Drittes Blatt
Donnerstag den 6. December
Nr. 266
1888.
ießener
Amts- und Anzcigeblatt für den Kreis Gießen
Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS
1
PreiS vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Vermischtes.
A Mainz 4. December. Wie hiesige Blätter mittheilen, habe Landesgerichtspräsident Aull - die höchste Justizperson in Rheinhessen - in Anbetracht seines vorgerückten Alters bet dem Ministerium um ferne Pensionirung nachgesucht Bei der großen Rüstigkeit und der unermüdlichen Arbertslust des Landgerichtsraths Aull bleibt die Bestätigung dieser Nachricht abzuwarten. .
— Das Collegium des hiesigen Realgymnasiums und der Realschule hat bn der obersten Schulbehörde in Darmstadt den Antrag gestellt das Schuliahr an beiden Anstalten statt mit Herbst fortan, wie fast im ganzen Deutschen Reiche, mit Ostern zu beginnen. Die Gründe zu dem Antrag sind, daß die städtischen Volksschulen um Ostern ihren Curlus schließen und daher die aus diesen Schulen in die genannten höheren Lehranstalten übertretenden Schüler bei dem heutigen Zustande mit den übrigen Schülern nicht gleichen Schritt im Lernen halten können.
Innungen unter Zuziehung einer Reihe von Ausschußmttgliedern des Landesgewerb- Beretns, zu deßfallsiger Berathung berufen. Nach eingehender Erörterung aller hier einschlägigen Fragen erttschied diese Commission, von einer Enquete nach oem Muster Badens abzusehen, dagegen genauere Erhebungen im Kreise aller Localgewerboereine (es sind dies 47 int Lande, welche mit mehr als 70 Handwerker- und Kunstgewerbeschulen unter der Großh. Centralstelle für die Gewerbe stehen) und der neuen Innungen zu veranlassen. Unter der Leitung des unermüdlich thättgen, leider aus Gesundheitsrücksichten jetzt zurückgetretenen Chefs der Großh. Centralstelle, Geheimerath Fink, würbe dieses langsam einlaufende aber umfassende und zum Theil sehr interessante Material geordnet und einer von dem Ausschuß des Landesgewerbeoereins kürzlich berufenen Commission zur Bearbeitung und Stellung bestimmter Anträge überwiesen. Diese engere Commission trat nun auf Berufung ihres Obmann's Dr. Schröder in Darmstadt zum erstenmal vor Kurzem zusammen und vertheilte das vorhandene Ar- deitsmaterial nach folgenden Gruppen an ihre Mitglieder. I. Bildung von Innungen und Verhältnisse derselben, besonders Verleihung von Vorrechten. Referenten: Universitätsamtmann Dr. Dietz-Gießen und Bäckermeister Köbrich-Mainz. II. Einführung gewerblicher Prüfungen, Referenten : Bauunternehmer Amendt-Oppenheim und Schlosser- meister Dtemer-Friedberg. III. Aenderung bestehender Concurrenzverhältnisse: Referenten Dr. Dietz-Gießen und Friseur Hermann-Offenbach. IV. Submissionswcsen: Ref. Generalsecretär Dr. Hesse-Darmstadt und Dachdeckermeister Rößner-Alsseld. V. Verbesserung des Creditwesens: Ref. Commerzienrath Reuleaux-Mainz und Köbrich- Mainz. VI. Gewerbliches Unterrichtswesen: Ref. Dr. Hesse und Hofdecorationsmaler Hteronimus-Friedberg. VII. Verleihung politischer Reckte, Erleichterung öffentlicher Lasten und sonstige Wünsche: Ref. Dr. Schröder und Stadtverordneter Kinkel-Darmstadt. Die Referate und Anträge dieser Herren werden später durch Großh. Centralstelle für die Gewerbe der weiteren Commission und dem Ausschuß des Landesgewerb- vereins zur Beschlußfassung und Antragstellung an die Staatsregierung vorgelegt werden. Hoffentlich gelangen bann gewisse berechtigte Wünsche und Forderungen der Gewerbetreibenden Hessens damit in die rechten Wege und werden thunlichst befriedigt, aber auch die Aufklärung mancher Beschwerdepunkte durch Ausdeckung von im Kleingewerbe vorhandenen Mißständm und Schwächen kann auch Manches bessern.
