Nr. 106 Drittes Blatt. Sonntag den tr. Mai 1888.
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Burcrru: Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Bekanntmachung.
Das Bureau der 1. Bezirks-Kompagnie Gießen befindet sich jetzt Grünbergerstraße Nr. 14, Hinterhaus. Gießen, den 2. Mai 1888. Großherzoglicher Bezirks-Kommando.
h I. V.: Lindpaintner,
Premier-Lieutenant und Bezirks-Adjutant.
Darmstadt, 4. Mai. Das heute ausgegebene Großherzogltche Regierungsblatt Nr. 14 enthält:
1. Bekanntmachung Großh. Ministeriums der Finanzen, den Ausschlag der directen Steuern für das Etatsjahr 1888/89 betreffend.
2. Bekanntmachung Grotzh. Staatsmtnisteriums, Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz, sowie Großh. Ministeriums der Finanzen, die dienstliche Bezeichnung der bei verschiedenen Großherzoglichen Behörden angestellten Calculatoren, Probatoren und Assistenten erster und zweiter Elasse betreffend.
Lokales.
Gießen, 5. Mai. sSitzung der Stadtverordneten vom 3. Mai.) Anwesend: Herr Bürgermeister Bramm, Herren Beigeordneten Keller und Gnauth, Seitens der Stadtverordneten die Herren Baist, Georgi, Grüneberg, Hanstein, Hoch, Homberger, Jughardt, Kauf, Ad. Noll, Petri, Dr. Ploch, Scheel, Schopdach und Simon.
Unter den Mittbeilungen, welche Herr Bürgermeister Bramm der Versammlung vor ihrem Eintritl in die Tagesordnung macht, sind von Interesse diejenigen überden Eingang eines Dankschreibens des Herrn Oberbürgermeisters von Forckenbeck zu Berlin für die den Ueberschwemmten bewilligte Gabe von 500 über die Entscheidung des Landgerichts in Sachen der Berufung der hiesigen Schäfereigesellschaften wegen der Seitens der Stadt ausgesprochenen Aufhebung des Weiderechts, wonach das Landgericht diese Berufung verworfen und den Klägern (den Schäfereigesellschaften) die Kosten des Verfahrens auferlegt hat, — und endlich über die von der Direction des Realgymnasiums festgesetzte Erhöhung des Schulgeldes auf 96 resp. 84 —
Die Behufs Abhaltung von Gottesdiensten von dem evangelischen Kirchenvorstande nachgesuchte Erlaubniß um Ueberlassung der Friedhofskapelle wird ertheilt. — Auf diesbezügliches Gesuch wird der Pächterin des Rathhauskellers (Dan. Rühl Wwe.) ein Nachlaß von 15 JL an dem Pachtgelde zugebilligt, weil ihr durch Eindringen von Wasser in den Keller Schaden an den darin befindlichen Kartoffeloorräthen entstanden. Kugleick wirb beschlossen, bei einer event. neuen Verpachtung dieses Kellers keine Garantie in dieser Hinsicht zu übernehmen. — Den Gesuchen der Herren Maurermeister W. Steinbach, Eommerzienrath Silbereisen und Gastwirth Schwinn um Erlaubniß zur Anlage von Wasserabflußcanälen aus ihren Häusern nach der Wieseck wird stattgegeben- bezüglich des letzteren Gesuches, in welchem es sich um Anschluß an ein schon bestehendes, von Herrn Hochstätter (Bahnhofstraße) angelegtes Abflußrohr handelt, unter dem Vorbehalt, daß Gesuchsteller die schriftliche Einwilligung der Herren Hochstätter und Dr. Mettenheimer beibringt. — Zur Anlage eines Brunnens, einer Latrine, sowie mehreren Deckungslöchern bei den neuen Schießst änden des 116. Regiments ertheilt die Versammlung die Genehmigung. - Unter „Straßenreinigung" wird Beschluß über die Aufnahme der Straßenkehrer in die Ortskrankenkasse, mtt der gesetzlichen lrindrittel-Beitragsleistung der Stadt, gefaßt. — Großh. Polizeiamt berichtet es