1888.
Nr. 127
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Erstes Blatt. Sonntag den & Juni
Bureairr Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
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>urch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Amtlicher Hheil.
Gefunden: 3 Taschentücher, 1 Portemonnaie mit Inhalt, t lederner Riemen, 1 seidener Regenschirm, 2 Taschenmesser, 1 unechter Ring 1 Hundskette, 1 Manschettenknopf, 1 Kragen, 1 Scheere, 1 Schürze, 1 Zange, 1 Brille, 1 Shlips, 1 Häkelzeug.
Gießen, am 2. Juni 1888. Grobherzogliches PolizeiamL Gießen.
__Fresenius. __
Politische Ueberficht
Gießen, 2. Juni.
Die Krisen gerächte der letzten Zeit scheinen doch nicht ohne einen gewissen Untergrund gewesen zu sein. Es wird jetzt bestätigt, daß der Kaiser die Vollziehung des Gesetzes über die Verlängerung der Legislaturperioden in Preußen mit einem Schreiben an Herrn v. Puttkamer begleitete, in welchem der Monarch betont, daß die Freiheit des Wahlrechts nach dieser Maßregel um so sorgfältiger zu achten sei. Es müssen dieser Mahnung von allerhöchster Seite aus gewisse Vorfälle vorangegangen sein, die sich vorläufig noch einer sicheren Beurtheilung entziehen, welche aber doch die Basis für die über Herrn v. Puttkamer circulirenden Rücktriltsgerüchte abgegeben zu haben scheinen. Wie die „Nat.-Ztg." vernimmt, hat der Minister des Innern das kaiserliche Schreiben mit einer Darstellung seiner auf die Landtagswahlen bezüglichen Thätigkeit beantwortet; ob hiermit die neueste Puttkamer-Krisis abgeschlossen ist, muß noch dahingestellt bleiben. Auch bezüglich des preußischen Hausministers, des Grafen Otto von Stolberg-Wernigerode, waren bekanntlich Rücktrittsgerüchte im Umlauf und will die „Kreuzzeitung" wissen, daß Herr v. Stoich, der frühere Chef der Admiralität, zum Nachfolger des Grafen Stollberg ausersehen sei. Die letztere Mtttheilung klingt vorläufig nicht besonders glaubwürdig.
In dem am Freitag vom Papst abgehaltenen Consistorium ist u. A. der bisherige Feldpropst der preußischen Armee, Atzurann, zum Armeebischof mit dem Titel eines Bischofs von Philadelphia i. P. präconisirt worden. Es ist somit diese Stelle nach langjähriger Vacanz auf's Neue besetzt worden.
Der württembergische Ministerpräsident v. Mittnacht hat vor seinen Landtagswählern in Weikersheim eine Rede über die württembergische Verfassungsrevisionsfrage gehalten und bei dieser Gelegenheit auch einen Abstecher auf das allgemein politische Gebiet gemacht. Herr v. Mittnacht erklärte, die europäische Lage lei nach wie vor eine unsichere und werde diesen Charakter wohl auch längere Zeit beibehalten, da die ihr zu Grunde liegenden Verhältnisse und Stimmungen eben keine vorübergehende, augenblickliche seien. Deutschland stehe indessen für alle Fälle wohlgerüstet da und seine Rüstung ließe auch den Gegnern einen etwaigen Zusammenstoß als bedenklich für die Feinde Deutschlands erscheinen; vielleicht werde dies doch anerkannt oder man scheue auf gegnerischer Seite wenigstens die eigene Gefahr und Verantwortung. Deutschland — erklärte Herr v. Mittnacht zum Schluß — könne jedenfalls die weitere Entwickelung der Dinge ruhig abwarten und im Gefühle seiner Kraft der Zukunft mit Zuversicht entgegensehen.