Berlin, 3. December. Die „Berl. Poltt. Nachr." schreiben: Ein wahrheitsgetreuer Commentator her heutigen russischen Finanzpolitik wird nicht unterlassen dürfen, dem deutschen Volke auch darüber reinen Wein einzuschänken, was für Con- fequenzen eine Wtllsähigkeit unseres kapitalbesitzenden Publikums in Ansehung des hinter dem Convertirungsmanöver sich bergenden russischen Baargeldbedarss nach sich ziehen dürfte. Tenn wollen wir uns darüber nicht täuschen, daß die Conoertirung nur den Deckmantel für ganz andere, weitreichende Ziele der russischen Politik darftellt. Seit Jahr und Tag ist der Panslavismus ohne Unterlaß bestrebt, aktionsfähig zu werden Sein intimster Verbündeter zu diesem Zwecke ist der französische Rachettieb: das schwerste zwischen diese Coalition und ihr bedrohliches Endziel geschobene Hernrnntß besteht in der dauernden Ftnanznoth des nordischen Colosses. Daß Panslavisten und Patriotenbündler miteinander fraternisiren und sich gegenseitig anfeuern, können wir Deutschen weder hindern, noch wollen wir es. Mögen die Feinde des europäischen Friedens immerhin konspiriren und gegen Deutschland schüren — es läßt uns falt, so lange ihren Machenschaften die Mittel zur Durchführung ermangeln. Etwas ganz anders aber ist die Constatirung der west-östlichen Hetzumtriebe und die Zumuthung, daß Deutschland deren wirksame Ausgestaltung obendrein noch mit seinem eigenen Gelde bezahlen soll! Gerade das aber wird unseren deutschen Capitalisten in Gestalt der Conoertirungsoperation angesonnen. Indem sie diese Umwandlung vertrauensselig mitmachen, sollen sie mit ihrem Gelde den Acker der panslavistisch - chauvinistischen Freundschaft bringen, sollen sich zum unausbleiblichen Schaben, auch gar noch beit Spott der ganzen Welt auf den Hals laben. Hiergegen Front zu machen, halten wir aus Erwägungen allgemein politischer Natur, wie aus Erwägungen finanzpolitischer Natur gleich dringend geboten. Es würde mehr als ein Verbrechen, es würde ein schlimmer Fehler sein, wollte das deutsche Capital jetzt, wo ihm die Möglichkeit geboten wird, aus seinen russischen Engagements mit einem blauen Auge davonzukommen, durch Mitmachen der Conoertirung sich selbst ein Armuthszeugniß ausftellen, den panslavistisck-chauvinistischen Zettelungen aber auf einen grünen Zweig verhelfen.
Berlin, 3. December. Ueber den Besuch Kaiser Wilhelms beim Papste brachte bekanntlich unlängst die „Civita Cattolica" einen als authentisch bezeichneten Bericht, in dem die auch an anderer Stelle aufgestellte Behauptung wiederholt wurde, daß die Unterredung zwischen Sr. Majestät und dem heiligen Vater durch den unvorhergesehenen Eintritt des Prinzen Heinrick unterbrochen worden sei. Heute wird der ,K. Z. von hier telegraphirt: „Diese Lesart ist nicht glaubwürdig, obschon sie als authentisch bezeichnet wird: denn es steht fest, daß das ganze Programm des kaiserlichen Besuches, einschließlich der Bestimmung, daß Prinz Heinrich eine halbe Stunde nach dem Kaiser eintreten sollte, mehrere Tage vorher mit Herrn v. Schlözer förmlich verabredet worden war und daß die ganze Begegnung genau nach diesem verabredetem Programm verlaufen ist." ______
Deutschland.