sei wiederholt vorgekommen, daß Mannschaften des hiesigen Regiments in geschlossenen Abtheilungen auf den beiderseitigen Trottoirs der Grünberger und Gartenstratze marschirt feien wodurch die übrigen Passanten gezwungen wurden, auf den Straßendamm zu treten Das Regiment, hiervon in Kenntniß gesetzt, hat die einzelnen angeführten Falle, sowie auch weiter die Anordnung zugegeben, daß Militär in geschlossenen Abtheilungen nur auf dem Straßendamm zu marschiren habe. An den fragt. Tagen haben zwei Compagnien bei dem Marsch zur Kirche die Trottoirs benutzt, weil ber Fahrbamm infolge Regens in einem Zuftanbe sich befunden, daß die Mannschaften jedenfalls sehr beschmutzt in die Kirche gekommen sein würben. Wenn bie totabt darauf bringe, baß Militär in geschlossenen Abtheilungen nur bie Fahrbahn zu benutzen habe so müsse sie auch für bie Säuberung ber Straßen sorgen. Das Stadtbauamt hat hierauf berichtet, daß feit dem 1. April d.J. die Staatsstraßen, soweit die Trottoirs gepflastert find, auf Kosten der Stadt gereinigt würden und daß somit bei einigermaßen normaler Witterung die Straßen ganz gut passirbar seien. Die Versammlung tritt dem Gutachten des Stadtbauamtes bei, nachdem noch die Herren Hanstein und Keller auf bie für bie Passanten wenig erfreuliche Belästigung burch bas Stehenbleiben ganzer Gruppen von Personen auf den Trottoirs und durch die Mittwochs aus dem Stadtwalde kommenden Holzträger aufmerksam gemacht.
Entsprechend dem Anträge der Gasdeputation wirb die Versetzung einer bestehenden und die Errichtung einer neuen Laterne an der Nordanlage beschlossen; die Laterne an der Ecke der Steinstraße und des Asterwegs soll in Zukunft als Richtlaterne dienen — Die Gesuche ber Herren August Hauck unb Ferdinanb Hannickel um Erlaubniß zum Wirthschaftsbetrieb in ber früheren Jmmel'schen Wirtschaft (Neuen Bäue) resp. Brauerei Röhr le werden befürwortet. — Zu dem Ansinnen der Standekammer an die Stadt Gießen zur Uebernahme der Vorschule des Gymnasiums auf die Stadt erklärte s. Z. die Stadtverordneten-Versammlung ihre Zustimmung unter der Bedingung, daß dem Stadtvorstande bet der Anstellung der Lehrer an dieser Vorschule das Vorschlagsrecht gewahrt werbe, wie dles nach Art. 40 des Volksschulgesetzes dem Schulvorstande zustehe. Seitens Gr. Ministeriums wurde hierauf in einer vor Kurzem stattgehabten Covferenz, an welcher Vertreter des Gymvasiums unb bes Schulvorstanbes theilnahmen, erklärt, daß die Stadt Gießen von dieser Bedingung insofern abstehen könne, als der Art. 40 des Volksschulgesetzes hier nicht anwendbar sei. Die Lehrerstellen am Gymnasium würden nicht wie btejenigen an den Volksschulen in Eoncurrenz ausgeschrieben, es handle sich meistens auch nur um einen Lehrer. Es sei dem Directorium des Gymnasiums indeß unbenommen, vor Anstellung eines Lehrers mit der Stadtvertretung Rücksprache zu nehmen. Die Versammlung ist hiermit einverstanden. — Die im Bürgermeistereigebäude befindlichen Bureaulocalitäten der Handelskammer genügen räumlich ihren Zwecken nicht mehr; es wird beschlossen, der Handelskammer in dem genannten Gebäude einen größeren, nach der Südanlage zu gelegenen Saal gegen den seither entrichteten MiethpreiS zu über: lassen. — Die Wieseckböschungen sind neulich verpachtet worden und erklärt die Versammlung ihre Zustimmung zur Festsetzung deS Pachtpreises auf 7 H pro □fttafter.
