Nr. 206 Donnerstag den 6. September 1888.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Politische Rundschau
Gießen, 5. September.
Von einem neuen frohen Ereignisse im Schooße unseres erhabenen Kaiserhauses kommt soeben die Kunde und erregt hier die freudige Theilnahme des preußischen und deutschen Volkes: Die Verlobung der Prinzessin Sophie, dritten Schwester Kaiser Wilhelms, mit dem Kronprinzen von Griechenland, welche am Sonntag in Potsdam im engsten Familienkreise mit Bewilligung des Kaisers und unter Zustimmung der Kaiserinnen Friedrich und Augusta verkündigt wurde. Prinzeß Sophie ist geboren am 14. Juni 1870 und steht somit in der Blüthe der Jugend; gleich ihren erlauchten Schwestern, ist die nunmehrige Braut des griechischen Thronfolgers mit Gaben des Geistes und Herzens reich begnadet und eine anmuthige, schlanke Erscheinung. Die erschütternden Katastrophen, welche in diesem Jahre Deutschlands Kaiserhaus betroffen, hatten auch das Gemüth der Prinzessin Sophie tief ergriffen und begreiflicher Weise war es namentlich der einen Tag nach ihrem 18. Geburtstage erfolgte Heimgang ihres heißgeliebten Vaters, des Kaisers Friedrich, welcher die Prinzessin aus das Schmerzlichste ergriff und erst allmählig hat sie sich von diesem Schlage wieder zu erholen vermocht. Was den hohen Bräutigam der Prinzessin Sophie anbelangt, so ist Kronprinz Constantin von Griechenland, Herzog von Sparta, dem deutschen Volke längst kein Fremder mehr^ er hat ja auf deutschen Universitäten studirt, überhaupt eine durch und durch deutsche Erziehung genossen und nie seine Bewunderung für Deutschland und dessen große Männer verhehlt. Der griechische Thronfolger ist am 2. August 1868 geboren und steht also im 21. Lebensjahre, er ist von eleganter, jugendlich-frischer Erscheinung und gewinnendem Wesen; speciell erfreut er sich in den Berliner Hofkreisen, wo er schon in früheren Jahren wiederholt weilte, allgemeiner Beliebtheit. Auch in diesem Jahre nahm Kronprinz Constantin am Berliner Hofe wieder längeren Aufenthalt, dessen Endzweck sich nunmehr in so freudig überraschender Weise aufgeklärt hat; möge die Verbindung zwischen dem künftigen Herrscher Griechenlands und der deutschen Kaisertochter auch ein neues Band um die beiden Völker schlingen!
Zu dm Reiseplönen Kaiser Wilhelms — abgesehen von seinen Manöver- reism — wird jetzt gemeldet, daß der Kaiser gegen den 24. September seine Reise zunächst zum Besuche der süddeutschen Fürstenhöfe antreten werde, auf welcher seinem Eintreffen in der bayerischen Hauptstadt Anfang October entgegen gesehen wird. Bon München aus begiebt sich der Kaiser direct nach Rom, woselbst man seine Ankunft am 6. October erwartet. Dagegen weiß die Berliner „Post" mitzuthellen, daß unser Kaiser erst gegen dm 10. October in der Hauptstadt Italiens eintreffen werde und daß er vorher doch noch dem Wiener Hofe seinen Besuch zu machen beabsichtige, welche letztere Meldung indessen mit Nachrichten aus der jüngsten Zeit in verschiedenem Widerspruch steht. Denn letzteren zufolge würde Kaiser Wilhelm erst nach Beendigung seines Aufenthaltes auf italienischem Boden in Wien erscheinen, so daß bezüglich dieses Widerspruchs erst noch die letzten aufklärmdm Mittheilungen abzuwarten sind, nur überwiegt eben bis jetzt die Armahme, daß der deutsche Herrscher erst auf der Rückkehr von seiner Romfahrl am österreichischen Hofe vorsprechen werde. Bestimmt verlautet, daß die gegenwärtige Anwesenheit der Vertreter Deutschlands und Preußens am italienischen Hofe, resp. beim Vattcan in der Heimath mit der endgiltigm Festsetzung der beim Besuche unseres Kaisers in Rom zu beobachtenden Aeußerlichkeiten im Zusammenhänge steht.
Die schlesische« Gebirgsgegenden, welche vor kaum Monatsfrist von einer großen Ueberschwemmungskatastrophe heimgesucht worden, sind jetzt infolge anhaltender Regengüsse, die in Schlesien niedergingen, wiederum von Ueberschwemmungen betroffen worden. Doch haben dieselben im Allgemeinen feinen solchen Umfang angenommen, wie dies im August der Fall war und sind in den meisten neuerdings überschwemmten Districten die Hochfluthen bereits mehr oder weniger wieder gefallen.