Darmstadt, 3. December. Seine Königl. Hoheit der Großherzog haben Aller- gnädigst geruht:
Am 1. d. M. den Baumeister Sebastian Weihrich aus Bensheim zum Stellvertreter des Vorstandes des bautechnischen Bureaus der Ministerialabtheilung für Bauwesen mit dem Charakter als „Kreisbauaufseher", — den Ingenieur August Desch aus Laubach zum Zeichner bei dem bautechnischen Bureau der Ministerial- abtheilung für Bauwesen zu ernennen- — an demselben Tage den Steuercommissär des Steuercommissariats Beerfelden Adolph Htppenstiel in gleicher Diensteigenschaft in das Steuercommissariat Seligenstadt zu versetzen und den Stenercontroleur Dr. Franz Knell zu Michelstadl zum Steuercommissär des Steuercommissariats Beerfelden zu ernennen; — an demselben Tage den Diftrictscinnehmer der Districtseinnehmerei Beerfelden Johannes Müller in gleicher Diensteigenschaft in die Districtseinnehmerei Grünberg zu versetzen und den Finanzaspiranten Heinrich Rink aus Gladenbach zum Districtseinnehmer der Districtseinnehmerei Beerfelden zu ernennen; — an demselben Tage den Pfandmeister bei der Großh. Obereinnehrnerei Mainz Maximilian Münzenberger zu Worms auf sein Nachsuchen und unter Anerkennung seiner langjährigen treugeleisteten Dienste in den Ruhestand zu versetzen.
Darmstadt, 3. December. Das Großherzogl. Regierungsblatt (Bell. Nr. 30) enthält: _ , t
1. Bekanntmachung Großherzogl. Ministermms des Innern und der Justiz, die Organisation der Unfallversicherung betreffend.
2. Ordensverleihungen.
Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht: Am 19. October dem Schullehrer Ludwig Solz zu Rüffelsheim und am 27. October dem Schullehrer Philipp Süß zu Partenheim — das Silberne Kreuz des Verdienstordens Philipps des Großmüthigen, am 7. November dem Präsidenten der Centralstelle für die Gewerbe und den Landesgewerboerein Geheimerath Franz Fink die Goldene Der- dienstmeoaille für Wissenschaft, Kunst, Jndustiie und Landwirtschaft, am 14. November dem Schullehrer Johann Georg Rahn zu Kirch-Göns das Silberne Kreuz, am 17. November dem Kreisbauaufseher Johannes Dingeldein zu Offenbach die Krone zum Silbernen Kreuz des Verdienstordens Philipps des Großmüthigen — zu verleihen.
3. Namensveränderungen.
4. Exequaturertheilung. t
Auf Grund Allerhöchster Entschließung Seiner Königlichen Hoheit des Groß- Herzogs vom 20. October ist dem Herrn Clemens Lauteren in Mainz das Exequatur als Vice-Consul des Königreichs Belgien für das Großherzogthum Hessen ertheilt worden.
5. Charakterertheilungen.
6. Ruhestandsversetztmgen. . .
Am 19. October wurde der Schullehrer an der Gemeindeschule zu Rüsselsheim Ludwig Solz auf fein Nachsuchen, unter Anerkennung seiner langjährigen treuen Dienste, nut Wirkung vom 1. November an, am 27. October wurde der Schullehrer an der Gemeindeschule zu Partenheim Philipp Düß auf fein Nachsuchen, unter Anerkennung feiner langjährigen treuen Dienste, am 6. November wurde der Oberlehrer an der kath. Schule zu Lampertheim Franz Joseph Hiemenz auf sein Nachsuchen, unter Anerkennung feiner langjährigen treu.» Dunste, nut Wirkung vom 1. November an —.in den Ruhestand versetzt.
7. Concurrenzeröffnungen. . .
Erledigt sind: Die mit einem evangel. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Schwickartshausen mit einem Gehalte von 900 X Mil der Stelle ist Organistendienst verbunden. Die mit einem evangelischen Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Winterkasten mit einem Gehalte von 900 X Dem Herrn Grafen zu Erbach-Erbach steht das Präfentationsrecht zu dieser Stelle zu. Eine mit einem evangel. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Fränkisch Crumbach mit einem nach dem Dienstalter sich bemessenden Gehalte von 900-1066 X Die mit einem evangelischen Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Massenhetm mit einem Gehalte von 900 X Mit der Stelle tst Organistendienst verbunden.
