Mittwoch den 5. December
Nr. 28S
1888.
Vvreaur Schulstraße 7.
Meßmer Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
nr.-rx.i-i mii h»a WnnMrtÄ Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
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Politische Rundschau
Gießen, 4. December.
Der Vorsitzende des braunschweigischen Staatsministeriums, Graf von Görtz-Wrisberg, ist um seine Entlassung etngekommen. da seine Gesundheit schon seit längerer Zett erschüttert ist.
Die Stichwahl im hannover'schen ReichstagSwahUreise Melle-Diephol- zwtschen dem bisherigen Abgeordneten Dr. Sattler (nat.-lib.) und dem Welfen v. Arns- waldt scheint den Sieg des letzteren ergeben zu haben, nach den bis jetzt hierüber vorliegenden Meldungen zu urtheilen. Dre nationalltberale Partei hätte also genannten Wahlkreis, den sie erst im Jahre 1884 den Welfen nach hartem Kampfe entriß und im Jahre 1887 mit großer Mehrheit behauptete, wiederum an die hannover'schen Protestler verloren und hat es den Anschein, als ob die freisinnigen Elemente des Wahlkreises überwiegend für den welfischen Candidaten eingetreten seien. Der Kreis Melle-Diepholz wäre demnach schon der vierte Wahlkreis, den die Nationalliberalen in Nachwahlen an die Gegner des Eartells seit den allgemeinen Wahlen des 21. Februar 1887 verloren haben und bereits stehen sie vor zwei weiteren Nachwahlen, welche für die nationalliberale Partei vielleicht ebenfalls parlamentarischen Verlust ergeben werden. Sie muß den durch das Ableben des Abg. v. Degenfeld vertretungslos gewordenen Wahlkreis Kehl- Offenburg (Baden) gegen die Clericalen und den hannover'schen Wahlkreis Eelle, dessen Mandat Abg. Baurschmidt niedergelegt hat, gegen die Welfen vertheidtgen und in beiden Fällen müssen die Nationalltberalen jedenfalls alle Kräfte anspannen, wenn sie Sieger bleiben wollen.
Das 40jLhrige RegiernngSjnbilLnm des Kaisers von Oesterreich ist von der Presse des Katserstaates ohne Unterschied der Nationalität in Artikeln und Gedichten, in langen geschichtlichen und anderen Aufsätzen gefeiert worden und fanden außerdem in allen Thetlen Oesterreich-Ungarns festliche Veranstaltungen in Anknüpfung an das Negierungsjubtläum des Kaisers statt. Von auswärtigen Blättern, welche des Jubiläums gedachten, ist namentlich das „Journ. de St. Petersb." zu nennen. Dasselbe hebt in einem Artikel hervor, daß die hervorragenden Eigenschaften dieses Monarchen von allen Höfen voll gewürdigt würden, und daß trotz der Verschiedenheiten in den politischen Gesichtspunkten, welche Regierungen und Nationen von einander trennen können, Jedermann den loyalen Bestrebungen des Monarchen, seinen Völkern die Wohlthaten des Friedens inmitten einer bewegten Zeit zu sichern, volle Gerechtigkeit widerfahren lassen werde.
