Nr. 283 Viertes Blatt. Sonntag den 2. December 1888.
Kichmer Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bureaur Schulstraße 7.
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Amtlicher HHeit.
Betreffend: Die Räude unter den Schafen zu LaNg-Göns.
B e t a u u t m a ch u n g.
Unter der bisher fchon wegen Verdachts der Ansteckung an Räude gesperrten Heerde des Schäfers fi. Grobhaus zu Lang-Göns ist der Ausbruch der Räude nunmchr festgestellt worben. Alle bereits angeordneten Sperrmaßregeln bleiben selbstverständlich bestehen.
Gietzen, am 30. November 1888. Großherzogltcher Kreisamt Gießen.
v. G a g e r n. _____________
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Politische Rundschau
Gießen, 1. Dezember.
Die Generaldebatte über den Etat pflegt im Reichstag mehr oder weniger als ein Gradmesser für die im Hause herrschende Stimmung zu gelten und unter dieser Voraussetzung kann man von der ersten Etatsberathung der neuen Reichstagssession wohl sagen, daß sie erfreuliche Aussichten auf den Verlauf der ferneren parlamentarischen Verhandlungen eröffnet hat. Vor allem ließ die Generaldebatte durchbltcken, daß die gegenwärtige Mehrheit des Retchsparlamentes sich mit den verbündeten Regierungen über vie wesentlichsten Fragen der Reichspolittk fortgesetzt in erfreulichem Einklänge befindet und hieran ändern auch einzelne Aussetzungen nichts, welche die Redner der Mehrheitsparteien hie und da zu machen hatten.
Das bloße Gerücht, es würden die nächsten allgemeinen Wo hl en zum Reichstage möglicherweise schon im Herbste 1889 stattfinden, veranlaßt die socialdemokratische Parteileitung bereits zu einer Mobilisirung ihrer Heerschaaren- Ein Aufruf der social- demokratischen Reichstagsabgeordneten fordert die Parteigenossen auf, sich zu sammeln und zu rüsten und steht nach dem ganzen Tone dieser Kundgebung eine äußerst rührige Agitation der Socialdemokratie für den nächsten Wahlfeldzug zu erwarten. Es sollen nicht nur möglichst viele socialdemokratische Vertreter in den Reichstag gewählt, sondern überhaupt auch möglichst viele Stimmen für die Socialdemokratie abgegeben werden» Der Aufruf rechnet auf mindestens eine Million socialdemokrattscher Stimmen und eine entsprechende Anzahl soctaldemokratischer Abgeordneter, also auf etwa 40 bis 45 Abgeordnete. — Sollten die Herren Bebel, Liebknecht u. s. w. wirklich glauben, daß diese ihre Rechnung bei den nächsten Reichstagswahlen klappen wird?
Die belgische Arbeiterbewegung hat sich nun auch auf das große Kohlenwerk Bascoup bet Charleroi erstreckt, wo am Mittwoch sämmtliche Grubenarbeiter die Arbeit einstellten. Von Brüssel aus wird zwar beruhigend erklärt, daß sich die Arbeitseinstellungen noch immer auf das Centralbecken oeschränkten und daß sich die Striken- den trotz agitatorischer Aufreizungen bis jetzt ruhig verhielten, aber die belgrsche Regierung selbst scheint den Sttik-nden nicht mehr zu trauen. Sie hat die Bereitstellung von Eisenbahnzügen und Truppen ungeordnet und sollen dieselben sofort nach dem Centralkohlenbccken sbgehen, falls sich in demselben die Anfänge von Unruhen zeigen f°aten,£er sranzöstsche „Bürger-Kriegsminister", Herr Freycinet, betreibt die Fertigstellung des außerordentlichen Mtlitäretats durch die Deputirtenkammer jetzt mit Hochdruck. Es verlautet bestimmt, Freycinet werde in diesen Tagen in der Kammer den Antrag stellen, das außerordentliche Budget des Kriegsministeriums noch in der Woche vom 3. bis 9. December zu berathcn, da der Kriegsminister im Interesse des regelmäßigen Fortganges der Verwaltung die Bewilligung des außerordentlichen Müitar- etats noch vor Ablauf des Jahres für unerläßlich halte. Uebrtgens soll letzterer nicht 912 Millionen Francs, wie verschiedene Zeitungen meldeten, sondern „nur" 500 Mill. Francs fordern, es wäre freilich auch dies noch immer eine Rtesenfumme für außergewöhnliche militärische Zwecke.
