Nr. 231 Mittwoch den 3. October 1888.
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bureau r Schulstraße 7.
SS.1
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
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Amtlicher Hheil.
Betreffend: Ausbruch der Räude unter den Schafen des Pächters Hofmann zu HofgM.
Bekanntmachung.
Unter den Schafen des Pächters Hofmann zu HofgM ist die Räude ausgebrochen und wird deßhalb die Sperre über dieselben verfügt. Gießen, den 30. September 1888. Großherzoglicher Kreisamt Gießen.
Dr. Boekmann.
Wolitifche Rundschau.
Gießen, 2. October.
Die brennende Frage nach dem Einsender der Veröffentlichungen aus dem rronprinzlichen Tagebuche in der „Deutschen Rundschau" scheint bereits gelöst zu sein. Geheimralh Professor G e f f ck e n in Hamburg ist wegen Verdachtes dieser Urheberschaft am Samstag Abend, kaum von einer Erholungsreise nach Helgoland zurückgekehrt, in Untersuchungshaft genommen worden, nachdem sich Professor Geffcken selbst den Gerichten gestellt hatte. Inwieweit sich der gegen denselben vorliegende Verdacht durch die Selbstgestellung Geffcken's bestätigt hat, bleibt allerdings noch abzuwarten, ebenso auch, was Professor Geffcken zu seiner Rechtfertigung vorzuführen haben wird, vorlausig interessirt mehr die Persönlichkeit dieses zu einer gewissen Tagesberühmtheit gewordenen Mannes. Heinrich Geffcken ist am 9. Dezember 1830 geboren und entstammt einer alten Hamburgischen Patricterfamilie; er ftudirte in Göttingen, Berlin und Bonn Jura und Staatswissenschaften und gehörte er in der rheinischen Universitätsstadt mit zu dem engeren Kreise von Vertrauten, der sich dort um Kronprinz Friedrich Wilhelm während dessen Studienzeit gebildet hatte. Nach Beendigung seiner Studien widmete sich Geffcken der diplomatischen Laufbahn, indem er 1854 Secrelair bet der Gesandtschaft der Freien Städte in Paris, 1856 hanseatischer Geschäftsträger und 1859 hanseatischer Ministerresident in Berlin ward; dann ging er in gleicher Eigenschaft nach London. 1872 als Professor der Staatswissenschaften an die neugegründete Kaiser-Wilhelm-Universität in Straßburg berufen, mußte Geffcken nach neunjähriger ehrenvoller Thätigkeit seine Docentenstelle niederlegen, da ihn ein immer zunehmendes Nervenleiden peinigte. Seitdem widmete er sich in seiner Vaterstadt einer ausgebreiteten schriftstellerischen Thätigkeit, die auch stark auf das politische Gebiet hinüberstreifte; mit seinem fürstlichen Studiengenossen, dem Kronprinzen und nachmaligen Kaiser Friedrich, stand Geffcken bis zum Ableben des kaiserlichen Dulders in reger Eorrespondenz. Politisch gehört Geffcken einer entschieden conservatioen Richtung an, die ihn aber nicht gehindert hat, der Btsmarck'schen Politik in verschiedenen Punkten eine kräftige Opposition zu machen. Anderseits bekämpfte Geffcken ebenso energisch die bekannten Bestrebungen der Stöcker, Hammerstein und Genossen, obwohl Geffcken sich zur kirchlichen Rechten bekennen soll.
Der Aufenthalt Kaiser Wilhelms in Constanz und auf der Mainau weist einen besonders hervorstechenden Zug auf: Die Zusammenkunft des Kaisers mit Herzog Adolf von Nassau, bei welcher auch dessen ältester Sohn, Erbprinz Wilhelm, mit zugegen war. Herzog Adolf ist seit seiner Entthronung einer Berührung mit der preußischen Königsfamilie und dem Berliner Hofe consequent fern geblieben, um so mehr ist es zu bemerken, daß er sich jetzt, 22 Jahre nach den Ereignissen, die ihm seinen Thron kosteten, entschlossen hat, durch den Besuch bei Kaiser Wilhelm II. ganz mit der Vergangenheit zu brechen. Die Herzlichkeit zwischen dem greisen Ex-Re- genten von Nassau und unserem jugendlichen Kaiser trat sowohl bei dem Besuche des ersteren auf der Mainau, wie anläßlich des Gegenbesuches des Kaisers bei den nassauischen Fürstlichkeiten in Eonstanz zir Tage, sie bckundet die vollständige Aussöhnung der Häuser Nassau und Hohenzollern und daß diese Entrevue auch wichtige politische Resultate ergeben hat, kann mit Hinblick auf die luxemburgische Erbfolgefrage kaum bezweifelt werden. Es wird mit Bestimmtheit versichert, der Großherzog von Baden babe dm Herzog Adolf, seinen Verwandten, zu dessen Reise nach Mainau und der Begegnung mit Kaiser Wilhelm veranlaßt, womit der badische Herrscher in den reichen Kranz seiner patriotischen Verdienste eine neue Blüthe eingefügt haben würde.