In PariS ist die Bandirrfeier, wenn man von dem Zusammenstoß zwischen Studenten und Boulangtsten im Lateinischen Viertel absieht, so ziemlich ordnungsmäßig vorübergegangen. Zwar war viel Volk auf den Beinen, schon wegen des Sonntags, aber weder bei dem Zuge des Pariser Gemeinderaths und der verschiedenen ultraradicalen und socialiftischen Gruppen nach dem Montmartre-Kirchhofe, noch am Grabe Baudin's selbst ist es zu irgend welchen Ruhestörungen gekommen, nur ein paar Individuen wurden wegen Versuchs zum Scandalmachen verhaftet. Die Abordnungen der vereinigten Linken der Deputirtenkammer, der republikanischen Vereinigung, sowie der republikanischen Linken des Senats, welche keine Lust fühlten, mit Communards und Socialtsten zusammen zu marschtren, hatten bereits am Sonntag Vormittag am Grabe Baudin's Kränze ntedergelegt. Der Zug des MunictpalrathS selbst blieb an Stärke weit hinter den gehegten Erwartungen zurück, denn er mochte kaum 10,000 Teilnehmer zählen, von denen die Hälfte aus der Umgegend von Paris Herbetgekommen war. Um 1 Uhr Nachmittags setzte sich der Zug vom Stadthause aus in Bewegung, und langte gegen 3 Uhr vor dem Grabdenkmale Baudin's auf dem Montmartre- Kirchhofe an. Der Präsident des Gemeinderathes, Darlot, hielt eine Rede, in welcher er als Zweck der Demonstration die Verherrlichung der unerschrockenen Vertheidigung des republikanischen Rechtes und die Erinnerung an alle geächteten Opfer des Staatsstreiches bezeichnete. Der Redner griff sodann den Boulangismus heftig an und hob hervor, die französische Demokratie stähle sich an dem ruhmvollen Beispiele Baudin's. Er sei an das Grab desselben gekommen, nicht nur, um dem Todten seine Ehrfurcht zu bezeugen, sondern auch, um Beweise gegen den Eäsarismus zu sammeln, welcher die Stirn wieder zu erheben wage; die Rede Darlot's schloß mit einem Hoch auf die Republik Der hierauf stattfindende Vorbetmurich des Zuges am Denkmal verlief ebenfalls ohne jede Störung und war um V<5 Uhr beendigt; die Theilnehmer kehrten alsdann in die Stadt zurück. Die Boulangtsten hatten sich von der ganzen Feier fern gehalten, unter dem Vorgeben, sie wollten hierdurch allen Provocattonen der Regierung widerstehen, welche sich gerade diesen Tag ausgesucht habe und Paris „decembrisiren wolle In Wahrheit aber hatten die Boulangisten jede lärmende Demonstration bei den getroffenen weitreichenden Vorsichtsmaßregeln der Regierung als nutzlos erkannt und Boulanger selber war am Sonntag gar nicht in Parts anwesend.
Die Bertheidigrrrrg Suakin'S ist eine'Angelegenheit, welche die englische Regierung jetzt wieder lebhaft beschäftigt. Zur Mr arkung der egypttschen Garnison dieses von Osman Digma ernstlich bedrohten wichtigen Platzes sollen eng ische Soldaten herbeigezogen werden, da sich die Sudanesen durch ganz stilgerecht angelegte Trancheen und Laufgräben bis dicht an die Außenwerke Stadt herangearbeitet haben Bei dem tollkühnen Muthe der Rebellen ist es aber nicht unwahrscheinlich, daß sie einen Sturm auf die Stadt unternehmen, ^schon dieselbe unter den Kanonen der enaltscken Krteasschiffe liegt, und es ist mehr als fraglich, ob dre egypttschen Bataillone eft?em^e n e^gisch en^Anlaufe 'der Belagerer Stand halten würden. Aber die bloße Entsendung eines englischen Regiments nach Suaktn genügt zur vollständigen Sicherung des Platzes noch nicht, es müssen vielmehr die Schaaren Osman Digma s aus dem Vorterrain vertrieben werden und das dürfte sich für die Engländer zu einem harten Stück Arbeit gestalten. Ob sich dieselben indessen zu einem kräftigen^Vorstoß«- gegen die Sudanesen bei Suakin entschließen werden, muß nach den kürzlich im englischen Unterbause seitens des Unterstaatsfecretärs Fergusson abgegebenen Erklärungen bezweifelt werden^ Dieselben besagen, daß England es aufgegeben habe die feindlichen Stämme bet Suaktn durch größere Operationen weit in's Innere zu treiben, sondern es wolle in Suaktn sich lediglich in der Defensive halten. Fergusson bezeichnete hierbei die Nachrichten über die Bedrohung Suakin's als bedeutend übertrieben und meinte er, die Einnahme Suakin's durch die Rebellen sei unmöglich, anderseits bezeichnete Fergusson die Behauptung des Platzes zur befferen Unterdrückung des Sklavenhandels als noth-
wendig. Offenbar glauben die Engländer, sich in ihrer wichtigen Stellung in Suaktn auch ohne die Enfaltung größerer militärischer Machtmittel gegen Osman Digma behaupten zu können — wenn dies nur kein verhängnißvoller Jrrthum ist!
