Nr. 179 Freitag den 3. August 1888.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Durea«: Schulstraß- 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montag«. W2
Amtlicher Hheil. Bekanntmachung.
Nr. 33 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 28. v. M, enthält: (Nr. 1818.) Verordnung, betreffend die Rechtsverhältnisse im Schutzgebiete der Neu-Guinea-Kompagnie. Vom 13. Juli 1888. Gießen, den 1. August 1888. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
I. V.: Jost.
Politische Rundschau
Gießen, 2. August.
Die Ostseereise Kaiser WUHelms ist nunmehr beendigt und nach einer Abwesenheit von fast drei Wochen hat der jugendliche Monarch am Dienstag Abend in Kiel wieder den Boden seines Reiches betreten, empfangen von den Jubelrufen von Tausenden und Abertausenden. Die innigsten Wünsche des deutschen Volkes haben Kaiser Wilhelm auf der ganzen, nun glücklich beendigten Reise nach den nordischen Höfen begleitet, denn von Anfang an stand es ja schon fest, daß dieselbe eine echte .„Friedensfahrt" sein sollte, wenngleich hierbei auch Erwägungen der höfischen Etikette und persönlichen Fragen mit ihre Rolle spielten. Als eine Friedensfahrt ist die Meeresreise unseres Kaisers auch sonst von aller Welt aufgefaßt worden und namentlich der Verlauf der Petersburger Kaiserentrevue, die ja den Angelpunkt der ganzen Reise abgab, hat viele Besorgnisse der europäischen Friedensfreunde hinweggenommen und dafür die Aussichten auf eine lange Erhaltung des Friedens unseres Welttheiles erheblich vermehrt. Steht die zweitägige Anwesenheit Kaiser Wilhelms in Stockholm und der noch kürzere Besuch des Monarchen in der dänischen Hauptstadt seiner Begegnung mit dem Czaren an politischer Bedeutung auch weit nach, so wird der Besuch des deutschen Herrschers an den Höfen von Stockholm und Kopenhagen doch sicher das Seinige zur Herstellung und Befestigung aufrichtig freundschaftlicher Beziehungen zwischen Deutschland und den Ländern des germanischen Nordens beitragen. Hierfür ist schon der außerordentlich sympathische Empfang, der unserm Kaiser nicht nur seitens der Königssamilien von Schweden und Dänemark, sondern auch in ungeahnter Weise von den Bevölkerungen der beiden nordischen Königsstädte zu TheU geworden ist, eine Bürgschaft und die vielseitige Interessengemeinschaft, welche die Stämme Deutschlands mit den Völkern der scandinaoischen Lande verknüpft, bietet außerdem die natürliche Vorbedingung für die gedeihliche fernere Entwickelung ihrer Beziehungen zu einander. Jedoch auch abgesehen von ihrer inneren Bedeutung, wird die Meeresfahrt Wilhelms II. in den vaterländischen Annalen als ein besonderes Ereigniß fortleuchten, denn es ist das erste Mal gewesen, daß ein deutscher Kaiser an der Spitze einer deutschen Flotte, wie sie so stolz und stattlich seit den großen Tagen der Hansa noch nie das Meer durchfurcht, befreundeten Höfen einen Besuch abgestattet hat und gewiß wird auch der äußerliche Glanz, der dergestalt die deutsche Kaiserreise umgab, zur Vertiefung des Eindruckes beitragen, den sie auf alle Welt gemacht hat.
Auf der Weiterfahrt von Kiel nach Potsdam hat Kaiser Wilhelm nun doch noch in Friedrichsruh, dem lauenburgischen Landsitze des Reichskanzlers, vorgesprochen, nachdem es noch in den letzten Tagen geheißen hatte, der Kaiser sei von dieser seiner Absicht wieder zurückgekommen. Der Besuch des Monarchen bei seinem ersten Rathgeber so unmittelbar nach Beendigung seiner nordischen Reise spricht für sich selber und ergänzt dieselbe in hochbedeutungsvoller Weise und vor Allem erhält die Petersburger Kaiser- zusammenkunft durch das Erscheinen Kaiser Wilhelms in Friedrichsruh gewissermaßen erst ihre Besiegelung.
Eines der wichtigen Gesetze, die der Reichstag nächst dem Branntweinsteuergesetze auf wirthschaftlichem und finanzpolitischem Gebiete beschlossen hat, das neue Zucker- steuergesetz, ist am 1. August in Kraft getreten. Durch dasselbe wird bekanntlich die Rübensteuer von 1.70 <X auf 0.80 JL pro 100 Kilo und die Ausfuhrvergütung von 17.25 auf 8.50 JL pro 100 Kilo — und ungefähr in demselben Verhältnisse auch die Ausfuhrprämie — herabgesetzt, dagegen als neu eine Verbrauchssteuer von 12 X pro 100 Kilo eingeführt. Hoffentlich erfüllen sich die Erwartungen, welche man hinsichtlich der Stärkung der Zuckersteuer-Einnahme des Reiches durch das neue Gesetz hegt.