Die bekannte Affaire des socialistischen Burgermersters von Rrmes und Depu- tirten für das Gard-Departement, Ruma Gilly, wird nun abermals die französischen Gerichte beschäftigen. Von einer Anzahl opportunistischer Mitglieder der Budgetcommission ist wegen der Aeußerung Ruma Gilly's, die Commission bestände aus lauter Wilson's", beim Justizminister Ferouillart Antrag auf gerichtliches Vorgehen gegen den genannten Deputirten gestellt worden. Doch muß sich zuvor die Kammer zustimmend zur gerichtlichen Verfolgung Ruma Gilly's erklären, da sonst der Antrag wirkungslos bleibt; einstweilen ist derselbe dem Bureau der Kammer zur Prüfung überwiesen worden. Herr Ruma Gtlly selber aber weilt noch in Nimes, um „gewisse häusliche Verhältnisse" zu ordnen - wittert der ehrenwerthe Abgeordnete für das Gard-Depar-
tement etwa Lunte? c n_. c„, , a .
In juanien Maltet sich die Frage der Emsubrung des allgemeinen Stimmrechts allmaltg zur brennenden TageSfrage. Mtnistervräsident Sagafta hat in einer Sitzung d-S spanischen Mintsterraths angckunbigt, daß die Regierung den CorteS -inen Entwurf über di- Einsührung deS allgemeinen «timmrechts uarlegen werde. Sagasta ermahnt- bk liberale Partei zur Einigkeit unbbrurfte zugleich sein Bedauern über die feindseligen Kundgebungen gegen Canovas del Castlllo au8, wahrend er di- Conseroaiiven im In,-ress- d-s Frted-nS d-S Land-s um Mäßigung ersucht- - Canovas del Castillo, der Führer der spanischen Conservativen, ist in letz er Zeit bekanntlich der Gegenstand mehrfacher f-indf-lig-r Bolksdemonstratronen gewesen weil er sich öffentlich gegen daS allgemeine Stimmrecht erklärt hatte ; cSJft nicht unwahrscheinlich, daß die bevorstehende parlameniartsche Behandlung dieser Frage neue Demonstra- Honen gegen Canovas hervorruft.
Die irische PachtankarrfSbill ist nebst den Zusatzantragen hierzu vom englischen Unterhause am Donnerstag mit 202 gegen 140 Stimmen Lesung
angenommen worden, so daß das Haus diese schwierige Materie ^le^t bat Von Kennern der irischen Verhältnisse wird indessen bezweifelt, daß die neue Bill besonderen Nutzen stiften werde.
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Gießen, 1. Dezember. Der landw. Lokalveretn Gießen hielt am 21. Nov. d. I* seine erste Sitzung im Winterhalbjahr ab. Unter anderem stand auf der Tagesordnung „die Schlachlhausordnung in Gießen". Es waren mancherlei Klagen laut geworden über die Art und Weise, wie manche Metzger die Thiere zum Verwiegen ausschlachten und dabei die Verkäufer benachlheiligen.
Der Verkäufer zieht in Streitfällen in der Regel den kürzeren. Der Metzger ist in Gießen zu Haus und kann ruhig abwarten. Der Verkäufer will fo rasch als möglich das Geschäft erledigen und hat Eile, mit dem nächsten Zug wieder fortzukommen. Mit dem Mundwerk ist der Metzger wohl auch besser beschlagen als der Bauer, er hat wenigstens mehr Hebung im Redekampf. Man kann sich denken, wie da in der Regel ein Streit endet. — Für die Consumenten kann es auch nur ein Vor- theil sein, wenn die Verkäufer im Vertrauen, daß das Ausschlachten und Verwiegen ihrer Schlachtthiere im Schlachthause in Gießen nach scharfen Bestimmungm geschieht, ihre Mastthiere gern nach Gießen verkaufen.
Jeder Streit wird vermieden, wenn die Schlachlhausordnung Bestimmungen enthält darüber, wie die Thiere auszuschlachten und zu verwiegen sind.
Die Versammlung beschloß nach längerer Berathung eine Commission zu ernennen, die in einer Eingabe an den Stadtoorstand darlegen solle, welche Bestimmungen über das Ausschlachten und Verwiegen nothwendig seien, um den Verkäufer und Käufer zu schützen. , r , , r , . m e.
Die Bestimmungen über das Ausschlachten gipfeln in folgenden Punkten:
Bei allen Thteren sind vor dem Verwiegen die Brust und Baucheingeweide mit Ausnahme der Nieren zu entfernen. Beim Rindvieh wird der Kopf im Genick ab- ßcirennt, die Füße werden im Knie resp. Sprunggelenk abgelöst, der Schwanz wird bis auf Handbreite abgehauen. Das Schloßfett wird afcgetrennt bis auf die Adern. — Bei Kühen und Rindern wird das Fletscheuter entfernt.
Bei Schweinen: Die Schweine gelangen mit Kopf und Fußen aber ohne die Zunge, Luft- und Speiseröhre zur Verwiegung. Die Zunge ist ohne die, die Zusgen- wurzel umgebenden Muskeln herauszulösen. o .