Die französischen Flottenmanöver sind programmgemäß am Montag beendigt worden und löste sich noch am Abend des genannten Tages das Uebungs- geschwader im Hafen von Toulon auf. Die Besorgnisse, welche hie und da aufgetaucht waren, daß die französischen Seemanöoer, weil sie gleichzeitig mit den italienischen Flottenübungen stattfanden und weil an ihnen eine ungewöhnlich große Zahl von Schiffen Theil nahm, schließlich zu ernsteren Demonstrationen führen könnten, haben sich demnach als überflüssig erwiesen. Ebenso ist die specielle Befürchtung der Italiener, die französische Flotte könnte einen Handstreich gegen Tripolis versuchen, unbegründet gewesen und hätte ein solches Unternehmen ja schließlich auch nur für Frankreich die schwersten Consequenzen nach sich gezogen.
Die mit dem Besuche des Königs Humbert und des Kronprinzen Victor Emanuel in der Romagna verbunden gewesenen italienischen Manöver haben am Dienstag ihren Abschluß mit einer großen Parade gefunden. In den von den hohen Herrschaften besuchten Orten der Romagna selbst ist dem Herrscher von sämmtlichen Volksclassen überall ein begeisteter Empfang zu Theil geworden, namentlich in Raoenina, Forli, Cesena, Faenza u. s. w., wofür König Humbert wiederholt seinen bewegten Dank aussprach. Man kann diese dem Könige dargebrachten Ovationen nicht nur als glänzende Beweise treuer Anhänglichkeit des italienischen Volkes <m die Dynastie Savoyen, sondern auch als Anzeichen der Zustimmung betrachten, deren sich die Politrk Italiens gerade in diesen schwierigen Zeitläuften im Lande selber erfreut.
Aeutschland.
Darmstadt, 4. September. Sc. Königliche Hoheit der Großherzog wird im ? 2aufe dieser Woche eine Besichtigung der in der Gegend von Hamm auf Manöver ’ befindlichen Truppen des 7. Armeekorps als Generaltnspekteur des Corps vornehmen. 1 ^s gilt als wahrscheinlich, daß auch der Kaiser Wilhelm, welcher an den in Detmold I sstattfindenden Hofjagden theilzunehmen beabsichtigt, die dort übenden westfälischen ■ Truppentheile persönlich besichtigen wird. I §
Darmstadt, 3. September. Der Director an der Strafkammer des Land- ■ Gerichts, Herr v. Herff, der schon seit einiger Zett leidend ist, ein sowohl als edler i Charakter, wie als trefflicher Richter allseitig in hoher Achtung stehender Beamter, hat »
am letzten Samstag einen Schlaganfall erlitten, in Folge dessen sein Zustand leider zu den größten Besorgnissen Anlaß gibt.
Berlin, 2. September, lieber die Einstellung der Rekruten hat das Kriegsministerium Folgendes angeordnet: Die Einstellung der Rekruten zum Dienst mit der Waffe hat nach näherer Anordnung der Generalcommandos bei der Cavallerie in der Zeit vom 1. bis 6. October, bei den übrigen Truppentheilen in der Zeit vom 5. bis 10. November zu erfolgen; die für das Pommersche Fuß-Artillerie-Regiment Nr. 2, die Unterofficierschulen, ferner die als Oekonomie - Handwerker ausgehobenen Rekruten sind am 1. October und die Trainsoldaten für den Frühjahrstrain am 1. Mat 1889 einzuftellen.
Telegraphische Pepesche«.
Wolss'S telegr. Eorresponven, - Burea«.
Berlin, 4. September. Seine Majestät der Kaiser, welcher sich heute früh zu den Manöoern nach Jülerbogk begeben hatte, kehrte Mittags von dort hierher rurück und fuhr alsbald nach Potsdam weiter.
— Der Kronprinz von Griechenland begab sich ebenfalls Morgens nach dem Manöverterratn bei Jüterbogk und wird gegen das Ende der Woche hierher zurückkehren. *
Halle a. d. S., 4. September. Die Hauptversammlung des Hauptvereins der evangelischen Gustav - Adolf - Stiftung hielt heute Nachmittag in der Aula des Volks- schulgeb^udes ihre erste öffentliche Versammlung ab. Der Vorsitzende des Festausschusses, Herr Oberprediger Saran von hier, hielt eine Ansprache, worin er auf die reichen Beziehungen der Stadt Halle zur Reformation hinwies und die Versammlung Namens des hiesigen Zweigveretns begrüßte. Der Oberbürgermeister begrüßte die Anwesenden Namens der Stadt. Der Vorsitzende des Centralausschusses, Professor Fricke aus Leipzig, erwiderte mit einer begeisterten Ansprache, in welcher er die Segnungen des evangelischen Glaubensbekenntnisses hervorhob. Hierauf wurde das Lied Nun danket Alle Gott" gesungen. "
Petersburg, 4. September. Der Mintsterstaatssecretär von Finnland und Präsident des evangelisch-lutherischen General-Consistoriums, Wirkl. Geheimrath Baron Th. Brunn, ist gestern gestorben.
