolgt durch die Berufsgenossenschaftsoorstände auf Grund der Nachweisungen über die Dauer der Beschäftigung 'in jedem einzelnen Falle, die Beitreibung der Beiträge auf dem Wege der Communal- gefälle, wobei jedoch die Bürgermeistereien |ür bte Ablieferung ber Beiträge haftbar sind. Die Leistungen im Falle Eintretens von Unfällen finb biefelben, wie sie bas Unfalloersicherungsgefetz vorschreibt, sie bestehen im Aufbringen der Kosten des Heilverfahrens, einschließlich aller Heilmittel, Medicamente unb einer nach bem Grad ber Arbeitsunfähigkeit zu bemessenden Rente. Herr Universitäls-Amlmann Dr. Dietz schloß seinen lehrreichen Vortrag mit dem Hinweis auf die durch das Bauunsallversicherungs. gesetz dem Arbeiter gebotenen Wohlthalen, die trotz aller vorhanden gewesenen Schwierigkeiten dem Gesetze mehr unb mehr Anerkennung verschafften.
Gießen, den 5. December. (Musikalisches.) Die jetzige Saison ist beson- ders reich an künstlerischen Genüssen. Noch klingen uns die gewaltigen Tonmassen C. M. o. Weber's nach, unsere Phantasie wird noch von den Glockentönen Sarasates gefangen gehalten unb wir sehen für nächsten Donnerstag roieber einer besonderen Aufführung mit größter Spannung entgegen. — Ludwig Heidingsfeld wird im nächsten Abonnement-Concert unsere Aufmerksamkeit und musikalisches Interesse ittAn- sprvch nehmen und zwar durch die Aufführung seiner dramatischen Sinfonie „König Lear".
c Heidingsfeld, ein Schüler des Stern'schen Conservatoriums in Berlin, welcher sich durch feine herrlichen Lieder-Compositionen einen vorzüglichen Namen erworben hat, tritt mit seinem König Lear als musikalischer Dramatiker von hoher Bedeutung vor uns. Die musikalische Presse hat sein Talent bereits rühmend anerkannt. Er tritt in die Fußtapfen Wagner's unb Liszt's bezügl. Behandlung des Orchesters, ist aber nirgends Nachahmer, vielmehr durchaus selbständig. Kein Thema, kein Motiv erinnert an Bekanntes. Mit der Instrumentation ist er meisterhaft vertraut, eine besondere Vorliebe für das Horn laßt er vorwalten. - Wir stehen mit Heidingsfeld entschieden vor einem der bedeutendsten Componisten der Gegenwart und wenn die dramatische Musik im Sinne unseres großen verewigten Bayreuther Meister's noch Vertreter findet, so tft sicher Heidingsfeld berufen, als einer der würdigsten Nachfolger Richard Wagner's genannt zu werden.
Gießen, 5. December. „Wenn man im Dunkeln küßt" von Malachow und Elsner ist ein nichts weniger als origineller, nichtsdestoweniger aber in hohem Grade liebenswu'.diger Schwank. Der alte Witz von bem Herrn, ber sich an seinen unliebens- wurdigen Reifegenofsinnen dadurch rächt, daß er in einem Tunnel seine eigene Hand wiederholt küßt, nicht nur diese Art Rache ist übrigens inoriginell, auch daß Schöneck seine Reisegesellschaft bei seiner Tante wieder trifft, erinnert lebhaft an „Reif Reiflingen" — bildet den Sinn eines reizenden unb sehr belustigenden Stückes. Die Aufführung ließ in den Einzelheiten manches zu wünschen übi ig. So ist es ziemlich störend, wenn es erst nach Eintreten des Besuches anklopft, zumal dieser es nicht einmal selbst besorgt, oder wenn einer erst auf die Thür zugeht und bann in ber Seiteneoulisse verschwindet.
Am besten spielte unseres Erachtens Herr Kreiß (Johann), dessen verlegenes Slottern besonders wieder ganz köstlich war. Herr Taußig — ber Benefiziant von morgen -- spielte wie immer, gut. Sein „Schwips" war recht gelungen. Frl. Hell- mut befriedigte in Spiel, Sprache und Maske (als „junges" Mädchen mit zwei Zopten) in hohem Maße. Auch Frl. Friedrichs (Frieda) erfüllte ihre Aufgabe; ihr Mienenspiel — zwar stets nach der gleichen Schablone — gefällt doch immer von neuem, man wird es so bald nicht müde. Frau Reiners war als Helene sehr nied- Uch» und auch die ziemlich nichtssagende Rolle ber Frau Schöneck wurde von Frl. Muller recht anmuthig unb wahr wicdergegeben. Herr Sternau (Schöneck) war besonders in ber Hutscene gut, unb Herrn Pieper's Brautwerbung nebst Spieldose war äußerst gelungen. Die 9tebenroQen waren ebenfalls gut besetzt.