Der Arbeiterstrike im Kohlebecken von S t. Etienne im südlichen Frankreich will seinen bedrohlichen Eharakter noch immer nicht verlieren. So kam es am Samstag Abend in dem Orte Firminy zu einem ernsten Zusammenstöße zwischen einem Trupp von 500 strikenden Arbeitern, welcher die polizeiliche Aufforderung zum Auseinander- gehen unbeachtet ließ, und einer Abtheilung Dragoner. Letztere sprengten die Menge auseinander, wobei einige Personen leichte Verwundungen erhielten.
Bei der am Sonntag stattgefundenen Wahl eines Senators für das Departement Marne wurde der Opportunist Darbot gewählt; es ist dies nach längerer Zeit wieder der erste Sieg, den die opportunistische Partei bei einer Nachwahl verzeichnen kann.
In der Peterskirche zu Rom kam es am Sonntag zu einer Massenkundgebung für den P a p st. Der heilige Vater celebrirte am Vormittage in der Basilika von St. Peter eine Messe für alle verstorbenen Gläubigen und ertheilte alsdann einen Ablaß. Gegen 30,000 Personen wohnten der Messe bei und begrüßten dieselben Leo XIII. beim Kommen wie beim Gehen mit lebhaften Zurufen.
Die italienische, aus 20 Kriegsschiffen und einer großen Anzahl von Torpedobooten bestehende Flotte, welche im Golf von Neapel vor Kaiser Wilhelm manövrtren wird, ist zum großen Theile im Hafen von Neapel schon zusammengezogen. Entschieden dementirt werden seitens der römischen Regierungsorgane die vielverbreiteten Gerüchte, nach denen an der Flottenparade von Neapel auch ein englisches und ein österreichisches Geschwader theilnehmen würden; bei derselben werden sich vielmehr nur italienische Schiffe zeigen.
Deutschland.
Darmstadt, 1. October. Das Großherzogliche Regierungsblatt Nr. 28 enthält:
Bekanntmachung Großherzogl. Ministeriums des Innern und der Justiz, Ausführung des Gesetzes gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Socialdemokratte vom 21. October 1878 betreffend.
Darmstadt, 1. October. Das Amtsblatt des Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz, Sektion für Justizverwaltung, Nr. 27, enthält Ausschretbcn d. d. Darmstadt 22. September, betreffend die Vollstreckung von Freiheitsstrafen, hier die Vollstreckung im Falle theilweiser Rechtskraft des Unheils.
Berlin, 30. September. sDas neue Exercier-Reglement.j Durch kaiserliche ! Cabinetsordre vom 24. d. M. ist bestimmt, daß das Exercier-Reglement für die Jn- ' fanterte vom 1. September auch der infanteristischen Ausbildung in der Marine zu Grunde zu legen ist.
— Eine Erhöhung des Gehaltes der Premierlieutenants soll nach einer Mit- thetlung, welche die „Köln. Volkszlg." aus zuverlässiger Quelle erfährt, seitens der Regierung im Reichstage im nächsten Erat beantragt werden. — Das Gehalt der Premierlieutenants beträgt gegenwärtig 1080 JL, bei der Infanterie, 1260 JL bei den Specialwaffen, 1338 JL bei den Gardes du Corps-Truppen, das ist bei der Infanterie 180 JL, bet den Spectalwaffen 252 JL höher als das Gehalt der Secondeliemenants.
Hesterreich.