Die Stellung des österreichischen Unterrichtsministers, der weder nach der czechischen, noch nach der clericalen Pfeife tanzen will, soll wieder einmal erschüttert sein. Es heißt, Herr v."Gautsch wolle noch vor Eröffnung der Herbstsession des österreichischen Reichsrathes seine Demission geben, angeblich, weil er einsehe, daß sein Widerstand gegen den Lichtenstein'schen Schulantrag nutzlos sei. Es laßt sich dieses Gerücht nur schwer controliren, aber es mag Herrn v. Gautsch schon geglaubt werden, daß er keine rechte Freude an seinem Portefeuille empfindet, denn es ist unter den heutigen Verhältnissen in Oesterreich gewiß kein Vergnügen, daselbst Unterrichtsminister zu fein.
Der Pariser Arbeiterstrike will seinen bedrohlichen Eharacter noch nicht verlieren. Jeder Tag noch bringt aus der französischen Hauptstadt die Kunde von Ausschreitungen der Strikenden und Zusammenstößen derselben mit Polizei und Militär und sortdauernd ist die Situation eine gespannte. Besonders bedenklich ist die unausgesetzte Agitation der Arbeiterführer, in die Arbeitseinstellung der bei den Ausschachtungen u. s. w. für das Pariser Weltausstellungsgebäude beschäftigten Erdarbeiter auch andere Gewerbe, namentlich die Zimmerleute und Arbeiter an den Holzplätzen, hineinzuziehen. Am Dienstag fand in Paris eine Versammlung der strikenden Erdarbeiter statt, in welcher in aller Form über die Mittel und Wege zur Verbreiterung des Strikes berathen wurde und in der That beginnen auch die Pariser Zimmerleute die Arbeit niederzulegen. Im Ganzen hatten sich bis Dienstag 9,800 Strikende im „Centralbureau" eingezeichnet. Der Gouverneur von Paris beauftragte einen Offizier, die angeordneten militärischen Vorsichtsmaßregeln genau zu controlliren.
Deutschland.
AnS dem Grotzberzogthum Hessen, 1. August. Das Großh. Ministerium des Innern unD der Justiz, Abteilung für Schulangelegenheiten, hat an sämmtliche Directionen der Gymnasien und Realgymnasien des Landes ein Ausschreiben gerichtet, worin es zur Bildung von Abtheilungen freiwilliger Krankenträger aus den älteren Schülern der betreffenden Anstalten auffordert. Zur Aufnahme in diese Abtheilungen bedarf es, außer der Einwilligung des Schülers, auch der schriftlichen Genehmigung seines Vaters oder dessen Stellvertreters. Bei der Erklärung des Schülers oder des Vaters ist auch anzugeben, ob derselbe nur bei der Besatzungsarmee, am Ort, oder bei der Feldarmee, im Felde, thälig werden will.
Darmstadt, 1.August. sMilitärdienstnachrichten.^ Orth, Sec. Lt. a. D. des 2. Großh. Hess. Jnf.-Regirnents (Großherzog) Nr. 116, in der Armee, und zwar als Sec.-Lieut. bei der Infanterie 2. Aufgebots des Landw.-Bats.-Bezirks Görlitz, wieder angestellt, v. Wulfsen, Generalmajor und Commandeur der 49. Jnf.-Brigade (1. Großh. Hess.), in Genehmigung seines Abschiedsgesuches, als Gen.-Lieutenant mit Pension, zur Disposition gestellt. Sch lenke, Hauptm. von der Inf. 1. Aufg. des Landw.-Bats.-Bezirks Gießen, der Abschied bewilligt.
Berlin, 31. Juli. Durch Kaiserliche Verordnung sind die Kürassier-Regimenter (es bestehen deren in Preußen einschließlich des Regiments der Gardes-du-Eorps 10) vom 1. October d. I. ab mit Lanzen auszurüsten und einzuüben. Zu diesem Zwecke werden mit diesem Zeiträume jedem Kürassier-Regiment eine Anzahl Ulanen-Officiere und Unterofficiere zugetheilt, die die Mannschaften im Gebrauch der Waffe zu unterrichten haben, wogegen eine dementsprechende Anzahl Kürassier - Mannschaften unb llateroffidere behufs Handhabung der Lanze für längere Zeit zu den Ulanen-Regi- mentern abkommandirt werden.
Telegraphische Depeschen.
Wolsf'S telcgr. Correspondenz - Bureau.