Lokales.
5. September. Di- in der Regel vorzuschr-tbendm allgemeinen ?‘6 « «.cbfn0un8.c-n Jdr die Ausführung von Garnison-Bauten. on,t= ^■■^“m,muü0en bie Z-w-rbung um Leistungen für Garntsonbautcn liegen im Geschastslocale der hiesigen Garnisonverwaltung, sowie des hiesigen Garntson- lazareths zur allgemeinen Einsicht aus; auch sind diese Bedingungen, bezw. Bestimmungen auf dem hiesigen Bürgermeisteramt an der für öffentliche amtliche Bekanntmachungen bestimmten Stelle zur Einsicht ausgehängt.
UaiverfitätS^EHrönik^
m lr — Die Corps aller deutschen Universitäten haben soeben eine würdig ausgestattete Beileids- und Ergebenheitsadresse an Se. Majestät den Kaiser Wilhelm n. abgesandt
nri J?DeIIe Malerei in zarten Wasserfarben schmückt, nach dem „Hannoo. Cour." die Adresse. Dieselbe stellt ein im romanischen Stil feierlich ernst gehaltenes Mausoleum dar, auf dem unter der Kaiserkrone die Inschrift „1888 — Friedrich HL" eingegraben ist, rothlich beleuchtet von dem Lichte der untergehenden Sonne im Mittelgründe einer der ernsten Stimmung Ausdruck verleihenden düster gehaltenen Landschaft. Die Stufen des Monumentes bedecken Kränze und Palmzweige, vor demselben sind die Abzeichen der Kaiserwurde der Schild mit dem Reichsadler, Reichsschwert und Reichsbanner niebergelegt. Auf einem mächtigen Kandelaber zur Seite des Mausoleums lodern blutrothe Flammen und senden den aufsteigenden Rauch dem Himmel zu. Während « ar(^terC?nMfn Aufbau der Trauer über das erloschene Leben des hochseligen Kaiserlichen Dulders Ausdruck gegeben ist, wird der ernste Charakter des Bildes
r den hoch oben gleichsam als aufgehendes Gestirn sich erhebenden Namen „Wilhelm H-Imp. , im Strahlenkränze der über dem Reichsadler schwebenden Kaiser- krone. Der Deckel tragt in der Mitte ein kolossales W., darüber eine mächtige Kaiserkrone. Die vier Ecken zieren prächtige Beschläge mit stilvollen Ornamenten und masstven halbkugelformigen Buckeln. Alle Beschläge sind in getriebenem echten Silber künstlerisch ausgefuhrt.
. Lena 3. September. Zum ordentlichen Professor für Physiologie an hiesiger Universität ist an Stelle des zum 1. October ausscheidenden Herrn Hofrath Dr. Preyer der seitherige außerordentliche Professor Herr Dr. Wilhelm Biedermann zu Prag berufen worden und hat derselbe diese Berufung angenommen.
c , “ An Stelle des verstorbenen Gehelmraths Prof. Rühle ist, der „Elb. Rtg." zufolge, Prof. Schultz aus Dorpat nach Bonn berufen worden.
— Der Privatdocent Dr. Beumer in Greifswald ist zum außerordentlichen Professor ernannt worden.
, ™ Nachdem Professor Dr. Hellwig die Berufung von Gießen nach Erlangen
abgelehnt hatte, find erneute Verhandlungen angeknüpft worden, in Folge deren Hellwia den Ruf angenommen hat.
— Das Amt eines Richters an der Universität Göttingen, welches zeitweilia durch den Landrichter Bacmelster versehen wurde, ist dem Assessor Kleewitz aus Berlin übertragen worden.
Vermischtes.
. < "7 tVolksbäder.j Die Stadt Frankfurt a. M. ist um ein dem Wohle der minder bemittelten Einwohner gewidmetes Institut reicher geworden. Die hochherzige Schenkung eines dortigen Bürgers (Herrn Bankier Theodor Stern) bat es ermöglicht, ein Volksbrausebad zu errichten, in welchem für 10 H — sage und schreibe 10 P-stnnige - ein Brausebad incl. Seife und Handtuch gegeben wird. Der Preis A deshalb fo gering bemessen, damit der Zweck der Anstatt, den minder bemittelten Klassen der Einwoynerschaft Gelegenheit zu billigen Bädern zu geben vollkommen We ?nftaIt °^ne Zustimmung des Gebers nicht entfremdet werden und Hai berjelbe, um eine eventuelle Belastung der städtischen verhüten, sich noch ausdrücklich bereit erklärt, den nach Ablauf von zwü Abenden etwargen Betriebsverlust zu decken. Rings von Bäumen umgeben, erhebt sich auf dem Merianplatze in Pavillonform der Bau dessen Wände nach
System Monnier errichtet sind. Das in einem Thürmchen, aus welchem der Schornstein ausmündet, endende Dach ist von Wellblech und sind an diesem Thürmchen


