Nr. 103 "Erstes Blatt. Donnerstag den 3. Mai
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt> für den Kreis Gießen.
»«rea«t Schulstraße 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des M-ntagS. .8r<*6Ä^FGrlich2Mark20Pf.mitBrtngcrlohn.
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Politische Ueberficht.
Gießen, 2. Mai.
Die Wiedererholung Kaiser Friedrichs von seinem jüngsten schweren Krankhettsanfalle schritt bis zum Montag derart vorwärts, daß die Uebersiedelung des Monarchen nach Schloß Frtedrichskron bei Potsdam jetzt in ernstliche Erwägung gezogen wird, wie man nunmehr auS Berliner Hofkreisen meldet. Nur muß sich erst noch das Allgemeinbefinden des hohen Patienten noch weiter heben, da er sich noch immer matt und angegriffen fühlt, was bei der kaum erst überwundenen gefährlichen Krisis indessen ganz erklärlich erscheint, auch hängt die projectirte Uebersiedelung mit vom Eintritte beständiger warmer Witterung ab. Von einem Frühlingsaufenthalte des Kaisers in Wiesbaden ist dagegen für jetzt wenigstens keine Rede. — Nicht geringes Aufsehen erregt es, daß Professor o. Bergmann aus der Reihe der den Kaiser behandelnden Aerzte ausgeschteden ist und fehlt bereits auch dem Montagsbulletin die Unterschrift des berühmten Klinikers, seine Stelle hat Professor Bardeleben, Director der chirurgischen Abtheilung an der Berliner Charitö, übernommen. Es entzieht sich noch der weiteren Kenntnißnahme, in welcher Weise Professor v. Bergmann sein jedenfalls auffallendes Rücktrtttsgesuch begründet hat, begreiflich aber erscheint es, daß dieser Vorgang ganz abgesehen von den sonstigen sich hieran knüpfenden Muthmaßungen von Neuem die Gerüchte von ernstlichen Differenzen zwischen den Aerzten unseres Kaisers hat aufleben lassen und es ist nur tief bedauerlich, daß den: deutschen Volke wie dem Auslande ein derartiges Schauspiel fort und fort geboten wird, obschon sich dasselbe mehr hinter den Eoulissen als vor ihnen abspielt. Zur Beruhigung möge jedoch bet dem Ersätze Bergmanns durch Bardeleben dienen, daß bei dem hohen Kranken keinerlei Veränderung oder Eomplication des Leidens eingetreten ist, auf welche etwa der eingetretene ärztliche Wechsel zurückgeführt werden könnte, daß man auch im Kreise der Angehörigen und Verwandten des Kaisers die letzte Krisis wieder für überwunden hält, geht aus der am Montag erfolgten Abreise des grotzherzog'lich badischen Paares von Berlin und dessen Rückkehr nach Karlsruhe hervor. Ferner heißt es, die Kaiserin Victoria gedenke den überschwemmten Elbgegenden einen Besuch abzustatten, sobald der Zustand des Kaisers sich soweit gebessert haben wird, daß sich die Kaiserin ohne Bedenken von der Seite ihres erlauchten Gemahls für einen Tag entfernen kann; ein Extrazug soll für diesen Zweck schon seit mehreren Tagen bereit stehen.
Die einstündige Audienz, welche die Königin von England bei ihrem Aufenthalte in Berlin, resp. Eharlottenburg dem Fürsten Bismarck gewährte, hat eine Reihe von Muthmaßungen über den Inhalt dieser offenbar politischen Unterredung hervorgerufen. Es muß indessen dahingestellt bleiben, inwieweit dieselben begründet sind, oder nicht, da eben die Audienz nur unter vier Augen stattfand, und so läßt sich auch nicht entscheiden, was an dem jetzt durch die Tagespresse gehenden Gerücht, es sei in der Audienz u. A. von der welsischen Frage die Rede gewesen, Wahres ist. Spectell soll es sich um die endgültige Regelung der Thronfolge in Braunschweig gehandelt haben, eine Annahme, die indessen nur dahin gedeutet werden könnte, daß der Herzog von Cumberland seinen formellen Verzicht auf den braunschweigischen Thron ausgesprochen hat, denn daß die englische Monarchin die Fürsprecherin für den welsischen Prätendenten gemacht haben sollte, ist doch nicht gut denkbar!