In der französischen Deputirtenkammer hat sich der Minister des Auswärtigen Herr Goblet, am Donnerstag in einer langen Rede über den Zwischenfall mit Ungarn vernehmen lassen. Den äußerlichen Anlaß hierzu gab die Interpellation des Abgeordneten Geroillereache über die Auslassungen Tisza's, welche der genannte Parlamentarier als unhöflich und allem internationalen Brauche zuwiderlaufend bezeichnete. In seiner Erwiderung erklärte Goblet zunächst, daß die Regierung die allgemeine Erregung des Landes theile und meinte dann weiter, Oesterreich-Ungarn habe durchaus das Recht gehabt, seine ursprüngliche Beitrittserklärung bezüglich der Pariser Weltausstellung wieder zurückzuziehen und seine Industriellen von der Beschickung derselben zurückzuhalten, aber es sei nicht berechtigt gewesen, zu sprechen, es könne während der Ausstellung eine Störung des Friedens zwischen Oesterreich und Frankreich eintreten und die französische Regierung sei nicht in der Lage, ihre Gäste zu schützen. Goblet theilte alsdann mit, sowohl Graf Kalnoky als auch Tisza hätten auf die Vor- ' stellungen des französischen Botschafters hin die beruhigendsten Versicherungen ertheilt und hänge es nur von Tisza ab, die Mißverständnisse zu beseitigen. An diese Erklärung knüvfte Goblet eine Auslassung über die allgemeine Lage, wobei Goblet die friedliebende Politik Frankreichs betonte, für welche ja auch das Ausstellungsunter- nehmen zeuge. Wenn irgendwo Unruhen entstehen sollten, äußerte der Minister ironisch, so sollten die Ungarn sehr wohl wissen, daß es nicht in Frankreich der Fall sein werde. In Frankreich seien nur Revolutionen entstanden, wenn die Regierung dieselben nothwendig gemacht hatte. Die Republik sei stärker, als die Republikaner vielleicht selber glaubten. Zum Schlüße versicherte der Minister, sollte ein Nachbarstaat die französische Interessen schädigenden Maßregeln ergreifen, so werde sich Frankreich nicht in unnütze Beschuldigungen verlieren, sondern die geeignete Zeit abwarten, Gegenmaßregeln zu treffen und Jedermann werde erkennen, daß ein solches Verhalten nur der Würde und dem Interesse Frankreichs entspreche. — Aus den Darlegungen Goblet's läßt sich nicht mit Bestimmtheit erkennen, ob diplomatisch der Zwischenfall zwischen Frankreich und Oesterreich-Ungarn schon beigelegt ist, aber es scheint wenigstens nicht zu ernsteren Weiterungen kommen zu wollen, wenn vielleicht auch noch ein paar Noten zwischen Wien und Paris gewechselt werden sollten. Um Uebrigen klingt aus den Worten Goblet's ein gewisser Optimismus bezüglich der inneren Lage Frankreichs heraus, der durch die Verhältnisse gerade nicht gerechtfertigt erscheint. Der Schlußsatz der Goblet'schen Rede, in welchem Goblet Gegenmaßregeln gegen eine fremde Macht zur „geeigneten Zeit" in Aussicht stellt, falls sie die Interessen Frankreichs verletze, ist ebenso gegen Oesterreich wie gegen Deutschland gemünzt, einstweilen scheint man sich aber in den französischen Regierungskreisen über die Natur dieser Reoanchemaß- regel noch nicht sonderlich klar zu sein.
In der Donnerstagssitzung des englischen Unterhauses kam es wieder einmal neben anderen Fragen auch zur Erörterung der eventuellen maritimen Action Englands im Falle eines europäischen Krieges. Hierbei versicherte Unterstaatssecretär Fergusson nochmals, es seien von der englischen Regierung keinerlei dem Hause un
bekannten Verpflichtungen etngegangen worden, aber er fügte hinzu, es würde nicht weise sein, in Anbetracht der über die ganze Welt verbreiteten Interessen Englands übereilte Erklärungen über die zukünftige Politik desselben abzugebcn.
Darmsiadt, 1. Juni. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Aller- gnädigst geruht:
Am 22. Mai den Kreisveterinärarzt des Kreisveterinäramts Gießen, Professor Dr. Winkler, unter Belassung in diesem Amte, zualeich zum zweiten Lehrer der Veterinärheilkunde an der Landes-Universität, mit Wirkung vom 1. April d. I. an, am 26. Mai den provisorischen Assistenten an der geologischen Landesanftalt, Dr. Carl Chelius, zum Assistenten an der genannten Anstalt —
am 30. Mai den Secretär bei dem Oberbetriebsinspektor der Main-Neckar-Bahn, Philipp Stahl zum Eisenbahnbaumeister bei den Oberhessischen Bahnen, mit Wirkung vom 1. Juni d. I. an, —
den Stationsgehilfen Ludwig Frei mann aus Nidda zum Stationsassistenten, gleichfalls mit Wirkung vom 1. Juni d. I., sowie
den Finanzaspiranten Karl Schäffer aus Darmstadt zum Calculator bet den OberhessifcheN Bahnen zu ernennen.
Darmsiadt. 1. Juni. Das Großherzogl. Regierungsblatt (Beilage Nr. 16) enthält:
Bekanntmachung der Großherzoglichen Ministerien des Innern und der Justiz und der Finanzen, Gleichstellung der Großh. Hessischen und der Herzoglich Braunschweigischen technischen Hochschulen in Bezug auf die Ausbildung für den Staatsdienst im Baufach betreffend.
Nachdem die Großh. Hessische und die Herzoglich Braunschweigische Regierung übereingekommen sind, für die Zulassung zu den Staatsprüfungen im Baufache (Hochbau-, Ingenieurbau- und Maschinenbausach) das Studium auf den technischen Hochschulen in den beiderseitigen Staaten als einander gleichstehend onzuerkennen, so wird dies zur öffentlichen Kenntniß gebracht.