— Zu „Unterbringung des Aug. Hoffmann in eine Besserungsanstalt" beschließt die Versammlung Ablehnung ber jährlichen Unterhaltungskosten, sowie ber Kosten für die erste Bekleidung unb ben Transport bes Jungen, da biefe Kosten biejenige Kasse zu tragen habe, welche zur Unterstützung bes Betreffenben verpflichtet sein würde; dies sei in dem vorliegenden Fall bet Lanbarmenverbanb, ba bie Familie bes 2c. Hoffmann ben Unterstützungswohnfitz hier noch nicht erworben. — Zu bem zwischen ber Stabt unb ber die Legung ber Steinfohle im Stadttinggraben ausführenben Firma ausgearbeiteten Vertrag ertheilt bie Versammlung ihre Zustimmung. — Die Klage gegen ben Ortsarmenverband Friebb erg wegen Erstattung der Kosten für die Verpflegung des Johannes Schönhals von ba wirb an bie juristische Eommiffion verwiesen. Schönhals kam s. Z. krank von Friebberg hierher und sand Aufnahme in der hiesigen Klinik. Die hiesige Bürgermeisterei setzte die Bürgermeisterei zu Friedberg davon in Kenntniß unb diese verlangte die Verbringung des Schönhals nach dort. Dieser weigerte sich jedoch unter dem Vorgeben, daß er bis zur Vornahme einer Operation noch hier bleiben müsse und wendete sich, als auf seiner Verbringung nach Friedberg dennoch bestanden wurde, beschwerbeführend an bas hiesige Kreisamt, worüber längere Zeit verstrich, für welche der Ortsarmenverband die Verpflegungskosten zu zahlen sich weigert. Herr Beig. Gnauth legt die Gründe dar, welche ihn veranlassen, für die Verweisung dieser Streitfrage vor der förmlichen Klageerhebung an die juristische Commission zu stimmen. Wie aus den Verhandlungen des Provinzialausschusses hervorgehe, seien kürzlich mehrere derartige von ber Stabt erhobene Klagen abgewiesen worben, in welchen man auch bas Recht auf Seiten ber Stabt zu haben glaubte. Herr Bürgermeister Bramm erwidert, baß in ben von Herrn Beig. Gnauth angeführten Fällen, die noch aus ber Zeit bes Recurrenzficbers batiren, gegen bie Abweisung ber Klagen Berufung eingelegt worben, baß bie Abweisung ber erhobenen Klagen wohl mit barauf zurückzuführen sei, weil ein Stoß Akten, in welchen bie Rechtsansprüche ber Stadt gewahrt, inzwischen abhanden gekommen.
Vermischtes.
Darmstadt, 3. Mai. sPostpersonal-Nachrichten.) Dem Postsecretär Bernius ist eine Ober-Postsecretärstelle übertragen worben. — Versetzt ist ber Postsecretär Pethke von Friebberg (Hessen) nach Darmstabt, ber PoNsecretär Georgi von Offenbach (Main) nach Metz. — In ben Rustestanb treten ber Postverwalter Loos in Jugenheim (Bergstraße) unb ber Postsecretär Abam in Mainz. — Gestorben ist der Postverwalter a. D. Volk in Reichelsheim (Odenwald.)