Das Verwiegen der Schlachtthiere hat durch den Schlachthausverwalter oder eine andere dazu angestellte und verpflichtete Persönlichkeit, so weit es gewünscht wird, zu geschehen. Das Verwiegen geschieht auf der der Stadt gehörigen Waage. Der Wäger ist verpflichtet, strenge darauf zu halten, daß die Schlachtthiere so zur Vn- wiegung kommen, wie es in den Bestimmungen über das Ausschlachten angegeben ist. Sind bkfe Bestimmungen nicht -ing-halt-n, so hat ber Wager bk Pflicht, bas Schlacht- Ihrer zmuckzuwesten^^ Muscheln auszust-llen, ben ber Derkäuser b-s Schlacht- thteres gegen bas festgesetzte Wtegegelb cinzulöfcn hat. ,
DaS Wiegen ber Schlachtthiere hat innerhalb fünf Stunben nach bem Tobten ber Thiere zn geschehen. Dabei kommen beim Rtnbvieh, wenn sofort nach bem Ausfchlachten gewogen wirb, 2 °/° am Gewicht in Abzug, wirb erst nach einiger Zeit aber innerhalb fünf Stunben nach bem Töbten b-s ThiereS gewogen, so kommt 1 »/», wirb in besonberen Fällen erst nach d Stunben gewogen, fo kommt nichts in 2tbiug. . .
Bei Schweinen kommen beim Wiegen unmittelbar nach be m Ausschlachten 3 o/o in Abzug, wirb in AuSnahm-fällen später gewogen, io kommt nichts ta Abzug. Sind Käufer ober Verkäufer ober beibe nicht zur Stelle, wenn bas Ausschlachten b-enb-t ist, so hat ber angcstellte Wäger bas Recht, auch in beten Abwesenheit zu wiegen. Etwa baburch entstehenbe Kosten haben ber eine ober anber-, ober waren beide nicht zur Stelle, beide zu tragen.
Weiter ist dem Stadtvorstande die Bitte vorgetragen, man mochte die Privatpersonen, die in der Gemarkung Gießen wohnen, aber außerhalb be§ die Schlachtthiere für den eigenen Gebrauch bedingungslos in ihren Hofraithen schlachten lassen. Die Gründe, die zum Bau des Schlachthauses führten, kommen ja für jene Privatleute nicht in Betracht.
Gießen, 30. November. Auch in „Scbmerle's Geheimniß" verfehlt Knetsel'S sogenannter „Genius" seine zwerchfellerschütternde Wirkung nicht, zumal wenn das Stück so gut aufgeführt wird, wie dies heute geschah. In der That war Alles darnach angethan, die Benefizoorstellung der geehrten Frau Director zu einer würdigen zu gestalten- Jeder that an seinem Theil seine Schuldigkeit das Publicum, indem cs ziemlich zahlreich erschien, die Darsteller durch gelungenes Spiel, und sogar die Souffleuse, indem sie ihr ausgiebiges Organ zu voller Geltung brachte. Nur auf die alte Flinte des noch älteren Dr. Eurve kann unsere Behauptung nicht in vollem Umfange Anwendung finden: diese that ihre Schuldigkeit nur
Unter den Emzelleistungen müssen wir — und nicht
diejenige der durch zwei prachtvolle Strauße ausgezeichneten „Jubelgreisin in erfter Linie nennen die in ihrem Spiel wieder eine entzückende Frische und Munterkeit ente faltete Sodann ist Herr Director Reiners (Schmerle) hervorzuheben, dn die auälende Gewissensangst mit urkomischer Naturtreue zur Schau trug. Por'
herausgepreßte „Herein!" im ersten Acte. Die von Schluchzen erstickten tragischen Abgangsworte: „Sollte ich nicht wieder kommen oder etwas lange bleiben io fag' meiner guten, lieben Frau, sie solle - mit dem Mittagessen ein bischen' warten", diese Worte waren von geradezu erschütternder Wirkung, namentlich aui die Lachmuskeln. Auch Frl. Hellm N (Charlotte) können wir mtt Auszei^nung erwähnen- am besten war ihr Spiel im ersten Acte nach Abgang der Tante Rosalie. Diese alte Pappschachtel" sand in Frau Reichelt eine ganz geeignete Vertreterin; hauptsächlich ihre Moralpredigt an Mmchen gelang ibr ausnehmend. Herr Sternau Mirichs wurde seiner nicht sehr dankbaren Rolle in vollem Maße gerecht. Welch MckÄ-n Griff bi- Direction burch Erwerbung b-s H-rrn Kr-iß - b-knb-rs im Vergleich mit ,einem Vorgänger - 8M * MDCT 1
Glanzpuncte waren doch auch heute (®uibo)®mteber die ^Angstmeiere