Deutschland.
Berlin, 3. December. In den letzten Tagen ist ein kurhefsischer Verein gegen den Wucher begründet worden. Derselbe bezweckt vor allen Dingen, der wucherischen Ausbeutung der Bevölkerung entgegenzuwtrken, der unbemittelteren Bevölkerung die fehlende Gelegenheit zu solider und billiger Befriedigung ihres Ereditbedürfnisses zu beschaffen, namentlich durch Gründung von ländlichen Darlehnskaffen (nach Raiffeisen'- schem^System) und endlich eine planmäßige allmähliche Entlastung von den bestehenden Schulden anzubahnen.
— Der deutsche Fleischerverband hatte beim Reichstage eine Petition um Einführung der obligatorischen Trichinenschau und Uebernahme der dadurch entstehenden Kosten durch das Reich etngereicht. In dieser Frage sind indessen die Fleischer durchaus nicht einig. So hat der württembergische Fleischerverband beim Reichstage beantragt, diese Petition zurückzuweisen.
Irankreich.
Paris, 2. December. In dem Quartier Latin kam es nach der Rückkehr der Theilnehmer an den Kundgebungen auf dem Kirchhofe Montmartre zu einem Zwischenfalle. Mehrere Studenten, welche von dem Kirchhofe zurückkehrten und Schmähungen gegen Doulanger ausstießen, trafen auf der Brücke Saints Peres einen Omnibus, dessen Insassen Hochrufe auf Boulanger ausbrachten. Die Studenten griffen den Omnibus an, dessen Pferde scheu wurden und in einen Laden am Quai Voltaire ge- riethen. Die Studenten gingen auf den Quai zurück und hielten einen anderen Omnibus in der Nähe des Pont Neuf an, wurden aber ihrerseits von einer Anzahl Boulangisten anaefallen, mit denen sie handgemein wurden. Die Polizei trennte schließlich die Streitenden.
Paris, 2. December. Boulanger ist um 3 Uhr in Nevers eingetroffen; bei seiner Ankunft wurden einige Rufe „Es lebe Boulanger" gehört, die von einer anderen Seite mit Pfeifen beantwortet wurden, die Behörden hatten strenge Vorsichtsmaßregeln getroffen und alle Straßen, die nach dem Hotel, in dem Boulanger abgeftiegen war, führten, abgesperrt. Der Deputirte Laporte hatte den Präfekten ersucht, den Freunden Boula-mer's zu gestatten, dmselben zu begrüßen, allein der Präfekt schlug die Bitte ab; nur denjenigen Personen, die eine Karte zur'Thetlnahme an dem Banket aufweisen konnten, wurde das ungehinderte Passireu der Straße gestattet.
Ielegrapyisch« v epischen.
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Berlin, 3. December. Die gemischte Deputation des Magistrats und der Stadtverordneten für Errichtung eines Kaiser-Friedrich-Denkmals beschloß, die weitere Berathung bis nach der Beschlußfassung des Reichstags über die Vorlage, betreffend das Kaiser-Wilhelms-Denkmal, auszusetzen.
— Der Bundesrath erthetlte dem Zusatzvertrag zu dem deutsch-schweizerischen Handelsverttag seine Zustimmung. . „ ... .