Bei der im westfälischen Reichstagswahlkreise Altena-Iserlohn vorgenommenen Ersatzwahl hat sich eine engere Wahl zwischen dem nationalltberalen Candidaten, Herbes, und dem Candidaten der Freisinnigen, Langerhans, nöthig gemacht. Da Herr Herbes seinem freisinnigen Gegner um nur ca. 500 Stimmen voraus ist und anderseits auf den ultramontanen Candidaten und den Candidaten der Socialdemokraten zusammen ca. 3600 Stimmen gefallen sind, so ist in Anbetracht des bekannten Verhaltens der beiden letzten Parteien bei Stichwahlen kaum daran zu zweifeln, daß dem Candidaten der freisinnigen Partei das Mandat schließlich zufallen wird.
Tas prentzische Abgeordnetenhaus genehmigte am Montag in zweiter Lesung die Vorlage, betr. die Regulirung der Weichsel und Nogat, nach langen und lebhaften Debatten im Allgemeinen nach den ersten Beschlüssen der Commission unter Annahme einiger von den Abgeordneten Stengel und Rickert beantragten Modificationen. Am Dienstag beschäftigte sich das Haus mit der dritten Berathung der Eisenbahn- Vorlage und der zweiten Lesung der Kreis- und Provinzialordnung für Schleswig- Holstein.
Auch in Elsatz-Lothringen hat sich die Theilnahme für die Ueberschwemmten in Norddeutschland in erfreulicher Weise geoffenbart. Die von der Fürstin Hohenlohe, Gattin des Statthalters, eröffnete Gaben-Sammlung in den Reichslanden zu Gunsten der Ueberschwemmten ist von einem unerwartet reichlichen Erfolge begleitet gewesen und wurden dem Berliner Central-Comit4 zur Unterstützung der Ueberschwemmten 140,000 Mark als erste Rate der elsaß-lothringischen Hilfsgelder überwiesen. Zu der Sammlung in den Reichslanden ist aus den Kreisen der eingeborenen Bevölkerung hervorragend beigesteuert worden.
Karl Schurz, der berühmte deutsch - amerikanische Politiker und Staatsmann, weilt mit den Seinigen seit etwa acht Tagen auf deutschem Boden. In der Reichs- Hauptstadt ist dem transoceanischen Gaste in den dortigen politischen und parlamentarischen Kreisen eine ganz besonders auszeichnende Aufnahme zu Theil geworden und stattete er u. A. auch dem Fürsten Bismarck auf dessen Einladung hin einen längeren Besuch ab. Wenn wir nicht irren, hatte Schurz seit 1867 Deutschland nicht wiedergesehen.