Berlin, 1. August. Die „Nordd. Allg. Ztg." ist ermächtigt, frühere, neuerdings wiederholte Behauptungen eines hiesigen Blattes, wonach der Kaiser gelegentlich seines Aufenthalts in Königsberg mit den dortigen Freimaurern in Beziehung getreten sei, ebenso wie die neuere Angabe desselben Blattes, daß die Einführung des jetzigen Kaisers in die Hochgrade der großen Landesloge durch den Oberstabsarzt Petruschky als Kapitelmeister der Andreasloge erfolgt sei, als absolut erfunden zu erklären.
Spandau, 1. August. Der Kaiser traf um 4 Uhr 16 Minuten hier ein unb fuhr ohne Aufenthalt zum Landungsplätze, von da mit dem Dampfer „Alexandria" nach Potsdam.
Potsdam, 1. August. Der Kqiser traf an der Matrosenstation um 5 Uhr 30 Min. ein. Die Herzöge Ferdinand und Günther von Schleswig-Holstein, ersterer nebst Gemahlin, der Polizeipräsident und der Hofmarschall v. Liedenau waren zum Empfange anwesend. Der Kaiser fuhr sofort zum Marmorpalais.
Potsdam, 1. August. Ein Bulletin von Nachmittags 2 Uhr lautet: Die Kaiserin und der junge Prinz befinden sich unverändert wohl. Bulletins erfolgen bis auf Weiteres nicht.
Straßburg i. E., 1. August. Heute Vormittag fand die Feier des 350jährigen Bestehens des protestantischen Gymnasiums statt. Nachdem eine Festkantate von den Schülern des Gymnasiums vorgetragen worden war, hielt Conrector Veil die Festrede. Hierauf beglückwünschte Namens der Regierung der Unterstaatssecretär Schraut die Anstalt und forderte, hinweisend darauf, daß das Kaiserreich an der Wiege der Anstalt gestanden, diese auf, stets eine Pflanzstätte der Treue für Kaiser und Reich zu fein.
London, 1. August. Zufolge einer Meldung des Bureau Reuter aus Durban von heute hat sich der mit König Dinizulu verbündete Häuptling Tomkeli unterworfen und die Auslieferung der Personen zugesichert, von denen vor einiger Zeit mehrere europäische Handelsleute geplündert und getödtet worden sind.
Melbourne, 1. August. Die internationale Ausstellung wurde heute eröffnet.
Die Katastrophe beim Kestmae in München.
München, 31. Juli.
Wir entnehmen den „Münch. N. Nachr." das Nachstehende:
Leider sollte das so schöne und gelungene Fest am heutigen Tage nicht ohne Unfall vorübergehen, dessen Folgen sich zur Zeit noch nicht genau ermessen lassen. Die acht im Zuge mitgeführten indischen Elephanten des Cirkus Hagenbeck scheuten auf dem Rückwege vom Siegesthor in der Ludwigftraße vor der an ihnen vorüberfahrenden Locomotive, welche den feuerspeienden Drachen trug. Vier derselben rannten trotz der ihnen angelegten Kettenfesseln in die Fürstenstraße, durch dieselbe über den Wittelsbacher Platz, durch die Briennerstraße, in die Menschenmassen auf dem Residenzplatz eine furchtbare Panik verbreitend. Die Menschen stürzten sich aufeinander, traten aufeinander herum, mehrere Personen wurden mehr oder minder schwer verletzt, eine Künstlerin des Cirkus Hagenbeck, welche sich in dem von einem der Elephanten getragenen Pavillon befand, soll beim Sturze aus demselben einen mehrfachen Rippenbruch erlitten haben. Die drei Thiere nahmen ihren Weg durch die Alten-Hofstraße, zertrümmerten dort das Thor des Münzgebäudes, rannten vom Residenzplatz durch die Burgstraße, Rathhaus- bogen, hl. Geiststraße, warfen dort eine Drösche um und liefen durch die Westermühl- straße, Baderftraße nach der Auenstraße, woselbst sie bei einem Bauplatze Halt machten, aber trotz der Bemühungen der erschienenen Feuerwehr und Cavallerie bis 4 Uhr Nachmittags nicht von der Stelle zu bewegen waren. Den Verletzten wurde im Odeon von Seiten der Sanitätsmannschaft die erste Hilfe zu Theil und dieselben, soweit sie schwerer beschädigt waren, in das Krankenhaus verbracht. Se. Kgl. Hoheit der Prinz- Regent ließ sich sofort nach Beendigung des Festes einen genauen Bericht über den Unfall abftatten und erkundigte sich in teilnahmsvollster Weise nach dem Befinden der Verletzten. Die Herren auf den Tribünen brachten vielfach erschreckte Frauen unb Kinder zu sich in Sicherheit.