Wien, 1. October. Der Kaiser sagte gestern gelegentlich der Eröffnung der Parkanlagen auf der Türkenschanze, daß die Lintenwälle fallen würden. Diese Perspektive ruft in der Bevölkerung um so größeren Jubel hervor, als in der vorigen Woche erst eine officiöse Enunctatton die Agitation für Beseitigung der Ltnienwälle als dermalen hoffnungslos bezeichnete, was einen sehr ungünstigen Eindruck hervor- rief. — Ein Erlaß der Poltzetdireclion an die Bewohner der Straßen, die Kaiser Wilhelm bei seiner Ankunft durchfahren wird, ordnet an, daß, falls Dekorirungen der Häuser beabsichligt werden, nur Fahnen in den österreichischen und den ungarischen, sowie in den deutschen Reichsfarben, dann in den Landesfarben der Kronländer oder in der Wiener Stadtfarbe zu verwenden sind. Die Anbringung der schwarz-roth-goldenen sogenannten deutsch-nationalen Trikolore sei nicht am Platze, daher nicht gestattet. Die Dachräume sind abzusperren, die Häuser strengstens zu überwachen. Die Empfangsvorbereitungen sind großartige.
Telegraphische Depeschen.
«vOlst'S telegr. Correfpouvrnz. Bureau.
Berlin, 1. October. Zur Angelegenheit der Veröffentlichung des Tagebuchs Kaiser Friedrichs erfahren die „Berl. Polit. Nachr.", dieselbe sei, nachdem die Berliner Staatsanwaltschaft die ersten einleitenden Schritte wegen der Ermittelung und Festnahme des ThäterS, sowie wegen Klarlegung der Strafhandlung gethan und diese Aufgabe gemeinsam mit der Hamburger Slaatsanwaltfchaft gelöst habe, behufs weiterer Verfolgung an die Oberretchsanwaltschaft nach Leipzig gegangen.
Berlin, 1. October. Der „Retchsanzeiger" publtctrt die Verleihung des Schwarzen Adlerordens an die Kaiserin Augusta Victoria und die Ernennung des Senatspräsidenten beim Reichsgericht, Henrict, zum Wirklichen Geheimen Rath mit dem Titel „Excellenz".
— Der Wirkliche Geheime Ober - Regierungsrath Dr. Ludwig Hahn ist gestorben.
Potsdam, 1. October. Die Kaiserin Friedrich ist mit ihren Töchtern Vor- mtttags nach Kiel abgereist.
Mainau, 1. October. Ihre Majestät die Kaiserin-Königin Augusta empfing vorgestern Morgen die Besuche Sr. Majestät des Kaisers, Sr. Königl. Hoheit des Großherzogs von Sachsen und Ihrer Hoheiten des Herzogs und des Erbprinzen von Nassau. Gestern Vormittag nahm Ihre Majestät die Glückwünsche des auf Schloß Mainau anwesenden hohen Familienkreises entgegen und wohnte fodann dem Gottesdienste in der Schloßktrche bei. Nach demselben fand die Beglückwünschung durch die Umgebungen statt. Den übrigen Theil des Tages verbrachte Ihre Majestät tn stiller Zurückgezogenheit.
Mainau, 1. October. Der Kaiser tst^'Nachmittags kurz nach 2 Uhr nach Lindau abgeretst.
Lindau, 1. October. Se. Majestät der Kaiser traf, vom Erbgroßherzog von Baden begleitet, heute Nachmittag 4f/< Uhr hier ein, wurde bei der Landung von dem Generaldirector der Eisenbahnen Schnorr von Corolsfeld, sowie von den Spitzen der Behörden und dem Offiziercorps empfangen und begab sich sodann in einem von der Prinzefsin Ludwig gesendeten Wagen nach dem Bahnhofe. Alle Schiffe im Hafen hatten festlich geflaggt, die Stadt war auf das Prächtigste geschmückt, vom Hafen bis zum Bahnhofe bildeten die Schulen und die Vereine Spalier, die dichtgedrängten Volksmassen, welche den Landungsplatz und den ganzen Weg bis zum Bahnhofe ansüllten, begrüßten den Kaiser mit nicht endenden Jubelrufen. Nachdem sich auf dem Bahnhofe der Erbgroßherzog von Baden von Sr. Majestät verabschiedet hatte, erfolgte gegen 4% Uhr unter immer erneuten enthusiastischen Kundgebungen der Bevölkerung die Weiterfahrt nach Kempten.
Stuttgart, 1. October. Der König richtete ein Handschreiben an den Oberbürgermeister Hack, worin es heißt: Mit besonderer Befriedigung blicke ich auf die letzten Tage zurück, deren festlicher Glanz, womit die Stadt Stuttgart dm deutschen Kaiser beim ersten Besuch an meinem Hoflager empfangen hat, ein schöner war. Großartiger denn je war der Willkomm, welchen Schwaben dem erhabenen Gaste entgegenbrachte. .Sie zeigen, wie unser Volk die Verehrung und Zuneigung, welche cs für den Großvater und Vater hegte, mit vollem Herzen auf den Enkel übertragen hat. Die.