Der Präsident der französischen Republik hat seine siebentägige politische Rundreise im Südwesten des Landes beendigt und ist am Dienstag Abend wieder in Paris eingetroffen, der Zweck derselben, unter der Initiative des Staatsoberhauptes eine republikanische Gegenströmung gegenüber der „ plebiscitären" Bewegung der Boulangisten und ihrer bonaparttstischen Hintermänner hervorzurufen, ist insofern erreicht worden, als Herr Carnot auf seiner Reise überall eine recht sympathische Aufnahme fand und speziell in Bordeaux, der Metropole des westlichen Frankreich, hat .".B^uch zu entschiedenen Kundgebungen für die Republik geführt. Von Seiten des Präsidenten selbst ist in einer Reihe von Unterwegsreden die energische Versicherung abgegeben worden, er würde die Republik gegen ihre offenen wie heimlichen Feinde '
^hon zu schützen wissen, wobei er nicht unterließ, wie er namentlich in seiner zu Bordeaux gehaltenen Banketrede gethan hat, die Einigkeit unter den Republikanern ®ieber at§ das hervorzuheben, was bei Eindämmung der boulangistischen Hochfluth am meisten Noth thue. Summa Summarum hat das Auftreten Carnots im Sudwesten Frankreichs in den republikanischen Kreisen des Landes einen ganz günstigen Eindruck gemacht, aber ob derselbe nachhalten wird, das muß erst abgewartet werden. Vorläufig genießen die gemäßigten -Republikaner nach den überraschenden Wahlerfolgen der Boulangisten wenigstens die kleine Genugthuung, daß bet den Ersatzwahlen zur Deputirtenkammer in der Js^-re und in Ober-Savoyen ihre Candidaten gewählt worden sind. Dafür steckt der Boulanger-Rummel neue bedenkliche Satten heraus denn die Straßenunruhen, welche von den Boulangisten in Nancy und Toulouse heroorgerufen worden sind, bekunden deutlich, daß die revolutionären Elemente in der Boulangerbewegung immer mehr Oberwasser bekommen.
Auf der Heimreise von Bordeaux nach Paris wurde dem Präsidenten Carnot m^der Stadt Rochefort von einer großen Volksmenge ein sich durch seine besondere Warme auszeichnender Empfang bereitet.
«. Italien stehen die afrikanischen Dinge wieder einmal im Vorder-
gründe des Tagesinleresscs. Am Mittwoch sand in der Deputirtenkammer die schon «nr a^9efünbigte Afrikadebatte statt, wobei der Cabinetchef zum soundsovielten Male Erläuterungen über die afrikanische Politik der Regierung gab. Seine Grund- lage bildete hierbei das „Grünbuch" über die Massauah-Angelegenheit, aus welcher politischen Actensammlung hervorgeht, daß die italienische Regierung in den früheren Friedensverhandlungen mit dem Negus nicht nur den unbedingten und unbestrittenen Besitz von Sahatt, sondern auch von andern Positionen verlangte, welche die Italiener kaum flüchtig einmal besetzt hatten, wie z. B. das Thal von Aliet. Außerdem forderte Jtalren das „Protectorat" über weitere Gebietstheile Abyssiniens und für später den Abschluß eines Handels- und Freundschaftsvertrages. Das scheint dem Negus zu viel gewesen zu sein, da er nicht weiter „reagirte", inzwischen sind nun aber zwischen dem General San Marzano und dem abyssintschen Herrscher neue Verhandlungen etn- geleitet worden, da letzterer infolge des Abfalles vieler Soldaten und des erneuten Vordringens der Sudanesen arg in der Klemme steckt und es ist nicht unwahrscheinlich, daß die Unterhandlungen diesmal zum definitiven Friedensschlüsse zwischen Wien und Abnfsinien führen werden.
In dem Kampfe zwischen der englischen Regierung und der irischen Nattonal- ltga macht sich jetzt die päpstliche Intervention etwas nachdrücklicher geltend In dem dieser Tage veröffentlichten Texte der betreffenden päpstlichen Bulle werden die irischen Bischöfe angewiesen, „vorsichtig, aber eindringlich" den katholischen Clerus und die Laien zu ermahnen, daß sie die Grenzen der Ehristenliebe und der Gerechtigkeit in ihrem Bestreben, Heilmittel für ihre traurige Lage ausfindig zu machen, nicht überschreiten. Es ist indessen recht fraglich, ob diese sanfte Mahnung bei dem niederen katholischen Clerus Irlands, in dessen Reihen sich die fanatischsten Parteigänger der Nationalliga finden, Gehör finden wird, es wird hierzu vielmehr stärkerer Mittel bedürfen, und mit solchen dürfe man im Vatican nicht gleich bei der Hand sein.