— [$Bie alt ist der Maitrank?) Des wunderschönen Maies wunderschönstes Kraut ist unstreitig für gar Manchen wohl ber Prinz Walbmeister! Ist er doch ber Schöpfer ber sogenannten „Maibowle" unb gehört doch bas Schlürfen bieses süßen Labetrunks des Maien mit zur allgemeinen Frühlingswonne! Doch nicht immer war Prinz Walb- mcifter das Ideal der Frühlings-Zecher, ja, nicht einmal seinen jetzigen Namen führte er in früherer Zeit. In alten deutschen Kräuterbüchern steht er unter der sehr bezeichnenden Benennung „Hertzfreydt", (Herzfreude) verzeichnet; außerdem hieß er „Haberkräutlein", „Meserich", „Musch" ober „Mösch" unb biente ber Arzenei als schweißtreibendes Mittel. Auch als Wetterprophet besaß er Ruf und Ruhm, und zwar — des Duftes wegen! Der getrocknete Waldmeister stand nämlich in dem Gerüche, wenn schönes Wetter in ^icht, ganz duftlos zu sein, während er, droht Regen in der Luft, füßen Geruch spenden und versenden soll. Ferner gebot es in Deutschland und anderwärts einst allgemein die Sitte, kleine Büschel oder Kränze dieses Frühlingskrautes in ben Häusern unb Kirchen aufzuhängen, ebenso wie in der Mark Branbenburg ein besonberes Fest, bas Moschesest, gefeiert wird. Der Name Waldmeister taucht erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts auf, wo er die echte, rechte Volks-Maiblume war; als Meister des Waldes durchduftet er nun jetzt unsere deutschen Buchenwälder, wie er in Belgien eine geschätzte Frühlings-Garten- blu'me ist. — Es mag wohl so an drei bis vier Jahrhundert unb darüber fein, feit zuerst die gute Sitte aufkam, das Haberkräutlein Herzfreud' in den Wein zu thun, „um das Herz zu erfreuen, und die Leber zu stärken und gesund zu machen!" — Als im 15. Jahrhundert unsere vaterländischen Reben sich eimubürgern begannen, jedoch in noch sehr jugendlichem Zustande getrunken wurden, uno in schlechter Qualität, sofern er billiger, verfiel man auf die Idee, ihn durch Surrogate zu verbessern, indem man ihm Gewürz, Honig und wohlriechende Kräuter beisetzte. So entstand der Maitrank, dem man zugleich die schätzbare Eigenschaft nachrühmte, günstige Wirkung auf Husten, Gliederweh u. s. w. auszuüben, sowie die im Winter angesammelte Galle zu vertreiben, und darum glaubt man wohl noch heute, daß der Matttank heilkräftig ist gegen Grillen, Sorgen und derlei böse Gäste!
Landwirthschaftliche Nachrichten.
(Nachdruck verboten.)
— [Tie Spargelfliege.) Mit den ersten Spargelköpfen, die sich auf den Beeten zeigen, zeigt sich auch ein Jnsect, in manchen Orten und Jahren mehr, in manchen weniger zahlreich auftretend, das aber unter Umständen die ganze Spargelernte gefährden kann. Es ist das bie Spargelfliege. Sie ist ungefähr fo groß, wie unsere Stubenfliege, aber von schmutzig-rotbrauner Farbe, bie Flügel haben bräunliche Streifen. Was man in ben Spargelpflanzungen antrifft, finb meistenteils Weibchen, bie ihre Gier in die hervor brecheirden Spargelköpfe legen. Diese werden dadurch natürlich unbrauchbar. Als Fangmittel für daS Jnsect sind Heine weiße Stäbchen oder auch weiß gefärbte Pfropfen anzuwenden, welche mit Fliegenleim bestrrchen und dann auf die Spargelbeete gesteckt werden. Auch kann man am frühen Morgen, wenn die Fliegen erstarrt auf den Spargelköpfen sitzen, jene leicht ablesen unb tobten. Besonbers muß man auf bie jungen Spargelanlagen, in benen nichts gestochen wirb, achten, damit sich | dort die Fliege und ihre Brut nicht einnisten.