Berlin, 1. Juni. Die letzte Nacht in Charlottenburg vor seiner Abreise nach Schloß Friedrichskron hat der Kaiser verhältnißmäßig gut verbracht. Schon früh um 8 Uhr stand er auf und empfing bald darauf die Aerzte, welche gegen die auf heute Vormittag angesetzte Fahrt nach Potsdam nichts einzuwenden hatten, obgleich das Wetter recht trübe und regnerisch - windig war. Die Abfahrt des Kaisers von Charlottenburg nach Schloß Friedrichskron erfolgte heute Vormittag kurz vor 11 Uhr unter stürmischen Huldigungen der Bevölkerung. Trotz der unfreundlichen, kühlen und windigen Witterung fand sich bereits in den frühen Vormittagsstunden eine zahlreiche Volksmenge am Spreeufer, dem Schloßpark gegenüber, ein. Auf Tausende und Abertausende schwollen allmählich die Massen an, so daß zur Zeit der Abfahrt die Fahrstraße und der Platz am Ufer bis zum Stadtbahndamm dicht besetzt war. Kurz vor 10V4 Uhr fuhr der Kaiser in seinem Ponnnwagen in kleiner Generalsuniform durch die Parkanlagen zur Landungsstelle des Dampfers „Alexandra". Am Ufer erwartete der Kronprinz in der Uniform des Seebataillons seinen Vater. In der Nähe der Anlegestelle der Nacht „Alcrandra" halten Mitglieder verschiedener Ruderklubs sich aufgestellt. Der Kaiser verließ ohne Unterstützung mit festem Schritt den Wagen und bestieg in dieser Weise auch das Schiff. Ihm folgten die Mitglieder der kaiserlichen Familie und das Gefolge. Kaiser Friedrich verblieb dann einige Minuten auf dem Verdeck, er dankte huldvoll für die stürmischen Begrüßungen der versammelten Menge und begab sich sodann in den Glaspavillon. Das Schiff, auf welchem die kaiserliche Flaage gehitzt war, setzte sich nun aus ein Zeichen des Kronprinzen in Bewegung. Brausende Hochrufe ertönten, als der Kaiser sich nun an einem Kajütenfenster dem Volke, welches die polizeiliche Absperrungslinie am Spreeufer durchbrochen hatte, zeigte. Durch fortwährendes Winken gab er seiner lebhaften Freude über die Abschiedsgrüße der Tausende Ausdruck; neben ihm erschien auch die Kaiserin, welche die Scheidegrüße vom Ufer her mit dem Taschentuche erwiederte. Der weite Weg, den die Nacht nahm, gestaltete sich zu einem wahren Triumphzuge. Ueberall bildete das Pubttkum, theil- weise auch Vereine, Spalier. In Spandau waren die Ufer auf das Festlichste geschmückt worden; alle dort ankernden Fahrzeuge hatten geflaggt. Wie dort wurden auch an allen Dörfern und Kolonien, welche der Dampfer passirte, dem Kaiser Huldigungen entgegengebracht. In Potsdam landete der Dampfer um 3/<l Uhr. Die Brücke der Matrosenstation war festlich geschmückt, die Prinzessinnen Töchter und die Erbprinzessin von Meiningen erwarteten den Kaiser und die Kaiserin an der Brücke. Der Kaiser sah recht frisch und wohl aus. Ohne Hilfe betrat er die Landungsbrücke und fuhr mit der Kaiserin im offenen Wagen nach Schloß Friedrichskron. Die Straßen waren reich geschmückt und die Schulen bildeten Spalier bis Sanssouci. Der Jubel war überall groß. Die Ankunft des Kaisers in Schloß Friedrichskron und das Aussteigen dort entzog sich den Blicken des Publikums, da alle nach dem Schlosse führenden Wege etwa von der Mitte des Parkes an durch eine Postenkette abgesperrt sind. Doch hat der Kaiser die Fahrt glücklich zurückgelegt, ohne sich erheblich ermüdet zu fühlen.
— Ein großer Hofmann - Commers zur nachträglichen Feier des siebzigsten Geburtstages des früher in Gießen wohnhaften großen Chemikers hat Donnerstag Abend im Wintergarten des Centtalbotels stattgefunden. Aus der Reihe der zahlreich gehaltenen Reden erwähnen wir die des Jubilars selbst. In derselben heißt e§: „Jtocti i ist die Klage um den herrlichen Kaiser nicht verstummt, noch sind wir in banger ! Sorge um seinen heldenmüthigen Sohn. Da kann zunächst die ungetrübte Freude noch • nicht ihren Einzug in unsere Herzen halten; denn des Kaisers Wohl ist gleichbedeutend ? mH der Wohlfahrt des Landes. Aber wenn die Gesundheit unserem Monarchen , wiedergkgeben ist, dann wollen wir einen Commers feiern, wie ihn die „Friederica , Guilelma" noch nicht erlebt hat!" Donnernder anhaltender Beifall folgte diesen Worten. Unter den Festthcilnehmern befand sich auch Karl Schurz, ein Gastfreund l und Reisegefährte Hofmann's durch den amerikanischen Kontinent.