Berlin, 3. December. In der heutigen Sitzung der Budgetkommission wurden die Positionen des Heeresetats für die Adjulanturoffiztere und für Offiziere in besonderen Stellungen, worunter sich auch 60000 JL für die beiden Generalfeldmarschälle von Moltke und von Blumenthal befinden, desgleichen die Mehrforderungen für Geld- und Naturalverpflegung genehmigt und schließlich das ganze Ordinartum nach einer längeren rein sachlichen Diskussion glatt und unverändert bewilligt.
Berlin, 3. December. Die „Berl. Pol. Nachr." sprechen sich auf das Entschiedenste gegen die Betheiligung des kapitalbesttzenden deutschen Publikums an der neuen russischen Anleihe aus, da die Convertirung nur der Deckmantel für ganz andere weitreichende Ziele der russischen Politik bilde. Sie weisen auf die fraternisirenden Panslavisten mit ihren Patrtotenbündeleten bin und sagen am Schluffe des Artikels: Es würde mehr als ein Verbrechen, es würde schlimmer als ein Fehler sein, wollte deutsches Kapital jetzt, wo ihm die Möglichkeit geboten wird, aus den russischen Engagements mit blauem Auge davon zu kommen, durch eine Bethetltgung bei der Anleihe den neuen panslaotsttsch-chauvinistischen Zettelungen auf den grünen Zweig verhelfe^ 3 December. Herzog Karl Theodor in Bayern sandte dem Jubilar Gebeimrath v. Pettenkofer ein Handschreiben, Prinz Ludwig Ferdinand ein Telegramm aus Madrid; Kultusminister von Goßler gatulirte e6enfaa§ S1“. pc£s
sönlichen Gratulation erschien Regterungsrath Dr. Renk, Mitglied des Reichsgesund- hettsamts.^ 3 December. Der „Staatsanzeiger" meldet aus Nizza: körperliche Befinden des Königs war seit der Ankunft ein leidliches- Die günstige Herbstwitterung gestattete den Genuß der Luft am Meeresgestade, welche den Athmungs- organen des Patienten zuträglich ist. In den letzten Tagen kündigte sich der Winter durch heftigen Sturm und starke mit Hagel verbundene Regengüsse an. Eine leichte Verdauungsstörung, woran der König in letzter Zeit litt, ist im Rückgang begriffen. — Der Schluß des Landtags wird am 5. December erwartet.
Bern. 3 December. Die dermalige Session der eidgenössischen Räthe wurde beute durch die Präsidenten Ruffy (Nationalrath) und Schoch (Ständerath) eröffnet. Die Versammlung trat sofort in geschäftliche Berathungen ein.
Wien, 3. December. Eine Zuschrift der „Pol. Corresp." aus Berlin führt aus, daß noch vor einigen Tagen sogar in finanziellen Krisen Zweifel gehegt wurden, ob die neue russische Anleihe auch in Deutschland zur Emission aufgelegt werden solle. Erst ganz kürzlich wurde authentisch bekannt, daß die russische Anleihe nicht nur auf dem nrgltschen ftanzösischen, holländischen und amerikanischen, sondern auch auf dem viel gewarnten deutschen Markt aufgelegt werden solle. Die englische BetheittgunA wird nur so aufgefaßt, daß das englische Kapital die Absicht hat, die noch in seinem Besitz befindlichen russischen Werthe gelegentlich einer künstltch erzeugten Hausse tn Deutschland los zu werden. Bezüglich Frankreichs ist man sich klar, daß die dortige kaute Ftnance bereitwillig die Gelegenheit ergriff, ihre Sympathie für Rußland zu bekunden. Die Bethetltgung deutscher Interessenten sei aber nur unter der Annahme SÄ ä L ‘fÄSflÄI SS Ä ÄS'
! dürfte zum Gesandten Frankreichs in Belgrad ernannt werden.