Die Reise des Fürsten Ferdinand nach Nordbulgarien verläuft bis jetzt ganz im Sinne der Machthaber in Sofia. Der ihm überall bereitete Empfang läßt an Loyalität nichts zu wünschen übrig und namentlich ist dem Coburger in dem historisch so berühmten Plewna, welche Stadt bislang als eine der Hochburgen der bulgarischen Opposition galt, eine warme Aufnahme bereitet worden. Freilich bat man es hier nur mit offiziellen Berichten zu thun; es bleibt abzuwarten, wie die privaten Berichte klingen werden.
Aus Kamerun wird gemeldet, daß die unter Führung der Lieutenants Kunth und Tappenbeck stehende Expedition auf ihrem Zuge landeinwärts vom südlichen Kamerungebiete von einem feindlichen Stamme überfallen und größtentheils niedergemetzelt worden ist. Kunth und Tappenbeck, obwohl beide schwer verwundet, konnten mit dem Reste der Expedition noch gerettet werden.
Berlin, 1. Mai, 9 Uhr Abends. Die seit mehreren Tagen begründete föoffnuna daß die Phase des Leidens des Kaisers, die mit dem Eintritt Q überwunden unb in eine langsame Reconoalescenz übergegangen sei, ist seit gestern vermindert. Die gestrige Steigerung des Fiebers war eine unerwartete Erscheinung und wenn sie auch m der Hauptsache von einer äußeren Entzündung herrührt, die sich in der Umgebung der durch die Tracheotomie entstandenen Wunde befindet, so wird Verlauf der nLchstm Tage, namentlich auch der heutigen Nacht darüber Aufschluß geben, ob der Zwischenfall nur ein vorübergehender ist. Einzelne Zeitungen wissen nämlich zu berichten, daß auch der Auswurf vermehrt und der Etter dickflüssiger sei. Die Athmung ist dagegen frei und auch nur unmerklich beschleunigt. Am meisten Sorge macht den Aerzten der Kräftezuftand des Kaisers. Die Hebung desselben ist nur sehr langsam vor sich gegangen und jeder neue Fteberanfall bedeutet nicht nur eine Verzögerung, sondern auch einen Verlust. Der Kaiser fühlte sich heute matter undan- gegr ffener als in den letzten Tagen, er muß, um die Kräfte zu schonen, bis auf Weiteres im Bett bleiben und vertauscht dasselbe manchmal auf kurze Zett mit dem Sopha. Die Aerzte sind in ihrem Urtheil über die nächste Zeit zurückhaltend, da Niemand sagen kann, ob nicht unerwartete Zwischenfälle etntreten. (F. Z.) .. dtklin, 1. Mai. In militärischen Kreisen spricht man davon, daß der neuerdings zum General der Infanterie beförderte Chef der Admiralität, v. Caprivi, auf einen mehrfach geäußerten Wunsch hin vielleicht schon in nächster Zeit zum com- mandtrenden General eines demnächst frei werdenden Armeekorps ernannt werden wird. Als seinen Nachfolger erwartet man jetzt mit großer Bestimmtheit einen Marineofficier. Dem Range nach der älteste ist zur Zeit der Vice-Admiral Graf Monts, Chef der Marinestalion der Nordsee, der bet der letzten schweren Erkrankung Caprivis den Chef der Admiralität längere Zeit vertreten hat. Endgiltige Ernennungen liegen aber zur Zeit noch nicht vor.
Berlin, 29. April. In der Wohnung eines Handwerkers in der Koppenstraße in Berlin wurden am Freitag annähernd 40000 Stück socialdemokratische Flugblätter von der Polizei abgefaßt. Dieselben waren frisch gedruckt und trugen den Vermerk: ^Genossenschaftsdruckeret Hotlingen-Zürich." Man war noch mit dem Falzen beschäftigt. Das Flugblatt behandelt den Regterungsansang Kaiser Friedrichs und ist dem Ver- nehmen nach in sehr heftiger Sprache gehalten. Die Polizei verhaftete vier Personen, welche ihr theils bei der Herstellung, theils bet der Expedtrung der Flugblätter betheiligt