@ei®rtcnfftob: Am 5. Juli her Schullehrer i P Adam Übrig zu L-mp«rI- beim; am 8. IM her Expeditor i. P. bet der Ma'n-Ncckar-Bahn Heinrich Schilling zu Darmstadt; am 17. Juli der Rechtsanwalt Dr Ernst P,-fflng.r zu Offenbach; am 21. Juli der Stationsvorsteher i. P. bei der Main-Neckar-Bahn Conrad Pfanumuller zu Darmstadt; am 24. Juli der Forftwart i. P. Johann Georg Doll zu Grebenhain; am 7. August der Forftwart i. P. Forster Heinrich Lauer zu Merlau; am 10. August der Steuercommissär i. P., Steuerrath Wilhelm Lang-dorf zu Homberg; an d-mf-Iben Tage der Schullehrer Heinrich SchcrffiuS zu Rocken^rg; am 11. August der Schul- lehrer i. P. Georg Rieger zu Esselborn, früher zu Blod-sh-im; am 18. August der Oberförster i. P., Forsttnspector Hermann Georgi zu Gießen; am 21. August der Kreivamtsdiener Daniel Rixius zu Bingen; am 17. September ber SrcUocterinaratjt i. P., Mcdicinalasfessor Dr. Carl Gottfried Castres zu Mainz; am 18. September der Schullehrer Ehr. H-inr. Roth zu Altcn-Bufeck; am 19 September der Oberbaurath Georg Piarree zu Darmstadt; am 22. September der Districtseinn-hmer Georg Glock zu Grünbcrg; am 23. September der Rentamtsdiencr i. P. Adam Laun zu Groß- Gerau; am 27. September der Oberförster st Ludwig Erdmann zu Bockenh-tm, frnher in Dornbera am 1. October der Oberst a. D. Johann Ludwig Bickel zu Darmstadt; am 9. October der Kreiswundarzt Lorenz Bisch zu Kerstein; am ^. Cctober der Schullehrer Wilhelm Schlechtweg zu Bickenbach; am 19 October der«Bahnwärter i. P. Johann Adam Schupp zu Zwingenberg; am 28. Oct ober der Reallehrer i. P. Andreas Schumacher zu Mainz; am 10. November der Zeichenlehrer an dem Real- gymnasium und der Realschule daselbst, Paul Gehry.
3 December. Der Hauptausschuß des Volksschullehreroere ns im tÄrnfchrrin^iimMfen bat den Reichskalizler gebeten, den Volkgschullehrer.Seminarien ÄÄT Ln B-?-chtigunA.in.n für den Dienst als Einjahrig-Freiwillige nnni»rfpnnfn Wnrfa Ansicht der Vorsttllenden würde der erfolgreiche Besuch der zweiten SenstnarAass- kin^gmük-ndVr Ausweis für di. porgeschriebene wisfenfchaftliche B--
nn Aus dem Großherzogthum Heffe«, 4. December. Die badische En- auete über die Laae des Kleingewerbes vom Jahre 1885 ließ die gleiche ctrüQe Qllfh für das Großherzogthum Hessen erheben. In der jährlichen iammlnn?des Landesgewerbe-Vereins NN Herbst 1885 wurde der einstimmige Beschluß gefaßt "de^r Sacke näher^zu treten. Zu diesem Zweck wurde eine größere Zahl von Vertretern der zahlreichen Localgewerboereine des Landes und der neu entstandenen
Der Helfenftelner. Ein Sang aus dem Bauernkriege von Josef Laufs (In elegantem Original-Einband 4.80 (Verlag von Albert Ahn in Köln.)
Der ebenso volksthümliche wie hoch dramatische und überdies echt nationale Gegenstand dieser neuen Dichtung ist den Bauernkriegen entlehnt und bebandelt dre tragische Geschichte des Grafen Helfenstein zu Weinsberg. Der Aufbau und die Entwickelung des Ganzen bis zu dem erschütternden Schluß sind in hohem Grade feffe nd und die einzelnen Persönlichkeiten treten uns immer eigenartig und in lebatfoolto Naturwahrheit entgegen. Die gelegentlich eingestreuten Lieder, deren kecker Inhalt voll köstlichen Humors Durchaus dem Geschmack und der Anschauung der damaligen Zett entspricht, find fangbar wie echte Volksweifen.
Bttvea« r Schul st raße 7.