Das Stück könnte im Allgemeinen füglich auf den Titel Lustspiel Anspruch machen, wenigstens mit mehr Recht, als ein großer Theil unserer neuesten „Lustspiele". Bon der Poffe" des letzten Sonntags unterscheidet es sich am oortheilhaftesten durch fein pointierte Witze, es ähnelt ihm dagegen im Punkte des Cylindereintreibens, was Überhaupt bei den heutigen Bühnen„dichtem" epidemisch geworden zu fein scheint.
Th. M—n.
Vermischtes.
Mannheim, 3. December. Bei einer Schnitzeljagd, welche das hiesige Osficier- corps zu Ehren des Geburtstags der Grobherzogin von Baden beute aus dem Erercler- plase abhictt ereignete sich ein bedauerlicher Unglücksfall dadurch, daß Lieutenant Muller von, hiesigen Grenadier - Regiment mit feinem Pferde stürzte und innerlich l » » wurde Der Verunglückte, welcher erst feit kurzer Zelt mit einer Tochter t>e« Reichstagsabgeordneten Cornrnerclenrath Carl Klemm verheiiathet ist hat an- scheinend eine Gehirnerschütterung daoongetragen.
ck,- A Aus Rheinhessen, 4. December. Wie man vernimmt, geht der hessische denen ^?suna des Baron von Erlanger mit der Absicht um, die noch vorhan- °Euen Refte des weiland Karolingischen Kaiserpalastes in Ingelheim in Pflege zu nehmen und dadurch vom weiteren Verfall zu schützen. Nur ein kleiner Theil dieser ^kwurdigen Statte, an die sich so hochbedeutsame Erinnerungen aus bet alten deut- ftyen Kaiserzeit knüpfen, wird in bte Hande des Fiscus übergehen, während der weil- 100 TOnrerc 9Cil vernichtet und in neue Anlagen h?reingebattt ist. Von den
100 Marmoifaulen, die einst den Palast geziert haben, besteht nur noch eine, an der man vor einiger Zett eine Gedenktafel angebracht hat.
Gingesandt.
Gießen, 5. December.
fr Städte hat sich jetzt auch hier in Gießen ein „Gart- ' welcher an einem ober mehreren Abenden in ber Woche ge- ,0B,ie g°schüMich° Besprechungen und g°g?n- der Bedeutung, welche die Kunstgartnerei heutzutage erlangt hat läßt sich erwarten, daß alle Fachgenossen diesem auch in moralischer Beziehung auf den solidesten beruhenden Verein beitreten werden, um so mehr, als unfere Äen gesellschaftlichen Zustande mehr als je in dem bekannten : „Gleich unb Gleich gesellt Nch gern" gipfeln, unb bie Beiträge sehr gering gestellt sind 81
Kirchliche Anzngrn drr kvirugelischen Gemcmdr.
etrdi.-!DhinViL’],HlUn»bc Donnerstag, den 6. December, Abends 8 Uhr, in der ®infl£lb“V tS 3crufalem unb ble evangelische Mission daselbst. Pfarrer
Ijolljaer CeOeiisoerfidjeniiiosöiiiifi.
Versich.-Bestand am 1. Novbr. 1888: 7182« Pers, mit 547 300 00V Mark
Versicherungssumme ausbezahlt seit Beginn . . ca. 192 440 000 „
Dividende im Jahre 1888: 41 °/0 der Normalprämie nach dem alten, 32 bis systein bet ^ormalprämie nach dem neuen „gemischten" Vertheilungs- e . Versickerungen Wehrpflichtiger bleiben auch im ««tegsfaUe in Srart.
Ausfertigung von Policen, welche als Weihnachtsgeschenke Verwendung finden sollen, mögen bal- stell werden, damit die Znstellung der VersicherungS- scheine rechtzeitig erfolgen kann- 9413
F. Gros, Bahnhofstraße 66.


